Music Review | verfasst 14.08.2013
Julia Holter
Loud City Song
Domino, 2013
Text Sebastian Hinz , Übersetzung Julia Frohn
Deine Bewertung:
9.0
Nutzer (4)
9.4
Redaktion
Cover Julia Holter - Loud City Song

»Heavens, all the heavens of the world/ Are you looking for anything?« – Zwischen Ansprache und innerem Dialog schwankend machen diese ersten Worte des dritten Albums von Julia Holter genau den Zwischenraum auf, in der die Musik der 28-jährigen Künstlerin aus Los Angeles sich seit ihrem Debüt »Ekstasis« vor drei Jahren bewegt. »Loud City Song« macht einfach dort weiter, wo die ersten beiden Alben aufhörten (auch wenn es sich hier erstmals um ein in einem Tonstudio aufgenommenes Werk handelt). Inhaltlich orientiert sich Julia Holter diesmal an »Gigi«, einer Novelle der französischen Schriftstellerin und Künstlerin Colette aus dem Jahre 1944, und verbindet die literarische Vorlage mit ihrer Heimatstadt Los Angeles heute und dem dieser Stadt innewohnenden Kult um Prominente. Hinzu kommen u.a. Elemente, die an die große Oper oder ans Varietétheater erinnern. »World«, dieser erste Song, aus dem das o.g. Zitat stammt, fungiert so als eine Art Ouvertüre, in der Holter nur mit Stimme und zarter Instrumentierung das Werk einleitet; der Sprechgesang zur jazzigen Bassfigur auf »In The Green Wild« ist das Äquivalent zum Rezitativ in der Oper; »Maxim’s II« greift das Thema von »Maxim’s I« auf und so weiter. Man muss das theatralische schon mögen, um hier wirklich in den Genuss zu kommen. Aber dann gibt es kein Halten mehr. »Loud City Song« ist voll von Anspielungen und Möglichkeiten. Die Kunst von Julia Holter ist es, dass sie dabei mehr andeutet als ausformuliert. So schnürt sie halt ein Konzept, aber eben nur so fest, dass es noch Luft zum Atmen hat. So formuliert sie Lyrics, die in gleichem Maße konkret wie vage sind. Und durch dieses permanente Spiel mit Andeutungen entsteht dann der Zwischenraum. In diesem Raum hat sie viel Platz. Julia Holter ist eine der ganz wenigen, die Pop als Kunst versteht und umsetzt. – »Oh can I escape you?«

Das Album »Loud City Song« von Julia Holter findest du bei hhv.de:Lp
Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 25.09.2015
Julia Holter
Have You In My Wilderness
Die hohen Erwatungen, die an Julia Holters neues Album gestellt wurden, kann »Have You In My Wilderness« nicht erfüllen
Music Review | verfasst 30.03.2017
Julia Holter
In The Same Room
Domino startet ihre neue, an den BBC Sessions angelehnte Reihe »Documents« mit den »In The Same Room« benannten Aufnahmen von Julia Holter.
Music Review | verfasst 26.10.2018
Julia Holter
Aviary
Mit »Aviary« gelingt Julia Holter ein Album, um sich darin für alle Ewigkeiten zu verlieren.
Music Porträt | verfasst 20.08.2013
Julia Holter
Die Entschachtelung der Gedanken
Mit »Loud City Song« ist Julia Holter gerade ein großer Wurf gelungen. Inspiriert von einer Novelle Colettes hat die 28-jährige Musikerin ein zugleich entrücktes wie sehr konkretes Bild ihrer Heimatstadt Los Angeles entworfen.
Music Review | verfasst 22.03.2012
Julia Holter
Ekstasis
Ein Album voller Geniestreiche: Klassische Instrumente, alte Drummaschinen, Fiona Apple’hafter-Gesang – federleicht verpackt.
Music Kolumne | verfasst 09.09.2013
Zwölf Zehner
August 2013
Willkommen im September. Doch vorher lassen unsere Kolumnisten vom Dienst den Monat August musikalisch Revue passieren und destillieren in ihrer Kolumne Zwölf Zehner die wichtigsten zehn Tracks des Monats.
Music Kolumne | verfasst 31.12.2013
Zwölf Zehner
Jahresrückblick 2013 (Teil 2)
Streitbar, scheuklappenfrei, hart und herzlich, House und R&B, Hip-Hop, Trap, Kanye und Post-Everything. Das Kolumnen-Duo plus Kunze schließt das Jahr 2013 mit einer Auswahl seiner 50 liebsten Tracks ab.
