Music Review | verfasst 09.06.2015
Jenny Hval
Apocalypse, girl
Sacred Bones, 2015
Text Philipp Kunze , Übersetzung Julia Frohn
Deine Bewertung:
8.5
Nutzer (4)
8.4
Redaktion
Cover Jenny Hval - Apocalypse, girl

Die riesige kapitalistische Klitoris ist nur eine der vielen lyrischen Erschaffungen im Intro zu »Apocalypse, girl«. Pimmel, Bananen und Frauen, die besser backen lernen sollten, bevor sie ein Kind bekommen, gesellen sich zu dem Gedicht; unterlegt ist es von unaufgeräumten Sounds und dem Quietschen das passiert, wenn man einen Ballon knetet. So klingt das, wenn jemandem die Kunst genauso wichtig ist wie das Vermitteln einer Message. Die Message pellt man aus dem Intro nur schwerlich – deutlicher hört man sie aus anderen Stücken. Z.B. wenn in Hval in rhetorischen Fragen abarbeitet, was es bedeutet, sich um sich selbst zu kümmern: »Gettin’ paid, gettin’ laid?…shaving in all the right places?!« Über die Fragen hakt sie die Antworten ab, die wohl die Mehrheit auf die Titel-gebende Frage gegeben hätte. Ironie? Kritik? So deutlich wird sie nicht. Wo sie deutlich wird ist dort, wo sie die Gedanken des Hörers zu mehr Weite kriegen will: »I’m touching my cunt with my hand that isn’t clean. Am I loving myself now?«. Klar geht es auch auf Hvals neuem Album um Feminismus und andere soziokulturelle Themen. Nur kotzt sich Hval nicht darüber aus, wie es ist; sie fragt den Hörer: wie ist es eigentlich? Indem sie über Dinge redet, die erstmal absurd scheinen, oder unangenehm. Als Hörer fühlt man sich dabei alleine mit ihr. Die Sounds sind so klein, so alltäglich, dazu ihre Stimme so, dass man mit dieser alleine sein will – so lässt sich der Hörer ein. Auf das, was einem schon als zu artsy aufstoßen kann. Und so krachen sie dann wirklich, die Grenzen in den Gedanken. Das könnte die Apokalypse sein, die der Albumtitel herbei schreit: der Untergang vorgefertigter Gedankenmodelle.

Jenny Hvals »Apocalypse, girl« findest Du bei hhv.de auf LP
Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 30.09.2016
Jenny Hval
Blood Bitch
Mehr Melodien, mehr Blut, mehr Pop: Jenny Hval lässt es auf ihrem neuen Album etwas lockerer an gehen. Der Musik tut das gut.
Music Review | verfasst 27.06.2018
Jenny Hval
The Long Sleep EP
Mit »The Long Sleep EP« entfernt sich Jenny Hval vom hauntologisch aufgeladenen Sound von »Blood Bitch«.
Music Review | verfasst 26.08.2014
Jenny Hval & Susanna
Meshes Of Voice
Wie die Swans. Nur kaputter. Jenny Hval und Susanna bringen ein Album raus, das nicht einfach anzuhören ist. Und gerade deswegen so gut.
Music Review | verfasst 14.04.2016
Kim Myhr & Jenny Hval / The Trondheim Jazz Orchestra
In The End His Voice Will Be The Sound Of Paper
Trotz aller Abstraktheit stets eine schwebende Leichtigkeit: Jenny Hval schließt sich Kim Myhr unddem Trondheimt Jazz Orchestra an.
Music Liste | verfasst 16.07.2015
Halbjahresrückblick 2015
12 Platten gegen die Gesamtscheiße
Ein weiteres halbes Jahr liegt hinter uns, Zeit für einen Rückblick der besonderen Art: Wir haben zwölf Platten ausgewählt, die sich mit den Umständen nicht zufrieden geben. Die einen sprechen das laut und deutlich, die anderen subtil aus.
Music Review
Thom Yorke
Anima
War das zu erwarten? Thom Yorke hat mit »Anima« sein bislang eingenständigstes künstlerisches Statement als Solokünstler abgegeben.
Music Review
TRjj
Music Compilation: 12 Dances
Die »Music Compilation: 12 Dances« von TRjj weckt Erinnerungen an die jüngere Vergangenheit und ist ganz und gar gegenwärtig.
