Music Review | verfasst 06.11.2019
Patrick Cowley
Mechanical Fantasy Box
Dark Entries, 2019
Text Nils Schlechtriemen
Deine Bewertung:
7.0
Nutzer (2)
7.9
Redaktion
Cover Patrick Cowley - Mechanical Fantasy Box

Fast ein ganzes Jahrzehnt bevor die House-Musik den Schweißdunst ihrer Anhänger an Clubdecken von San Francisco über New York bis Paris kondensieren ließ, gab es Hi-NRG. Giorgio Moroder hob den beliebtesten Partysound der späten 1970er Jahre nach landläufiger Meinung mit Donna Summers Single »I Feel Love« aus der Taufe, bevor Sylvesters »You Make Me Feel (Mighty Real)« 1978 die high energy vibes zu voller Blüte brachte. Produzent und Remixer dahinter: Patrick Cowley, der neben Giorgio Moroder als Pionier dessen gilt, was wir heute Electronic Dance Music nennen. Mit dem Aufstieg der LGBT-Community in den Staaten ist Cowleys Name folglich ungefähr so eng verbandelt, wie eine Chorizo mit ihrer Darmhülle. Der gebürtige New Yorker gab Disco und Synthpop die später kommerziell weltweit erfolgreiche Form, verhalf als Mastermind hinter Billboard-Hits vom Kaliber »Menergy« und »Megatron Man« (beide 1981) aber auch der homosexuellen Clubszene zu internationalem Ansehen. Der Genuss seines Erfolges blieb dem Synth-Sapeur verwehrt, starb Patrick Cowley doch bereits 1982 an den Folgen eines damals weitgehend unbekannten Krankheitsbildes, das erst wenige Monate zuvor mit dem Akronym AIDS benannt wurde. Bei den Kaliforniern von Dark Entries erschien nun mit »Mechanical Fantasy Box« ein aufschlussreicher Rückblick über jenes frühe Schaffen Cowleys, das von 1973 bis 1980 vornehmlich progressiver Elektronik á la Kraftwerk oder Tomita verschrieben war. Ohne Drum Machine, ohne digitale Polyphonie bannte der Typ mit dem Flaumschnautzer solo lebendige Produktionen zwischen Weltraumromantik und seidener Progpanoramen im Futur II auf 4-Track-Stems, die so dicht texturiert wie stimmungsaufhellend daherkommen – selbst oder gerade heute. Über gute 75 Minuten dehnen sich hier robotische Fantasien vom »Out Of Body«-Intro bis zum schimmernden »Sea Of China« aus, tönen dazwischen nicht nur herrlich süffisant funky wie in »Breakdown« oder »Grisha’s Tune«, sondern mutieren auch schon mal zu ausufernden Krauttrips von der Epik eines »Lumberjacks In Heat«. Kaum zu glauben, dass Patrick Cowley diese synthaffine Finesse bereits ausgebildet hatte, als an jene Discokracher noch nicht zu denken war, die New Order und die Pet Shop Boys Jahre später inspirieren sollten. Sämtliche Erlöse der »Mechanical Fantasy Box« gehen dementsprechend auch richtigerweise an die San Francisco AIDS Foundation.

»Mechanical Fantasy Box« von Patrick Cowley findest du bei HHV: Vinyl 2LP. Check auch das gleichnamige homoerotische Journal mit Illustrationen von Gwenael Rattke.
Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 04.05.2016
ZYX
Trust No Woman
»Trust No Woman« heißt das Debütalbum von ZYX aus dem Jahre 1981. Es wurde jetzt bei Dark Entries wiederveröffentlicht.
Music Review | verfasst 05.05.2016
Various Artists
Household Shocks
Das Label Dark Entries lässt in Vergessenheit geratene und unbeachtete Musik der 1980er Jahre wiederaufleben.
Music Review | verfasst 28.06.2016
Phantom Forth
The EEPP
Das Reissue der 1984 erstveröffentlichten Mini-LP »The EEPP« von Phantom Forth schließt nicht nur eine musikhistorische Lücke.
Music Review | verfasst 17.01.2017
East Wall
Silence
Weltschmerz zum Tanzen: East Wall brauchten lange für eine Synthese aus Wave und Disco, rollten mit »Silence« aber das Feld von hinten auf.
Music Review | verfasst 12.04.2017
Helena Hauff
A Tape
»A Tape« ist eine Compilation mit »early works« von Helena Hauff. Gemeint sind hier die Jahre 2011 bis 2014.
Music Review | verfasst 21.09.2017
Hypnobeat
Prototech
Hypnobeat können mit dieser Wiederveröffentlichung – zum Teil auch Erstveröffentlichung – ihrer Vergangenheit gar nicht zeitgemäßer sein.
