Music Review | verfasst 16.11.2016
mattr.
A Brief History Of Nothing
Anette/Mism, 2016
Deine Bewertung:
/
Nutzer
7.8
Redaktion
Cover mattr. - A Brief History Of Nothing

Menschen werden von ihren Ideen überlebt. Der kürzeste Weg zur Unsterblichkeit führt deshalb über die Kunst. »The only father that I’m ever gonna have is gone«, intoniert mattr. halb gequält, halb in Stimmeffekten ertränkt schon im ersten Track von »A Brief History Of Nothing«, einer sonst recht wortkargen Platte. Er setzt damit die Bühne für ein Album, welches den Tod in sich eingesogen hat und hinter deren Kulissen sich noch mehr abspielte: Der Schweizer Produzent wurde fast zeitgleich zum Tod seines Vaters durch einen Hirntumor selbst Vater. Dennoch: Zwischendurch pfeift es durch die an klassischem Downbeat (lies: Mo Wax-Schule, nur nicht so saftig und verschliffen) geschulten Beats, die einerseits steril und doch detailreich orchestriert wurden (lies: Amon Tobin, nur nicht so aufgebläht). Die pathetischen Pianotupfer bekommen hoffnungsvolle Töne nebenan gestellt, hin und wieder schüttelt der Groove die Glitches ab, erfüllt sich das aufgeräumte Sounddesign mit Wärme. Es brodelt eine eigentümliche Freude unter dieser Musik, ein unausgesprochener Trotz. »A Brief History Of Nothing« bürdet sich per Titel dennoch einigen Ballast auf, mit Sprachsamples (»There is no god, no rules, no judgements except for those you accept or create for yourself and once it’s over, it’s over« – Six Feet Under, natürlich) und Referenzen auf philosophisch überfrachtete Literatur (»The Unbearable Lightness Of Not Being«, in Anspielung auf Milan Kundera). Dazu: Bittersüße Streicher, frostige Flächen, sumpfige Synthie-Lines. Aber mattr. ist mehr Dialektiker als Tragiker, wie es der Hintergrund vielleicht diktiert: Tod und Leben, Dunkelheit und Licht, die lange Geschichte des Nichts und der ganze Rest verknoten sich im Laufe einer guten Dreiviertelstunde. Das Tragische an mattr.s »A Brief History Of Nothing« ist so deshalb zugleich das Schöne daran: Auch diese Idee wird überleben.

Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 06.09.2017
Morti Viventear
Lovecraftsmanship
Morti Viventears dritte LP »Lovecraftsmanship« stellt seine Beats in den Dienst des US-amerikanischen Schriftstellers H.P. Lovecraft.
Music Review | verfasst 01.09.2010
Andreya Triana
Lost Were I Belong
Ein harter Weg war es, der bis zu diesem Album führte. Andreya Triana hat es zu einem guten Ende geführt.
Music Review | verfasst 10.10.2010
Belleruche
270 Stories
»270 Stories« klingt wie eine natürliche Weiterentwicklung der drei Engländer und hat enorm viel Charme.
Music Review | verfasst 10.09.2010
Dinner At The Thompson's
Off The Grid
Ein schönes, entspanntes Album, das man sich getrost zu Hause, aber auch mit Freunden zum Chillen anhören kann.
Music Review | verfasst 17.09.2010
Various Artists
Ninja Tune XX
Ninja Tune ist ein kleines Wunder geglückt: Durch Herzblut und Innovation in 20 Jahren brandaktuell und gleichermaßen legendär zu sein. Glückwunsch!
Music Review | verfasst 20.10.2010
Radio Citizen
Hope And Despair
Nur wenige Produzenten verfügen über das Können verschiedene Genres so überzeugend zu vermengen.
Music Review
Orson Wells
Pneumatics
»Pneumatics«, das auf Live at Robert Johnson erscheinende Debütalbum von Orson Wells, ist eine futuristische Techno-Platte par excellence.
Music Review
Hypnobeat
Prototech
Hypnobeat können mit dieser Wiederveröffentlichung – zum Teil auch Erstveröffentlichung – ihrer Vergangenheit gar nicht zeitgemäßer sein.
