Music Review | verfasst 16.11.2015
Mathias Delplanque
Drachen
Mind Travels/Ici D'Ailleurs, 2015
Text Peter Gebert
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Redaktion
Cover Mathias Delplanque - Drachen

Ein neues Album von Mathias Delplanque ist immer für eine Überraschung gut. Ohne sich auf konzeptuelle Anordnungen als Sprungbrett zu verlassen entdeckt der Mann aus Nantes immer wieder neue musikalische Seiten an sich. Ihm genügen Veränderungen im instrumentalen Setup. Diesmal sind es vor allem Saiteninstrumente, die geschichtet und live-elektronisch bearbeitet neues Territorium erschließen: Gitarre, Bass, die westafrikanische Kora, zu denen sich Melodika, Synths, punktuelle Field Recordings gesellen. Und Handy-Interferenzen, die als produktive Fehlerquellen dienten, was für den Hörer nicht unmittelbar aufzuschlüsseln ist. Ob sie für die sirrende Kühle, die knisternde elektrische Spannung verantwortlich sind, die das Album durchfließt? Die sieben Drachen kommen als brütende, rollende, wälzende Drones (Part 1), unter ihren Nüstern glimmen Akkorde weg zu Krümeln und Rauch (Part 2), sie fingern durch Feedbacks in wirbelnden Flocken (Part 3), einer erinnert sich mit Wehmut ans Klackern der Webstühle auf »Transmissions« (dem Vorgänger auf Crónica) (Part 5), Part 6 bringt tubulare Klänge, vor allem aber reine, atmende, vibrierende Präsenz zu Gehör, im letzten Teil gleiten Synth-Frequenzen an ihnen hinab und spülen uns ihre gläsernen Federn um die Füße. Ein Rilke-Zitat ist dem Album an die Seite gestellt: »Vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten uns einmal schön und mutig zu sehen«. Da ahnt man, als Fennesz-Hörer hier richtig zu liegen, und das gilt um so mehr, als Mathias Delplanque es gelingt, keine Verwechslungsgefahr aufkommen zu lassen. »Gandefabou«, der abschließende Nachgedanke in Form einer kleinen Ode an einen Ort in Burkina Faso (Deplanque wurde in Ouagadougou geboren), korrespondiert dagegen in seiner tief entspannten Ruhe auf eigentümliche Weise mit Springintguts »Ode to Yakushima«: Ferne Sehnsuchtsorte, an denen der innere Drache endlich Schlaf finden mag. Auf dass sie unentdeckt bleiben.

Das Album »Drachen« von Mathias Delplanque findest du demnächst bei hhv.de.
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