Music Kolumne | verfasst 08.08.2018
Aigners Inventur
August 2018
Als wäre der Sommer nicht schon heiß genug, kommt auch noch Aigners Inventur. Unser Kolumnist wird direkt aus dem Urlaub abgeholt und im Opiumzelt in Manila abgesetzt. Ihr lest hier, was er VOR dem Fieber schrieb: fast nur Empfehlungen!
Text Florian Aigner

Sami BahaFind it at hhv.de: Vinyl 2LP Eine WM, acht Wochen Nackenschweiß und 50 Alben später, könnte ich an dieser Stelle zuerst ein viel zu langes Drake Album, drei weitere Kanyes, vor allem aber prima Mixtapes von Denzel Curry, Future und Popcaan verhandeln. Weil all das bislang nur digital verfügbar ist, kommen wir direkt zu Sami Baha. »Free For All« ist ein tatsächlich futuristisches Rap-Album zwischen gescrewtem Weightless-Kram, Soundcloud-Beats in der Doktorandenversion und Post-Trap-Grime mit Digi-Schunkelei. Ziemlich gut, ziemlich UK, ziemlich Planet Mu.
 

miss red k.o. Und nochmal next level UK-Scheiß (via Israel). The Bug liefert Miss Red perfekte Steilvorlagen für ihre wütend souveräne Abrechnung mit Diplo-Dancehall, ein einziger rudegirliger Mittelfinger an die Festivalisierung des Bashments. Dass »K.O.« aber auch ein halbes Dutzend Hits abwirft, die perfekt zwischen Equiknoxx und Bokeh Tunes passen, ist dabei vor allem auch der enormen Vokalpräsenz von Miss Red geschuldet.
 

serpentwithfeet soilFind it at hhv.de: Vinyl LP Wie wichtig Vocals sein können, zeigt auch »Soil«. Serpentwithfeets Debütalbum hätte das diesjährige »Serpent Music« werden können, ja müssen. Bei all der emotionalen Komplexität, die hier insbesondere in den Prä-Coming-Out-Momenten grandios inszeniert wird, bleibt aber das Stilmittel der hypertheatralischen Delivery eines, das es zumindest mir unmöglich macht, dieses Album mehr als nur theoretisch gut zu finden.
 

Nadine Byrne – Dreaming RememberingFind it at hhv.de: Vinyl LP Ähnlich wie in der letzten Inventur Cecilia, ist Nadine Byrnes »Dreaming Remembering« ein ungreifbares Statement, das schmallippige Music Concrète Drones in sedierte Spoken Word Passagen überführt, Coil und Nurse With Wound kennt, aber nicht imitiert und nichts mehr misstraut als Hooks und anderen Oberflächlichkeiten. Vielleicht, nur vielleicht, wäre aber Vertrauen die Lösung um aus zwei guten Alben wirkliche Geniestreiche zu machen.
 

Various Artists – Arabstazy presents Under Frustration Vol.1Find it at hhv.de: Vinyl LP So, jetzt bitte wieder Drums, und zwar massig. Compilation 1 diesen Monat hört auf den Namen »Under Frustration«, ist die erste Zusammenstellung des tunesischen Kollektivs Arabstazy und macht Schluss mit der kartoffeligen Annahme, dass elektronische Musik aus dem Nahen Osten immer ähnlich klingt. Die Art und Weise wie hier arabische Elemente aufgegriffen, dekonstruiert und rekontextualisiert werden, entzieht sich jeder anmaßenden westlichen Orient-Fetischisierung und »böööö, wenn Bryn Jones noch leben würden, klänge er heute so« ist vielleicht ein solider Schubladisierungsversuch, greift aber auch zu kurz. Eine 100% eigenständige Compilation – dass es sowas noch gibt.
 

Patina EchoesFind it at hhv.de: Vinyl 2LP Gibt es, seltsamerweise sogar zweimal in einer Kolumne. Timedance hat sich in den letzten Jahren fest etabliert als Klebstoff für UK-Bass-Mutationen und Willikens-Techno und »Patina Echoes« ist rhythmisch wieder so divers und interessant, dass sich daran so schnell nichts ändern wird, egal ob im Originaltempo oder auf -25.
 

