Music Review | verfasst 23.01.2018
Mika Vainio, Ryoji Ikeda & Alva Noto
Live 2002
Noton, 2018
Text Sebastian Hinz
Deine Bewertung:
7.5
Nutzer (2)
7.7
Redaktion
Cover Mika Vainio, Ryoji Ikeda & Alva Noto - Live 2002

Gemeinsame Aufnahmen von Mika Vainio, Ryoji Ikeda und Alva Noto: das ist für Freunde der elektronischen Musik in etwa das, was für Horrorfilm-Connaisseurs ein gemeinschaftlich entstandenes Werk von David Cronenberg, John Carpenter und George A. Romero wäre. Ein Highlight des Genres. Nichts, was in die Analen der Geschichte eingehen wird, aber doch etwas, mit dem du dich beschäftigt haben solltest. Carsten Nikolai (Alva Noto) hat diese am 23.9.2002 live am BALTIC Centre for Contemporary Art in Newcastle entstandene Aufnahme nun für sein Plattenlabel Noton ausgegraben. Sie ist das einzige Dokument, das die drei Legenden zusammen zeigt. Es ist insofern historisch und nicht wiederholbar, weil Mika Vainio im letzten Jahr tödlich verunglückte. Nun, die Frage bei so einer musikalischen Begegnung ist zuerst, wie fügen sich drei so ausdrucksstarke Formalisten zusammen? Gehofft habe ich auf die Antwort: gar nicht. Das Ergebnis sagt aber: überraschend gut. Dass »Live 2002« so aus einem Guss klingt, liegt (hier sind Mutmaßungen vonnöten) darin, dass jeder der drei Musiker mal das Zepter in die Hand nehmen durfte. »Movements 1« klingt nach Mika Vainio, »Movements 2« nach Ryoji Ikeda, »Movements 3« nach Alva Noto. Aber nicht wie ein Staffellauf, fortlaufend und wohlgeordnet, sondern mehr wie ein improvisierter Jam, wo auf ein Signal (Augenzwinkern, Ohrläppchen ziehen, Tritt gegen das Schienbein) ein anderer übernimmt und die zwei verbliebenen dessen Sounds mit ihren Sounds nur zart umspielen. Und zwar so groovy wie ein schmiedeeisernes Bettgestell ohne Matratze. Manchmal braucht’s eine sich ins Fleisch bohrende Metallfeder, um den Körper in den Schwung zu bekommen. Dürfte also auch etwas für Liebhaber des Horrorfilms sein.

Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 21.02.2018
Alva Noto & Ryuichi Sakamoto
Glass
Ein sanft rauschendes, knapp 40-minütiges Stück: Alva Noto und Ryuichi Sakamoto machen auf »Glass« einmal mehr gemeinsame Sache.
Music Review | verfasst 22.10.2015
Vainio & Vigroux
Peau froide, léger soleil
Drei Jahre haben Mika Vainio und Franck Vigroux an »Peau froide, léger soleil« geschraubt, geschweißt, gelötet.
Music Review | verfasst 02.07.2011
Vladislav Delay Quartet
Vladislav Delay Quartet
Vladislav Delay hat ein neues Projekt. Im Miteinander mit Mika Vaino, Lucio Capece und Derek Shirley entsteht ein kraftvoller Sound.
Music Review | verfasst 27.07.2011
Popol Vuh
Revisited & Remixed 1970-1999
Revisited & Remixed zeigt das beste der Krautrockhelden Popol Vuh und sehr respektvolle Variationen ihrer Lieder.
Music Review | verfasst 12.08.2011
Mika Vainio
Life (... It Eats You Up)
Wildes Gitarren-Geschrammel, verstaubte Industrial Beats, ein paar Filterschreie füllen die übrigen neun Titel sehr beliebig.
Music Review | verfasst 04.10.2012
Mika Vainio
Magnetite
Auch auf »Fe3O4 Magnetite« extrahiert Vainio wieder einmal Radiosignale, Klanghölzer und Sinuswellengenerator, Atomreaktor und Klangschale.
Music Review | verfasst 31.03.2014
Ø (Mika Vainio)
Konstellatio
Mit seinem Alias Ø hat der finnische Soundtüftler Mika Vainio schon immer die etwas sanfteren Töne gefunden.
Music Review
Daniel Grau
El Mágico Mundo De Daniel Grau
Nach einer jahrzehntelangen Pause legt Daniel Grau mit »El Mágico Mundo De Daniel Grau« ein neues Album vor.