Music Review | verfasst 31.05.2018
Lena Platonos
Lepidoptera
Lena Platonos ist eine Entdeckung. Jetzt hat Dark Entries mit »Lepidoptera« aus dem Jahre 1986 eine weitere Platte der Griechin aufgelegt.
Music Review
Issam Hajali
Mouasalat Ila Jacad El Ard
»Mouasalat Ila Jacad El Ard«, das erstmals 1977 veröffentlichte Album des libanesischen Musikers Issam Hajali, wurde wiederveröffentlicht.
Music Review
Danny Brown
Uknowhatimsayin¿
Mit »Uknowhatimsayin¿« huldigt Danny Brown dem guten alten Hip-Hop der Neunziger. Themen wie Drogensucht oder Depression sucht man vergebens
Music Review
Om Buschman
Total
Das einzige Album von Om Buschmann, »Total« aus dem Jahre 1989 wurde nun via Glossy Mistakes wiederveröffentlicht.
Music Review
Gülistan
Oriental Groove
Hot Mule veröffentlicht »Oriental Groove«, der in den 1980er Jahren gegründeten österreichischen Band Gülistan, neu.
Music Review
Ruins
Marea / Tied
Das Anfang der 1980er Jahre veröffentlichte »Marea/Tied« der italienischen New-Wave-Band Ruins wurde von Music From Memory wiederentdeckt.
Music Review
Robag Wruhme
Topinambur EP
Verglichen mit »Venq Tolep« schielt Robag Wruhme mit der EP »Topinamur« wieder mehr auf den Dancefloor.
Music Review
L'Orange & Jeremiah Jae
Complicate Your Life With Violence
Auf »Complicate Your Life With Violence« spinnen L’Orange und Jeremiah Jae die Hard-Boiled-Geschichte des Vorgängers weiter.
Music Review
Andy Stott
It Should Be Us
Kurzerhand hat Andy Stott mit »It Should Be Us« neue Musik veröffentlicht. Neun Tracks, die der Vorbote eines neuen Albums sind.
Music Review
Shanti Celeste
Tangerine
Auf ihrem Debütalbum »Tangerine« stürmt Shanti Celeste den Dancefloor, ohne dabei eine Träne im Knopfloch zu tragen.
Music Review
Cal Massey
Blues To Coltrane
»Blues To Coltrane«, das einzige Album des zu früh verstorbenen Jazzmusikers Cal Massey aus dem Jahr 1961, wurde wiederveröffentlicht.
Music Review
Daniel Grau
El Mágico Mundo De Daniel Grau
Nach einer jahrzehntelangen Pause legt Daniel Grau mit »El Mágico Mundo De Daniel Grau« ein neues Album vor.
Music Review
Brainstory
Buck
Wie viele Sunny-California-Klischees lassen sich auf ein Album pressen? Mit »Buck« testen Brainstory es aus.
Music Review
Tapan meets Generation Taragalte
Atlas
Ein Industrial-Projekt aus Serbien trifft auf eine Tuareg-Combo aus Marokko… und »Atlas« von Tapan meets Generation Taragalte funktioniert
Music Review
Turquoise Days
Further Strategies
So richtig totzukriegen ist die Musik von Turquoise Days nicht: Mit »Further Strategies« kommen die Songs der Briten zu wiederholter Ehre.
Music Review
FKA twigs
Magdalene
FKA twigs ist zurück, mit »Magadalene«, auf Albumlänge, und sie ist unbewaffnet bis unter die Zähne.
Music Review
Steve Reid
Rhythmatism
Mit »Rhythmatism« hatte Steve Reid 1975 ein Manifest für das friedliche Miteinander von Gegensätzen abgeliefert.
Music Review
Buttechno
badtrip
Das Debüt von Buttechno auf Nina Kraviz’ Label Trip ist, was der Titel ankündigt: ein »badtrip«, der viel Verwirrung stifftet.
Music Review
Tableau Vivant
Double Dream Hands
Tableau Vivant ist das gemeinsame Projekt von Infuso Gallo und Joshua Gottmanns. »Tableau Vivant« ihre erste Veröffentlichung.
Music Review
Nick Cave & The Bad Seeds
Ghosteen
»Ghosteen« von Nick Cave & The Bad Seeds wird als Meisterwerk eingehen und sich ob seiner Zerbrechlichkeit doch kaum hören lassen.
Music Review
Lost Scripts
Giske / Mozart
Für die beiden Stücke »Giske« und »Mozart« haben sich John Talabot und Pional einmal mehr unter dem Namen Lost Scripts zusammengefunden.
