Books Review | verfasst 20.09.2017
Cogitatio.Factum & Jo Preußler (Hrsg.)
The Death Of Graffiti
Possible Books, 2017
Text Christian Neubert
Deine Bewertung:
6.0
Nutzer (1)
8.4
Redaktion
Cover Cogitatio.Factum & Jo Preußler (Hrsg.) - The Death Of Graffiti

Der Tod von Graffiti wurde schon oft prophezeit, oft auch diagnostiziert. Im Stadtmuseum von New York z.B. blickt er von einem Bild entgegen, als Teil der Sammlung Martin Wong, Acryl auf Holzfaser, gemalt 1982 von Writer-Pionierin Lady Pink. Auch Bücher verhandeln das Thema. Ein eben bei Possible Books erschienenes trägt es plakativ im Titel. Analog zu Lady Pinks Werk heißt es »The Death of Graffiti«. Der Ansatz des Buchprojekts ist ein offener, experimentierfreudiger, im Sinne einer fruchtbaren Auseinandersetzung vielleicht Streit Suchender. Eine Abrechnung mit Graffiti, formuliert in 18 Thesen, mit vom Berg gepredigtem Tonfall an die Kirchentür einer (schein?)-heiligen Kunstform und Subkultur genagelt: Oliver Kuhnert, offenbar (ehemaliger?) Sprüher, versteht sie als Fundamentalkritik und breitet sie auf elf Seiten aus, »von innen« kommend, wie er schreibt. Natürlich richten sich die Thesen gerade an das Innere des Graffiti-Phänomens. An die sogenannte Graffiti-Szene, ob und wie es sie nun gibt oder nicht. Kuhnert unterstellt ihnen Geltungssucht und Eitelkeit, Einfallslosigkeit und Beliebigkeit, Intoleranz und Inkonsequenz, fühlt ihren Pulsschlag, führt sie vor Gericht und vor den Richtbock. Und hat 33 Graffiti-Interne sowie »fachkundige Außenstehende« zur Stellungnahme aufgefordert.

Kuhnert begegnet Graffiti mit dem Hammer – und wählt dafür Papier als Medium. Das aber gibt dann doch nicht so leicht nach. Weil die Entgegnungen mitunter selbst als Abrechnung daherkommen. Indem sie Kuhnerts Haltung in Frag stellen, sein Anspruchsdenken als Egozentrismus enttarnen, ihm akademische Konter verpassen, den Mittelfinger zeigen, drauf scheißen, ab und an auch zustimmen, nie aber nach dem Mund reden. SADE, CLINT 176, BROM, Jule Köhler, Georg Zolchow, Paul Luis Fechter und all die anderen liefern differenzierte, geistreiche, weitgedachte, scharfzüngige, selbstgerechte, angepisste Beiträge, jeweils und/oder. Formal ist dabei alles drin, die Texte sind essayistisch, analytisch, retrospektivisch, sogar lyrisch und fantastisch. Daher stellt sich auch kaum Redundanz ein. Die einzelnen Schriften gehen in viele Richtungen und weit auseinander, indem sie ihre Styles und Skills bezeugen, buchstäblich an der Writer-Front. Denn genau darum geht ́s ja, auf irgendeiner Metaebene: Um Texte über Texte. Um Beiträge über gesprühte Buchstaben auf Wänden und Zügen in Form von gedruckten Lettern in Büchern, um keineswegs beliebig gewählte Schriftarten im Kontext zu individuellen Styles, um All City Fame und Auflagenstärke… interessant!

Die Autoren kommen Kuhnert mit Spieltheorie und mit Kampfsport bei, mit Camus und Bud Spencer, mit Verve und mit Fäusten. Das ist nicht in jeder der versammelten Entgegnungen besonders originell oder gar der Weisheit letzter Schluss. Aber wenn’s um ein unterhaltsames, gehaltvolles, zum Denken anregendes und zu Denken gebendes Graffiti-Buch geht, für das weder Black Books konsultiert noch Fotos geschossen wurden: »The Death of Graffiti« ist eines.

