Music Review | verfasst 16.10.2015
John Carpenter
Lost Themes Remixed
Sacred Bones, 2015
Deine Bewertung:
/
Nutzer
5.2
Redaktion
Cover John Carpenter - Lost Themes Remixed

2015, die alten Meister sind zurück. Das heißt genauer: Die alten Meister sind endlich angekommen. Giorgio Moroder brachte mit »Déjà Vu« sein erstes richtiges Album heraus, Jean-Michel Jarre und selbst Vangelis sind wieder hochaktiv. Auch der Grandseigneur des Horrorfilms und dessen Soundtrack debütierte in diesem Jahr mit »Lost Themes«. So groß das Vermächtnis John Carpenters auch ist, so wurde sein erstes so gesehen rein musikalisches Werk gemischt aufgenommen. Es stellte sich die Frage: Wie gut kann Carpenters Soundentwurf allein seine Wirkung entfalten? Anders gefragt: Wie viel Dramatik ist möglich, wenn niemand schauspielert? Es ist eine Frage, die sich noch dringender bei »Lost Themes Remixed« stellt, für das sich eine Reihe profilierter Artists angemeldet haben: Von Zola Jesus über Blanck Mass bis zur Industrial-Legende JG Thirlwell nehmen sich acht sehr unterschiedliche KünstlerInnen den Carpenterschen Originalen an. Gemeinsam ist jedoch allen der Hang zur Dramatik, zum Düsteren und Abgründigen. Bestes Beispiel: Prurient alias Dominick Fernow, der unter seinem Vatican Shadow-Pseudonym militaristische Ästhetik und kratzigen Techno verschränkt und der von »Purgatory« nur noch sphärischen Noise über lässt. Zola Jesus verpasst ihrer Neubearbeitung von »Night« gemeinsam mit Dean Hurley angefertigten Remix spärlich eingesetzte, verhallte Vocals und damit ungemein mehr bombastisches Pathos. Die beiden Stücke allein machen einen Kontrast auf, der für Carpenter einerseits als Kompliment zu verstehen ist – zeugt der doch von der Vielschichtigkeit des Komponisten –, andererseits aber auch das zentrale Problem von »Lost Themes Remixed« zum Ausdruck bringt: Es wird viel nach Effekten gehascht. Unterirdisch der brosteppige Remix des Skinny Puppy-Sängers ohGr, belanglos die Beiträge von Silent Servant, Uniform und Blanck Mass, überdreht JG Thirlwells Neuinterpretation von »Abyss«. Spannend wird es erst wieder bei Bill Kouligas, der den letzten Track einem Elektroakustik-Treatment unterzieht, das ganz subtil seine eigene Dramatik entfaltet. Solche Momente finden sich zu wenige auf »Lost Themes Remixed«: Wenn die Formeln mal außer Acht gelassen werden und sich dafür eigene Formen etablieren.

Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 06.03.2014
Marissa Nadler
July
Marissa Nadlers sechstes Album »July« verbindet Folk mit der bedrohlichen Stimmung von Doom-Metal.
Music Review | verfasst 01.05.2015
Moon Duo
Shadow Of The Sun
Für Geisterfahrten wärmstens empfohlen: Den Psycherockern Moon Duo gelingt mit »Shadow Of The Sun« ihr schnittigster Release bislang,
Music Review | verfasst 09.06.2015
Jenny Hval
Apocalypse, girl
Hval kotzt sich nicht aus, sie fragt. Antworten ergeben sich, indem man ihr folgt: in’s Unangenehme. Am Ende weiß man, was untergehen soll.
Music Review | verfasst 25.08.2016
Exploded View
Exploded View
Annika Hendersons Stimme. Eine Stimme, die gerade deshalb so beeindruckt, weil man nicht zuordnen kann, warum.
Music Review | verfasst 30.09.2016
Jenny Hval
Blood Bitch
Mehr Melodien, mehr Blut, mehr Pop: Jenny Hval lässt es auf ihrem neuen Album etwas lockerer an gehen. Der Musik tut das gut.
Music Review | verfasst 03.02.2017
Moon Duo
Occult Architecture Vol.1
Obwohl Moon Duo mit ihrer Musik im Maskulinitäts-Genre verwurzelt sind, gibt es auf »Occult Architecture Vol.1« keinerlei Macho-Gehabe.
