Music Review | verfasst 11.09.2017
Zola Jesus
Okovi
Sacred Bones, 2017
Text Alexis Waltz
Deine Bewertung:
7.0
Nutzer (1)
8.3
Redaktion
Cover Zola Jesus - Okovi

Zola Jesus stellt ihre gewaltige Stimme in kalte, nebelige Klanglandschaften. Das ist kein pränataler, wohliger, warmer Ocean of Sound, sondern ein Zustand totaler Einsamkeit und Isolation. Die Stimme der Musikerin aus Wisconsin hat etwas Außerweltliches, Unmenschliches, Unzerstörbares. Das größte Problem in ihren Songs liegt darin, dass die Stimme nicht mit der Musik kommuniziert. Da helfen auch die diversen Musikrstile nicht, mit denen die achtundzwanzigjährige bereits gearbeitet hat: Da gibt es die noisigen Soundscapes ihres Debutalbums, den Darkwave von »Stridulum II«, den Electro-Pop von »Conatus«, das Streichquartett der »Versions« und die avantgardistischen Posaunen und Tubas von »Taiga«: für unerschütterliche Stimme scheint die Musik kaum eine Rolle zu spielen.

Mit 28 Jahren veröffentlicht Zola Jesus ihr sechstes Album. Nicht nur diese außergewöhnliche Produktivität macht sie zur Overachieverin, sondern auch der blinde Ehrgeiz, mit dem sie sich durch einen Stil nach dem anderen frisst. Es scheint keinen zeitlichen und sozialen Raum zu geben, in dem ihre Beziehung zur Musik reifen kann, die Alben wirken oft wie abstrakte Masterpläne. Das bedeutet nicht, dass der Schmerz nicht echt ist. Aber sie lässt nicht zu, dass die Klänge zu dessen Resonanzraum werden.

Mit »Taiga« hatte Zola Jesus gehofft, ein breites Publikum zu erreichen. Sie hatte Rihanna-Songs studiert und ein Cover von »Diamonds« veröffentlicht. Die Kultur des Mittleren Westen habe ihr eingeimpft, sich ständig weiterentwickeln und zu einem idealeren Selbst finden zu müssen, sagt sie heute. Das habe ihr das Gefühl gegeben, nicht gut genug zu sein. Vielleicht ist so der Spalt zwischen Stimme und Musik entstanden. Nachdem die Resonanz zu »Taiga« ihre Erwartungen nicht erfüllte, holte sie die Depression wieder ein. Darüber hinaus hat ein guter Freund versucht, sich umzubringen. Bei einem anderen wurde Krebs im Endstadium diagnostiziert. Ihren inneren Frieden fand Zola Jesus wieder, als sie aus Seattle wegzog und sich auf dem Grundstück ihrer Eltern in Wisconsin ein Haus baute. Das Internet ist dort langsam, die nächste Stadt ist eine halbe Autostunde entfernt. Zola Jesus wandert durch die Natur und singt Opernarien, am liebsten »Der Mond« von Carl Orff. So spürte sie zum ersten Mal seit langen wieder eine Notwendigkeit, Musik zu machen. Und tatsächlich passiert auf »Okovi« etwas Neues. Der Schmerz kommuniziert mit der Musik, Zola Jesus wird Erzählerin. Der Schmerz ist nicht mehr bloß Trauma, die Songs ermöglichen, eine Beziehung zu den furchtbaren Erfahrungen zu entwickeln. »Soak« ist der tollste Song auf dem Album: Eine Frau weiß, dass sie ermordet werden wird. Sie definiert ihren Tod als Selbstmord um und macht den Mörder so zu ihrem Handlanger: »Take me to the Water, let me soak in slaughter, I will sink into the bed like a stone«, singt sie.

Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Liste | verfasst 08.09.2017
Ausklang | 2017KW36
8 essentielle neue Platten
Hunderte neue Releases, jede Woche. Davon viele sehr gut – und bereits von diversen Portalen vorgestellt. Wir präsentieren: die unvorgestelltesten, besten Releases der Woche. Ab vom Schuss, leicht daneben und tierisch geil: der Ausklang.
Music Review | verfasst 03.02.2017
Moon Duo
Occult Architecture Vol.1
Obwohl Moon Duo mit ihrer Musik im Maskulinitäts-Genre verwurzelt sind, gibt es auf »Occult Architecture Vol.1« keinerlei Macho-Gehabe.
Music Review | verfasst 27.06.2018
Jenny Hval
The Long Sleep EP
Mit »The Long Sleep EP« entfernt sich Jenny Hval vom hauntologisch aufgeladenen Sound von »Blood Bitch«.
Music Review | verfasst 01.11.2010
Zola Jesus
Stridulum II
Nika Roza Danilova, die sich hinter Zola Jesus verbirgt, entwirft den düsteren Gegenentwurf zu jeder Art des glitzernden Leichtsinns.
Music Review | verfasst 26.01.2012
Zola Jesus
Conatus
Lediglich die Wärme, die von Danilovas beeindruckendem Gesang ausgeht, bewahrt uns davor, in der Kälte dieser Platte zu erfrieren.