Music Review
Kevin Richard Martin
Sirens
Erstmals veröffentlicht The Bug ein Album als Kevin Richard Martin. Das macht Sinn, denn »Sirens« ist ein sehr persönliches Statement.
Music Review
Georgia
Immute
Diese Musik gönnt einem alles und gibt einem nichts: mit »Immute« legen Georgia den Wahnsinn in Form einer Schallplatte vor.
Music Review
Kris Baha
My Master
Klingt wie eine Reissue auf Dark Entries, ist aber einfach nur Kris Baha in Höchstform. Zu seiner neuen Vinyl 12" »My Master« auf Pinkman.
Music Review
Sunn O)))
Life Metal
Sunn O))) sind zurück mit neuem Album und erfüllen sich auf »Life Metal« den Traum einer Zusammenarbeit mit Produzentenlegende Steve Albini.
Music Review
Biosphere
The Senja Recordings
Mit »The Senja Recordings« legt Biosphere eine Art klangliches Tagebuch ab, das drei Jahre auf der norwegischen Insel dokumentiert.
Music Review
Du Du A
Du Du Archive 1984-1989
Auf Discom sind nun Aufnahmen erschienen, die die Belgrader Band Du Du A zwischen 1984 und 1989 produzierten – aber nie veröffentlichten.
Music Review
E.M.U.
Electro Music Union, Sinoesin & Xonox Works 1993-1994
Damiano van Erckert bringt Musik von J.M. Adkins an die Oberfläche, die er 1993-94 als Electro Music Union, Sinoesin und Xonox produzierte.
Music Review
Kym Amps
You Don't Know My Name (But I Know You)
Kym Amps lieh der Musik von David Watts und Andrew Birtles ihre Stimme, veröffentlicht werden die Stücke aus den 1980ern erst jetzt.
Music Review
Damon Locks & Black Monument Ensemble
Where Future Unfolds
Mit »Where Future Unfolds« hat Damon Locks und sein Black Monument Ensemble ein deutliches politisches Statement gesetzt.
Music Review
Denzel Curry
Zuu
Im letzten Jahr war »TA1300« vielleicht das beste Rapalbum. Natürlich würde es schwer für Denzel Curry sein, mit »Zuu« nachzulegen.
Music Review
Jay U Xperience
Abuja
Mit dem 1993 entstandenen »Abuja«, bringt Left Ear Records den eigenwilligen Purismo-Sound von Jay U Xperience zurück auf die Bildfläche.
Music Review
Robag Wruhme
Venq Tolep
Robag Wruhme ist wieder gelandet. »Venq Tolep« ist der längst überfällige Nachfolger zu »Thora Vukk« und übertrifft die Erwartungen.
Music Review
88:Komaflash
Eremiten Im Wohnzimmer
Die LP ist eine verdichtete Einheit, ein rundes Ding mit Ecken und Kanten, das den Zähnen der Zeitgeister gleichmutig trotzt.
Music Review
Various Artists
Mr Bongo Record Club Vol.3
Mit »Mr Bongo Record Club Vol.3« begeht das Label aus Brighton seinen 30. Geburtstag. Wir gratulieren zu beidem: Label und Compilation.
Music Review
Ronie & Central Do Brasil
Ronie & Central Do Brasil
In der Kürze liegt die Würze: Mit 25 Minuten ist »Ronie & Central Do Brasil« von 1975 nicht lang, und dennoch auf seine Art vollkommen.
Music Review
Flying Lotus
Flamagra
Auf »Flamagra« gehen die steten Transformationen von Flying Lotus so gut Hand in Hand wie seit »Cosmogramma« nicht mehr.
Music Review
Sinkane
Dépaysé
Mit seiner die Vielfalt betonenden Haltung hat Sinkane inspirierende Musik aufgenommen. Mit »Dépaysé« will er zu sehr zu Vielen durchdringen
Music Review
Weird Dust
Tribe 1.1
Dass die Belgier ein wenig schräg sind, ist ja so ein beliebtes Stereotyp. Weird Dust ist Belgier und »Tribe 1.1« sein neuester Release.
Music Review
Lee »Scratch« Perry
Rainford
Der gute alte Irrsinn bleibt Lee Perrys treuer Begleiter. Mit »Rainford« hat er ihm zu einer weiteren irre guten Schallplatte verholfen.
Music Review
Garland
#2
Weniger Rhythmus, mehr Fläche: Garland streben mit ihrer zweiten LP »#2« die Synthese von Dub, Drone und Industrial an.
