Music Review | verfasst 05.03.2013
Autechre
Exai
Warp Records, 2013
Text Jens Pacholsky
Deine Bewertung:
9.2
Nutzer (8)
9.5
Redaktion
Cover Autechre - Exai

Wer hätte gedacht, dass Künstler der experimentellen, elektronischen Musk für einen solchen Aufruhr sorgen können? In diesem Zusammenhang hat Warp Records in den 1990er Jahren alles richtig gemacht. Aphex Twin, Squarepusher und Autechre sind seit jeher die Grundpfeiler dieses Labels und selbst der beste neue Act kann sich nur in deren Schatten stellen. Das spiegelt sich am besten auf dem wohl am längsten existierenden Online-Forum für Elektronische Musik, We Are The Music Makers, wider. Als im September letztes Jahr The Designers Republic ankündigten, am Cover des nächsten Autechre-Albums zu arbeiteten, ging das kollektive Durchdrehen los. Der zugehörige Thread des Forums begann mit völlig durchgeknallten Entwürfen möglicher Cover Artworks. Über die Monate schlossen sich bis in den Januar hinein die Spekulationen und Masturbationsträume der möglichen Stilrichtung des Albums an. Zurück zu den Beats? Veröffentlichung der viel radikaleren Live-Interpretationen von »Oversteps«? Ein neues Genre? Als Januar die ersten Promo-CDs verschickt wurden, lagen die Nerven im Forum blank. Keine Leaks weit und breit. Tränen flossen, Mütter wurden für Hörproben angeboten, Zwangsjacken wurden verteilt. Der Moderator war kurz davor, wegen zu viel Geflenne den Thread zu schließen. Dieser verzeichnete Mitte Februar über 250.000 Aufrufe. In über 5.500 Einträgen auf 270 Seiten wurde Leid geklagt, debattiert, gewütet und fantasiert. Als Ende Februar endlich die digitale Veröffentlichung vorverlegt wurde (bis dahin gab es keinen verzeichenbaren Leak des Albums!), war kurz Stille. Die Forummitglieder hatten sich als Flashmob in die wenigen Online-Shops verabschiedet und legten diese umgehend lahm.

Seitdem herrscht wieder volle Euphorie im Forum. Auf Vierfach-LP und Doppel-CD randalieren Autechre in über zwei Stunden Musikforschung. Und ermöglichen endlich die logische Schlussfolgerung, weshalb es ohne das durchwachsene zehnte Album »Oversteps« nicht ging. Nachdem Autechre sich seit »Chiastic Slide« immer weiter von Melodiestrukturen entfernt und sich auf die Abstrahierung des Beats konzentriert hatten, war »Oversteps« der Abschluss, eine Pause. Es war der letzte Baustein im Klanggarten. »Exai« ist deshalb die Konsequenz aus 20 Jahren Autechre. Hier versammeln sich Rhythmusabstraktion und eine Menge Krach neben riesengroße Synth-Leinwänden und kehren zu Autechres Wurzeln zurück, welche sie 1991 erstmalig als Lego Feet in die Welt pflanzten: Hip Hop. Natürlich machen Sean Booth und Rob Brown nun nicht auf Kanye West oder J Dilla. Die Mikrowelt des perfekten Sound-Designs, der nicht nachvollziehbaren Modulationen und der extremen Strukturverschiebungen expandiert auch auf »Exai«. Dennoch bilden die 17 Titel im Kern das HipHop- und Funkalbum Autechres. Und machen ihr elftes Album damit zugleich zum zugänglichsten Album seit dem 1994er »Amber«. Nicht immer halten sie dasselbe unbezwingbare Level. Neben absoluter Brillanz weist das Doppelalbum auch ein paar Längen auf, die sich durch Überlänge einzelner Titel, Selbstreferenzierung oder unerwartete Simplizität der Tracks manifestieren. Als hätten sich Autechre von all dem Kabelsalat ein Stück weit befreit. Gardine runter, Fenster auf, Hallo Welt. Und selbst in diesen Momenten sind Autechre dem Rest der Elektronikwelt noch Meilen voraus.

