Music Review | verfasst 13.02.2017
Thievery Corporation
The Temple Of I & I
ESL, 2016
Text Steffen Kolberg
Deine Bewertung:
/
Nutzer
5.0
Redaktion
Cover Thievery Corporation - The Temple Of I & I

Wie lange ist es eigentlich schon her, dass ein neues Album von Thievery Corporation für Aufsehen gesorgt hat? Die beiden Herren mit den gut sitzenden Anzügen waren vor 20 Jahren angetreten, die Welt an ihrem feinen Musikgeschmack teilhaben zu lassen. Ihr von Dub, Hip-Hop und Bossa Nova inspirierter Sound gehörte zum innovativsten, was das Downbeat- und Lounge-Genre Ende der Neunziger, Anfang der 2000er zu bieten hatte. Rob Garza und Eric Hilton gehörten auch zu den ersten, die es verstanden, Afrobeat und indische Harmonien mit diesem Genre zu verweben. Doch seit sich die Lounge-Erzählung gegen Mitte des letzten Jahrzehnts auserzählt hatte, glitten auch Thievery Corporation mehr und mehr in die Irrelevanz ab. Mit »Radio Retaliation« 2008 und »Culture Of Fear« 2011 wurden sie politisch noch expliziter als zuvor und meinten, mit einem erhöhten Anteil an Dub und Reggae auch die dazu passende musikalische Ausdrucksform entdeckt zu haben. Spannend war dies aber keineswegs, die musikalische Anziehungskraft der Thievery Corporation nahm eher ab. Dadurch bekam kaum jemand mit, dass ihnen 2014 mit »Saudade« eine handfeste Überraschung gelang. Darauf besannen sich Garza und Hilton auf ihre Liebe zu brasilianischen Rhythmen und Stimmungen und machten es durch Live-Instrumentierung zu einem außergewöhnlich organischen Album im Thievery-Kosmos. »The Temple Of I & I« soll nun eine Reise zurück zu den Dub- und Reggae-Einflüssen sein, aufgenommen in Jamaika und mit einem Artwork versehen, das dies unmissverständlich unterstreicht. Doch was hier die ersten zwei Drittel des Albums geliefert wird, hat viel weniger mit Dub zu tun als mit dem klassischen Thievery-Corporation-Sound der frühen 2000er. Laid back Lounge ohne große Ecken und Kanten, wie er bei dem Duo aus Washington D.C. über all die Jahre ja auch nie ganz verschwunden war. Ein Track wie »Let The Chalize Blaze« ist Chill-Out auf hohem Niveau und Kandidat für zukünftige Best-Of-Alben, der große Rest dann aber doch eher Mittelmaß in einem Genre, von dem niemand mehr viel erwartet. Die Jamaika-Referenz kommt dann erst im letzten Drittel zum Zug, mit Reggae- und Dub-infizierten Tracks, die so, naja, auch schon vorher da waren. Sie machten die Musik des Duos auf »Radio Retaliation« und »Culture Of Fear« nicht unbedingt interessanter, sie tun es auch heute nicht.

Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 13.05.2014
Thievery Corporation
Saudade
Den Diebstahl haben sich Thievery Corporation einst auf den Namen geschrieben. Gesampled wird auf »Saudade« gar nicht mehr.
Music Review | verfasst 13.12.2010
Kabanjak
Tree Of Mystery
Inspiriert von Downbeat, Hip-Hop und Breakbeats liefert Kabanjak ein überaus vielseitiges Album ab.
Music Review | verfasst 16.04.2011
Ancient Astronauts
Into Bass And Time
Eine kleine Geschichte der Astronautik, an deren Ende eine Prophezeiung steht: Von den Ancient Astronauts werde man noch viel hören.
Music Review | verfasst 01.09.2010
Andreya Triana
Lost Were I Belong
Ein harter Weg war es, der bis zu diesem Album führte. Andreya Triana hat es zu einem guten Ende geführt.
Music Review | verfasst 10.10.2010
Belleruche
270 Stories
»270 Stories« klingt wie eine natürliche Weiterentwicklung der drei Engländer und hat enorm viel Charme.
Music Review | verfasst 10.09.2010
Dinner At The Thompson's
Off The Grid
Ein schönes, entspanntes Album, das man sich getrost zu Hause, aber auch mit Freunden zum Chillen anhören kann.
