Music Review | verfasst 10.01.2020
Hildur Guðnadóttir
OST Joker
Watertower, 2020
Text Nils Schlechtriemen
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Redaktion
Cover Hildur Guðnadóttir - OST Joker

Erst ein Emmy für den monströsen Score zu »Chernobyl«, dem definitiven Serien-Highlight 2019. Kurz darauf dann die Vertonung der herausragendsten Comic-Verfilmung seit Comic-Verfilmungen: Für ihre Musik zu »Joker« erhielt die isländische Cellistin, Komponistin und Produzentin Hildur Guðnadóttir nun völlig zurecht den Golden Globe in der Kategorie »Best Original Score« – als erste Solokünstlerin in der Geschichte der Awards. Eingespielt mit einem Orchester von fast 100 Musikern, verzichtet dieser Soundtrack über seine knapp 37 Minuten trotzdem weitgehend auf allzu pompöse Arrangements und lässt zunächst scheinbar bloß ein durch Bratschen untermaltes Cello sprechen. Das gesamte Ensemble ist von Beginn an klanglich derart minutiös aufeinander abgestimmt, die schmerzhafte Körperlichkeit des Protagonisten und seiner Metamorphose so sehr präsent, dass der orchestrale Umfang schlicht nur selten wirklich auffällt. Stellenweise tief melancholisch, aber stets mit der von Joaquin Phoenix so fulminant verkörperten Wut im Bauch, raunt dabei dunkle Vorahnung durch jedes der 17 Stücke, die zugleich albtraumhaft und greifbar, einsam und urban, nahezu apokalyptisch klingen. Wird die moderne Großstadt dieser Tage immer öfter als hipper place to be verklärt, in dem alles zu jeder Zeit möglich scheint – spritzige Partys, schicksalhafte Zufallsbegegnungen, kulturelle Pluralität – und konstante Ablenkung die Tagesordnung definiert, zeigt sie sich in »Joker« als Moloch selbstgerechter Arschlöcher, denen das Fremde nur dann willkommen ist, wenn es verdammt nochmal gute Laune hat. Paranoia, Pessimismus, Phobien – lieber nicht. Individuen, die vom neoliberalen Individualismus zermalmt werden, können bestenfalls Mitleid vom Spezialisten und austauschbare Bekannte erwarten, aber keine echte Freundschaft. Die Hölle? Auch hier die anderen. Es sind solche Gefühle zwischen Ablehnung, Isolation und frustrierendem Fatalismus, denen Hildur Guðnadóttir mit dieser Filmmusik eine ebenso pointierte Manifestation schenkt, wie Phoenix seiner Figur. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Regisseur Todd Phillips den Soundtrack am Set abspielte, sodass viele der Szenen durch die unmittelbare Interaktion zwischen Hauptdarsteller und Musik geprägt sind.

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