Music Review | verfasst 30.09.2014
Die Sterne
Flucht In Die Flucht
Staatsakt, 2014
Text Fionn Birr
Deine Bewertung:
4.0
Nutzer (1)
8.2
Redaktion
Cover Die Sterne  - Flucht In Die Flucht

Die »24/7-Disco« ist geschlossen. Die Sterne machen wieder jenen schlaksigen Gitarrenpop, den man auf ihrem 2009er Elektro-Befreiungsschlag zwar nicht vermisst, aber immerhin vergebens gesucht hatte. »Ist es unmöglich sich zu befreien?«, intoniert Frank Spilker passenderweise auf »Wo Soll Ich Hingehen«, dem Opener der neuen LP. Nach sagenhaften 22 Jahren (!) Bandgeschichte stellen die Hamburger auf ihrer zehnten Platte immer noch jene Fragen, deren weltmännische wie schier gelangweilte Skepsis wohl möglich jedem introvertierten Großstadtneurotiker geläufig sind. Hallende Prog-Rock-Gitarren, slicke Funkgrooves, andächtige Americana-Klänge – die Referenzen an den Protest-Pop der 1960er sind in aller Verschrobenheit dieses Mal unüberhörbar. »Die Krähen bäumen auf den Hockern, das Licht wiegt Tonnen« – es geht um das Große im Kleinen, Politik, Tanzen, Sonnenschirme und Gentrifizierung. Wenn dann auch noch Neubauten-Legende Alexander von Borsig in schnöder City-Slickers-Manier auf »Ihr wollt mich töten« vorbeireitet, führen alle Identifikationsflächen zwischen Tempelhofer Feld und den Hamburger Flaktürmen zu psychedelischen Route ins Ich. »Flucht In Die Flucht« ist widersprüchlich, manchmal verwirrend, aber durchweg mitreißend und gelungen. Wie bei jedem Sterne-Album greifen Fans und Kritiker in gutgemeinter wie gehässiger Motivation gerne nach dem »Posen«-Vergleich – ihrem 1996er LP-Mammutwerk, das vermutlich für immer auf den vorderen Plätzen der Bestenlisten rangieren wird. Für »Flucht In Die Flucht« bedeutet das, immerhin noch mindestens das zweitbeste Sterne-Album überhaupt zu sein.

Das Album »Flucht In Die Flucht« von Die Sterne findest du bei hhv.de als LP+7Inch+CD und LP+CD
Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 05.09.2012
Die Heiterkeit
Herz aus Gold
Auf »Herz aus Gold« erklingt deutscher Schrammel-Pop mit etwas tieferem weiblichem Gesang als gewohnt, dazu lakonische Texte.
Music Review | verfasst 12.08.2014
Chuckamuck
Im Knast EP
Chuckamuck aus Berlin sind die deutschen Libertines. »Im Knast« ist sogar einen Tick abgefahrener als die bisherigen Veröffentlichungen.
Music Review | verfasst 04.09.2014
Various Artists
Low Fidelity
Der Plattenladen »Hanseplatte« präsentiert mit »Low Fidelity« ein Album mit unveröffentlichter Hamburger Musik.
Music Review | verfasst 27.03.2015
Erfolg
Erfolg
Johannes von Weizäcker versucht hier, erstmals in deutscher Sprache zu musizieren und sein Motto »Erfolg« Wirklichkeit werden zu lassen.
Music Review | verfasst 23.07.2015
Sleep
Sleep
In seinem Soloprojekt Sleep widmet sich Ja, Panik-Mastermind Andreas Spechtl seiner Lieblingsbeschäftigung: dem Schlafen.
Music Review
Nicola Cruz
Hybridism
Auf »Hybridism« mixt Nicola Cruz einmal mehr die verschiedensten Musiken aus den entlegensten Ecken der Welt.
Music Review
Various Artists
Cadence Revolution: Disques Debs International 2
Strut diggen weiter tief in Guadeloupe: die tolle Compilation »Cadence Revolution: Disques Debs International 2« ist erschienen.
