Music Review | verfasst 05.05.2014
Hecker
Articulaçao
Editions Mego, 2014
Text Peter Gebert
Deine Bewertung:
/
Nutzer
6.3
Redaktion
Cover Hecker - Articulaçao

Schon in der Glitch-Ursuppe der späten 1990er Jahre wurde Wien Florian Heckers musikalische Heimat, damals noch auf dem Labelvorgänger Mego. In der vergangenen Dekade entwickelte er sich von dort aus zu einer ersten Adresse für radikale Klangkomposition: Indem er etwa stochastische Verfahren auf mikrozeitliche Entwicklungen losließ, öffnete er ein musikalisches Feld, das nicht weniger faszinierte als es auch schon bei geringer Lautstärke überraschend hartnäckiges Nerv-Potential aufbot. Nicht weit war von da der Schritt zur Psychoakustik und dem Fokus auf das Spiel damit, wie das Gehör Klänge überhaupt erfasst, welches er heute mit philosophischem Input zu klassischer Klang-Kunst verbindet: »Chimärisation«, der Titel seiner Arbeit für die Documenta 2012, bezeichnet als Verfahren eine Art Verschmelzung mehrerer Klangereignisse, dort angewandt auf Lesungen eines Texts des Philosophen Reza Negarestani, welcher sich seinerseits mit »chimären« Gegebenheiten beschäftigt. So auch im Falle von »Articulaçao« (ursprünglich für eine Ausstellung in Lissabon konzipiert), das einen weiteren Text Reza Negarestanis zum Verhältnis von Natur und Kultur verarbeitet, hier gelesen von Joan La Barbara, und nach einem Zwischenspiel noch einmal von Sugata Bose und Anna Kohler. Nun dürfte das Highlight der Platte Joan La Barbaras liturgischer Vortrag sein, dessen Weihe dem Text doch eine ironische Note unterjubelt. Der harte Stoff steckt hier nämlich weniger im rein elektronischen Mittelteil, der eine halbe Stunde lang frei durch ein buntes psychoakustisches Bestiarium führt, noch in den beiden je fast ebenso langen manipulierten Sprachstücken, die immer wieder das Ohr gezielt seine Grenzen spüren lassen. Das deklamatorische Libretto selbst ist es, das in seiner abweisenden Opazität frustriert und im Einklang mit der Länge das Gesamtpaket undurchhörbar macht. Aber vielleicht ging es ja auch gerade darum.

Das Album »Articulaçao« von Hecker findest du demnächst bei hhv.de.
Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 28.02.2017
Hecker
A Script For Machine Synthesis
Ein Drama des Hörens? Mit »A Script For Machine Synthesis« setzt Florian Hecker seine Zusammenarbeit mit Reza Negarestani fort.
Music Review | verfasst 11.10.2012
Thought Broadcast
Emergency Stairway
Thought Broadcast begibt sich in die Belanglosigkeit, findet unser Rezensent Jens Pacholsky.
Music Review | verfasst 19.05.2014
CoH
To Beat
Gerade mal ein Jahr nach seinem retrofuturistischen Album »Retro-2038« lässt Ivan Pavlov aka CoH mit »To Beat« eine Art Fortsetzung folgen.
Music Review | verfasst 22.07.2014
Thought Broadcast
Votive Zero
Äußerst minimal gehalten. Ravi Binnings arbeitet auf »Votive Zero« mit Bedacht Lo-Fi aufgenommenen Synthesizer- und Drummachine-Sounds.
Music Review | verfasst 13.10.2014
BJ Nilsen & Stilluppsteypa w/ Anla Courtis
Golden Circle Afternoon
Die Nordeuropäer BJ Nilsen und Stillupsteypa irren gemeinsam mit dem argentinischen Experimentalmusiker Anla Courtis durch die Klangwelt.
Music Review | verfasst 05.04.2016
CoH
Music Vol.
»Music Vol.« von CoH fordert zum Innehalten auf: spirituelle Musik für die digitale Lebenswelt.
Music Review | verfasst 27.06.2016
Christian Fennesz & Jim O'Rourke
It's Hard For Me To Say I'm Sorry
Christian Fennesz und Jim O’Rourke zeigen auf »It’s Hard For Me To Say I’m Sorry« ein Herz für Chicago. Nee, nicht die Stadt. Die Band!
