Music Review | verfasst 26.01.2015
Jan St. Werner
Miscontinuum Album
Thrill Jockey, 2015
Text Kristoffer Cornils
Deine Bewertung:
8.0
Nutzer (1)
7.3
Redaktion
Cover Jan St. Werner - Miscontinuum Album

Zugegeben: Schon Mouse On Mars können anstrengen. Und Jan St. Werner, die eine Hälfte des kauzigen, multimedial arbeitenden und Genre ignorierenden Duos, erst recht. Wo sein mit Andi Toma betriebenes Projekt Mouse On Mars aller konzeptuellen Ideen zum Trotz noch die körperlichen Effekte der Clubmusik anpeilt, richtet sich die Musik des Kölners vor allem an den Verstand. Nicht frontal und kommunikativ, sondern immer durchs Hintertürchen natürlich und mit der Absicht versehen, für etwas oder gar sehr viel Verwirrung zu sorgen. Auf seinen letzten Veröffentlichungen erforschte er die Möglichkeiten algorithmischen Chaotik, sein »Miscontinuum Album« auf dem Stammlabel Thrill Jockey jedoch orientiert sich an einer – naja, es ist ja alles relativ – strafferen Struktur. Aus einer Live-Performance erwachsen, handelt es sich bei dem Hörspiel-Album-Hybrid um eine Art »elektroakustische Goth Oper«, wie Jan St. Werner selbst zu Protokoll gibt. Anstatt der sprichwörtlichen dicken Frau ist aber das knarzige Organ von Earth-Mastermind Dylan Carlson zu hören, der nicht etwa über inzestuöse Götterwelten oder Stierkampfromanzen lamentiert, sondern das merkwürdige Verhältnis von Zeit und Erinnerung durchdekliniert. Was eben dabei rumkommt, wenn Markus Popp alias Oval das Libretto schreibt. Mithilfe von Time Stretching und anderen gewitzten Kniffen setzt Jan St. Werner den theoretischen Überbau auf eine frei schwebende musikalische Basis. Über gut zwei Stunden (!) entfaltet er mithilfe noch anderer illustrer Gäste ein kafkaeskes Narrativ, das seinem Konzept entsprechend (oder aber: zum Trotz) viele erinnerungswürdige Passagen durchläuft. Denn, zugegeben: Anstrengen kann Jan St. Werner zwar, doch ist er dabei charmant und einnehmend wie sonst kaum jemand.

Das Album »Miscontinuum Album« von Jan St. Werner findest du bei hhv.de: 2LP
Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 25.01.2019
Black To Comm
Seven Horses For Seven Kings
Die besten Stücke von Black To Comm klingen wie etwas völlig Neues. Auf »Seven Horses For Seven Kings« ist das fast durchgängig der Fall.
Music Review | verfasst 22.10.2019
Emptyset
Blossoms
Auf Basis künstlicher Intelligenz haben sich Emptyset ihr neues Album »Blossoms« programmieren lassen.
Music Review | verfasst 22.11.2013
Black Manual
Mordendo
Während Jan St. Werner Krach, Störgeräusche, Stromschwingungen fließen lässt, reiten die anderen wie die Teufel auf ihren Percussions.
Music Review | verfasst 01.09.2010
Oval
O
O erschließt sich weniger als geschlossenes Album, denn als Bibliothek wohl durchdachter kompositorischer Skizzen.
Music Review | verfasst 25.01.2011
Thank You
Golden Worry
Grübeln ist die Sache von Thank You nicht. Sie machen einfach, nehmen Schlagzeugstöcke, Gitarre und Bass in die Hände und gewinnen Energie.
Music Review | verfasst 31.01.2011
Sidi Touré
Sahel Folk
In seinen simplen Liedern vermag der malische Musiker Sidi Touré eine ganze Welt zu verstecken.
Music Review
Man Jumping
Jumpcut
Brian Eno soll sie einst »die wichtigste Band der Welt« genannt haben: Man Jumping. Ihr Debüt »Jumcut« wurde jetzt veröffentlicht.
Music Review
Shina Williams & His African Percussions
Shina Williams
»Shina Williams«, 1980 erstmals veröffentlichte LP von Shina Williams & His African Percussions, wurde erstmals wiederveröffentlicht.