Music Review
A Winged Victory For The Sullen
The Undivided Five
Tiefer und berührender als auf »The Undivided Five« klangen A Winged Victory For The Sullen tatsächlich noch nie.
Music Review
Patrick Cowley
Mechanical Fantasy Box
»Mechanical Fantasy Box« gibt einen Überblick über das Schaffen des viel zu früh verstorbenen Disco-Pioniers Patrick Cowley.
Music Review
Michael Kiwanuka
KIWANUKA
Die große Kunst des neuen, dritten Albums von Michael Kiwanuka: Es klingt gleichzeitig nach Vergangenheit und Zukunft.
Music Review
Cigarettes After Sex
Cry
Es gibt reflektiertere Songs über die Liebe, aber nur wenige sind in so schöne Ohrwürmer wie auf »Cry« von Cigarettes After Sex gepackt.
Music Review
Kiefer
Superbloom + Bridges EP
Stones Throw bringt die beiden EPs »Superbloom« und »Bridges« von Kiefer auf einem Vinylrelease gemeinsam heraus.
Music Review
Vulfpeck
The Beautiful Game
Groove kann so einfach sein: Die Funkband Vulfpeck aus Ann Arbor haben ihr zweites Album »The Beautiful Game« veröffentlicht.
Music Review
Teebs
Anicca
»Anicca« ist das erste Album von Teebs seit fünf Jahren. Es ist inhaltlich ein zeitgeistiges Album mit Botschaft, musikalisch nicht.
Music Review
Conforce
Dawn Chorus
Quo vadis Techno? Der niederländische Produzent Conforce gibt auf »Dawn Chorus« Einblicke, wohin die Reise gehen könnte.
Music Review
Meo
Cikuana/Alturas – 12"
Mitte der 1980er Jahre gehörte Meo zu den Protagonisten des »Afro«-Stils. Die Vinyl 12" »Cikuana/Alturas« wurde jetzt wiederveröffentlicht.
Music Review
Vazz
Cloud Over Maroma
Der Durchbruch war Vazz einst in den Achtzigerm nicht beschienen. Aber jetzt kommen sie zu spätem Ruhm. »Cloud Over Maroma« wird helfen.
Music Review
Sidiku Buari
Disco Soccer
Sidiku Buari war einst Afrikameister im 400-Meter-Lauf. Dann machte er Musik.. »Disco Soccer« von 1979 wurde jetzt wiederveröffentlicht.
Music Review
Kim Gordon
No Home Record
Acht Jahre nach dem Ende von Sonic Youth legt Kim Gordon nun mit »No Home Record« ihr Solodebüt vor. Ein Meisterwerk ist es nicht geworden.
Music Review
Bremer / McCoy
Utopia
Das neue Album »Utopia« des dänischen Jazzduos Bremer/McCoy holt dich für eine Dreiviertelstunde aus dem grauen Loch.
Music Review
Erobique & Jacques Palminger
Yvon im Kreis der Liebe
Zehn Jahre nach »Wann strahlst du?« veröffentlichen Erobique, Jacques Palminger und die Sängerin Yvon Jansen ein gemeinsames Album.
Music Review
Various Artists
Nigeria Soul Power 70
Die SOul Jazz-Compilation »Nigeria Soul Power 70« versammelt 14 Songs, die das politische Bewusstsein in Nigeria in den Siebzigern abbilden.
Music Review
Occult Orientated Crime
The Occult Orientated Crime Album
Occult Orientated Crime ist weitere Seitenprojekt des Niederländers Legowelt. »The Occult Orientated Crime Album« ist nicht von dieser Welt.
Music Review
Sunn O)))
Pyroclasts
Mit »Pyroclasts« schieben Sunn O))) ihrer aktuellen LP »Life Metal« vier Proberaumjams hinterher, die das Konzeptalbum ausstechen.
Music Review
Jazzanova
Of All The Things
»Of All The Things«, das 2008 erstmals veröffentlichte, zweite Album der Berliner Band Jazzanova, hat nun einer Neuauflage erhalten.
Music Review
Quiroga
Passages
Seit 15 Jahren ist der neapolitanische Produzent Quiroga nun schon aktiv. Soeben ist bei Hell Yeah sein zweites Album »Passages« erschienen.
Music Review
Grouper
A I A: Dream Loss | A I A: Alien Observer
Groupers Alben »A I A: Dream Loss« und »A I A: Alien Observer« von 2011 haben 2019 nichts an ihrer obskuren Strahlkraft verloren.
Music Review
Mariana Ingold
Cara A Cara
Left Ear veröffentlicht »Cara A Cara«, eine Zusammenstellung mit Lieder der uruguayischen Sängerin Mariana Ingold.