Music Review | verfasst 16.01.2014
Rafael Anton Irisarri
The Unintentional Sea
Room40, 2013
Text Sebastian Hinz , Übersetzung Julia Frohn
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Redaktion
Cover Rafael Anton Irisarri - The Unintentional Sea

Es könnte doch ganz einfach sein. Der Maler nimmt Farbe, der Schriftsteller Worte, der Musiker nimmt Töne. Es entstehen immer Bilder: auf der Leinwand, vor dem inneren Auge, im Kopf. Die Kunst des 20.Jahrhunderts hat uns spätestens gelehrt, ganz so simpel ist es dann doch nicht. Und doch: Bei Rafael Anton Irisarri bin ich versucht, es auf diese Formel herunterzubrechen. Der in Seattle, Washington, wohnhafte Komponist lässt mit Klängen Landschaften entstehen. Sein Sound ist schroff, aber nicht ohne Sensibilität; seine Sujets sind Stillleben, aber nicht leblos, sondern verbrannte Erde, Nebel in Schwaden, Wasser, das ans Ufer schlägt, verwitterndes Holz. Beim Hören der fünf Stücke von »The Unintentional Sea« musste ich irgendwie an Albert Camus denken. Ich habe ein wenig in »Der Fremde« geblättert: »Die Sonne fiel fast senkrecht auf den Sand, und ihr Glanz auf dem Meer war unerträglich. Es war kein Mensch mehr am Strand. Aus den Hütten, die am Rand des Plateaus über dem Meer standen, hörte man das Klappern von Tellern und von Besteck. Man atmete mit Mühe in der trockenen Hitze, die vom Boden ausstieg.« Man kann sich diese Szene nur in Schwarzweiß vorstellen, mit einer gewissen Körnigkeit. Das in Klang übersetzt, ist die Musik von Irisarri. Der hat sich für sein erstes Album seit 3 Jahren lose an der Geschichte des Saltonsees orientiert. Nach einem von heftigen Regenfällen verursachten Dammbruch des Colorado Rivers im Jahre 1905 zufällig in einer 66 Meter unter dem Meeresspiegel gelegenen Senke entstanden, erzählt dieses größte Binnengewässer im amerikanischen Bundesstaat Kalifornien die Geschichte von Werden und Vergehen. Was schnell Rastplatz für Zugvögel, Wohnraum für Fische und elitärer Rückzugsort der Südkalifornier wurde, stellte sich als fragiles Ökosystem heraus, das durch fehlenden Abfluss, Überdüngung, langanhaltende Hitze, einen überdurchschnittlich hohen Salzgehalt, seit den 1950er Jahren zu Fischsterben, zum Rückgang des Vogelbestandes, zu Hochwasser und zum Rückzug vom Rückzugsort führte. Diese Veränderung des Raumes war das Initial für Irisarris Arbeit an »The Unintentional Sea«! Oder wie war das noch bei Albert Camus? Dem Leben durch bewusste Anerkennung des Absurden Würde und Größe geben. – Das passt abermals.

Das Album »The Unintentional Sea« von Rafael Anton Irisarri findest du derzeit nicht auf hhv.de.
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