Music Review
Pan American
A Son
Nach sechsjähriger Pause veröffentlicht Mark Nelson mit »A Son« ein neues Album als Pan American.
Music Review
Yoshio Ojima
Une Collection Des Chainons I: Music For Spiral
Mit »Une Collection Des Chainons I: Music For Spiral« wird das Frühwerk von Yoshio Ojima jetzt neu erschlossen.
Music Review
Various Artists
Space Funk
Die Retro-Ästhetik von alten Science-Fiction-Filmen überträgt die Compiplation »Space Funk« auf den Funk der Siebziger und Achtziger.
Music Review
Ryuichi Sakamoto
Thousand Knives Of
Schon 1978 mit seinem Debüt »Thousand Knives Of« bewies Ryuichi Sakamoto sein Gesprü für unkonventionelle Arrangements.
Music Review
RAMZi
Multiquest Niveau 1: Camouflé
Das alljährliche RAMZi-Album ist da. Auf »Multiquest Niveau 1: Camouflé« wirkt die musikalische Formel der Kanadierin etwas aufgebraucht.
Music Review
Various Artists
French Disco Boogie Sounds Vol.4
Die Compilation »French Disco Boogie Sounds« liefert standesgemäß Perlen für den Tanzflur. Das ist bei »Volume 4« nicht anders.
Music Review
Function
Existenz
»Existenz« liefert mit 17 Tracks auf Vinyl 4LP einen fulminaten Querschnitt über die 25 Jahre währende Arbeit von Function.
Music Review
François N'Gwa
Ogooue
Auf »Ogooue« finden sich die besten, der zwischen 1985 und 2004 entstandenen Stücke des gabunischen Musikers François N’Gwa wieder.
Music Review
Mike Selesia
Flavor
1976 haben Mike Selesia und seine Mitstreiter »Flavor« aufgenommen, 100 Stück pressen lassen. Jetzt ist das Jazzjuwel wieder erhältlich.
Music Review
Sokratis Votskos Quartet
Sketching The Unknown
Jazzman veröffentlicht mit »Sketching The Unknown« das tolle Debüt der griechischen Jazzer vom Sokratis Votskos Quartet.
Music Review
Eye
Metamujer
Die Französin Laurène Exposito legt als Eye ihre neue LP »Metamujer« vor und macht deutlich, dass sie sich musikalisch weiterentwickelt hat.
Music Review
Issam Hajali
Mouasalat Ila Jacad El Ard
»Mouasalat Ila Jacad El Ard«, das erstmals 1977 veröffentlichte Album des libanesischen Musikers Issam Hajali, wurde wiederveröffentlicht.
Music Review
Danny Brown
Uknowhatimsayin¿
Mit »Uknowhatimsayin¿« huldigt Danny Brown dem guten alten Hip-Hop der Neunziger. Themen wie Drogensucht oder Depression sucht man vergebens
Music Review
Om Buschman
Total
Das einzige Album von Om Buschmann, »Total« aus dem Jahre 1989 wurde nun via Glossy Mistakes wiederveröffentlicht.
Music Review
Gülistan
Oriental Groove
Hot Mule veröffentlicht »Oriental Groove«, der in den 1980er Jahren gegründeten österreichischen Band Gülistan, neu.
Music Review
Ruins
Marea / Tied
Das Anfang der 1980er Jahre veröffentlichte »Marea/Tied« der italienischen New-Wave-Band Ruins wurde von Music From Memory wiederentdeckt.
Music Review
Robag Wruhme
Topinambur EP
Verglichen mit »Venq Tolep« schielt Robag Wruhme mit der EP »Topinamur« wieder mehr auf den Dancefloor.
Music Review
L'Orange & Jeremiah Jae
Complicate Your Life With Violence
Auf »Complicate Your Life With Violence« spinnen L’Orange und Jeremiah Jae die Hard-Boiled-Geschichte des Vorgängers weiter.
Music Review
Andy Stott
It Should Be Us
Kurzerhand hat Andy Stott mit »It Should Be Us« neue Musik veröffentlicht. Neun Tracks, die der Vorbote eines neuen Albums sind.
