Music Review | verfasst 26.04.2012
Die Doraus & die Marinas
Blumen und Narzissen (Re-Release)
Bureau B, 2012
Text Markus von Schwerin
Deine Bewertung:
/
Nutzer
7.5
Redaktion
Cover Die Doraus & die Marinas - Blumen und Narzissen (Re-Release)

Das im Sommer 2011 erschienene Andreas-Dorau-Album »Todesmelodien« verblüffte durch viele »handgemachte« Sounds. Zumindest im Vergleich zu Doraus Elektropop aus den 1990er Jahren, wo Gitarrenlicks, Disco-HiHats und oft auch die Refrains (»Girls In Love«) nur als Samples zum Einsatz kamen. Stattdessen vernahm man bspw. in »Größenwahn« Posaunen, verstimmte Klaviere und beherzt-schiefe Chöre, wie man sie seit den Jugendwerken des Neue-Deutsche-Welle-Pioniers nicht mehr gehört hatte. Da war es stimmig, dass sich der 47-jährige fürs »Größenwahn«-MP3-Cover in der gleichen Passbild-Pose ablichten liess wie drei Dekaden zuvor für »Blumen und Narzissen«. So hieß die Debüt-LP von Die Doraus & die Marinas (zu den Doraus zählten neben Andreas drei weitere Adoleszenten; unter den vier singenden Marinas war keine über 15), das Album zum Hit »Fred vom Jupiter«, mit dem die NDW begann. Anders als bei der geträllerten Fabel vom notlandenden Ufopiloten sind die frohlockenden Backfischstimmen der Marinas fast nur im Hintergrund zu hören, prägen aber die Hommage an Kater »Ernst« ebenso wie sie der durchkonjugierten Ska-Nummer »Lokomotivführer« Druck verleihen. Während also im beliebten Singalong-Song die Stimme Doraus (in der Rolle des begehrten Außerirdischen) erst in der letzten Minute zu hören ist, übernimmt sie bei den übrigen den Leadgesang. Und da nahm sich der 17-jährige in der Phrasierung und der Intonation Freiheiten heraus, die »Blumen und Narzissen« klar in den Postpunk-Kontext stellen: Disco-Bässe treffen hier auf wacklige Drumbreaks, zackige Bläsersätze auf Dub-Experimente und genial-lakonische Jugendlyrik (»Ich sitz hier im Keller und hab nur die Blumen«). Ein Stück wie »Nordsee« zeigt aber auch Doraus kontemplative Seite. Während seiner jüngsten Tournee erklang es immer wieder im Zugabenteil!

Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 20.02.2015
Various Artists
Kollektion 03: Populäre Mechanik
Hier prallen die Welten gleichzeitig aufeinander und verschmelzen ineinander. Man muss dem Zusammensteller dieser Auswahl dankbar sein.
Music Review | verfasst 30.07.2015
Conrad Schnitzler
Kollektion 5 (compiled by Thomas Fehlmann)
Thomas Fehlmann hat Conrad Schnitzler für das Label Bureau B zusammengemixt und erweist ihm dabei eine konzeptuell rigorose Ehre.
Music Review | verfasst 10.07.2011
Andreas Dorau
Todesmelodien
Andreas Dorau glücken auch auf seinem achten Longplayer vorzügliche Vierzeiler und wunderbare Refrains.
Music Interview | verfasst 16.07.2011
Andreas Dorau
Lern' den Neid zu verstehen
NDW-Pionier, Sampling-Spezialist und Wegbereiter deutschsprachiger Clubmusic – wenigstens diese Koordinaten seien angeführt, um Andreas Dorau kurz zu umreißen. Wir konfrontierten den Künstler im Interview mit gezielten Schlagworten.
Music Review | verfasst 22.03.2011
Kreidler
Tank
Auch auf ihrem neunten Album spielen Kreidler ihr Gemisch aus Post- und Krautrock souverän aus.
Music Review | verfasst 24.04.2014
Die Partei
La Freiheit des Geistes
Nach mehr als 30 Jahren hat Bureau B »La Freiheit des Geistes« von Die Partei entstaubt und wiederveröffentlicht.
Music Review | verfasst 06.05.2014
Cluster
Apropos Cluster
Nach knapp einem Jahrezehnt Pause spielten Moebius und Rodelis 1990 die Platte »Apropos Cluster« ein.
Music Review | verfasst 19.08.2014
Harald Großkopf
Synthesist
Verschmelzen von Mensch und Maschine. Harald Großkopfs Debütalbum »Synthesist« aus dem Jahre 1981 ist jetzt wieder zu haben.