Violent Quand Find it at hhv.de: Vinyl LP Nächstes Klebstofflabel: Knekelhuis veröffentlicht zwischen einer Italo-Reissue und einer Downtempo-Art-Trance Platte einfach mal Violent Quand On Aime, ein Album auf dem Memphis Rap gleichberechtigt neben Goblin, Carpenter und Snowy Red steht. Natürlich hat sich vor all dem Legowelt auch schon verbeugt, aber so konzise auf 35 Minuten reduziert, ist das schon eine kleine Sensation.
 

zmastustiFind it at hhv.de: Vinyl LP Ebenfalls weiterhin ridikulös gut kuratiert bleibt Macadam Mambo. Zmatsutsi eröffnen »Hooked Up« mit »Slip Slide«, das klingt als hätte Tolouse Low Trax »Clint Eastwood« geremixt und arbeiten sich dann über Faux-Italo und echten Italo zu »Keep An Eye« vor, dem ich eine 97% Chance gebe zur diesjährigen Camp Cosmic Hymne zu werden.
 

maxxxbass gone fishingFind it at hhv.de: Vinyl LP Also ganz überraschend kommt das nicht: Maxxxbass hatte gemeinsam mit Samo DJ vor knapp zwei Jahren bereits eine wenig beachtete, großartige Listening-Platte für Snaker gemacht, aber wie der Schwede nun auf »Gone Fishing« maxgeschneiderten Nosedrip-Ambient mit schüchterner 4th-World-Percussion auf rüden 95BPM-Flötenindustrial treffen lässt, ist oh so Zeitgeist, aber auch oh so meistgeil. Hässliches Cover, Killerplatte.
 

dj richard dies araeFind it at hhv.de: Vinyl 2LP Kollege und Dauerschätzelein Cornils wurde mit Dj Richards neuer Platte, nie so richtig warm, ich hätte für »Dies Irae Xerox« sogar dann 23 Euro ausgegeben, wenn das viel zu kurze »Gate Of Roses« nur 30 Sekunden lang gewesen wäre. Dazu noch Spitzen-Psy-Trance auf keinen 110 BPM, die üblichen misanthropischen Ambientsequenzen und rostiger EBM – ey ihr kennt mich doch.
 

varg crushFind it at hhv.de: Vinyl 2LP Ebenso meine Baustelle: die neue Varg, auf der der irre Norweger die wahnwitzige Traurigkeit der Digital Natives in melodiöse Spoken Word IDM umprogrammiert. Oh und »Spit Sugarfree Red Bull Into My Mouth« ist nebenbei auch noch die ekligste Aufforderung des Jahres.
 

leon vynehall stillFind it at hhv.de: Vinyl LP Während sich Varg bei diesem Autoren-Techno-Ding immer noch die Option offen hält auf deiner Finnisage in die Ecke zu kacken, ist Leon Vynehall endgültig in der obligatorischen Chinstroker-Krise angekommen. »Nothing Is Still« nimmt sich sehr ernst, so richtig mit Instrumenten, frisch deodoriert, bloß raus aus dem Club. Raus kommt passabler Dial-Ambient-House, aber wer braucht denn bitte eine Platte, auf der Lawrence den Fehler gemacht hat zu häufig mit Jon Hopkins abzuhängen?
 

martyn voidsFind it at hhv.de: Vinyl 2LP Richtig gut dafür »Voids«, Martyns erste LP für Ostgut Ton und gleichzeitig sein erstes Album, das sich wie ein Sequel zu »Great Lengths« anfühlt. Breaks, Moll-Akkorde, aber auch diese Aufgekratztheit, die zwischen 2007 und 2011 Techno und Dubstep so endorphinschwanger miteinander verheiratete.
 

pariahFind it at hhv.de: Vinyl LP Interessant auch wie Pariah den de facto Tod von Dubstep verarbeitet hat. Auf seine knochentrockenen Techno-EPs mit Blawan als Karenn folgt nun ein etwas kraftloses Warp-Bewerbungsschreiben, das offensichtlich Call Super – öh – super findet, aber mit dessen kompositionaler Radikalität nicht mithalten kann. So erschöpft sich »Here From Where We Are« viel zu oft in einem Best-Of der schönsten Boards Of Canada Melodien, anstatt wirklich etwas eigenständiges anzubieten.
 