Music Review
Bitchin Bajas
Bajas Fresh
Zeitgemäßes Hippietum: Mit »Bajas Fresh« wachsen Bitchin Bajas noch einmal ein bisschen über sich hinaus.
Music Review
Sharon Jones & The Dap-Kings
Soul Of A Woman
Vor genau einem Jahr ist Sharon Jones verstorben. Nun erscheint ihr letztes, wieder mit den Dap-Kings eingespieltes Album »Soul Of A Woman«.
Music Review
Brian Blade & The Fellowship Band
Body And Shadow
»Body And Shadow«, das fünfte Album von Brian Blade & The Fellowship Band, ist ein ob seiner Kürze umso entschlossener wirkendes Album.
Music Review
M.E.S.H.
Hesaitix
Aus »Hesaitix« nimmt M.E.S.H. Abstand von den brutalen Klangdekunstruktionen vergangener Veröffentlichungen.
Music Review
Various Artists
Pantsula!
DJ Okapi und Antal haben für Rush Hour die Compilation »Pantsula! – The Rise of Electronic Dance Music in South Africa« zusammengestellt.
Music Review
Keiji Haino, Jim O'Rourke & Oren Ambarchi
This Dazzling, Genuine »Difference« Now Where Shall It Go?
Auf »This Dazzling, Genuine ›Difference‹ Now Where Shall It Go?« finden sich Keiji Haino, Jim O’Rourke und Oren Ambarchi erneut zusammen.
Music Review
Call Super
Arpo
Überraschen geht immer noch. Auch in der elektronischen Musik. »Arpo«, das neue Album von Call Super, überrascht.
Music Review
Gabor Szabo
Dreams
Es muss ja eben nicht immer voran gegangen werden, wenn Ort und Stelle genießbar sein sollen.
Music Review
Angel Olsen
Phases
»Phases« zeigt zwischen 2010 und 2016 entstandenes Material der Sängerin und Songwriterin Angel Olsen.
Music Review
Serge Gainsbourg & Jean-Claude Vannier
Les Chemins De Katmandou
Würde man 10km gegen jeden Pot-Smoke erkennen als Album der beiden. Musste aber erstmal aus den Flammen gerettet werden.
Music Review
Spirit Fest
Spirit Fest
Wenn hier »Supergroup« auf dem Beilagenzettel steht, bekommst du eine Gruppe Musiker ohne Allüren: Zum Debüt von Spirit Fest.
Music Review
Spinning Coin
Permo
Für ein Debüt erstaunlich ausgereift: Spinning Coin ist mit »Permo« ein abwechslungsreiches Album gelungen.
Music Review
Eye
Cocktail Mexico
Unwiderstehlich, aber nicht unabdingbar: Eye legt nach ihrem umwerfenden Debüt-Album eine EP vor.
Music Review
Various Artists
Studio One Black Man's Pride
Die 18 Songs auf »Studio One Black Man’s Pride« legen, jeder auf seine Weise, Zeugnis von schwarzem Selbstbewusstsein ab.
Music Review
Felix Kubin
Takt der Arbeit
Felix Kubin hat sich für »Takt der Arbeit« den Rhythmus der kapitalistischen Gegenwartsökonomie zum Vorbild genommen.
Music Review
Coil
Time Machines
Die knapp 20 Jahre, die das 1998 erstmals veröffentlichte »Time Machines« von Coil mittlerweile alt ist, hört man ihm an keiner Stelle an.
Music Review
Various Artists
Jukebox Mambo Vol.3
Seit 2012 stellt DJ Liam Large die »Jukebox Mambo«-Reihe zusammen und dokumentiert nun erneut die Bandbreite dieser ungewöhnlichen Klänge.
Music Review
Curtis Harding
Face Your Fear
Diese Stimme und die Produktion machen »Face Your Fear« von Curtis Harding zum Retro-Album des Jahres.
Music Review
Helena Hauff
Have You Been There, Have You Seen It
Jede Synthesizerspur eine metallische Blubbersequenz: »Have You Been There, Have You Seen It« von Helena Hauff endet viel zu rasch.
Music Review
Gregory Porter
Nat »King« Cole & Me
Gregory Porter huldigt gemeinsam mit dem London Symphony Orchestra auf »Nat King Cole & Me« seinem Vorbild. Das gelingt nur teilweise.