Das Album »Exai« von Autechre findest du bei hhv.de: 4LP 2CD
Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 01.07.2010
Autechre
Move Of Ten
Autechre kennen sich nicht nur in der akustischen Verstörung bestens aus, in diesem Jahr haben sie auch zu alter Form zurückgefunden.
Music Review | verfasst 28.02.2008
Autechre
Quaristice
Autechre schnitzen auf »Quaristice« zwanzig äußerst unterschiedliche Emotionsskizzen rund um Unterwelt-Acid, Oldschool Electro und Ambient.
Music Review | verfasst 25.10.2013
Autechre
L-Event EP
Wer nach der »L-Event EP« ernsthaft noch gerade denken kann, ist ein echt abgebrühter Bastard.
Music Review | verfasst 20.08.2018
Autechre
NTS Sessions
Aber Autechre evozieren auch mit den »NTS Sessions« den Schmetterlingseffekt und kitzeln die Wellen bis Jupiter twerkt.
Music Kolumne | verfasst 16.11.2016
Records Revisited
Autechre – Tri Repetae, 1995
Das dritte Album von Autechre ist ein Werk in mehreren Dimensionen. Es ist Befreiungsschlag, Meilenstein und Neudefinition eines ganzen Genres. Nicht zuletzt hat es eine ganze Generation nachfolgender elektronischer Musiker geprägt.
Music Review | verfasst 02.08.2012
Lego Feet
SKA001LP (Re-Release)
Erstmals seit 1991erscheint »SKA001LP« wieder auf Vinyl, inklusive 37 Minuten bislang unveröffentlichter Tracks.
Music Review | verfasst 16.10.2010
Squarepusher
Shobaleader One: d'Demonstrator
Daft Punk und Air in ein Raumschiff gestopft, im All ausgesetzt – die musikalische Essenz könnte Shobaleader One sein.
Music Review | verfasst 08.08.2011
Africa Hitech
Out In The Streets (VIP)
Nachdem ihr Album 93 Million Miles bereits für Aufregung sorgte, legen Africa Hitech nun nach.
Music Review | verfasst 17.11.2011
Sweet Exorcist
RetroActivity
Richard H. Kirk und Richard Barrett veröffentlichten als Sweet Exorcist vor 20 Jahren das erste Album auf Warp.
Music Review | verfasst 30.12.2011
LFO
Frequencies
Nach Sweet Exorcist legt Warp nun auch das Debüt von LFO neu und erstmals auf Vinyl auf.
Music Review | verfasst 24.02.2012
Leila
U&I
Auf ihrem aktuellen Album vereinigt Leila zahlreiche Einflüsse und Inspirationen zu einer insgesamt etwas unausgegorenen Mischung.
Music Review
Kris Baha
My Master
Klingt wie eine Reissue auf Dark Entries, ist aber einfach nur Kris Baha in Höchstform. Zu seiner neuen Vinyl 12" »My Master« auf Pinkman.
Music Review
Sunn O)))
Life Metal
Sunn O))) sind zurück mit neuem Album und erfüllen sich auf »Life Metal« den Traum einer Zusammenarbeit mit Produzentenlegende Steve Albini.
Music Review
Biosphere
The Senja Recordings
Mit »The Senja Recordings« legt Biosphere eine Art klangliches Tagebuch ab, das drei Jahre auf der norwegischen Insel dokumentiert.
Music Review
Du Du A
Du Du Archive 1984-1989
Auf Discom sind nun Aufnahmen erschienen, die die Belgrader Band Du Du A zwischen 1984 und 1989 produzierten – aber nie veröffentlichten.
Music Review
E.M.U.
Electro Music Union, Sinoesin & Xonox Works 1993-1994
Damiano van Erckert bringt Musik von J.M. Adkins an die Oberfläche, die er 1993-94 als Electro Music Union, Sinoesin und Xonox produzierte.