blawan wet will dryFind it at hhv.de: Vinyl 2LP »Wet Will Always Dry« ist dagegen auf den ersten Blick hässlich wie die Nacht, spuckt und verteilt Ellenbogen, aber wenn mehr Leute so verdammt subtil atzig sein könnten wie Blawan, würde ich vielleicht doch mal wieder zu einer Dystopian-Nacht gehen. Zuhause im übrigen der perfekte Soundtrack um Rohrreiniger in den Abfluss zu gießen.
 

forests albumFind it at hhv.de: Vinyl LP Forests 森林 kannte ich vor »Idol Collapse« gar nicht, aber wer klingt wie eine japanische Suicide-Coverband, deren Sänger seine Vocals im Real Player aufgenommen hat und deren Rhythmussektion jegliches Interesse daran verloren hat, diesen betrunkenen Loser mit mehr als ein paar faulen Post-Punk-Akkorden, viel Feedback und metalischem Rauschen zu begleiten, der könnte 2018 tatsächlich eine der wichtigsten Neuentdeckungen für mich sein.
 

ground sunizmFind it at hhv.de: Vinyl LP Oder aber Ground, der in Osaka zuhause ist, aber genug Hassell gehört hat, um »Sunizm« unroutbar zu machen. »Sunizm« stolpert, flirrt und klingt dabei immer wieder so als hätten Visible Cloaks ihren Designfetisch abgelegt und würden ihre Eames-Chairs endlich mit Lehm und Olivenöl einsauen.
 

jon hassell new albumFind it at hhv.de: Vinyl LP Apropos Jon Hassell, der Meister ist mittlerweile 81 Jahre alt und hat gerade mit »Listening To Pictures« (get it?) ein lächerlich gutes Album gemacht, das wieder einmal klingt wie tonales Malaria. Nochmal: Jon Hassell ist 81 Jahre alt.
 

Ben Bertrand – NGC 1999Find it at hhv.de: Vinyl LP Wie einflussreich Hassell nach wie vor ist, lässt sich auch an Ben Bertrands »ngc 1999« ablesen, eine verhuschte Bassklarinetten-Suite, die klassischen Minimalismus aus der Philharmonie abholt und in einem Opiumzelt in Manila absetzt. Muss man alleine schon für A2 kaufen.
 

NequiquamFind it at hhv.de: Vinyl 2LP Die letzte wichtige Platte diesen Monat haben Finnen gemacht, eine Menge Finnen: Turhaan Erotti Kaukonäköinen Jumala / Maat Toisistaan Merien Avulla / Jos Epäphyhät Alukset Halkovat / Tahrimattomiksi Tarkoitettuja. Im Schnitt 15 Minuten Zeit lässt sich das Kollektiv pro Seite, um sich langsam entwickelnde Drones in Spiritual Jazz Versprechungen mutieren zu lassen, inklusive klassischer Roland-Unterstützung. Google übersetzt den lateinischen Albumtitel übrigens mit »Es war vergeblich umsichtige Gott seceding Ozean, wenn gottlos Schiffe über dash«. Besser hätte ich die Atmosphäre hier auch nicht beschreiben können.
 

Dein Kommentar
2 Kommentare
12.08.2018 22:11
doomschnitzel:
hey.. das Miss Red Album ist falsch verlinkt.. im Shop ist es im Moment auch nicht zu finden :(
― antworten
13.08.2018 16:15
DJ_Acula:
kurze frage: macht ihr den ausklang mal wieder? war immer eine feine ergänzung zur inventur, gerade was zwölfer und reissues angeht.