Music Review
Shabason & Gunning
Muldrew
»Muldrew« heißt die erste gemeinsame Arbeit der kanadischen Musiker Joseph Shabason und Ben Gunning.
Music Review
Michael Stearns
Planetary Unfolding
Michael Stearns ist 1981 mit »Planetary Unfolding« ein kleines New-Age-Meisterwerk gelungen. Es wurde jetzt wiederveröffentlicht.
Music Review
George Otsuka Quintet
Physical Structure
Mit »Physical Structure« vom George Otsuka Quintet wurde jetzt via Le Trés Jazz Club ein mächtiger Fusion-Wurf aus dem Jahr 1976 geborgen.
Music Review
Upperground Orchestra
Euganea
Nach sieben Jahren Ruhepause kehrt das von Rabih Beaini geführte Upperground Orchestra mit dem neuen Album »Euganea« zurück.
Music Review
EABS & Tenderlonious
Slavic Spirits
Die polnische Jazzformation EABS haben mit »Slavic Spirits« einen tollen Zweitling vorgelegt. Tenderlonious war auch daran beteiligt.
Music Review
Too Smooth Christ
Density Of Horizon
Sicherlich wird auf Too Smooth Christ’s »Desntiy Of Horizon« das Rad nicht neu erfunden, aber das alte Rad wird neu in Schwung gebracht.
Music Review
Gwakasonné
Vwayajé
Séance Centre veröffentlichen mit »Vwayajé« eine Zusammenstellung mit Highlights der aus Guadeloupe stammenden Band Gwakasonné.
Music Review
Amato & Adriani
Presence Du Futur
Michel Amato, bekannt als The Hacker, und Alessandro Adriani, bekannt als Labelboss von Mannequin, veröffentlichen »Presence Du Futur«.
Music Review
Wilson Tanner
II
Wilson Tanner sind angetreten, um dem Hörer eine gewisse Ruhe zu injizieren. Auf »II« ist ihnen das noch mal besser gelungen.
Music Review
Stereo Total
Ah! Quel Cinéma!
Stereo Total bleiben Stereo Total. Unvergleichlich und sehr, sehr kurzweilig. So auch auf ihrem zwölften Album »Ah! Quel Cinéma!«.
Music Review
Bill Ryder-Jones
Yawny Yawn
Bill Ryder-Jones macht den Brian Wilson und veröffentlicht mit »Yawny Yawn« eine alternative Version seines Albums »Yawn«.
Music Review
Various Artists
Scores
Jordan GCZ, Upsammy, Suzanne Kraft und Parrish Smith liefern die »Scores« für vier kurze Stummfilme aus dem Jahr 1921 nach.
Music Review
S. Moreira
It All Comes Back To Patterns
»It All Comes Back in Patterns«, das Debüt von S. Moreira, ist nichts für Deep House-Apologeten, aber für alle anderen.
Music Review
Bella Vista
Mister Wong
Michel Esteban hat Punk über den Ärmelkanal gebracht, ZE Records gegründet und genau einen Song, »Mister Wong«, als Bella Vista aufgenommen.
Music Review
Nepumuk
Fuereinbreiterespublikum
Auf »Fuereinbreiterespublikum« mag der Rapper Nepumuk kleinlich sein, seiner Kunst schadet es allerdings nicht.
Music Review
Pedro Ruy-Blas
Cyber Dolores
Mit »Cyber Dolores« veröffentlicht Jazzaggression überwiegende instrumentale Aufnahmen des in Spanien populären Sängers Pedro Ruy-Blas.
Music Review
Broken English Club
White Rats II
»White Rats II« ist der zweite Teil einer Trilogie, die der Brite Oliver Ho unter dem Pseudonym Broken English Club veröffentlicht.
Music Review
Sachiko Kanenobu
Misora
Folk aus Japan hat noch keinen großen Verbreitungsgrad. Light In The Attic versuchen dem mit »Misora« von Sachiko Kanenobu entgegenzuwirken
Music Review
Sun Ra
Media Dreams
Unter all den eigenartigen Schallplatten von Sun Ra gehört das 1978 aufgenommene »Media Dreams« zu den eigenartigeren.
Music Review
Trans-4M
Sublunar Oracles
1992 legten Tranns-4M mit »Sublunar Oracles« so etwas wie das belgische »Selected Ambient Works« vor. Jetzt wurde es wiederveröffentlicht.