Music Review
Kym Amps
You Don't Know My Name (But I Know You)
Kym Amps lieh der Musik von David Watts und Andrew Birtles ihre Stimme, veröffentlicht werden die Stücke aus den 1980ern erst jetzt.
Music Review
Damon Locks & Black Monument Ensemble
Where Future Unfolds
Mit »Where Future Unfolds« hat Damon Locks und sein Black Monument Ensemble ein deutliches politisches Statement gesetzt.
Music Review
Denzel Curry
Zuu
Im letzten Jahr war »TA1300« vielleicht das beste Rapalbum. Natürlich würde es schwer für Denzel Curry sein, mit »Zuu« nachzulegen.
Music Review
Jay U Xperience
Abuja
Mit dem 1993 entstandenen »Abuja«, bringt Left Ear Records den eigenwilligen Purismo-Sound von Jay U Xperience zurück auf die Bildfläche.
Music Review
Robag Wruhme
Venq Tolep
Robag Wruhme ist wieder gelandet. »Venq Tolep« ist der längst überfällige Nachfolger zu »Thora Vukk« und übertrifft die Erwartungen.
Music Review
88:Komaflash
Eremiten Im Wohnzimmer
Die LP ist eine verdichtete Einheit, ein rundes Ding mit Ecken und Kanten, das den Zähnen der Zeitgeister gleichmutig trotzt.
Music Review
Various Artists
Mr Bongo Record Club Vol.3
Mit »Mr Bongo Record Club Vol.3« begeht das Label aus Brighton seinen 30. Geburtstag. Wir gratulieren zu beidem: Label und Compilation.
Music Review
Ronie & Central Do Brasil
Ronie & Central Do Brasil
In der Kürze liegt die Würze: Mit 25 Minuten ist »Ronie & Central Do Brasil« von 1975 nicht lang, und dennoch auf seine Art vollkommen.
Music Review
Flying Lotus
Flamagra
Auf »Flamagra« gehen die steten Transformationen von Flying Lotus so gut Hand in Hand wie seit »Cosmogramma« nicht mehr.
Music Review
Sinkane
Dépaysé
Mit seiner die Vielfalt betonenden Haltung hat Sinkane inspirierende Musik aufgenommen. Mit »Dépaysé« will er zu sehr zu Vielen durchdringen
Music Review
Weird Dust
Tribe 1.1
Dass die Belgier ein wenig schräg sind, ist ja so ein beliebtes Stereotyp. Weird Dust ist Belgier und »Tribe 1.1« sein neuester Release.
Music Review
Lee »Scratch« Perry
Rainford
Der gute alte Irrsinn bleibt Lee Perrys treuer Begleiter. Mit »Rainford« hat er ihm zu einer weiteren irre guten Schallplatte verholfen.
Music Review
Garland
#2
Weniger Rhythmus, mehr Fläche: Garland streben mit ihrer zweiten LP »#2« die Synthese von Dub, Drone und Industrial an.
Music Review
Joshua Abrams & Natural Information Society
Mandatory Reality
»Mandatory Reality« von Joshua Abrams & Natural Information Society entfaltet sich über 80 Minuten wie ein endloses Gamelanritual.
Music Review
Helm
Chemical Flowers
Der Musik von Helm ist mit Schlagworten schwer beizukommen. Sein neues Album »Chemical Flowers« wirkt trotzdem – oder darum sogar umso mehr.
Music Review
Paula Temple
Edge Of Everything
»Edge Of Everything«, das Debütalbum von Paula Temple, ist nicht das versprochene rebellische Werk geworden. Aber verdammt guter Techno.
Music Review
Various Artists
Planisphere
Klingt nach französischen Zahnärzten, waren aber Post-Hippies aus den USA: »Planisphere« auf Numero Group ist kosmischen Freaks gewidmet.
Music Review
Holly Herndon
Proto
Die Standortbestimmung des Pop klang nie so wundervoll und nervenzerfetzend zugleich: Holly Herndon gelingt mit »Proto« ein Meisterwerk.