Music Review
Brainstory
Buck
Wie viele Sunny-California-Klischees lassen sich auf ein Album pressen? Mit »Buck« testen Brainstory es aus.
Music Review
Tapan meets Generation Taragalte
Atlas
Ein Industrial-Projekt aus Serbien trifft auf eine Tuareg-Combo aus Marokko… und »Atlas« von Tapan meets Generation Taragalte funktioniert
Music Review
Turquoise Days
Further Strategies
So richtig totzukriegen ist die Musik von Turquoise Days nicht: Mit »Further Strategies« kommen die Songs der Briten zu wiederholter Ehre.
Music Review
FKA twigs
Magdalene
FKA twigs ist zurück, mit »Magadalene«, auf Albumlänge, und sie ist unbewaffnet bis unter die Zähne.
Music Review
Steve Reid
Rhythmatism
Mit »Rhythmatism« hatte Steve Reid 1975 ein Manifest für das friedliche Miteinander von Gegensätzen abgeliefert.
Music Review
Buttechno
badtrip
Das Debüt von Buttechno auf Nina Kraviz’ Label Trip ist, was der Titel ankündigt: ein »badtrip«, der viel Verwirrung stifftet.
Music Review
Tableau Vivant
Double Dream Hands
Tableau Vivant ist das gemeinsame Projekt von Infuso Gallo und Joshua Gottmanns. »Tableau Vivant« ihre erste Veröffentlichung.
Music Review
Nick Cave & The Bad Seeds
Ghosteen
»Ghosteen« von Nick Cave & The Bad Seeds wird als Meisterwerk eingehen und sich ob seiner Zerbrechlichkeit doch kaum hören lassen.
Music Review
Lost Scripts
Giske / Mozart
Für die beiden Stücke »Giske« und »Mozart« haben sich John Talabot und Pional einmal mehr unter dem Namen Lost Scripts zusammengefunden.
Music Review
A Winged Victory For The Sullen
The Undivided Five
Tiefer und berührender als auf »The Undivided Five« klangen A Winged Victory For The Sullen tatsächlich noch nie.
Music Review
Patrick Cowley
Mechanical Fantasy Box
»Mechanical Fantasy Box« gibt einen Überblick über das Schaffen des viel zu früh verstorbenen Disco-Pioniers Patrick Cowley.
Music Review
Michael Kiwanuka
KIWANUKA
Die große Kunst des neuen, dritten Albums von Michael Kiwanuka: Es klingt gleichzeitig nach Vergangenheit und Zukunft.
Music Review
Cigarettes After Sex
Cry
Es gibt reflektiertere Songs über die Liebe, aber nur wenige sind in so schöne Ohrwürmer wie auf »Cry« von Cigarettes After Sex gepackt.
Music Review
Kiefer
Superbloom + Bridges EP
Stones Throw bringt die beiden EPs »Superbloom« und »Bridges« von Kiefer auf einem Vinylrelease gemeinsam heraus.
Music Review
Vulfpeck
The Beautiful Game
Groove kann so einfach sein: Die Funkband Vulfpeck aus Ann Arbor haben ihr zweites Album »The Beautiful Game« veröffentlicht.
Music Review
Teebs
Anicca
»Anicca« ist das erste Album von Teebs seit fünf Jahren. Es ist inhaltlich ein zeitgeistiges Album mit Botschaft, musikalisch nicht.
Music Review
Conforce
Dawn Chorus
Quo vadis Techno? Der niederländische Produzent Conforce gibt auf »Dawn Chorus« Einblicke, wohin die Reise gehen könnte.
Music Review
Meo
Cikuana/Alturas – 12"
Mitte der 1980er Jahre gehörte Meo zu den Protagonisten des »Afro«-Stils. Die Vinyl 12" »Cikuana/Alturas« wurde jetzt wiederveröffentlicht.
Music Review
Vazz
Cloud Over Maroma
Der Durchbruch war Vazz einst in den Achtzigerm nicht beschienen. Aber jetzt kommen sie zu spätem Ruhm. »Cloud Over Maroma« wird helfen.
Music Review
Sidiku Buari
Disco Soccer
Sidiku Buari war einst Afrikameister im 400-Meter-Lauf. Dann machte er Musik.. »Disco Soccer« von 1979 wurde jetzt wiederveröffentlicht.