Music Review
Tame Impala
The Slow Rush
Mit »The Slow Rush« sind die Gitarren bei Tame Impala, dem Projekt des Australiers Kevin Parker, endgültig passé.
Music Review
Sasaki Hideto & Sekine Toshiyuki Quartet +1
Stop Over
1976 in Kleinstauflage erschienen, bekommt das tolle »Stop Over« von Sasaki Hideto & Sekine Toshiyuki Quartet +1 jetzt eine zweite Chance.
Music Review
Against All Logic
2017-2019
Für sein Projekt Against All Logic hat Nicolas Jaar nun die Jahre »2017-2019« zusammengefasst.
Music Review
The Heliocentrics
Infinity Of Now
Mit »Infinity Of Now«, das soeben bei Madlib Invazions erschienen ist, sollte sich das Genie der Heliocentrics nun wirklich rumsprechen.
Music Review
Schacke
Kisloty Forever EP
Der Däne Schacke hat mit seiner »Kisloty Forever EP« dem St. Petersburger Клуб ein kleines Denkmal gesetzt.
Music Review
Kollington Ayinla And His Fuji '78 Organisation
Blessing
Wecker für Muslime: Soul Jazz legt das 1988er Album »Blessing« von Kollington Ayinla And His Fuji ’78 Organisation neu auf.
Music Review
Borusiade
Fortunate Isolation
Auf »Fortunate Isolation« macht Borusiade auch dem letzten klar: wir sind am Arsch, es gibt kein zurück mehr.
Music Review
Sandoz
Sandoz
Meister des Weglassens: 4 Tracks aus Richard H- Kirks bester Phase als Sandoz hat Second Circle nun auf eine neue Schallplatte gepackt.
Music Review
Midori Hirano
Invisible Island
Die Pianistin Midori Hirano entwirft auf dem bei Sonic Pieces erschienenen »Invisible Hands« ihre ganz eigene Form klassischer Musik.
Music Review
Flamingo Pier
Indigo EP
Die Neuseeländer Flamingo Pier veröffentlichen ein Jahr nach ihrem Debüt mit »Indigo« eine weitere EP auf Soundway.
Music Review
Mac Miller
Circles
Mac Miller ist seit anderthalb Jahren tot und bringt trotzdem bessere Platten raus als Eminem. Siehe »Circles«.
Music Review
Squarepusher
Be Up A Hello
Mit »Be Up A Hello« ist soeben das 15. Studioalbum von Squarepusher erschienen. Er knüpft hier sehr nah an seinen früheren Sound an.
Music Review
Men With Secrets
Psycho Romance And Other Spooky Ballads
Donato Dozzy und Retina.it schließen sich als Men With Secrets zu machen, um unterkühlte Wave-Musik zu machen. Wie bitte?
Music Review
Destroyer
Have We Met
»Have We Met«, das neue Album von Destroyer, ist so unzeitgemäß und widersprüchlich, wie sich die Gegenwart anfühlt.
Music Review
I.A.O.
Phase 3
Left Ear veröffentlicht mit »Phase 3« zwischen 1988 und 1995 entstandene Musik der zu unrecht wenig bekannten Berliner Band I.A.O.
Music Review
Ihsan Al-Munzer
Belly Dance Disco
“»Belly Dance Disco«, die erste Veröffentlichung des Libanesen Ihsan Al-Munzer, wurde nun erstmals in voller Länge wiederveröffentlicht.
Music Review
Roc Marciano
Marcielago
Auf seinem achten Album »Marcielago« schert sich Roc Marciano nicht um zeitgenössische Soundentwürfe. Klingt aber dennoch erfrischen roh.
Music Review
Thony Shorby Nyenwi
Sweet Funk Music
Jet hat jetzt das zuerst 1978 veröffentlichte Album »Sweet Funk Music« von Thony Shorby Nyenwi ausgegraben.
Music Review
Okay Kaya
Watch This Liquid Pour Itself
Auf Okay Kayas zweitem Album hätte alles schiefgehen können. Doch bietet »Watch This Liquid Pour Itself« mehr Substanz als Schabernack.
Music Review
Pet Shop Boys
Hotspot
»Hotspot«, das neue Album der Pet Shop Boys, ist soetwas wie ihre Berlin-Platte geworden.