Music Review
Craig Leon
Anthology Of Interplanetary Folk Music Vol.2: The Canon
Mit »Anthology Of Interplanetary Folk Music Vol.2: The Canon« wird fünf Jahre später weitere Musik des Produzenten Craig Leon nachgelegt.
Music Review
Dark Star
Cryonics: 1989-1992
Für »Cryonics: 1989-1992« versammelt der seit zwei Dekaden inaktive Synthesekünstler Dark Star neun seiner eindrücklichsten Produktionen.
Music Review
Harry Mosco
Peace & Harmony
Mehr Disco als Afrobeat: MIt »Peace & Harmony« ging Harry Mosco, bislang als Sänger der Funkees bekannt, eigene Wege.
Music Review
Georgia
Time
Wunderschöne Soundwelten: Die Multimediakünstler Brian Close und Justin Tripp haben als Georgia ihr zweites Album »Time« veröffentlicht.
Music Review
Bartosz Kruczyński
Baltic Beat II
Anlässlich von »Baltic Beat II«, dem nächsten superben Release von Bartosz Kruczyński, waren wir gezwungen, ein neues Genre zu erfinden.
Music Review
Deep Nalström
Naive Melodies
Bangkok scheint hier genauso nah wie Bielefeld: Über »Naive Melodies«, das Debüt des in Bristol ansässigen Produzenten Deep Nalström.
Music Review
Il Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza
Niente
Mit »Niente« sind unveröffentlichte Aufnahmen von Il Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza aus den frühen 1970er Jahren erschienen.
Music Review
Wolf Müller
Wolf Müller Meets The Nile Project
2016 ist Wolf Müller nach Ägypten gereist. Was daraus entstanden ist, kannst du auf »Wolf Müller Meets The Nile Project« nachhören.
Music Review
The National
I Am Easy To Find
Diesmal geben sich The National nicht mit einem Studioalbum zufrieden. »I Am Easy To Find« schließt einen Kurzfilm ein.
Music Review
Lee Moses
How Much Longer Must I Wait? Singles & Rarities 1965-1972
»How Much Longer Must I Wait?« versammelt Singles und Raritäten des noch immer nicht ausreichend gewürdigten Soulsängers Lee Moses.
Music Review
Zaliva-D
Forsaken
Auf Knekelhuis ist kürzlich die Werkschau »Forsaken« des chinesischen Technoproduzenten Zaliva-D erschienen.
Music Review
Ohbliv
Give Thanks
Kantig, roh, reduziert, dabei nie formelhaft homogen: der fleißige Beatmaker Ohbliv hat mit »Give Thanks« ein neues Album veröffentlicht.
Music Review
Various Artists
Backstreet Brit Funk Vol.1
Die von Joey Negro zusammengestellte Compilation »Backstreet Brit Funk Vol.1« aus dem Jahr 2011 ist nun erstmals auf Vinyl erschienen.
Music Review
Amato (The Hacker)
Mécanismes Vol. 1
Als Amato dreht The Hacker mittlerweile richtig auf. »Mécanismes Vol. 1« ist in EBM in Nicht-Ganz-Reinform – zum Glück!
Music Review
Tim Hecker
Anoyo
Mit »Anoyo« legt Tim Hecker weitere 34 Minuten aus seinen mit einem Gagaku-Orchester eingespielten Sessions nach.
Books Review
FLEE
Benga, A Kenyan Kaleidoscope
Mit dem Sammelband »Benga, A Kenyan Kaleidoscope« wirft das Kollektiv FLEE wichtige Fragen zur globalen Auseinandersetzung mit Benga auf.
Music Review
Darling & Lexi
Darling & Lexi EP
»Mama is een poes«: Der niederländische Produzent Darling nimmt mit seiner 4-jährigen Tochter Lexi eine Schallplatte auf.
Music Review
Gigi
Illuminated Audio
2003 ließ die Sängerin Gigi ein ganzes Album von ihrem Mann Bill Laswell als Dub-Version neu einspielen. Ob das gut ging? Tatsächlich!