Music Review | verfasst 01.10.2014
Zola Jesus
Taiga
Wandel vollzogen: Zola Jesus verabschiedet sich auf ihrem fünften Album »Taiga« von der Dunkelheit und wendet sich dem Pop zu.
Music Review | verfasst 06.03.2014
Marissa Nadler
July
Marissa Nadlers sechstes Album »July« verbindet Folk mit der bedrohlichen Stimmung von Doom-Metal.
Music Review | verfasst 01.05.2015
Moon Duo
Shadow Of The Sun
Für Geisterfahrten wärmstens empfohlen: Den Psycherockern Moon Duo gelingt mit »Shadow Of The Sun« ihr schnittigster Release bislang,
Music Review | verfasst 09.06.2015
Jenny Hval
Apocalypse, girl
Hval kotzt sich nicht aus, sie fragt. Antworten ergeben sich, indem man ihr folgt: in’s Unangenehme. Am Ende weiß man, was untergehen soll.
Music Review
Acronym & Kali Malone
The Torrid Eye
Acronym und Kali Malone treffen sich am Buchla 200 und denken mit ihrer gemeinsamen EP »The Torrid Eye« Chain Reaction elegant weiter.
Music Review
Xosar
The Possessor Possesses Nothing
Techno als emanzipatorisches Statement: geht das? Xosar liefert mit »The Possessor Possesses Nothing« einen ernstzunehmenden Versuch.
Music Review
Barbara Howard
On The Rise
Diese Platte ist der Beginn der schönsten Liebesgeschichte des Soul: »On The Rise« von Barbara Howard wurde jetzt wiederveröffentlicht.
Music Review
Kris Baha
In Your Arms
Talent borrows, genius steals und Kris Baha bringt mit »In Your Arms« eine Art Mini-LP heraus, die ihr EBM-Handwerk gelernt hat.
Music Review
Efdemin
New Atlantis
Es sind sublime Details, welche die Produktionen von Efdemin von denen seiner Kollegen abheben. So auch auf »New Atlantis«.
Music Review
Malibu Ken (Aesop Rock & Tobacco Of Black Moth Super Rainbow)
Malibu Ken
Aesop Rock und Tobaccco machen einen auf Malibu Ken und wandeln insofern auf den Spuren der 1971 veröffentlichten Malibu Barbie. Nur anders.
Music Review
Puredigitalsilence
Circumfluence
Sicherlich ein Highlight südkoreanischer schaltkreisbasierter Musik: »Circumfluence« von Puredigitalscience aus dem Jahr 1998.
Music Review
Jussi Halme
Funny Funk 'N' Disxco 1983-1991
In der liebevollen Käsigkeit liegt ein gerüttelt Maß an Ironie: zur Werkschau »Funny Funk ‘N’ Disxco 1983-1991« von Jussi Halme.
Music Review
Block Sistem
Don't Leave Me Now
Italo-Disco, besser geht nicht: Best Record Italy legt »Don’t Leave Me Now« von Block Sistem neu auf.
Music Review
Amaringo
Amaringo
John Carroll Kirby huldigt mit »Amaringo« musikalisch den psychedelischen Bildern des peruanischen Künstlers Pablo Amaringo.
Music Review
Cosey Fanni Tutti
Tutti
»Tutti«, das erst zweite Soloalbum von Cosey Fanni Tutti, zeigt, welchen Einfluss die Musikerin auf die zeitgenössische Musik hat.
Music Review
Mitsuaki Katayama Trio
First Flight
»First Flight«, das Debüt des Mitsuaki Katayama Trios, ist das Werkeines cleveren Arrangeurs und eines begnadeten Schlagzeugers
Music Review
Beirut
Gallipoli
Statt auf Balkan und Chanson besinnen sich Beirut mit »Gallipoli« auf ihre Stärke als Songwriter.
Music Review
Repeat
Repeats
Mark Broom, Plaid und Dave Hill trafen als Repeat in einer stilistisch unsicheren Zeit zusammen. Ihr Album »Repeats« wurde neu aufgelegt.
Music Review
Various Artists
Studio One Black Man's Pride Vol.3
Möge es der Allmächtige mit Wohlgefallen hören: Soul Jazz legt den dritten Teil seiner »Black Man’s Pride«-Reihe vor.
Music Review
Pablo's Eye
Dark Matter
Im letzten Teil eines Triptychons an Releases mit Musik von Pablo’s Eye kommt auf »Dark Matter« die kontemplative Seite der Band zutrage.
Music Review
Tofu Resistance
1//23
Auf »1//23« kombiniert Tofu Resistance digitale Produktionsweisen mit den Sounds exotischer Instrumente.
Music Review
Kings Aigbologa Bucknor & His Afrodisk Beat Organisation
Katakata
Jetzt hat Hot Casa mit »Katakata« ein weiteres Album von Kings Aigbologa Bucknor & His Afrodisk Beat Organisation veröffentlicht.
