Music Review | verfasst 21.08.2015
AFX
Orphaned Deejay Selek 2006-2008
Warp, 2015
Text Kristoffer Cornils , Übersetzung Julia Frohn
Deine Bewertung:
4.7
Nutzer (3)
6.5
Redaktion
Cover AFX - Orphaned Deejay Selek 2006-2008

Irgendwer muss es mal aussprechen: »Syro« war ganz okay, »Computer Controlled Acoustic Instruments Pt. 2« ein bisschen albern und die Schwemme von Tracks, die Richard D. James durch die Klangclouds jagte, ein durchwachsenes Bündel. Nicht mehr, immerhin aber nicht weniger. James war immer schon ein Mensch, der seine Releases eher als Compilations anging, im Grunde hat er im Laufe seiner Karriere nur zwei Alben veröffentlicht, die sich wirklich so nennen können: »…I Care Because You Do« und »Richard D. James Album«. Weil die allein eine innere Geschlossenheit aufwiesen, wie sie das Albumformat auszeichnet. »Syro« allerdings, das war eine Sammlung von Tracks. Pop-kompatible Archivware, die einigermaßen stringent zusammengestellt wurde, mehr aber auch nicht. Natürlich muss das allein nichts heißen: Aphex Twins Ambient-Alben sind nicht anders entstanden und werden völlig zu Recht als Meilensteine gefeiert. »Syro« jedoch war im Gegensatz zu denen weder in musikalischer Hinsicht sonderlich innovativ, noch zeigte es eine neue Seite des talentierten Mr. James. »Orphaned Deejay Selek 2006-2008«, die erste Veröffentlichung unter James‘ AFX-Alias seit einem Jahrzehnt, trägt seinen Archiv-Compilation-Charakter bereits im Titel und knüpft an eine alte Facette von James‘ Schaffen an. AFX war seit jeher das analoge Acid-Schredder-Alias des skurrilen Schotten, ein Outlet für seine mitunter härtesten, komplexesten Tracks, aber auch, naja, hymnische Töne. Eigenbrötler-Acid. Hardware-Porn. Großer Frickel-Fun in jedem Fall. So beginnt auch »Orphaned Deejay Selek 2006-2008« mit einem echten Spaßmacher: »Serge Fenix Rendered 2«, das wie so oft bei James den Verweis auf verwendete Equipment stolz im Titel nach außen trägt, ist ein rumorig bleepender Acid-Track, der trotz seiner bescheidenen Länge von 3:17 Minuten sich selbst als DJ-Tool eignen würde. Ein strategisch platziertes Highlight. Darauf folgt aber eine zwei Minuten kürzere Ernüchterung: »Dmx Acid Test« ist ein Jam-Track über einem Büchsenbeat, lediglich das Vorspiel für »Oberheim Blacet1b«, das launische Chords gegen aufgekratzte 303-Lines ins Feld führt und auf ratternden Breakbeats endet. »Bonus EMT beats«? Der Titel spricht schon alles aus. »Simple Slamming b 2« rast über zischelnden Hi-Hats durch den gesamten AFX-Kosmos und »Midi Pipe1c sds3time cube/klonedrm« hangelt sich an einem enervierenden Pfeifen-Motiv entlang. Mit über sechs Minuten Spielzeit ist »NEOTEKT72« der längste Track dieser Mini-Compilation aus längst vergangenen Tagen und ziemlich belanglos. Das bisschen Beatspielerei im Schlusstrack weiß das auch nicht mehr zu retten. »Orphaned Deejay Selek 2006-2008« weist zumindest klanglich-stilistisch die Stringenz auf, die »Syro« weitestgehend fehlte. Nur auch das ist nicht immer alles: Ein überzeugendes AFX-Comeback sähe anders aus.

Dein Kommentar
3 Kommentare
24.08.2015 14:26
erkosch:
Richard D. James ist kein Schotte sondern Ire.
Das weiß eigentlich auch jeder der Ahnung von elektronischer Musik hat.
Ein dein Text ist auch nicht gerade "überzeugend".
― antworten
28.08.2015 16:01
Bertolt Brechtakt:
"I Care Because You Do" ist übrigens auch eher Compilation. Da sind Stücke von 1990 bis 1990 drauf und sind zudem sehr unterschiedlich.
Wenn schon Alben, dann "SAW 85-92" (auch wenn hier ein Comp-Charakter durchscheint, ist das Album sehr stringent), "SAW 2", RDJ Album" und "Drukqs" - also eigentlich doch ganz schön viele.
Ansonsten ist RDJ in Limerick, Irland, geboren, in Cornwall aufgewachsen und lebt aktuell in Schottland.

Deine Einschätzung zu "Syro" und "CCAI Pt2" teile ich jedoch.
― antworten
28.08.2015 16:01
Bertolt Brechtakt:
Kleine Typo meinerseits: "I Care Because You Do" beinhaltet Stücke von 1990 bis 1994.
― antworten
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