p.s. wie immer gerne gelesen.
― antworten
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Vor 25 Jahren säbelte GZA sein erstes Solo-Album innerhalb des Wu-Tang-Universums raus, boxte im Schatten von Shaolin-Kriegern und machte seine Gegner mit Lines einen Kopf kürzer. Das Ergebnis nannte sich »Liquid Swords«.
Music Porträt
Mort Garson
Musik für Pflanzen und Menschen
Er war an über 900 Liedern beteiligt, erreichte Platz 1 der Billboard Charts, doch Mort Garsons heutiger Ruhm beruht auf einer Begegnung mit Bob Moog, den er überredete, ihm einen seiner Synthesizer zu überlassen. Eine Wiederentdeckung.
Music Kolumne
Records Revisited
Pet Shop Boys – Behaviour (1990)
»Behaviour« ist das Pet Shop Boys-Album schlechthin. Reflektierte Texte, die schon damals bewährten Hymnen-Melodien und Harold Faltermeyers analoge Produktion verschmolzen zu einem Klassiker, der keinen Staub ansetzen will.
Music Porträt
Dark Entries
Zwischen Disco, Goth und Porno-Soundtracks
Seit 2009 betreibt Josh Cheon sein Label für Undergroundiges aus den 1980er Jahren und solches, das es werden will. Nächstes Jahr wird er über 300 Schallplatten dort veröffentlicht haben. Wir stellen euch das Label aus San Francisco vor.
Music Interview
Makaya McCraven
»Ich grabe Sound aus«
Makaya McCraven ist einer der Jazzmusiker dieser Tage. Nicht nur seine Heimatstadt Chicago, sondern die ganze Welt scheint sich an dem freien Umgang mit dem Jazzerbe in seiner Musik zu inspirieren. Wir hatten die Chance zum Interview.
Music Liste
Record Store Day 2020 – 3rd Drop
12 Releases nach denen du Ausschau halten solltest
Am 24.10.2020 findet nun der dritte von drei Record Store Days in diesem Jahr statt. Dafür sind wiederum mehr als 120 exklusive Releases angekündigt. Wir haben daraus zwölf Schallplatten gepickt, die wir euch ans Herz legen wollen.
Music Porträt
Sade
Magie ohne Mysterium
Mit dem Box-Set »This Far« wird das Gesamtwerk von Sade neu veröffentlicht. Viel ist das nicht. Aber Sängerin Helen Folasade Adu ist nicht nicht nur der größte Superstar, der nie einer werden wollte – sondern singt nur, wenn sie es will.
Music Kolumne
Records Revisited
Godspeed You! Black Emperor – Lift Your Skinny Fists Like Antennas To Heaven (2000)
Das zweite Album des Projekts Godspeed You! Black Emperor ist ein Werk voller Widersprüche und Zweifel. Vor allem liefert es den Soundtrack zur Komplexität menschlicher Existenz im aufkeimenden Dogmatismus.
Music Porträt
Derya Yıldırım
Im Namen der Menschlichkeit
Für Derya Yıldırım ist Musik in erster Linie Ausdruck menschlicher Beziehungen. Mit der Grup Şimşek verbindet sie die Musik ihrer anatolischer Heimat mit unzähligen anderen Klängen und Melodien, die die Menschen erden.
Music Essay
A Journey Into Turkish Music
Gastarbeiter*innen Musik
Parallel zur Genese des Anadolu Pop entwickelt sich in der BRD eine virile Infrastruktur. Diese »Gastarbeitermusik« hat das öffentliche Bewusstsein stets nur gestreift. Der wirtschaftliche Austausch hätte ein kultureller sein können.
Music Essay
A Journey Into Turkish Music
Anadolu Pop
Altın Gün, Derya Yıldırım & Grup Şimşek oder Gaye Su Akyol: mehr und mehr Bands beziehen sich wieder auf den Sound des Anadolu Pop, der sich in den 1960er Jahren in der Türkei formierte. Aber ist es ein Revival? Wir klären auf.
Music Kolumne
Records Revisited
Mouse On Mars – Iaora Tahiti (1995)
Mit ihrem zweiten Album »Iaora Tahiti« haben Mouse On Mars schließlich den letzten überzeugt, dass schlaue Electronica in den Neunzigern durchaus auch aus good ol’ Germany kommen kann. In diesen Tagen wird das Album 25 Jahre alt.
Music Kolumne
Records Revisited
Radiohead – Kid A (2000)
Zwischen Bigotterie und Blasphemie liegt oft nur »Kid A«. Das vierte Album von Radiohead erschien am 2. Oktober 2000, tauschte Gitarren gegen Synthesizer – und begann mit einem Fehler.
Music Kolumne
Vinyl-Sprechstunde
Tolouse Low Trax – Jumping Dead Leafs
Der Mann, der einen Sound geprägt hat, ist zurück mit einem Langspieler. Die drei Männer, die nichts geprägt haben, sind zur Stelle, um sich über ihn zu unterhalten. Das ist natürlich eine tolle Sache.