Music Review | verfasst 04.04.2016
Babyfather
BBF Hosted By DJ Escrow
Hyperdub, 2016
Deine Bewertung:
6.5
Nutzer (2)
8.7
Redaktion
Cover Babyfather - BBF Hosted By DJ Escrow

»This makes me proud to be British. This makes me proud to be British. This makes me proud to be British…« Ad infinitum, ad nauseam. Der Pressetext zum Debütalbum des neuen Dean Blunt-Projekts Babyfather schreibt die in drei Tracks quälend oft geloopte Aussage dem Schauspieler Idris Elba zu. Der wurde bereits in einem Blunt-Video mit einer Interview-Passage zitiert, laut welcher ihm die Musik des ehemaligen Hype Williams-Mitglieds zu experimentell sei. Was nun? »BBF Hosted By DJ Escrow« zeigt sich ähnlich abstrus wie jedes andere Blunt-Album auch. Noch dringlicher allerdings als sonst stellt sich die Frage: Was soll das eigentlich? Aber zuerst die Fakten: Die Vorab-Single »Meditation« mit Arca ist eine der drei auf stolze 23 Tracks verteilte gemeinsamen Kollaborationen, dazu gesellt sich eine Zusammenarbeit mit der Klangkünstlerin Mica Levi alias Micachu und der mysteriöse DJ Escrow, der vielleicht als eine Art fiktiver Pirate Radio-DJ die Moderation der Stücke übernimmt. Die beziehen sich eher auf US-Hip Hop in diversen Spielarten als auf den Sound des Hardcore Continuums, über die Blunt mit monotoner oder auf Quasimoto-Level gepitchte Stimme zum Teil völlig auswechselbare und dennoch opake Lyrics rappt. Aber was hat der The Wire-Darsteller und James Bond-Anwärter Elba damit zu tun? Vielleicht ist es gerade die ständige Zuschreibung von schwarzen Stereotypen, die Elba in den Augen einer weißen Mehrheitsgesellschaft einerseits für eine von race-Konflikten geprägten Drogen-Serie, nicht aber als Daniel Craig-Nachfolger taugen lassen – obwohl ihn die Queen in diesem Jahr höchstpersönlich zum Officer of the British Empire ernannte. Vom Projekttitel Babyfather über die Wahl von Hip Hop als Hauptsoundquelle – wie viel bei Blunt selbst produziert und was schlicht als Readymade verwendet ist, bleibt wie immer im Dunkeln – bis hin zum Outro, einem Rant Escrows über gesellschaftliche Segregation und wie Clubkultur als Vorbild für politisches Denken und Handeln fungieren kann, spielt Blunt eine Vielzahl von Stereotypen aus, um sie im selben Moment wieder entgleisen zu lassen. Entweder musikalisch mit Harsh Noise-Einsätzen oder eben mit flammenden Plädoyers, deren Naivität gegen ein von Austerität und immer deutlicher werdendem Rassismus geprägtes Großbritannien hilflos dasteht. Die cool-distanzierte Haltung Dean Blunts ist womöglich nur letzter künstlerischer Ausdruck einer großen identitären Verwirrung. Nicht zwangsläufig Blunts selbst, sondern Großbritanniens als solches. Das ganze Unbehagen einer Kultur, kanalisiert durch 23 ins Nirgendwo laufende Songs. Wer könnte darauf schon stolz sein?

Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Bericht | verfasst 26.11.2013
Dean Blunt
Live am 20.11. im Gewölbe in Köln
Dean Blunt trat, so stand es schwarz auf weiß, am 20. November im Gewölbe auf, unter den Gleisen des Kölner Westbahnhofs. Aber war er wirklich? So entscheidend diese Frage klingt, eine andere Frage war viel wesentlicher.
Music Review | verfasst 25.08.2017
Hype Williams
Rainbow Edition
Hype Williams melden sich mit »Rainbow Edition« zurück und bringen wieder ein paar Mysterien in unseren entzauberten Alltag.
Music Kolumne | verfasst 11.12.2013
2013
Die 50 Alben des Jahres (Teil 1)
Es war ein richtig gutes Jahr für alle Musikconnaisseure. Wir haben uns durch Alben und Mini-Alben gehört und 50 Highlights zusammengetragen. Lest hier Teil 1 der Liste…
Music Kolumne | verfasst 31.12.2013
Zwölf Zehner
Jahresrückblick 2013 (Teil 2)
Streitbar, scheuklappenfrei, hart und herzlich, House und R&B, Hip-Hop, Trap, Kanye und Post-Everything. Das Kolumnen-Duo plus Kunze schließt das Jahr 2013 mit einer Auswahl seiner 50 liebsten Tracks ab.