Music Review
Kate NV
для FOR
Ihr zweites Soloalbum hat die Russin Kate NV bei Rvng Intl veröffentlicht. »для FOR« setzt auf verspielten Minimalismus.
Music Review
Malör
Bali
Das Lied zur Lage kommt aus dem Jahr 1985. Er stammt von Malör, deren Song »Bali« neu aufgelegt wurde.
Music Review
Driftmachine
Shunter
Driftmachine saugen auf ihrem vierten Album dem Dub das Blut aus und legen mit »Shunter« ein Album hin, das dramaturgisch ausgefeilt ist.
Music Review
Palta & Ti
Palta Og Ti Pa Den Tolvte Ø
»Palta Og Ti Pa Den Tolvte Ø«. Der Titel verrät es bereits: Palta & Ti veröffentlichen eine Schallplatte auf 12th Isle.
Music Review
Transllusion
A Moment Of Insanity
Gewohnt unberechenbar in der Wirkung, kommen jetzt »Moments Of Insanity« von James Stinson als Transllusion zum Vorschein.
Music Review
Father John Misty
God's Favorite Customer
Kompakter, fokussierter und nicht ganz so zynisch lotet Father John Misty auf »God’s Favorite Customer« die Untiefen der Zweisamkeit aus.
Music Review
Ammar 808
Maghreb United
Als nordafrikanischen Futurismus bezeichnet Ammar 808 sein Konzept, das auf »Maghreb United« nun erstmals umgesetzt wurde.
Music Review
Onyx
Complete Works 1981–1983
Flanger-heavy Shit aus den 80igern, cooler als alles sonst! Post-Punk, New Wave, Digi Dub, nur gut.
Music Review
DJ Richard
Dies Iræ Xerox
Auf seinem zweiten Album regelt DJ Richard die Farbwerte noch weiter runter und tut vor allem eins: Haltung bewahren.
Music Review
Melody's Echo Chamber
Bon Voyage
Auch mit »Bon Voyage« spinnt Melody’s Echo Chamber an den Fäden der Musikgeschichte weiter, die Broadcast und Stereolab haben liegen lassen.
Music Review
CEM3340
Perfect Stranger
CEM3340 orientiert sich auf »Perfect Stranger« am Detroiter Electro der 1980er Jahre und setzt diesen in einen zeitgenössischen Kontext.
Music Review
Various Artists
Boombox 3
Am frühen Rap kann man sich so schlecht satthören: »Boombox 3« beweist das wieder einmal eindrucksvoll.
Music Review
Richard Wahnfried
Time Actor
Der Synthesizerkönig der Berliner Schule Klaus Schulze trat mit »Time Actor« 1979 erstmalig als Richard Wahnfried in Erscheinung.
Music Review
Colin Potter
The Where House?
Ein bisschen Cabaret Voltaire-Kaputtheit schwingt mit: Zur Reissue des zuerst 1981 veröffentlichten »The Wehre House?« von Colin Potter.
Music Review
RSF
RSF
RSF macht seine Sache so gut, dass man ihm praktisch alles abkaufen würde: Flirren, Sprudeln, Strahlen, Italo-Disco oder Synthie-Pop.
Music Review
Delroy Edwards
Aftershock
Roh, perkussiv, loopy: »Aftershock« bedient zumindest das für Delroy Edwards typische Understatement und ist ein prima DJ-Tool.
Music Review
Royce Da 5'9
Book Of Ryan
»Book Of Ryan« von Royce Da 5’9 lebt von episch auserzählten Erinnerungen und strotzt vor Reife und Selbstreflektion.
Music Review
Kendrick Lamar
OST Black Panther
Kendrick Lamars Zerrissenheit passt nicht zu den Heldenphantasien von »Black Panther«.
Music Review
Route 8
Come Home – 12"
Mit »Come Home« darf der ungarische House-Producer Route 8 die 50. Katalognummer des Labels Lobster Theremin bespielen.
Music Review
Lena Platonos
Lepidoptera
Lena Platonos ist eine Entdeckung. Jetzt hat Dark Entries mit »Lepidoptera« aus dem Jahre 1986 eine weitere Platte der Griechin aufgelegt.
Music Review
Oneohtrix Point Never
Age Of
Auf seinem neuen Album als Oneohtrix Point Never, »Age Of«, macht Daniel Lopatin jetzt Pop. Jetzt können wir alle einpacken.