Music Review
Various Artists
Space, Energy & Light
82 Minuten behaglich entrückte Soundscapes von 14 Künstlern finden sich auf »Space, Energy And Light« wieder.
Music Review
Floorplan
Let the Curch - 12"
»Let The Church« ist ein typischer Release für Robert Hood’s Alias Floorplan, in der besonders der Lyrics Remix ein Ausrufezeichen setzt..
Music Review
Radiohead
OK Computer OKNOTOK 1997-2017
Vor zwanzig Jahren ist »OK Computer« von Radiohead erschienen, also erscheint zum Jubiläum eine erweitere Neuauflage.
Music Review
Laurel Halo
Dust
Überraschenderweise ist »Dust« erst das dritte Album von Laurel Halo. Diesmal sind mit Julia Holter oder Eli Keszler auch Gäste dabei.
Music Review
Peven Everett
Stuck
Groovin Records veröffentlicht elf Jahre nach der ersten Veröffentlichung eine Reissue von Peven Everetts »Stuck«.
Music Review
The Drums
Abysmal Thoughts
Jonny Pierce und sein Projekt The Drums beschäftigen sich diesmal mit Nietzsche und gehen dessen »Abysmal Thoughts« nach.
Music Review
Nick Murphy (Chet Faker)
Missing Link EP
Für die »Missing Link EP« fungiert der australische Musiker Chet Faker erstmals unter seinem bürgerlichen Namen Nick Murphy.
Music Review
Kevin Morby
City Music
Mit »City Music«, dem zweiten Solowerk innerhalb von zwei Jahren, spielt sich Kevin Morby endgültig frei.
Music Review
Various Artists
Oté Maloya
Die Compilation »Oté Maloya« beleuchtet ein kleines Genre afrikanischer Musik auf der kleinen Insel La Réunion im Indischen Ozean.
Music Review
Can
The Singles
Das hat es so noch nicht gegeben: Eine Zusammenstellung aller Singles von Can, zwischen 1969 und 1990 erschienen, chronologisch geordnet.
Music Review
Brownout
Brown Sabbath Vol. 2
Eine Latin-Funk-Band aus Austin, Texas, die ein Album mit Black Sabbath-Coverversionen bestreitet? Klingt bescheuert? Ist es irgendwie auch.
Music Review
Com Truise
Iteration
Auf »Iteration« hat Com Truise die Wiederholung des Sounds selbst zum Kunstwerk erhoben.
Music Review
Ekoplekz
Bioprodukt
Ekoplekz alias Nick Edwards kann, wenn er will, sehr kaputt daherkommen. Auf »Bioprodukt« klingt er bemerkenswert warm.
Music Review
Felicia Atkinson
Hand In Hand
Hand In Hand« besitzt das Skulpturale von reiner Klangkunst. Aber auch die unfixierte Weite von Dub und Erotik.
Music Review
Fleet Foxes
Crack-Up
Fleet Foxes konzentrieren sich auf »Crack-Up« auf die musikalisch-ästhetische Seite und machen es so zu ihrem bislang besten Album.
Music Review
Phoenix
Ti Amo
Phoenix huldigen auf »Ti Amo« la dolce vita und doch fühlt man sich die ganze Zeit bestens unterhalten.
Music Review
Gaby Hernandez
Spirit Reflection
Tiefe, Rätsel, Sinnlichkeit, an einer nur scheinbar glatten Oberfläche: Gaby Hernandez veröffentlicht ihr Album »Spirit Reflection«.
Music Review
Tindersticks
Minute Bodies
Die Tindersticks verantworten den Score zu dem Dokumentarfilm »Minute Bodies: The Intimate World Of F. Percy Smith«.
Music Review
Todd Terje
Maskindans
Die in menschliche Form gegossene Sommerhit-Maschine namens Todd Terje versucht es mal wieder.
Music Review
154
Strike
»Strike« von 154 hat in den letzten dreizehn Jahren nichts von ihrer atmosphärischen Dichte verloren.
Music Review
Sufjan Stevens / Bryce Dessner / Nico Muhly / James McAlister
Planetarium
Sufjan Stevens, Bryce Dessner, Nico Muhly und James McAlister haben mit »Planetarium« eine Platte gemacht, die einfach sehr anders ist.