Music Review
Kim Gordon
No Home Record
Acht Jahre nach dem Ende von Sonic Youth legt Kim Gordon nun mit »No Home Record« ihr Solodebüt vor. Ein Meisterwerk ist es nicht geworden.
Music Review
Bremer / McCoy
Utopia
Das neue Album »Utopia« des dänischen Jazzduos Bremer/McCoy holt dich für eine Dreiviertelstunde aus dem grauen Loch.
Music Review
Erobique & Jacques Palminger
Yvon im Kreis der Liebe
Zehn Jahre nach »Wann strahlst du?« veröffentlichen Erobique, Jacques Palminger und die Sängerin Yvon Jansen ein gemeinsames Album.
Music Review
Various Artists
Nigeria Soul Power 70
Die SOul Jazz-Compilation »Nigeria Soul Power 70« versammelt 14 Songs, die das politische Bewusstsein in Nigeria in den Siebzigern abbilden.
Music Review
Occult Orientated Crime
The Occult Orientated Crime Album
Occult Orientated Crime ist weitere Seitenprojekt des Niederländers Legowelt. »The Occult Orientated Crime Album« ist nicht von dieser Welt.
Music Review
Sunn O)))
Pyroclasts
Mit »Pyroclasts« schieben Sunn O))) ihrer aktuellen LP »Life Metal« vier Proberaumjams hinterher, die das Konzeptalbum ausstechen.
Music Review
Jazzanova
Of All The Things
»Of All The Things«, das 2008 erstmals veröffentlichte, zweite Album der Berliner Band Jazzanova, hat nun einer Neuauflage erhalten.
Music Review
Quiroga
Passages
Seit 15 Jahren ist der neapolitanische Produzent Quiroga nun schon aktiv. Soeben ist bei Hell Yeah sein zweites Album »Passages« erschienen.
Music Review
Grouper
A I A: Dream Loss | A I A: Alien Observer
Groupers Alben »A I A: Dream Loss« und »A I A: Alien Observer« von 2011 haben 2019 nichts an ihrer obskuren Strahlkraft verloren.
Music Review
Mariana Ingold
Cara A Cara
Left Ear veröffentlicht »Cara A Cara«, eine Zusammenstellung mit Lieder der uruguayischen Sängerin Mariana Ingold.
Music Review
Emptyset
Blossoms
Auf Basis künstlicher Intelligenz haben sich Emptyset ihr neues Album »Blossoms« programmieren lassen.
Music Review
Ka Baird
Respire
Singen, Sprechen, Hecheln, Keuchen: Ka Bairds hat mit »Respire« ein zweites Album vorgelegt.
Music Review
Various Artists
Tone Dropout Vol.8
Die Roland-Maschinen klappern auf der Compilation »Tone Dropout Vol.8« immer noch so schön wie 1992.
Music Review
Automat
Automat
Das neue Label Tempo Dischi will Perlen der Musik Italiens neu auflegen. Die Reissue von »Automat« ist ein erstes Highlight.
Music Review
Stephen Mallinder
Um Dada
Nach 35 Jahren erscheint mit »Um Dada« das zweite Soloalbum von Cabaret Voltaire’s Stephen Mallinda. Kann man so sehen.
Music Review
Brahja
Brahja
Der Saxophonist Devin Brahja Waldman hat ein gutes Dutzend Musiker um sich geschart und mit »Brahja ein ganz starkes Jazzalbum aufgenommen.
Music Review
Carla dal Forno
Look Up Sharp
Carla Dal Forno ist mit »Look Up Sharp« angekommen. Es ist ein komischer Ort. Nah bei sich, weit weg von jemand anderem.
Music Review
Maleem Mahmoud Ghania & Pharoah Sanders
The Trance Of Seven Colors
»The Trance Of Seven Colors«, das gemeinsame Album von Maleem Mahmoud Ghania und Pharoah Sanders wurde erstmals auf Vinyl veröffentlicht.
Music Review
Hozan Yamamoto with Sharps & Flats
Beautiful Bamboo-Flute
Die Bambusflöte ist besser als ihr Ruf. Das wusste Hozan Yamamoto schon 1971 und nahm »Beautiful Bamboo-Flute« auf.
Music Review
De Ambassade
Duistre Kamers
Nach der Single »Wat Voel Je Nou« vor 3 Jahren haben nicht wenige auf »Duistre Kamers«, das erste Album von De Ambassade gewartet.