Music Review
Beard In Dust
BAH038
Für »BAH038«, dem neuesten Release des Labels Bahnsteig 23, darf Leonid Lipelis als Beard In Dust sein Können zeigen.
Books Review
Cogatio-Factum & Jo Preußler (Hrsg.)
The Death Of Graffiti
In The Death Of Graffiti formuliert Oliver Kuhnert eine Fundamentalkritik. Und bittet Kenner und Aktivisten zur Stellungnahme.
Music Review
Lee Ranaldo
Electric Trim
Nichts also mit müdem Alterswerk: »Electric Trim« zeigt Lee Ranaldo so flexibel und spannend, wie selten zuvor.
Music Review
Ninos du Brasil
Vida Eterna
Ninos du Brasil wirken auf ihrem dritten Album »Vida Eterna« verstörender als zuvor. Da gibt es gar kein Vertun. Zumal es klasse ist.
Music Review
Ariel Pink
Dedicated To Bobby Jameson
Nach R. Stevie Moore gräbt Ariel Pink auf »Dedicated To Bobby Jameson« ein weiteres obskures Vorbild aus.
Music Review
Odesza
A Moment Apart
Die Musik von »A Moment Apart«, dem dritten Album von Odesza, ist nicht an Musik-Connaisseure/Kritiker/alte Säcke gerichtet.
Music Review
Fink
Resurgam
Läuft jetzt zwar dem Titel »Resurgam« zuwider, aber das neue Album von Fink ist ist mehr Vollendung als Auferstehung.
Music Review
Trio Da Kali And Kronos Quartet
Ladilikan
Auf »Ladilikan« trifft das Trio Da Kali aus Mali trifft auf das in San Francisco beheimatete, legendäre Streichereinsemble Kronos Quartet.
Music Review
Foo Fighters
Concrete And Gold
»Motörhead’s version of Sgt. Pepper« ist »Concrete And Gold«, das neunte Album der Foo Fighters, dann doch nicht geworden.
Music Review
Tony Allen
The Source
Die beste Platte seines Lebens, sagt er selbst. Tatsächlich klang Tony Allen selten aufregender als auf »The Source«.
Music Review
Alvvays -
Antisocialites
Alvvays finden auf ihrem zweiten Album »Antisocialites« eine gute Balance zwischen den emotionalen Extremen.
Music Review
Pablo Valentino
My Son's Smile EP Ge-ology Remix
Die 12" »My Son’s Smile EP Ge-ology Remix« von Pablo Valentino erinnert uns einmal mehr daran: Deep House never dies.
Music Review
Perm
Shtum 014
Mit »Shtum 014« erfindet Perm das Rad naturgemäß nicht neu. Die Stücke bestechen jedoch mit enormer Funktionalität.
Music Review
Zola Jesus
Okovi
Zola Jesus veröffentlicht ihr sechstes Album »Okovi«. Es ist der blinde Ehrgeiz, mit dem sie sich durch einen Stil nach dem anderen frisst.
Music Review
LCD Soundsystem
American Dream
Mit dem vierten Album »American Dream« gelingt LCD Soundsystem ein fulminantes, ihr Standing untermauerndes Comeback.
Music Review
Mogwai
Every Country's Sun
Mogwai beweisen mit »Every Country’s Sun«, dass auch im Jahr 22 nach Bandgründung weiter mit ihnen zu rechnen ist.
Music Review
Joey Negro & Sean P
The Best Of Disco Spectrum
BBE Records versammelt auf »The Best Of Disco Spectrum« die besten von Joey Negro und Sean P kanonisierte Disco-Stücke auf eienr Vinyl 3LP.
Music Review
Morti Viventear
Lovecraftsmanship
Morti Viventears dritte LP »Lovecraftsmanship« stellt seine Beats in den Dienst des US-amerikanischen Schriftstellers H.P. Lovecraft.
Music Review
Sam Irl & Dusty
Twelve Inch Jams
Sam Irl und Dusty arbeiten an der Schnittstelle von House und Funk. Kein Wunder, dass Gilles Peterson »Twelve Inch Jams« feiert.