Music Review
Sunn O)))
Life Metal
Sunn O))) sind zurück mit neuem Album und erfüllen sich auf »Life Metal« den Traum einer Zusammenarbeit mit Produzentenlegende Steve Albini.
Music Review
Biosphere
The Senja Recordings
Mit »The Senja Recordings« legt Biosphere eine Art klangliches Tagebuch ab, das drei Jahre auf der norwegischen Insel dokumentiert.
Music Review
Du Du A
Du Du Archive 1984-1989
Auf Discom sind nun Aufnahmen erschienen, die die Belgrader Band Du Du A zwischen 1984 und 1989 produzierten – aber nie veröffentlichten.
Music Review
E.M.U.
Electro Music Union, Sinoesin & Xonox Works 1993-1994
Damiano van Erckert bringt Musik von J.M. Adkins an die Oberfläche, die er 1993-94 als Electro Music Union, Sinoesin und Xonox produzierte.
Music Review
Kym Amps
You Don't Know My Name (But I Know You)
Kym Amps lieh der Musik von David Watts und Andrew Birtles ihre Stimme, veröffentlicht werden die Stücke aus den 1980ern erst jetzt.
Music Review
Damon Locks & Black Monument Ensemble
Where Future Unfolds
Mit »Where Future Unfolds« hat Damon Locks und sein Black Monument Ensemble ein deutliches politisches Statement gesetzt.
Music Review
Denzel Curry
Zuu
Im letzten Jahr war »TA1300« vielleicht das beste Rapalbum. Natürlich würde es schwer für Denzel Curry sein, mit »Zuu« nachzulegen.
Music Review
Jay U Xperience
Abuja
Mit dem 1993 entstandenen »Abuja«, bringt Left Ear Records den eigenwilligen Purismo-Sound von Jay U Xperience zurück auf die Bildfläche.
Music Review
Robag Wruhme
Venq Tolep
Robag Wruhme ist wieder gelandet. »Venq Tolep« ist der längst überfällige Nachfolger zu »Thora Vukk« und übertrifft die Erwartungen.
Music Review
88:Komaflash
Eremiten Im Wohnzimmer
Die LP ist eine verdichtete Einheit, ein rundes Ding mit Ecken und Kanten, das den Zähnen der Zeitgeister gleichmutig trotzt.
Music Review
Various Artists
Mr Bongo Record Club Vol.3
Mit »Mr Bongo Record Club Vol.3« begeht das Label aus Brighton seinen 30. Geburtstag. Wir gratulieren zu beidem: Label und Compilation.
Music Review
Ronie & Central Do Brasil
Ronie & Central Do Brasil
In der Kürze liegt die Würze: Mit 25 Minuten ist »Ronie & Central Do Brasil« von 1975 nicht lang, und dennoch auf seine Art vollkommen.
Music Review
Flying Lotus
Flamagra
Auf »Flamagra« gehen die steten Transformationen von Flying Lotus so gut Hand in Hand wie seit »Cosmogramma« nicht mehr.
Music Review
Sinkane
Dépaysé
Mit seiner die Vielfalt betonenden Haltung hat Sinkane inspirierende Musik aufgenommen. Mit »Dépaysé« will er zu sehr zu Vielen durchdringen
Music Review
Weird Dust
Tribe 1.1
Dass die Belgier ein wenig schräg sind, ist ja so ein beliebtes Stereotyp. Weird Dust ist Belgier und »Tribe 1.1« sein neuester Release.
Music Review
Lee »Scratch« Perry
Rainford
Der gute alte Irrsinn bleibt Lee Perrys treuer Begleiter. Mit »Rainford« hat er ihm zu einer weiteren irre guten Schallplatte verholfen.
Music Review
Garland
#2
Weniger Rhythmus, mehr Fläche: Garland streben mit ihrer zweiten LP »#2« die Synthese von Dub, Drone und Industrial an.
Music Review
Joshua Abrams & Natural Information Society
Mandatory Reality
»Mandatory Reality« von Joshua Abrams & Natural Information Society entfaltet sich über 80 Minuten wie ein endloses Gamelanritual.
Music Review
Helm
Chemical Flowers
Der Musik von Helm ist mit Schlagworten schwer beizukommen. Sein neues Album »Chemical Flowers« wirkt trotzdem – oder darum sogar umso mehr.
Music Review
Paula Temple
Edge Of Everything
»Edge Of Everything«, das Debütalbum von Paula Temple, ist nicht das versprochene rebellische Werk geworden. Aber verdammt guter Techno.