Music Kolumne | verfasst 12.11.2014
Zwölf Zehner
Oktober 2014
Willkommen im November. Doch vorher lassen unsere Kolumnisten vom Dienst den Monat Oktober musikalisch Revue passieren und destillieren in ihrer Kolumne Zwölf Zehner die wichtigsten zehn Tracks des Monats.
Music Kolumne | verfasst 08.12.2016
Jahresrückblick 2016
Top 50 Alben
Vielleicht ist es das Einzige, das man zu einer Liste mit Schallplatten zu diesem Jahr 2016 sagen kann, in der man nicht einfach nur über Musik reden kann: dass es bereichert, diesen 50 Alben (und 2 Mixtapes) zuzuhören.
Music Review
Brötzmann / Leigh
Sparrow Nights
Im Widerspiel von Harmonie und Kakofonie wird auf »Sparrow Nights« von Peter Brötzmann und Heather Leigh ein Lied unserer Gegenwart gesungen
Music Review
Best Available Technology
Enginetics & Plasmalterations
Schicht auf Schicht moduliert Best Available Technology auf »Enginetics & Plasmalterations« seine Stücke und ist dabei besser denn je.
Music Review
Takehisa Kosugi
Catch-Wave
Wenn nur die Idee zählt, der Mut, dann gehört »Catch-Wave« von Takehisa Kosugi zu den besten musikalischen Werken der Avantgarde.
Music Review
Hieroglyphic Being & The Truth Theory Trio
Journey Through The Outer Darkness From The Inner Light
»Journey Through The Outer Darkness From The Inner Light« ist der achte (!) Release von Hieroglyphic Being im Jahr 2018 – und sein bester.
Music Review
Nels Jenstad
Ships/Moondog
Auf Fri Form sind mit »Ships/Moondog« jetzt zwei Stücke des Musikers Nels Jenstad veröffentlicht worden.
Music Review
Veronica Vasicka
In Silhouette
Seit 13 Jahren veröffentlicht Veronica Vasicka die Musik anderer. Nun ist erstmals eines ihrer eigenen Stücke veröffentlicht worden.
Music Review
Os Catedraticos
Ataque
Das erstmals 1965 veröffentlichte Album »Ataque« von Eumir Deodatos’ Os Catedraticos wurde bei Far Out wiederveröffentlicht.
Books Review
Brüno & Hervé Bourhis
Black & Proud
Das Buch »Black & Proud« spürt den Weg vom Blues zum Rap nach. Die deutschsprachige Ausgabe erschien vor kurzem im Berliner Avant-Verlag.
Music Review
Love Songs
Inselbegabung
Jeder der drei Tracks auf der neuen EP »Inselbegabung« von Love Songs schreit direkt: Kunst!
Music Review
Félicia Atkinson & Jefre Cantu-Ledesma
Limpid As The Solitudes
Félicia Atkinson und Jefre Cantu-Ledesma tun sich wieder zusammen. »Limpid As The Solitudes« versammelt Musik über bessere Zeiten.
Music Review
Pearson Sound
Rubble
Auf der Vinyl 12" »Rubble« sind gleich drei neue Tracks von Pearson Sound vertreten. Ein weiterer Vorgeschmack auf ein zweites Album?
Music Review
Garrett
Private Life II
Flächiger, verspielter, ein bisschen mehr Jazz liefert Dâm-Funk unter dem Pseudonym Garrett auf seinem Album »Private Life II«.
Music Review
Afro National
African Experimentals (1972-1979)
Die Musik von Afro National aus Sierra Leone kann nun auf »African Experimentals (1972-1979)« wieder nachgehört werden.
Music Review
Indio
Inca
Delsin legt drei Tracks von John Beltrans Indio-Projekt mit Sam McQueen und Seth Taylor sowie eine Solo-Produktion neu auf.
Music Review
Ric Kaestner
Music For Massage II
Auf »Music For Massage II« entschleunigte Ric Kaestner 1983 seine Musik so dermaßen, dass sie schwebt und nur so in der Luft liegt.
Music Review
Brown Sugar
I'm In Love With A Dreadlocks
Sie waren in den ausgehenden Siebzigern Pionierinnen des britischen Reggae. Soul Jazz widmet Brown Sugar eine Retrospektive.
Music Review
Mansur Brown
Shiroi
Für sein Debüt »Shiroi« hat der Gitarrist Manusr Brown den Pianisten Robert Glasper und den Bassisten Thundercat gewonnen.
Music Review
Black Merlin
Kosua
Für »Kosua« begab sich Black Merlin in den Urwald Papua-Neuguineas und zeichnete das Konzert von Insekten, Vögeln, Pflanzen und Winden auf.
Music Review
Drew McDowall
The Third Helix
Psychedelisches aus dem Computer: Coil’s Drew McDowall legt mit »The Third Helix« sein drittes Soloalbum vor.