Music Review
Brief Encounter
We Want To Play
Auf »We Want To Play«, dem 1981er Album von Brief Encounter, trifft melodischer Reichtum auf triefenden Pathos.
Music Review
Identified Patient
Signals In Snakes
Mit »Signals In Snakes« ist Identified Patient bei Dekmantel gelandet und präsentiert auf der Vinyl 12" alles, was den Niederländer ausmacht
Music Review
The Bees
She's A Witch - Tikoloshi
The Bees haben Kwaito antizipiert. Ihr 1988 erschienenes Debüt »She’s A Witch – Tikoloshi« wurde nun auf Afrosynth wiederveröffentlicht.
Music Review
The Black Keys
›Let's Rock‹
Fünf Jahre haben sich The Black Keys Zeit gelassen, um mit »›Let’s Rock‹« Musik vorzulegen, dass wieder so roh wie ihre ersten Alben klingt.
Music Review
Nkono Teles
Party Beats
Beginnend mit »Party Beats« von Nkono Teles veröffentlicht BBE Africa eine Reihe von Releases des nigerianischen Labels Tabansi Records.
Music Review
Prince
Originals
Besser als die »Originale«: »Originals« versammelt eigene Fassungen von Stücken von Prince, die Prince für andere geschrieben hat.
Music Review
DJ Python
Derretirse
»Deep Reggaeton« nennt der New Yorker DJ Python seinen karibisch angehauchten Downtempo. Seine neue EP »Derretirse« ist jetzt erschienen.
Music Review
Sandy B
Qhum Qhaks
»Amajovi Jovi«, sein Debüt von 1994, wurde gerade wiederentdeckt. Nun legt Sandy B, 25 Jahre später, mit »Qhum Qhaks« neues Material vor.
Music Review
Call Super
All We Have Is Speed / All We Have Is Glue – 12"
Simpel, doch voller Details: Die Vinyl 12" »All We Have Is Speed / All We Have Is Glue« ist das erste musikalische Hallo seit 2017.
Music Review
Quantic
Atlantic Oscillations
Sein Sound bleibt vielfältig: Soul, Jazz, Cumbia, Disco und jede Menge Trommeln insd auf »Atlantic Oscillations« von Quantic zu hören.
Music Review
Jean-Luc
Des Litres D'essence
Die neueste Entdeckung von Knekelhuis ist die Band Jean-Luc. Ihre Debüt-EP »Des Litres D’essence« macht Lust auf mehr.
Music Review
Kate Tempest
The Book Of Traps & Lessons
Die Veränderung der Welt geschieht nicht über Manifeste: Mit »The Book Of Traps & Lessons« kehrt Kate Tempest in ihr Inneres ein.
Music Review
Awon
Soulapowa
Die LP zeigt sich als ein Reisebericht des inneren und äußeren Herumkommens, ausgemalt in gedeckten Klangfarben, organisch und warmherzig.
Music Review
The Raconteurs
Help Us Stranger
Nach zehn Jahren kommen The Raconteurs mit ihrem neuen Album »Help Us Stranger« doch noch einmal aus der Versenkung zurück.
Music Review
Glen Velez
Sweet Season
Glen Velez gilt als Meister der Rahmentrommel. Mit »Sweet Season« legt das Label Emotional Rescue jetzt eine Auswahl seiner Arbeiten vor.
Music Review
I Hate Models
L'Age Des Metamorphoses
Darauf haben Raver rund um den Globus jahrelang gewartet: Zum Debüt »L’Age Des Metamorphoses« des französischen Produzenten I Hate Models.
Music Review
Kevin Richard Martin
Sirens
Erstmals veröffentlicht The Bug ein Album als Kevin Richard Martin. Das macht Sinn, denn »Sirens« ist ein sehr persönliches Statement.
Music Review
Mort Garson
Mother Earth's Plantasia
Angenehm blödsinnig vitalisierend: »Mother Earth’s Plantasia« war Mort Garsons musikalischer Kommunikationsversuch mit Zimmerpflanzen.
Music Review
Georgia
Immute
Diese Musik gönnt einem alles und gibt einem nichts: mit »Immute« legen Georgia den Wahnsinn in Form einer Schallplatte vor.