Music Review
Visionist
Value
Auf seinem zweiten Album »Value« entwickelt Visionist seinen kristallinen High-Fidelity-Noise konsequent weiter.
Music Review
Grandbrothers
Open
»Operation am offenen Herzen eines Flügels«: das Düsseldorfer Duo Grandbrother hat ihr zweites Album »Open« veröffentlicht.
Music Review
Sugai Ken
UkabazUmorezU
Um die Nacht geht es auf »UkabazUmorezU«, dem wohl fünften Album des Japaners Sugai Ken. Um die Nacht geht es ihm insgesamt in seiner Musik.
Music Review
Högni
Two Trains
Ein Album zu Ehren von Minør und Pionér. Den einzigen beiden Eisenbahnen, die je auf isländischem Boden fuhren.
Music Review
Fünf Sterne Deluxe
Flash
Fernab von Trends oder Relevanz ist »Flash«, das neue Album von Fünf Sterne Deluxe, genau das, was man erwarten durfte: ein großer Spaß.
Music Review
Serge Bulot
Les Legendes De Brocéliande
Ein ätherisch schönes Album irgendwo zwischen Leftfield-Ambient, New Age-Pathos und Electronic Jazz.
Music Review
Itadi K. Bonney
Inye
»Inye« von Itadi ist nun neu gemastert und um zwei bislang unveröffentlichte Tracks ergänzt auf Hot Casa erschienen.
Music Review
Zugezogen Maskulin
Alle Gegen Alle
Wie schwer es ist, seinen Platz zu finden und dann zu halten – davon wissen Zugezogen Maskulin zu erzählen.
Music Review
Lee Gamble
Mnestic Pressures
Die Rache der Erinnerung. Irgendetwas lastet auf dem Gedächtnis. »Mnestic Pressure« dazu zu sagen, klingt allerdings wesentlich besser.
Music Review
Four Tet
New Energy
Die dritte Inkarnation des Four Tet haut eher nicht vom Hocker. Doch »New Energy« ist immer noch eine verdammt gute Platte.
Music Review
Tresque
Lensomni EP
Minimalistischer Techno im Thomas Brinkmann’schen Sinne findet sich auf der »Lensomni EP«, der erst zweiten Veröffentlichung von Tresque.
Music Review
Beck
Colors
Beck greift auf seinem neuen Album »Colors« so schamlos wie nie zuvor in die bunte Trickkiste des Pop.
Music Review
Fatima Al Qadiri
Shaneera EP
Das ist ganz große, hochartifizielle Ausrast-Kunst und selbstverständlich ein politisches Statement. Und dazu ein wichtiges.
Music Review
King Gizzard & The Lizard Wizard
Sketches Of Brunswick East
»Sketches Of Brunswick East« ist zurückgelehnter und nicht ganz so überdreht, wie von King Gizzard & The Lizard Wizard gewohnt.
Music Review
Juju & Jordash
Sis-Boom-Bah
Juju & Jordash neues Album folgt dem klassischen Jam-Prinzip. Klingt aber von langer Hand geplant.
Music Review
Various Artists
Digital Zandoli 2
Julien Achard und Nicolas Skliris haben für »Digital Zandoli 2« weitere musikalische Schätze von den Westindischen Inseln gehoben.
Music Review
Cuthead
Big Time EP
Auf seiner neuen EP für Rat Life Records bricht Cuthead aus seinen gewohnten Strukturen aus. Weniger soulful soll es sein. Ob das gutgeht?
Music Review
Radiante Pourpre
Radiante Pourpre
Nicht ist heißer als die Tape-Ästhetik der 80er. Alle verbrennen sich die Finger daran. Außer die beiden Hommes aus Bordeaux.
Music Review
Various Artists
Studio One Supreme
Mit »Studio One Supreme« bekommt man jetzt Spätsiebziger- und Frühachtziger-Material des damaligen state of the art der Reggaeproduktion.
Music Review
Million Brazilians
Red Rose & Obsidian
Das Album des Trios aus Portland ist eines, das sich aus dem Fenster lehnt und seinen Kopf im Sturm wiederfindet
Music Review
Abra
Rose
»Rose«, das herzerwärmenden Soul mit kalten Maschinenklängen zusammenzubringende Debüt von Abra, erscheint erstmals auf Vinyl.