Music Review | verfasst 23.05.2016
Suzanne Ciani
Buchla Concerts 1975
Finders Keepers, 2016
Text Kristoffer Cornils
Deine Bewertung:
/
Nutzer
8.7
Redaktion
Cover Suzanne Ciani - Buchla Concerts 1975

Es braucht manchmal Revivals von Maschinen, um in Vergessenheit geratene Menschen wieder zum Vorschein zu bringen. Viel wurde in den letzten Jahren über modulare Synthesizer geschrieben und nicht selten kamen sie wieder zum Einsatz. Ob auf dem Techno-Floor oder im White Cube, das Knöpfchendrehen und Kabelpatchen alter Zeiten erlebt eine Renaissance. Suzanne Ciani ist eine der Figuren, die damals im Schatten vor allem ihrer männlichen Kollegen verschwand. Dabei hat die Komponistin, deren Auftragsarbeiten sich von Star Wars bis Coca Cola-Werbungen allein beeindruckend genug lesen, nicht nur den Grundstein für ein ganzes zur Lebenseinstellung mutiertes Genre – New Age – gelegt, sondern auch den Buchla-Synthesizer gemeistert. Das System, das im Kampf um das öffentliche Interesse damals dem leichter zu bedienenden, mit einer Klaviertastur versehenen Moog-Synthesizer unterlag, entsprang der sogenannten West-Coast-Philosophie, wie sie im kürzlich erschienenen Dokumentarfilm »I Dream Of Wires« erklärt wurde: Der Buchla sollte ein radikal neues Instrument sein, mit dem völlig neue Musik möglich wurde. Ciani entstammt genau diesem von Hippies geprägtem Umfeld und beschäftigte sich bereits früh mit dem Buchla. Nach einigen Neuveröffentlichungen aus ihrem breiten Backkatalog legt das Label Finders Keepers nun zwei Live-Aufnahmen aus dem Jahr 1975 neu auf, die Cianis Können und ihren leichthändischen Umgang mit dem komplizierten Gerät eindrucksvoll einfangen. In jeweils gut 20 Minuten – die ersten aufgenommen in einem Musikgeschäft, die anderen im Loft von niemand geringerem als Phill Niblock – reizt Ciani die Möglichkeiten des Buchlas in einer Form aus, die gleichzeitig rhythmische Abschweifungen erlaubt, wie sie doch von einer subtilen Formstrenge zusammengehalten wird. Insbesondere die erste Seite dreht dabei in fast tranceartige Spiralsounds ab, verliert aber nie die Bodenhaftung. Die zweite, etwas verrauschte Aufnahme aber zeigt Ciani als Instantkomponistin, die große Erzählstrukturen aus internen Spannungen aufbauen kann. Derweil das beste auf modularen Synthesizern geschriebene Album des Jahres wohl Kaitlyn Aurelia Smiths großartiges »EARS« ist, könnte sich Ciani mit diesen fantastischen Mitschnitten die Pole Position der Reissues sichern. Selbst 40 Jahre später wird darin die West-Coast-Philosophie wieder hörbar: Die sphärisch dichten »Buchla Concerts 1975« klingen auch heute noch wie das Versprechen einer völlig neuen Musik.

Das Album »Buchla Concerts 1975« von Suzanne Ciani findest du bei hhv.de auf LP.
Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 12.04.2012
Suzanne Ciani
Lixivitation
Mit diesen Aufnahmen hat Finders Keepers ein weiteres bedeutendes Puzzleteil zum Verständnis zeitgenössischer Musik aufgetrieben.
Music Kolumne | verfasst 15.12.2016
Jahresrückblick 2016
Top 50 Reissues
Wir hatten in diesem Jahr mehr Schwierigkeiten uns auf die essentiellen Reissues festzulegen als auf die besten Neuerscheinungen. So viel teures Wishlist-Material wurde dieses Jahr wiederveröffentlicht. Aber hier ist sie nun: unsere Top 50.
Music Review | verfasst 19.09.2016
Kaitlyn Aurelia Smith & Suzanne Ciani
Sunergy
Für die neueste Ausgabe der FRKWYS-Reihe auf Rvng Intl fanden sich Kaitlyn Aurelia Smith und Suzanne Ciani zusammen.
Music Review | verfasst 23.12.2011
Jean-Claude Vannier
Electro-Rapide
Jean-Claude Vannier ist einer der einflussreichsten und dennoch am wenigsten bekannten französischen Songwriter.
Music Review | verfasst 01.02.2013
Various Artists
Man Chest Hair
Es röhrt, brummt und knallt wie man das von motorisierten Musikliebhabern mit Brustpelz und Bierfahne erwarten kann.
Music Review | verfasst 11.07.2014
Bruno Nicolai
The Case Of The Bloody Iris
Kultig zwar, aber durchwachsen. Die Filmmusik »The Case Of The Bloody Iris« von Bruno Nicolai, kann nur zum Teil ohne die Bilder überzeugen.