Music Review
Raphael Munnings
Opportunity Knockin' - 7"
Alston veröffentlicht »Opportunity Knockin’«, die 1972 veröffentlichten Single von The Beginning Of The End’s Raphael Munnings, neu.
Music Review
Harmonious Thelonious
Abel
Auf »Abel« geht wieder deutlich eingängiger zu. Jedes der vier Stücke von Harmonious Thelonious ist ein Brett.
Music Review
Various Artists
Sweet As Broken Dates: Lost Somali Tapes
»Sweet As Broken Dates: Lost Somali Tapes« versammelt 15 Stücke, die bisher nicht außerhalb Somalias zu hören gewesen waren.
Music Review
EMA
Exile In The Outer Ring
EMA krankt am Zustand der Welt. Auf »Exile In The Outer Ring«** richtet sie den Blick nun auf die die realen Lebensumstände in den USA.
Music Review
DJ Windows XP
Sometimes I Feel Happy, Sometimes Sad
Ganz so wie der Titel »Sometimes I Feel Happy, Sometimes Sad«vermuten lässt, üben sich DJ Windows XP auf ihrer neuen EP in Launenhaftigkeit.
Music Review
Florian Kupfer
Post Present
Ein Jahr nach seiner letzten EP »Unfinished« auf Technicolour kehrt Florian Kupfer mit drei Stücken auf »Post Present« zurück.
Music Review
DMX Krew
Strange Directions
DMX Krew zeigt mit »Strange Directions«, dass es eben nicht immer den dicken Dancefloor-Kracher braucht, um Glamour zu erzeugen.
Music Review
Beatsteaks
Yours
Auf ihrem neuen Album »Yours« lässt sich nicht recht ausmachen, wofür die Beatsteaks heute eigentlich stehen.
Music Review
Youandewan
The Brane
Mehr Tempo, mehr Raum, mehr Klarheit – Youandewan legt seinen neuen Release »The Brane« vor.
Music Review
Hype Williams
Rainbow Edition
Hype Williams melden sich mit »Rainbow Edition« zurück und bringen wieder ein paar Mysterien in unseren entzauberten Alltag.
Music Review
B12
Electro-Soma II
Nicht nur wird das Meisterwerk »Electro-Soma« der Innovatoren B12 auf Warp wiederaufgelegt. Nein, es gibt sogar weiteres Material zu hören.
Music Review
Turnover
Good Nature
Die Gitarren klingen unbekümmerter auf »Good Nature«, dem dritten Album der amerikanischen Indierockband Turnover.
Music Review
Liars
TCFC
Mit »TCFC« macht Angus Andrews die Liars zu seinem Soloprojekt. Abgesehen von Akustikgitarren hat sich der Ansatz aber kaum verändert.
Music Review
Dent May
Across The Multiverse
Auch wenn der Sommer verregnet ist, so gibt es mit »Across the Multiverse« von Dent May doch die Platte für die sonnig-warme Jahreszeit.
Music Review
Grizzly Bear
Painted Ruins
Sie machen Indierock für Leute, die keinen Indierock mögen. So schlicht lautet die Formel für Grizzly Bear und ihr Album »Painted Ruins«.
Music Review
Kutmah
TROBBB!
Vorschusslorbeeren ohne Ende. Und Kutmah liefert. »TROBBB!« ist ein einstündiger Fiebertraum, der nach allen Seiten ausfranst.
Music Review
Oneohtrix Point Never
OST Good Time
Oneohtrix Point Never zeichnet sich verantwortlich für den Score zu »Good Time«. Dafür gab es den Preis für den besten Soundtrack in Cannes.
Music Review
Various Artists
Domestic Sampler UMYU
Punk-Attitüde, Blasinstrumente und Drumcomputer: So klang Barcelonas experimentelle Musikszene 1982
Music Review
Avey Tare
Eucalyptus
Wird Avey Tare auf seine alten Tage etwa melodietrunken und milde? »Eucalyptus« lutscht sich weg wie ein Bonbon.
Music Review
Various Artists
Soul Of A Nation
Zeitgleich zur Eröffnung der Ausstellung »Soul Of A Nation« in der Tate Modern in London erscheint bei Soul Jazz die passende Compilation.