Tags:
Dein Kommentar
1 Kommentare
08.10.2017 21:55
Leider79:
Nützliche Info zum Buch: Paul Luis Fechter = Oliver Kuhnert.
― antworten
Ähnliche Artikel
Books Review | verfasst 25.02.2011
Faith47
Artist
On the Run widmet der südafrikanischen »First Lady in Sachen Graffiti« und ihren vielfältigen Bildern eine eigene Werkschau.
Books Review | verfasst 18.05.2011
Pascal Zoghbi & Stone
Arabic Graffiti
Pascal Zoghbi und Stone widmen sich der Bandbreite arabischer Lettern und zeigen die aktuelle Wichtigkeit der Street Art im Nahen Osten.
Books Review | verfasst 08.07.2011
SFaustina & Jocelyn Superstar
Bay Area Graffiti '80s–'90s
Mit großer Hingabe wurden in Bay Are Graffiti Bilder und Interviews zu dem präzisen Bild einer Ära zusammengefügt.
Books Review | verfasst 16.07.2011
Amber Grünhäuser (Hg.)
Monster of Art - 20 Years of Havoc
Die legendenumwobene Sprayercrew Monster of Art feiert in diesen Tagen ihr 20jähriges Bestehen. Ihr Schaffen ist jetzt dokumentiert.
Books Review | verfasst 20.07.2011
Markus Christl (Hg.)
International Topsprayer: MOSES & TAPS
Das Buch begleitet die beiden Writer MOSES und TAPS, zwei kreative und gewitzte Könner ihres Fachs, auf ihrer Reise quer durch die Welt.
Books Review | verfasst 23.09.2011
Style Need No Color
Schwarz auf Weiss II
Style Needs No Color (SNNC) basiert auf der Überzeugung, dass guter Style ohne exzessiven Gebrauch von Farben auskommt.
Art Review | verfasst 10.01.2012
Zebster
aka Zeb.Roc.Ski
Der Nimmermüde Akim Walta wirft einen Blick zurück zu seinem Dasein als Writer. Eine Retrospektive, die mit Anekdoten nicht sparen will.
Books Review | verfasst 25.01.2013
Gerry »Cutmaster GB« Bachmann
The Hip Hop Cookbook: Four Elements Cooking
Geschichtsdokument, Fotoband und nützliche Küchenhilfe: Ein Buch, das nach der Lektüre nicht im Regal verschwinden muss.
Books Review | verfasst 28.06.2013
Alain KET Mariduena
Hall Of Fame New York City
In den 1980er Jahren haben Graffitikünstler Spuren auf einem Schulhof in Harlem hinterlassen. Dieser Platz wurde als Hall of Fame bekannt.
Books Review | verfasst 20.11.2013
Won ABC
Colour Kamikaze
»Colour Kamikaze« ist ein fast schon psychoaktiver Farbrausch, voller apokalyptischer Visionen und überbordender Details.
Music Review
Sunn O)))
Life Metal
Sunn O))) sind zurück mit neuem Album und erfüllen sich auf »Life Metal« den Traum einer Zusammenarbeit mit Produzentenlegende Steve Albini.
Music Review
Biosphere
The Senja Recordings
Mit »The Senja Recordings« legt Biosphere eine Art klangliches Tagebuch ab, das drei Jahre auf der norwegischen Insel dokumentiert.
Music Review
Du Du A
Du Du Archive 1984-1989
Auf Discom sind nun Aufnahmen erschienen, die die Belgrader Band Du Du A zwischen 1984 und 1989 produzierten – aber nie veröffentlichten.
Music Review
E.M.U.
Electro Music Union, Sinoesin & Xonox Works 1993-1994
Damiano van Erckert bringt Musik von J.M. Adkins an die Oberfläche, die er 1993-94 als Electro Music Union, Sinoesin und Xonox produzierte.
Music Review
Kym Amps
You Don't Know My Name (But I Know You)
Kym Amps lieh der Musik von David Watts und Andrew Birtles ihre Stimme, veröffentlicht werden die Stücke aus den 1980ern erst jetzt.
