Music Review | verfasst 02.12.2016
Various Artists
The Microcosm: Visionary Music Of Continental Europe 1970-1986
Light In The Attic, 2016
Text Kristoffer Cornils
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Redaktion
Cover Various Artists - The Microcosm: Visionary Music Of Continental Europe 1970-1986

Es ist Zeit, Hektoliter Tee zu kochen und die Bettdecke bis an die Nasenhaare hochzuziehen. Das Wetter diktiert das, das politische Klima will es so. Drei Jahre, nachdem das Reissue-Label Light In The Attic mit der Dreifach-LP »I Am The Center: Private Issue New Age In America 1950-1990« dafür einen passenden Soundtrack hingelegt hatte, folgt nun das nächste umfassende Wohlfühlpaket für ausgedehnten Feierabendeskapismus. »The Microcosm: Visionary Music Of Continental Europe 1970-1986« grenzt sich zwar regional vom Quasi-Vorgänger ab und nimmt einen engeren Zeitrahmen ins Auge, wartet dafür aber mit umso mehr Prominenz auf. Unter anderem Vangelis, Popol Vuh, Ariel Kalma und der kürzlich noch dankenswerter Weise aus der Versenkung gehobene Italiener Gigi Masin breiten über mehr als zwei Stunden ihre Vorstellungen von einer Musik aus, die gerne als kosmisch beschrieben wurde. Es sind zarte, proto-ambiente (Peter Michael Hamel, Deutsche Wertarbeit) oder an Minimal Music (Ash Ra Tempel, Bernard Xolotl, Robert Julian Horky) geschulte Klänge aus den Anfangstagen des Synthesizer-Zeitalters, hier und dort mit indischen Drone-Elementen (Suzanne Doucet & Christian Buehner) versetzt oder als Hommage an frühe Atmosphärenmusik von Débussy und Satie gemeint (Francesco Messina). Stellenweise, wie etwa bei Harmonia- und Qluster-Mitglied Roedelius oder Deuter, scheinen tatsächlich sogar nachhaltige Visionen auf und erweisen sich die Stücke als Bindeglied zwischen Steve Reichs Pattern-Musik und dem Detroiter Techno eines Carl Craigs. Es ist Musik, die auch drei Jahrzehnte später und mehr zum Wegdösen einlädt, ein toll kuratiertes Miteinander bekannter und vergessener Namen, vor allem aber eine dezente Vibration musikalischer Hoffnung: Musik, die in Zeiten großer Unruhe und Austerität neuen Ideen nachschlich. Das braucht es allein als Geste immer wieder, denn irgendwann werden die Teevorräte ausgehen und das Bett zu siffig, um darin weiterhin zu weltflüchteln.

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