Music Review | verfasst 16.12.2014
Emerald Web
Whispered Visions
Finders Keepers hat das zweite Album des musizierenden Ehepaares Emerald Web, »Whispered Visions«, wiederveröffentlicht.
Music Review | verfasst 19.12.2014
Various Artists
Science Fiction Park Bundesrepublik
MIt der Compilation »Science Fiction Park Bundesrepublik« hat Felix Kubin erneut hörenswerte DIY-Musik der 1980er Jahre zusammengestellt.
Music Review
Kris Baha
My Master
Klingt wie eine Reissue auf Dark Entries, ist aber einfach nur Kris Baha in Höchstform. Zu seiner neuen Vinyl 12" »My Master« auf Pinkman.
Music Review
Sunn O)))
Life Metal
Sunn O))) sind zurück mit neuem Album und erfüllen sich auf »Life Metal« den Traum einer Zusammenarbeit mit Produzentenlegende Steve Albini.
Music Review
Biosphere
The Senja Recordings
Mit »The Senja Recordings« legt Biosphere eine Art klangliches Tagebuch ab, das drei Jahre auf der norwegischen Insel dokumentiert.
Music Review
Du Du A
Du Du Archive 1984-1989
Auf Discom sind nun Aufnahmen erschienen, die die Belgrader Band Du Du A zwischen 1984 und 1989 produzierten – aber nie veröffentlichten.
Music Review
E.M.U.
Electro Music Union, Sinoesin & Xonox Works 1993-1994
Damiano van Erckert bringt Musik von J.M. Adkins an die Oberfläche, die er 1993-94 als Electro Music Union, Sinoesin und Xonox produzierte.
Music Review
Kym Amps
You Don't Know My Name (But I Know You)
Kym Amps lieh der Musik von David Watts und Andrew Birtles ihre Stimme, veröffentlicht werden die Stücke aus den 1980ern erst jetzt.
Music Review
Damon Locks & Black Monument Ensemble
Where Future Unfolds
Mit »Where Future Unfolds« hat Damon Locks und sein Black Monument Ensemble ein deutliches politisches Statement gesetzt.
Music Review
Denzel Curry
Zuu
Im letzten Jahr war »TA1300« vielleicht das beste Rapalbum. Natürlich würde es schwer für Denzel Curry sein, mit »Zuu« nachzulegen.
Music Review
Jay U Xperience
Abuja
Mit dem 1993 entstandenen »Abuja«, bringt Left Ear Records den eigenwilligen Purismo-Sound von Jay U Xperience zurück auf die Bildfläche.
Music Review
Robag Wruhme
Venq Tolep
Robag Wruhme ist wieder gelandet. »Venq Tolep« ist der längst überfällige Nachfolger zu »Thora Vukk« und übertrifft die Erwartungen.
Music Review
88:Komaflash
Eremiten Im Wohnzimmer
Die LP ist eine verdichtete Einheit, ein rundes Ding mit Ecken und Kanten, das den Zähnen der Zeitgeister gleichmutig trotzt.
Music Review
Various Artists
Mr Bongo Record Club Vol.3
Mit »Mr Bongo Record Club Vol.3« begeht das Label aus Brighton seinen 30. Geburtstag. Wir gratulieren zu beidem: Label und Compilation.
Music Review
Ronie & Central Do Brasil
Ronie & Central Do Brasil
In der Kürze liegt die Würze: Mit 25 Minuten ist »Ronie & Central Do Brasil« von 1975 nicht lang, und dennoch auf seine Art vollkommen.
Music Review
Flying Lotus
Flamagra
Auf »Flamagra« gehen die steten Transformationen von Flying Lotus so gut Hand in Hand wie seit »Cosmogramma« nicht mehr.
Music Review
Sinkane
Dépaysé
Mit seiner die Vielfalt betonenden Haltung hat Sinkane inspirierende Musik aufgenommen. Mit »Dépaysé« will er zu sehr zu Vielen durchdringen
Music Review
Weird Dust
Tribe 1.1
Dass die Belgier ein wenig schräg sind, ist ja so ein beliebtes Stereotyp. Weird Dust ist Belgier und »Tribe 1.1« sein neuester Release.
Music Review
Lee »Scratch« Perry
Rainford
Der gute alte Irrsinn bleibt Lee Perrys treuer Begleiter. Mit »Rainford« hat er ihm zu einer weiteren irre guten Schallplatte verholfen.
Music Review
Garland
#2
Weniger Rhythmus, mehr Fläche: Garland streben mit ihrer zweiten LP »#2« die Synthese von Dub, Drone und Industrial an.
Music Review
Joshua Abrams & Natural Information Society
Mandatory Reality
»Mandatory Reality« von Joshua Abrams & Natural Information Society entfaltet sich über 80 Minuten wie ein endloses Gamelanritual.