Music Review
Damon Locks & Black Monument Ensemble
Where Future Unfolds
Mit »Where Future Unfolds« hat Damon Locks und sein Black Monument Ensemble ein deutliches politisches Statement gesetzt.
Music Review
Denzel Curry
Zuu
Im letzten Jahr war »TA1300« vielleicht das beste Rapalbum. Natürlich würde es schwer für Denzel Curry sein, mit »Zuu« nachzulegen.
Music Review
Jay U Xperience
Abuja
Mit dem 1993 entstandenen »Abuja«, bringt Left Ear Records den eigenwilligen Purismo-Sound von Jay U Xperience zurück auf die Bildfläche.
Music Review
Robag Wruhme
Venq Tolep
Robag Wruhme ist wieder gelandet. »Venq Tolep« ist der längst überfällige Nachfolger zu »Thora Vukk« und übertrifft die Erwartungen.
Music Review
88:Komaflash
Eremiten Im Wohnzimmer
Die LP ist eine verdichtete Einheit, ein rundes Ding mit Ecken und Kanten, das den Zähnen der Zeitgeister gleichmutig trotzt.
Music Review
Various Artists
Mr Bongo Record Club Vol.3
Mit »Mr Bongo Record Club Vol.3« begeht das Label aus Brighton seinen 30. Geburtstag. Wir gratulieren zu beidem: Label und Compilation.
Music Review
Ronie & Central Do Brasil
Ronie & Central Do Brasil
In der Kürze liegt die Würze: Mit 25 Minuten ist »Ronie & Central Do Brasil« von 1975 nicht lang, und dennoch auf seine Art vollkommen.
Music Review
Flying Lotus
Flamagra
Auf »Flamagra« gehen die steten Transformationen von Flying Lotus so gut Hand in Hand wie seit »Cosmogramma« nicht mehr.
Music Review
Sinkane
Dépaysé
Mit seiner die Vielfalt betonenden Haltung hat Sinkane inspirierende Musik aufgenommen. Mit »Dépaysé« will er zu sehr zu Vielen durchdringen
Music Review
Weird Dust
Tribe 1.1
Dass die Belgier ein wenig schräg sind, ist ja so ein beliebtes Stereotyp. Weird Dust ist Belgier und »Tribe 1.1« sein neuester Release.
Music Review
Lee »Scratch« Perry
Rainford
Der gute alte Irrsinn bleibt Lee Perrys treuer Begleiter. Mit »Rainford« hat er ihm zu einer weiteren irre guten Schallplatte verholfen.
Music Review
Garland
#2
Weniger Rhythmus, mehr Fläche: Garland streben mit ihrer zweiten LP »#2« die Synthese von Dub, Drone und Industrial an.
Music Review
Joshua Abrams & Natural Information Society
Mandatory Reality
»Mandatory Reality« von Joshua Abrams & Natural Information Society entfaltet sich über 80 Minuten wie ein endloses Gamelanritual.
Music Review
Helm
Chemical Flowers
Der Musik von Helm ist mit Schlagworten schwer beizukommen. Sein neues Album »Chemical Flowers« wirkt trotzdem – oder darum sogar umso mehr.
Music Review
Paula Temple
Edge Of Everything
»Edge Of Everything«, das Debütalbum von Paula Temple, ist nicht das versprochene rebellische Werk geworden. Aber verdammt guter Techno.
Music Review
Various Artists
Planisphere
Klingt nach französischen Zahnärzten, waren aber Post-Hippies aus den USA: »Planisphere« auf Numero Group ist kosmischen Freaks gewidmet.
Music Review
Holly Herndon
Proto
Die Standortbestimmung des Pop klang nie so wundervoll und nervenzerfetzend zugleich: Holly Herndon gelingt mit »Proto« ein Meisterwerk.
Music Review
Craig Leon
Anthology Of Interplanetary Folk Music Vol.2: The Canon
Mit »Anthology Of Interplanetary Folk Music Vol.2: The Canon« wird fünf Jahre später weitere Musik des Produzenten Craig Leon nachgelegt.
