Music Review | verfasst 01.02.2016
Ánde Somby
Yoiking With The Winged Ones
Ash International, 2016
Text Peter Gebert
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Nutzer (3)
8.1
Redaktion
Cover Ánde Somby - Yoiking With The Winged Ones

Im Film »Die blinde Sängerin« des Südkoreaners Im Kwon-Taek gibt es eine eindrückliche Szene. Über einem einsamen, frostbedeckten Tal bricht im Gesang der des Augenlichts beraubten Titelfigur ihre ganze Not durch. Wie sie, hören wir im Widerhall ihrer Töne die gleichmütige Antwort von Natur und Raum, und erfahren in diesem Moment Trost. Die Urkraft dieses Dialogs ist eine universelle. Nirgendwo ist er jedoch so sehr Bestandteil kultureller Praxis wie bei den Samen, den Ureinwohnern Lapplands. Die vokale Tradition des Joiks, die Ánde Somby (sonst Jura-Professor an der Universität Tromsø) hier vorstellt, ist mehr als einfach Musik. Er ist beschwörende Kontaktaufnahme, mit Tieren und der Natur, mit Elfen (deren Geschenk er sein soll), oder den Ahnen. Und so findet der Joik grundsätzlich in der freien Landschaft statt, sich mit ihr verbindend. Die vorliegenden Aufnahmen entstanden an einem Bergsee auf den Lofoten, im Juni, bevölkert von Zugvögeln (die »Geflügelten« des Titels). Es ist keinem geringeren als Chris Watson zu verdanken, dass wir vergessen, dass es wir sind, die hier blind sind: Neben Joiker und Vogelwelt, Weite und Echo glauben wir noch die Saiblinge im Wasser und die Grüntöne der Hänge, ja Luftfeuchtigkeit und Sonnenstand wahrzunehmen. Gewissermaßen ersetzt Ánde Somby hier die Geier, Insekten oder die Löwin in klassischen Field Recordings Chris Watsons, wird selbst Teil der arktischen Fauna. Ánde Sombys drei Eigenkompositionen (es ist eben auch Musik!) entwickeln nun für sich schon eine hypnotische Präsenz. Was ihn von anderen unterscheidet, die den ursprünglichen Joik in die moderne Zeit tragen, ist seine besondere Art, die Stimme über ihre Grenzen hinauszutreiben. Und so füllt seine Verwandlung von Mensch zu Tier und wieder zurück im traditionellen Wolfs-Joik nicht nur die B-Seite. Sie erfüllt auch uns, mit Schauer über diese Urkraft, mit der hier etwas nach außen bricht. Es ist kein Wolf, und Not ist es auch nicht. Wir wissen nicht, was es ist. Aber wir kennen es.

Das Album »Yoiking With The Winged Ones« von Ánde Somby findest du bei hhv.de: LP
Dein Kommentar
1 Kommentare
04.02.2016 16:04
Giinu:
Superb
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