Music Review
Joshua Abrams & Natural Information Society
Mandatory Reality
»Mandatory Reality« von Joshua Abrams & Natural Information Society entfaltet sich über 80 Minuten wie ein endloses Gamelanritual.
Music Review
Helm
Chemical Flowers
Der Musik von Helm ist mit Schlagworten schwer beizukommen. Sein neues Album »Chemical Flowers« wirkt trotzdem – oder darum sogar umso mehr.
Music Review
Paula Temple
Edge Of Everything
»Edge Of Everything«, das Debütalbum von Paula Temple, ist nicht das versprochene rebellische Werk geworden. Aber verdammt guter Techno.
Music Review
Various Artists
Planisphere
Klingt nach französischen Zahnärzten, waren aber Post-Hippies aus den USA: »Planisphere« auf Numero Group ist kosmischen Freaks gewidmet.
Music Review
Holly Herndon
Proto
Die Standortbestimmung des Pop klang nie so wundervoll und nervenzerfetzend zugleich: Holly Herndon gelingt mit »Proto« ein Meisterwerk.
Music Review
Craig Leon
Anthology Of Interplanetary Folk Music Vol.2: The Canon
Mit »Anthology Of Interplanetary Folk Music Vol.2: The Canon« wird fünf Jahre später weitere Musik des Produzenten Craig Leon nachgelegt.
Music Review
Dark Star
Cryonics: 1989-1992
Für »Cryonics: 1989-1992« versammelt der seit zwei Dekaden inaktive Synthesekünstler Dark Star neun seiner eindrücklichsten Produktionen.
Music Review
Harry Mosco
Peace & Harmony
Mehr Disco als Afrobeat: MIt »Peace & Harmony« ging Harry Mosco, bislang als Sänger der Funkees bekannt, eigene Wege.
Music Review
Georgia
Time
Wunderschöne Soundwelten: Die Multimediakünstler Brian Close und Justin Tripp haben als Georgia ihr zweites Album »Time« veröffentlicht.
Music Review
Bartosz Kruczyński
Baltic Beat II
Anlässlich von »Baltic Beat II«, dem nächsten superben Release von Bartosz Kruczyński, waren wir gezwungen, ein neues Genre zu erfinden.
Music Review
Deep Nalström
Naive Melodies
Bangkok scheint hier genauso nah wie Bielefeld: Über »Naive Melodies«, das Debüt des in Bristol ansässigen Produzenten Deep Nalström.
Music Review
Il Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza
Niente
Mit »Niente« sind unveröffentlichte Aufnahmen von Il Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza aus den frühen 1970er Jahren erschienen.
Music Review
Wolf Müller
Wolf Müller Meets The Nile Project
2016 ist Wolf Müller nach Ägypten gereist. Was daraus entstanden ist, kannst du auf »Wolf Müller Meets The Nile Project« nachhören.
Music Review
The National
I Am Easy To Find
Diesmal geben sich The National nicht mit einem Studioalbum zufrieden. »I Am Easy To Find« schließt einen Kurzfilm ein.
Music Review
Lee Moses
How Much Longer Must I Wait? Singles & Rarities 1965-1972
»How Much Longer Must I Wait?« versammelt Singles und Raritäten des noch immer nicht ausreichend gewürdigten Soulsängers Lee Moses.
Music Review
Zaliva-D
Forsaken
Auf Knekelhuis ist kürzlich die Werkschau »Forsaken« des chinesischen Technoproduzenten Zaliva-D erschienen.
Music Review
Ohbliv
Give Thanks
Kantig, roh, reduziert, dabei nie formelhaft homogen: der fleißige Beatmaker Ohbliv hat mit »Give Thanks« ein neues Album veröffentlicht.
Music Review
Various Artists
Backstreet Brit Funk Vol.1
Die von Joey Negro zusammengestellte Compilation »Backstreet Brit Funk Vol.1« aus dem Jahr 2011 ist nun erstmals auf Vinyl erschienen.
Music Review
Amato (The Hacker)
Mécanismes Vol. 1
Als Amato dreht The Hacker mittlerweile richtig auf. »Mécanismes Vol. 1« ist in EBM in Nicht-Ganz-Reinform – zum Glück!
Music Review
Tim Hecker
Anoyo
Mit »Anoyo« legt Tim Hecker weitere 34 Minuten aus seinen mit einem Gagaku-Orchester eingespielten Sessions nach.
Books Review
FLEE
Benga, A Kenyan Kaleidoscope
Mit dem Sammelband »Benga, A Kenyan Kaleidoscope« wirft das Kollektiv FLEE wichtige Fragen zur globalen Auseinandersetzung mit Benga auf.