Music Review
Dark Star
Cryonics: 1989-1992
Für »Cryonics: 1989-1992« versammelt der seit zwei Dekaden inaktive Synthesekünstler Dark Star neun seiner eindrücklichsten Produktionen.
Music Review
Harry Mosco
Peace & Harmony
Mehr Disco als Afrobeat: MIt »Peace & Harmony« ging Harry Mosco, bislang als Sänger der Funkees bekannt, eigene Wege.
Music Review
Georgia
Time
Wunderschöne Soundwelten: Die Multimediakünstler Brian Close und Justin Tripp haben als Georgia ihr zweites Album »Time« veröffentlicht.
Music Review
Bartosz Kruczyński
Baltic Beat II
Anlässlich von »Baltic Beat II«, dem nächsten superben Release von Bartosz Kruczyński, waren wir gezwungen, ein neues Genre zu erfinden.
Music Review
Deep Nalström
Naive Melodies
Bangkok scheint hier genauso nah wie Bielefeld: Über »Naive Melodies«, das Debüt des in Bristol ansässigen Produzenten Deep Nalström.
Music Review
Il Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza
Niente
Mit »Niente« sind unveröffentlichte Aufnahmen von Il Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza aus den frühen 1970er Jahren erschienen.
Music Review
Wolf Müller
Wolf Müller Meets The Nile Project
2016 ist Wolf Müller nach Ägypten gereist. Was daraus entstanden ist, kannst du auf »Wolf Müller Meets The Nile Project« nachhören.
Music Review
The National
I Am Easy To Find
Diesmal geben sich The National nicht mit einem Studioalbum zufrieden. »I Am Easy To Find« schließt einen Kurzfilm ein.
Music Review
Lee Moses
How Much Longer Must I Wait? Singles & Rarities 1965-1972
»How Much Longer Must I Wait?« versammelt Singles und Raritäten des noch immer nicht ausreichend gewürdigten Soulsängers Lee Moses.
Music Review
Zaliva-D
Forsaken
Auf Knekelhuis ist kürzlich die Werkschau »Forsaken« des chinesischen Technoproduzenten Zaliva-D erschienen.
Music Review
Ohbliv
Give Thanks
Kantig, roh, reduziert, dabei nie formelhaft homogen: der fleißige Beatmaker Ohbliv hat mit »Give Thanks« ein neues Album veröffentlicht.
Music Review
Various Artists
Backstreet Brit Funk Vol.1
Die von Joey Negro zusammengestellte Compilation »Backstreet Brit Funk Vol.1« aus dem Jahr 2011 ist nun erstmals auf Vinyl erschienen.
Music Review
Amato (The Hacker)
Mécanismes Vol. 1
Als Amato dreht The Hacker mittlerweile richtig auf. »Mécanismes Vol. 1« ist in EBM in Nicht-Ganz-Reinform – zum Glück!
Music Review
Tim Hecker
Anoyo
Mit »Anoyo« legt Tim Hecker weitere 34 Minuten aus seinen mit einem Gagaku-Orchester eingespielten Sessions nach.
Books Review
FLEE
Benga, A Kenyan Kaleidoscope
Mit dem Sammelband »Benga, A Kenyan Kaleidoscope« wirft das Kollektiv FLEE wichtige Fragen zur globalen Auseinandersetzung mit Benga auf.
Music Review
Darling & Lexi
Darling & Lexi EP
»Mama is een poes«: Der niederländische Produzent Darling nimmt mit seiner 4-jährigen Tochter Lexi eine Schallplatte auf.
Music Review
Gigi
Illuminated Audio
2003 ließ die Sängerin Gigi ein ganzes Album von ihrem Mann Bill Laswell als Dub-Version neu einspielen. Ob das gut ging? Tatsächlich!
Music Review
Ambien Baby
En Transito
NAP und D. Tiffany tun sich wieder als Ambien Baby zusammen. »En Transito« ist eine multifunktionale Allzweckwaffe für die Open-Air-Saison.