Music Review
Sebb Bash
Imports
Auf çImports«, dem überhaupt ersten Streich des Beatmakers Sebb Bash, findet zusammen, was irgendwann über Breaks zusammenfinden muss.
Music Review
Nexda
Words & Numbers
Beste Reissue meines Lebens. Lass’ es auch dein Leben sein. Choose Nexda, choose life! P.S: Tod dem Bundesliga-Dino!
Music Review
Abul Mogard
Works
»Works«** ist eine Sammlung von Stücken des serbischen Komponisten Abul Mogard, die bislang nur auf Kassetten erschienen sind.
Music Review
Shy Layers
Midnight Marker
Mit »Midnight Marker« beweist Shy Layers, dass es Tiefe auch bei so etwas wie polierten Oberflächen geben kann.
Music Review
Westside Gunn x Mr. Green
FLYGOD Is Good… All The Time
Auf »FLYGOD Is Good… All The Time« hat sich Westside Gunn mit Mr. Green zusammengetan. Das Prinzip heißt hier: weniger ist mehr.
Music Review
Eleventeen Eston
At The Water
Growing Bin veröffentlicht »At The Water« von Eleventeen Eston und macht sich weiter einen Namen für plätschernde, schöne, freie Musik.
Music Review
The Nels Cline 4
Currents, Constellations
Nels Cline wird seinen Ruf als »gefährlichster Gitarrist der Welt« auf »Currents, Constellations« endlich wieder gerecht.
Music Review
Luis Pérez
Ipan In Xiktli Metztli, México Mágico Cósmico, El Ombligo de la Luna
Was Mr. Bongo hier neuaufgelegt hat, ist das Zeug, das einen zu einem besseren Mensch macht.
Music Review
Courtney Barnett
Tell Me How You Really Feel
Courtney Barnett stellt auch auf ihrem zweiten Album »Tell Me Who You Really Are« die richtigen Fragen zu den wichtigen Themen.
Music Review
Gas
Rausch
Mit »Rausch« bewegt sich Wolfgang Voigt mehr denn je auf der Kippe. Dabei herausgekommen ist das wohl beste Gas-Album überhaupt.
Music Review
The Sea And Cake
Any Day
Was ist schon daran auszusetzen, wenn eine Band einen Stil entwickelt und diesen perfektioniert? Zum neuen Album von The Sea And Cake.
Music Review
Bebo Baldan
Vapor Frames 86/91
»Vapor Frames 86/91«, das 1991 veröffentlichte Debüt von Bebo Baldan, ist eine Form von global entspanntem Ambient.
Music Review
A.A.L. (Against All Logic)
2012-2017
Unter dem Alias A.A.L. (Against All Logic) lässt Nicolas Jaar die Ambitionen mal sausen. »2012-2017« möchte gerne gefallen.
Music Review
Michal Turtle
Return To Jeka
Music From Memory entstaubt zum dritten Mal Teile des Michal Turtle-Archivs. Musste vielleicht gar nicht mal sein.
Music Review
Donato Dozzy
Mindless Fulness – 12"
Schweben war selten schöner als mit der zwei Track starken Vinyl 12" »Mindless Fulness« von Donato Dozzy.
Music Review
Arctic Monkeys
Tranquility Base Hotel & Casino
Mit den Arctic Monkeys von 2006 hat »Tranquility Base Hotel & Casino« nicht mehr viel gemein. Das macht aber rein gar nichts.
Music Review
Joy O & Ben Vince
Transition 2/Systems Align – 12"
Für die Vinyl 12" »Transition 2/Systems Align« auf Hessle Audio hat sich Joy Orbison mit dem Saxophonisten Ben Vince zusammengetan.
Music Review
Various Artists
Yoruba!
Auf »Yoruba!« stellt schon der Titel klar, dass Gotteslob nicht nur spirituellen Gesang, sondern auch den Griff zur Trommel verlangt.
Music Review
Various Artists
Heads Records - South African Disco Dub Edits
Mit »Heads Records – South African Disco Dub Edits« wirft Soundway einen weiteren Blick auf die südafrikanische Musik der 1980er Jahre.
Music Review
Evo
Din Don
DJ Harvey hat das Club-Juwel »Din Don« von Evo aus dem Jahre 1983 für Best Record Italy wiederentdeckt.