Music Review
Black Lips
Sing In A World That's Falling Apart
Auf »Sing In A World That’s Falling Apart« vermischen die Black Lips Country mit einer cleveren Hinterwäldler-Rhetorik.
Music Review
Callisto
Guidance Is Eternal 2
Mit »Guidance Is Eternal 2« wird die Musik des 2013 verstorbenen Bostoner House-Produzenten Callisto neu aufgelegt.
Music Review
Alessandro Alessandroni
Afro Discoteca Reworked & Reloved
Der vor drei Jahren veröffentlichte Überraschungshit »Afro Discoteca« von Alessandro Alessandroni wurde nun mit Remixen versehen.
Music Review
TNGHT
II
Über sieben Jahren nach ihrem überraschenden Debüt legen Hudson Mohawke und Lunice als TNGHT nun »II« nach.
Music Review
Jeff Parker
Suite For Max Brown
»Suite For Max Brown« ist das erst vierte Soloalbum des tollen Jazzgitarristen Jeff Parker. Makaya McCraven war hier nicht unbeiteiligt.
Music Review
Argonautiks
Trauben über Gold
Scharf gelayerte Sozialkritik auf minimalen Beats gibt es auf »Trauben über Gold« , dem neuen Album der Argonautiks.
Music Review
Steve Roach
Quiet Music 1-3
Telephone Explosion hat die zuerst 1986 und nur auf Kassette erschienene »Quiet Music 1-3« von Steve Roach wiederveröffentlicht.
Music Review
Saåda Bonaire
Saåda Bonaire
Captured Tracks legt eine Neuauflage der gesammelten Werke der 1982 gegründeten Bremer Kapelle Saåda Bonaire vor.
Music Review
Oval
Scis
Mit dem Album »Scis« macht Oval das, was Markus Popps Arbeit schon immer auszeichnete – und nebenbei gesagt noch einen Heidenspaß.
Music Review
Various Artists
Locus Error
Nina Kraviz hat mit »Locus Error« einen weiteren Sampler für ihr Label Trip/трип zusammengestellt. Es ist der bislang beste.
Music Review
Aoife Nessa Frances
Land of No Junction
Mit ihrem Debüt »Land of No Junction« zeigt sich Aoife Nessa Frances als stilbewusste und erkundungsfreudige Nostalgikerin.
Music Review
Dark Arts
Reflections In A Rear View Mirror
Mit »Reflections In A Rear View Mirror« stellt uns das Label Stroom die in den frühen 1980er Jahren aktive Band Dark Arts vor.
Music Review
James Reese And The Progressions
Wait For Me: The Complete Works 1967-1972
Mit »Wait For Me: The Complete Works 1967-1972« legt Now-Again eine Werkschau von James Reese And The Progressions vor.
Music Review
Lvrin
Lvrin II
Der russischer Produzent Lvrin legt mit »Lvrin II« sein zweites Relese für das Rotterdamer Label Pinkman vor.
Music Review
Hildur Guðnadóttir
OST Joker
Für ihren Soundtrack zu »Chernobyl« hatte Hildur Guðnadóttir einen Emmy erhalten. Der Score zu »Joker« ist nicht weniger fulminant.
Music Review
Bufiman
Albumsi
Jan Schulte, auch bekannt als Wolf Müller, hier unterwegs als Bufiman, hat bei Dekmantel ein ganzes »Albumsi« veröffentlicht. Sommer pur!
Music Review
Metastasio
With You
Disco Segreta hat den Italo-Disco-Knaller »With You« wiederveröffentlicht. Der schlittert bei fünf Grad über die Amalfiküste.
Music Review
Blawan
Many Many Pings
Härte, Tiefe, Swing: Das ist die Grundrezeptur von Blawan, der auf »Many Many Pings« ein effektives und doch vertracktes Update erhält.
Music Review
Bohren & Der Club Of Gore
Patchouli Blue
Mehr als fünf Jahre nach »Dolores« veröffentlichen Bohren & Der Club Of Gore mit »Patchouli Blue« ein neues Album.