Music Review
Shanti Celeste
Tangerine
Auf ihrem Debütalbum »Tangerine« stürmt Shanti Celeste den Dancefloor, ohne dabei eine Träne im Knopfloch zu tragen.
Music Review
Cal Massey
Blues To Coltrane
»Blues To Coltrane«, das einzige Album des zu früh verstorbenen Jazzmusikers Cal Massey aus dem Jahr 1961, wurde wiederveröffentlicht.
Music Review
Daniel Grau
El Mágico Mundo De Daniel Grau
Nach einer jahrzehntelangen Pause legt Daniel Grau mit »El Mágico Mundo De Daniel Grau« ein neues Album vor.
Music Review
Brainstory
Buck
Wie viele Sunny-California-Klischees lassen sich auf ein Album pressen? Mit »Buck« testen Brainstory es aus.
Music Review
Tapan meets Generation Taragalte
Atlas
Ein Industrial-Projekt aus Serbien trifft auf eine Tuareg-Combo aus Marokko… und »Atlas« von Tapan meets Generation Taragalte funktioniert
Music Review
Turquoise Days
Further Strategies
So richtig totzukriegen ist die Musik von Turquoise Days nicht: Mit »Further Strategies« kommen die Songs der Briten zu wiederholter Ehre.
Music Review
FKA twigs
Magdalene
FKA twigs ist zurück, mit »Magadalene«, auf Albumlänge, und sie ist unbewaffnet bis unter die Zähne.
Music Review
Steve Reid
Rhythmatism
Mit »Rhythmatism« hatte Steve Reid 1975 ein Manifest für das friedliche Miteinander von Gegensätzen abgeliefert.
Music Review
Buttechno
badtrip
Das Debüt von Buttechno auf Nina Kraviz’ Label Trip ist, was der Titel ankündigt: ein »badtrip«, der viel Verwirrung stifftet.
Music Review
Tableau Vivant
Double Dream Hands
Tableau Vivant ist das gemeinsame Projekt von Infuso Gallo und Joshua Gottmanns. »Tableau Vivant« ihre erste Veröffentlichung.
Music Review
Nick Cave & The Bad Seeds
Ghosteen
»Ghosteen« von Nick Cave & The Bad Seeds wird als Meisterwerk eingehen und sich ob seiner Zerbrechlichkeit doch kaum hören lassen.
Music Review
Lost Scripts
Giske / Mozart
Für die beiden Stücke »Giske« und »Mozart« haben sich John Talabot und Pional einmal mehr unter dem Namen Lost Scripts zusammengefunden.
Music Review
A Winged Victory For The Sullen
The Undivided Five
Tiefer und berührender als auf »The Undivided Five« klangen A Winged Victory For The Sullen tatsächlich noch nie.
Music Review
Patrick Cowley
Mechanical Fantasy Box
»Mechanical Fantasy Box« gibt einen Überblick über das Schaffen des viel zu früh verstorbenen Disco-Pioniers Patrick Cowley.
Music Review
Michael Kiwanuka
KIWANUKA
Die große Kunst des neuen, dritten Albums von Michael Kiwanuka: Es klingt gleichzeitig nach Vergangenheit und Zukunft.
Music Review
Cigarettes After Sex
Cry
Es gibt reflektiertere Songs über die Liebe, aber nur wenige sind in so schöne Ohrwürmer wie auf »Cry« von Cigarettes After Sex gepackt.
Music Review
Kiefer
Superbloom + Bridges EP
Stones Throw bringt die beiden EPs »Superbloom« und »Bridges« von Kiefer auf einem Vinylrelease gemeinsam heraus.
Music Review
Vulfpeck
The Beautiful Game
Groove kann so einfach sein: Die Funkband Vulfpeck aus Ann Arbor haben ihr zweites Album »The Beautiful Game« veröffentlicht.
Music Review
Teebs
Anicca
»Anicca« ist das erste Album von Teebs seit fünf Jahren. Es ist inhaltlich ein zeitgeistiges Album mit Botschaft, musikalisch nicht.
Music Review
Conforce
Dawn Chorus
Quo vadis Techno? Der niederländische Produzent Conforce gibt auf »Dawn Chorus« Einblicke, wohin die Reise gehen könnte.