Music Review
The Daktaris
Soul Explosion
Als »Soul Explosion« von The Daktaris 1998 veröffentlicht wurde, wurde er als Afrobeat-Klassiker vermarktet. 20 Jahre später ist er einer.
Books Review
Michael Diamond & Adam Horovitz
Beastie Boys Buch
Das »Beastie Boys Buch« ist ein Mixtape voller Skits und Hits. Und die Boombox, aus der es schallt, ist über 500 Seiten starker Band.
Music Review
Jedi Mind Tricks
Violent By Design
18 Jahre später hat »Violent By Design« von Jedi Mind Tricks nichts von seiner Vehemenz eingebüßt.
Music Review
Boy Harsher
Careful
Unter den Düster-Wave-Duos machen Boy Harsher den düstersten. Den besten auch, wie ihr neues Album »Careful« zeigt.
Music Review
Molly
Waves
Die französische Produzentin Molly findet auf »Waves« die exakt richtige Mischung zwischen Druck machen und Verwirrung stiften.
Music Review
Deerhunter
Why Hasn't Everything Already Diappeared?
Mit »Why Hasn’t Everything Already Diappeared?« zeigen sich Deerhunter betont unrockig und so eingängig wie noch nie.
Music Review
The Golden Filter
Dislocation
The Golden Filter weihen ihr Label 4GN3S mit »Dislocation« ein. Drauf zu hören: Nichts Neues unter der Sonne. Die meiden die beiden aber eh.
Music Review
Joe McPhee
Nation Time
Eine groovene Kombination aus Funk und Free Jazz: Superior Viaduct legt »Nation Time«, das 1971 erschienen Debüt von Joe McPhee, neu auf.
Music Review
Black Merlin
Kode
Black Merlin müsste eigentlich so etwas wie der Endgegner im Die Orakel-Game sein. Mit »Kode« beweist er sich aber als treuer Sidekick.
Music Review
Fist Of Facts
Fugitive Vesco
Fist Of Facts ist die Nachfolgeband von Liquid Liquid’s Salvatore Principato. Ihre einzige EP »Fugitive Vesco« wird jetzt neu aufgelegt.
Music Review
Bell Towers
I'm Moving To Berlin
Bell Towers’ Debüt-EP für Cocktail d’Amore leistet mit Proto-House und Darkroom-Techno Überzeugungsarbeit für die Berliner Partyserie.
Music Review
Nils Frahm
Encores 2
Mit »Encore 2« legt der Komponist Nils Frahm vier weitere Stücke seinem gefeierten Album »All Melody« aus dem letzten Jahr nach.
Music Review
Swindle
No More Normal
»You talk a lot, but you ain’t sayin’ nothin’«: »No More Normal« von Swindle ist das Album zur Brexit-Stunde.
Music Review
Christoph de Babalon
Hectic Shakes
Galt das letzte Jahr der Aufarbeitung des musikalischen Ouevres von Christoph de Babalon, beginnt 2019 mit neuem Material.
Music Review
Black To Comm
Seven Horses For Seven Kings
Die besten Stücke von Black To Comm klingen wie etwas völlig Neues. Auf »Seven Horses For Seven Kings« ist das fast durchgängig der Fall.
Music Review
Sascha Funke & Niklas Wandt
Wismut
Sascha Funke und Niklas Wandt klingen auf »Wismut« wie ein Team, das sich seit Jahren die Regler im Studio teilt.
Music Review
Victor de Roo
Nachtdichter EP
Musik von Victor de Roo, Poesie von Alex Deforce, Erschließung neuer Sounds für Knekelhuis: die »Nachtdichter EP« hat einiges zu bieten.
Music Review
Betonkust & Palmbomen II
Parallel B
So verspielt und gleichermaßen fokussiert wie auf »Parallel B« von Betonkust & Palmbomen II tönte es zuletzt im New-Beat der 1980er Jahre.
Music Review
Hia / Biosphere
Polar Sequences
Das 1996 veröffentlichte Album »Polar Sequences« von Hia und Biosphere ist keine Ambient-LP: Statt abschalten heißt es hier eintauchen.
Music Review
Kamaal Williams
New Heights / Snitches Brew - 12"
Zwei weitere Stücke, die aufhorchen lassen: Kamaal Williams veröffentlicht »New Heights« und »Snitches BrewG auf Vinyl 12".
Music Review
Vladimir Tarasov
Atto IV
1990 noch in der ehemaligen Sowjetunion eingespielte Aufnahmen von Vladimir Tarasov wurden jetzt als »Atto IV« wiederveröffentlicht.
Music Review
Asnakech Worku
Asnakech
Aus der Vielzahl der inzwischen gehobenen Schätze äthiopischer Musik sticht dieses 1975 von Asnakech Worku aufgenommene Album heraus.
Music Review
Machinefabriek
With Voices
Auf über hundert Releases hat Machinefabriek bisher kaum mit Stimmen gearbeitet. Auf »With Voices« mit kaum etwas anderem.