Music Review
Jean C. Roche
Birds Of Venezuela
Auf »Birds Of Venzuela« ist drin, was draufsteht. Doch jetzt dranbleiben, denn was du da zu hören bekommst, ist von entwaffnender Schönheit.
Music Review
SHXCXCHCXSH
OUFOUFOF
SHXCXCHCXSH brechen auf »OUFOUFOF« noch radikaler mit gängigen Erwartungen an pulsierende Beats und tiefenwirksame Melodien.
Music Review
Exael
Collex
Huerco S. nimmt das Projekt Exael unter Vertrag. Das Album »Collex« bietet auf den ersten Blick Entspannung und auf den zweiten noch mehr.
Music Review
K. Leimer
Music For Land And Water
Damals Notbremse, heute Rückwärtsgang: Das Reissue von K. Leimers »Music For Land And Water« kommt gerade zur rechten Zeit.
Music Review
Bayete
Blue Monday/Open Your Heart (Vula)
Mit der Vinyl 12" »Blue Monday/Open Your Heart (Vula)« gelang Bayete 1986 der Durchbruch. Der Weg bis dato war steinig und schwer.
Music Review
Ströer Duo
Fluchtweg Madagaskar
Ungezwungen virtuos hatten das Ströer Duo auf ihrem Debüt »Fluchtweg Madagaskar« bereits ihre Ausnahmequalitäten konsolidiert.
Music Review
Thurston Moore
Klangfarbenmelodie
Feedback ist Trumpf. Mit »Klangfarbenmelodie« werden alte Aufnahmen von Thurston Moore und Tom Surgal wiederveröffentlicht.
Music Review
The Good, The Bad & The Queen
Merrie Land
The Good, The Bad & The Queen veröffentlicht ihr zweites Album »Merrie Land«. Das zeigt, wie aktuell noch immer das 11 Jahre alte Debüt ist.
Music Review
Various Artists
M/N
Mit der siebten Compilation »M/N« erlebt Mélodies Souterraines wohl seinen »Café del Mar«-Moment. Was in dem Fall nichts Schlechtes heißt.
Music Review
Michele Mercure
Beside Herself
In der Flut minimalistischer Synthesizermusik sticht Michele Mercure heraus. RVNG Intl veröffentlicht mit »Beside Herself« eine Werkschau.
Music Review
Khidja
Impossible Holidays Remixes
Über ein Jahr nach dem Erscheinen von Khidjas »Impopssible Holidays« schiebt Hivern Disc nun eine Remix-EP hinterher.
Music Review
Maisha
There Is A Place
Das britische Jazz-Sextett Maisha zeigt auf »There Is A Place« wie der Spiritual Jazz in die Jetztzeit zu transportieren ist.
Music Review
Vaudou Game
Otodi
Westafrikanische Musik ist in aller Ohren, Togo wird dabei oft ausgespart. Schade eigentlich. Peter Solo’s Vaudou Game sollte man hören.
Music Review
Mall Grab
How The Dogs Chill Vol.1
Der australische Überflieger Mall Grab hat etwas zu beweisen und deshalb mit Looking For Trouble ein eigenes Label gestartet.
Music Review
Carsten Erobique Meyer
Tatortreiniger Soundtracks
Die »Tatortreiniger Soundtracks« von Carsten Meyer sind jetzt erschienen. Sie zeigen, dass Soundtracks deutscher Fernsehserienetwas taugen.
Music Review
Roc Marciano
Behold A Dark Horse
Die Beats auf »Behold A Dark Horse« gehören zum Besten, was Roc Marciano bislang veröffentlicht hat. Es gibt aber auch Schwächen…
Music Review
Julien Dyne
Teal
»Teal«, das neue Album des Neuseeländers Julien Dyne, ist eine überzeugende Verarbeitung globaler Beats.
Music Review
Charles Bradley
Black Velvet
Vor genau einem Jahr starb Charles Bradley. Nun veröffentlicht Dunham mit »Black Velvet« eine Sammlung von Raritäten, Singles, Bonus Tracks.
Music Review
Bill Ryder-Jones
Yawn
Entgegen dem Titel ist »Yawn«, das vierte Album des ehemaligen The-Choral-GItarristen Bill Ryder-Jones, keineswegs zum Gähnen.
Music Review
Various Artists
JD Twitch presents Kreaturen der Nacht
Der Brite JD Twitch hat für »Kreaturen der Nacht« wirklich ein paar weniger bekannte Stücke aus dem West-Berlin der 1980er Jahre entdeckt.
Music Review
Dead Can Dance
Dionysus
Mit eindrucksvoller Seriosität streben Dead Can Dance auf »Dionysus« nach dem Transzendenten und bleiben ihren Anhängern nichts schuldig.
Music Review
The Gongs Gang
Gimme Your Love
Best Record Italy veröffentlicht die Single »Gimme Your Love«, die einzige Hinterlassenschaft der Band The Gongs Gang.