Music Review
Broken English Club
The English Beach
Oliver Ho erlebt als Broken English Club derzeit seinen zweiten Frühling. Das nun bei L.I.E.S. erschienene »The English Beach« beweist das.
Music Review
Noga Erez
Off The Radar
Genau wie auf Noga Erez’ »Off The Radar« so muss sich relevante Popmusik im Jahr 2017 anhören: energisch, wütend, politisch und tanzbar.
Music Review
The Kills
Echo Home
The Kills, das Lieblingspaar der küngeren Indierockgeschichte, feiert ihr fünfzehnjähriges Bestehen und veröffentlicht die EP »Echo Home«.
Music Review
Porter Ricks
Anguilla Electrica
Porter Ricks veröffentlichen mit »Anguilla Electrica« ihr erstes Album seit 18 Jahren. Das sitzt. Aber richtig.
Music Review
Richard Dawson
Peasant
Irgendwo zwischen Iron Maiden und Qawwali lässt sich diese Musik locker einordnen. Doch auch »Peasant« ist vor allem eins: Richard Dawson.
Music Review
Kraftklub
Keine Nacht für Niemand
Mit »Keine Nacht für Niemand« treiben Kraftklub das Antisein auf die Spitze. Für ein gutes deutschsprachiges Rockalbum reicht’s so noch.
Music Review
Kondi Band
Salone
Kondi Band, das sind der Daumenklavierspieler Sorie Kondi und DJ Chief Boima. »Salone« heißt ihr bei Strut erschienenes Album.
Music Review
Various Artists
Boombox 2
Die Compilation »Boombox 2« steht seinem Vorgänger in nichts nach, und der war einer der besten Soul-Jazz-Releases seit Jahren.
Music Review
Dauwd
Theory Of Colours
Mit »Theory Of Colours« veröffentlicht Dauwd endlich sein Debütalbum. Es ist die unheimliche Geradlinigkeit, die dieses Album ausmacht.
Music Review
Charlemagne Palestine & Grumbling Fur Time Machine Orchestra
Omminggg and Schlomminggg
Charlemagne Palestine und Grumbling Fur Time Machine Orchestra machen auf »Omminggg and Schlomminggg« gemeinsame Sache.
Music Review
Crescent
Resin Pockets
Nach zehn Jahren Pause melden sich Crescent mit einem neuen Album zurück. Das Warten auf »Resin Pockets« hat sich durchaus gelohnt.
Music Review
Tony Allen
A Tribute To Art Blakey & The Jazz Messengers
Tony Allen, einer der größten Schlagzeuger unserer Zeit, würdigt mit »A Tribute To Art Blakey & The Jazz Messengers« einem anderen Drummer.
Music Review
Adolf Stern
More… I Like It - 12"
Adolf Stern hat 1979 diese zwei infektiösen Italo-Nummern veröffentlicht. Nun ist die 7" wieder erhältlich.
Music Review
Wavves
You're Welcome
Das sechste Album der kalifornischen Rockband erscheint in Eigenregie. Mit dem Ergebnis können sie zufrieden sein: »You’re Welcome«.
Music Review
Husten
Husten
Gisbert zu Knyphausen und Moses Schneider sind mit ihrem Projekt Husten so gestrig-unoriginell, dass es schon wieder sympathisch wird.
Music Review
Cluster
Konzerte 1972/1977
Im Boxset »Cluster 1971-1981« waren die beiden Konzertmitschnitte schon zu haben. Nun sind »Konzerte 1972/1977« auch losgelöst erhältlich.
Music Review
Robert Hood
Paradygm Shift
Robert Hoods erste LP seit »Motor: Nighttime World 3« bedeutet keine Rückkehr zur alten Form. »Paradygm Shift« updatet aber alte Formeln.
Music Review
T.Raumschmiere
Heimat
Es muss ja in der Musik nicht immer brachial zugehen, um einen Effekt zu erzielen. Mit »Heimat« ist T-Raumschmiere zurück bei Kompakt.
Music Review
Skepta
Konnichiwa
Hören wir Skeptas fünftes Album nochmal vom Hype ausgenüchtert und mit einem Jahr Abstand. Es ist jetzt besser.
Music Review
The Lloyd McNeil Quartet
Asha
1969 in sehr kleiner Auflage veröffentlicht, wird »Asha« von Lloyd McNeill nun bei Soul Jazz Records wiederveröffentlicht.