Music Review
Helm
Chemical Flowers
Der Musik von Helm ist mit Schlagworten schwer beizukommen. Sein neues Album »Chemical Flowers« wirkt trotzdem – oder darum sogar umso mehr.
Music Review
Paula Temple
Edge Of Everything
»Edge Of Everything«, das Debütalbum von Paula Temple, ist nicht das versprochene rebellische Werk geworden. Aber verdammt guter Techno.
Music Review
Various Artists
Planisphere
Klingt nach französischen Zahnärzten, waren aber Post-Hippies aus den USA: »Planisphere« auf Numero Group ist kosmischen Freaks gewidmet.
Music Review
Holly Herndon
Proto
Die Standortbestimmung des Pop klang nie so wundervoll und nervenzerfetzend zugleich: Holly Herndon gelingt mit »Proto« ein Meisterwerk.
Music Review
Craig Leon
Anthology Of Interplanetary Folk Music Vol.2: The Canon
Mit »Anthology Of Interplanetary Folk Music Vol.2: The Canon« wird fünf Jahre später weitere Musik des Produzenten Craig Leon nachgelegt.
Music Review
Dark Star
Cryonics: 1989-1992
Für »Cryonics: 1989-1992« versammelt der seit zwei Dekaden inaktive Synthesekünstler Dark Star neun seiner eindrücklichsten Produktionen.
Music Review
Harry Mosco
Peace & Harmony
Mehr Disco als Afrobeat: MIt »Peace & Harmony« ging Harry Mosco, bislang als Sänger der Funkees bekannt, eigene Wege.
Music Review
Georgia
Time
Wunderschöne Soundwelten: Die Multimediakünstler Brian Close und Justin Tripp haben als Georgia ihr zweites Album »Time« veröffentlicht.
Music Review
Bartosz Kruczyński
Baltic Beat II
Anlässlich von »Baltic Beat II«, dem nächsten superben Release von Bartosz Kruczyński, waren wir gezwungen, ein neues Genre zu erfinden.
Music Review
Deep Nalström
Naive Melodies
Bangkok scheint hier genauso nah wie Bielefeld: Über »Naive Melodies«, das Debüt des in Bristol ansässigen Produzenten Deep Nalström.
Music Review
Il Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza
Niente
Mit »Niente« sind unveröffentlichte Aufnahmen von Il Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza aus den frühen 1970er Jahren erschienen.
Music Review
Wolf Müller
Wolf Müller Meets The Nile Project
2016 ist Wolf Müller nach Ägypten gereist. Was daraus entstanden ist, kannst du auf »Wolf Müller Meets The Nile Project« nachhören.
Music Review
The National
I Am Easy To Find
Diesmal geben sich The National nicht mit einem Studioalbum zufrieden. »I Am Easy To Find« schließt einen Kurzfilm ein.
Music Review
Lee Moses
How Much Longer Must I Wait? Singles & Rarities 1965-1972
»How Much Longer Must I Wait?« versammelt Singles und Raritäten des noch immer nicht ausreichend gewürdigten Soulsängers Lee Moses.
Music Review
Zaliva-D
Forsaken
Auf Knekelhuis ist kürzlich die Werkschau »Forsaken« des chinesischen Technoproduzenten Zaliva-D erschienen.
Music Review
Ohbliv
Give Thanks
Kantig, roh, reduziert, dabei nie formelhaft homogen: der fleißige Beatmaker Ohbliv hat mit »Give Thanks« ein neues Album veröffentlicht.
Music Review
Various Artists
Backstreet Brit Funk Vol.1
Die von Joey Negro zusammengestellte Compilation »Backstreet Brit Funk Vol.1« aus dem Jahr 2011 ist nun erstmals auf Vinyl erschienen.
Music Review
Amato (The Hacker)
Mécanismes Vol. 1
Als Amato dreht The Hacker mittlerweile richtig auf. »Mécanismes Vol. 1« ist in EBM in Nicht-Ganz-Reinform – zum Glück!
Music Review
Tim Hecker
Anoyo
Mit »Anoyo« legt Tim Hecker weitere 34 Minuten aus seinen mit einem Gagaku-Orchester eingespielten Sessions nach.
Books Review
FLEE
Benga, A Kenyan Kaleidoscope
Mit dem Sammelband »Benga, A Kenyan Kaleidoscope« wirft das Kollektiv FLEE wichtige Fragen zur globalen Auseinandersetzung mit Benga auf.
Music Review
Darling & Lexi
Darling & Lexi EP
»Mama is een poes«: Der niederländische Produzent Darling nimmt mit seiner 4-jährigen Tochter Lexi eine Schallplatte auf.
Music Review
Gigi
Illuminated Audio
2003 ließ die Sängerin Gigi ein ganzes Album von ihrem Mann Bill Laswell als Dub-Version neu einspielen. Ob das gut ging? Tatsächlich!