Music Review
Various Artists
Planisphere
Klingt nach französischen Zahnärzten, waren aber Post-Hippies aus den USA: »Planisphere« auf Numero Group ist kosmischen Freaks gewidmet.
Music Review
Holly Herndon
Proto
Die Standortbestimmung des Pop klang nie so wundervoll und nervenzerfetzend zugleich: Holly Herndon gelingt mit »Proto« ein Meisterwerk.
Music Review
Craig Leon
Anthology Of Interplanetary Folk Music Vol.2: The Canon
Mit »Anthology Of Interplanetary Folk Music Vol.2: The Canon« wird fünf Jahre später weitere Musik des Produzenten Craig Leon nachgelegt.
Music Review
Dark Star
Cryonics: 1989-1992
Für »Cryonics: 1989-1992« versammelt der seit zwei Dekaden inaktive Synthesekünstler Dark Star neun seiner eindrücklichsten Produktionen.
Music Review
Harry Mosco
Peace & Harmony
Mehr Disco als Afrobeat: MIt »Peace & Harmony« ging Harry Mosco, bislang als Sänger der Funkees bekannt, eigene Wege.
Music Review
Georgia
Time
Wunderschöne Soundwelten: Die Multimediakünstler Brian Close und Justin Tripp haben als Georgia ihr zweites Album »Time« veröffentlicht.
Music Review
Bartosz Kruczyński
Baltic Beat II
Anlässlich von »Baltic Beat II«, dem nächsten superben Release von Bartosz Kruczyński, waren wir gezwungen, ein neues Genre zu erfinden.
Music Review
Deep Nalström
Naive Melodies
Bangkok scheint hier genauso nah wie Bielefeld: Über »Naive Melodies«, das Debüt des in Bristol ansässigen Produzenten Deep Nalström.
Music Review
Il Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza
Niente
Mit »Niente« sind unveröffentlichte Aufnahmen von Il Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza aus den frühen 1970er Jahren erschienen.
Music Review
Wolf Müller
Wolf Müller Meets The Nile Project
2016 ist Wolf Müller nach Ägypten gereist. Was daraus entstanden ist, kannst du auf »Wolf Müller Meets The Nile Project« nachhören.
Music Review
The National
I Am Easy To Find
Diesmal geben sich The National nicht mit einem Studioalbum zufrieden. »I Am Easy To Find« schließt einen Kurzfilm ein.
Music Review
Lee Moses
How Much Longer Must I Wait? Singles & Rarities 1965-1972
»How Much Longer Must I Wait?« versammelt Singles und Raritäten des noch immer nicht ausreichend gewürdigten Soulsängers Lee Moses.
Music Review
Zaliva-D
Forsaken
Auf Knekelhuis ist kürzlich die Werkschau »Forsaken« des chinesischen Technoproduzenten Zaliva-D erschienen.
Music Review
Ohbliv
Give Thanks
Kantig, roh, reduziert, dabei nie formelhaft homogen: der fleißige Beatmaker Ohbliv hat mit »Give Thanks« ein neues Album veröffentlicht.
Music Review
Various Artists
Backstreet Brit Funk Vol.1
Die von Joey Negro zusammengestellte Compilation »Backstreet Brit Funk Vol.1« aus dem Jahr 2011 ist nun erstmals auf Vinyl erschienen.
Music Review
Amato (The Hacker)
Mécanismes Vol. 1
Als Amato dreht The Hacker mittlerweile richtig auf. »Mécanismes Vol. 1« ist in EBM in Nicht-Ganz-Reinform – zum Glück!
Music Review
Tim Hecker
Anoyo
Mit »Anoyo« legt Tim Hecker weitere 34 Minuten aus seinen mit einem Gagaku-Orchester eingespielten Sessions nach.
Books Review
FLEE
Benga, A Kenyan Kaleidoscope
Mit dem Sammelband »Benga, A Kenyan Kaleidoscope« wirft das Kollektiv FLEE wichtige Fragen zur globalen Auseinandersetzung mit Benga auf.
Music Review
Darling & Lexi
Darling & Lexi EP
»Mama is een poes«: Der niederländische Produzent Darling nimmt mit seiner 4-jährigen Tochter Lexi eine Schallplatte auf.
Music Review
Gigi
Illuminated Audio
2003 ließ die Sängerin Gigi ein ganzes Album von ihrem Mann Bill Laswell als Dub-Version neu einspielen. Ob das gut ging? Tatsächlich!
Music Review
Ambien Baby
En Transito
NAP und D. Tiffany tun sich wieder als Ambien Baby zusammen. »En Transito« ist eine multifunktionale Allzweckwaffe für die Open-Air-Saison.