Music Porträt | verfasst 20.09.2019
Brownswood Recordings
Aufbruch & Umbruch
Brownswood ist die Keimzelle einer Szene, die gegen Genrekonventionen und einen rückwärtsgewandten Zeitgeist rebelliert. Entsprechend fächert DJ und Radiomoderator Gilles Peterson seinen Labelkatalog deutlich internationaler auf als andere.
Text Nils Schlechtriemen
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Spätestens seit das We Out Here Festival in Abbots Ripton, Cambridgeshire, im August dieses Jahres die britische bis internationale Crème de la Crème des zeitgenössischen Jazz geladen hatte, dürfte es offiziell sein: Diesem pulsierenden neuen UK-Milieu kommt mittlerweile wohl endgültig eine Ausnahmestellung zu – und das auch in anderen Bereichen wie Afrobeat, Dub, Funk, Jazz, Soul, Hip-Hop oder elektronischer Musik. Von Gary Bartz und Matthew Herbert bis The Comet Is Coming, Ill Considered und Zara McFarlane, von Hailu Mergia über Maisha und KOKOROKO bis zu Theo Parrish, Awesome Tapes From Africa oder Mr. Scruff war das Lineup des von Gilles Peterson gegründeten Festivals ein ausgefranster Querschnitt gegenwärtiger Musikkultur im (noch) Vereinigten Königreich und beyond, kulturhistorisch vielleicht jetzt schon relevant. Nicht nur, weil hier die Folgegeneration auf breiter Front Konzerte in Bestform gab, sondern weil sich auch zeigte, wie stark eine kommunale kreative Bewegung durch Grassroots-Organisationen vom Engagement der Tomorrow’s Warriors und Kinetika Bloco werden kann, wenn sie sich der Kommodifizierung durch Märkte widersetzt.

Fast der gesamte Katalog von Brownswood war anwesend. Gilles Peterson als Kurator federführend bei der Auswahl, aber auch als DJ auf der Bühne mit einem Set vertreten. Sein Label steht aus gutem Grund im Auge dieses Hypes, der vielleicht wegen eines durchgehend sehr wohlwollenden Tenors in der Presse bis zu uns herüberzog, aber auch, weil Peterson seit den frühen 1990er Jahren ein gern gesehener DJ hierzulande war und ist. Unterschiedlichste Genre scheinbar übergangslos ineinanderfließen zu lassen, das war bereits seine Spezialität als er noch fünf Tage die Woche in sämtlichen Clubs Großbritanniens servierte und sich in seiner Sendung »Mad On Jazz« bei BBC Radio London als Cratedigger der obersten Liga entpuppte. Wie mit einem feinen Schürfhammer, gräbt sich Gilles Peterson über viele Monde hinweg durch die Musikgeschichte des 20., dann auch des 21. Jahrhunderts und lässt dabei kaum eine Nische unbearbeitet. Als Mitte der 1980er Jahre die Euphorie über Acid Jazz (damals auch Club Jazz genannt) in und um London ausbrach, war Peterson daran nicht unbeteiligt. 1987 gründet er zusammen mit Radiomoderator und Kollege Eddie Piller das Label Acid Jazz Records, das bezeichnend für ein ganzes Genre werden sollte, während im Artist Roster erst nach dem Weggang Petersons 1992 mit Bands wie Jamiroquai und Corduroy Erfolge zu verzeichnen waren. Parallel dazu ist er ab 1990 beim ersten explizit auf Jazz und dessen neue Spielarten fokussierten Radiosender der Stadt 102.2 Jazz FM Host einer dreistündigen Sendung, in der er seinen eklektizistischen Sets freien Lauf lassen kann. Allerdings nicht seiner politischen Haltung: Nachdem er sich mehrmals während der Sendung gegen den Zweiten Golfkrieg und die völkerrechtswidrige Geopolitik der USA ausspricht, muss er Jazz FM Anfang 1991 verlassen. Der Wechsel zum dann legalen Ex-Piratensender Kiss FM fällt zeitlich mit dem Austritt bei Acid Jazz zusammen und ermöglicht es Peterson, zumindest musikalisch wieder eigene Wege zu gehen.

Dafür ruft er mit seinem Kumpel und DJ-Kollegen Norman Jay das Label Talkin’ Loud ins Leben, auf dem in den Folgejahren Alben von Incognito, MJ Cole, Galliano, The Roots, Urban Species oder Roni Size & Reprazent erscheinen. Die Erfahrungen als Welten- und Genrebummler flossen hier ebenso in die Kuration ein, wie die als Radiomoderator und stilprägender Labelbetreiber, sodass das Joint Venture während der 90er zur ersten Adresse für Freunde der neu entstehenden Jazz-Fusionen avancierte – ob nun Acid Jazz, Jazzstep, Jazz Rap oder Neo-Soul. In der programmatischen Ausrichtung wie auch in der Labelphilosophie war Talkin’ Loud damit ein direkter Vorläufer von Brownswood Recordings, das von Peterson 2006 parallel zum Worldwide Festival aus der Taufe gehoben wird. Beides: Label und Festival fußen auf dem unstillbaren Durst des DJs und Plattensammlers nach immer neuer und frischer, aber auch ebenso unbekannter und verschollener Musik, die auf verstaubten Kassetten, Vinyls und Schellacks oder eben im nächsten Club nur darauf wartet entdeckt zu werden. Wie mit einem feinen Schürfhammer, gräbt sich Gilles Peterson über viele Monde hinweg durch die Musikgeschichte des 20., dann auch des 21. Jahrhunderts und lässt dabei kaum eine Nische unbearbeitet.


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»Lange Zeit dachten wir arroganterweise, dass wir alles hätten, dass es bis auf ein paar Kleinode aus anderen großen Tonträgersammlungen kaum etwas zu entdecken gäbe«, erinnert sich Peterson im Interview. »Heutzutage ermöglicht das Internet mit Plattformen wie Discogs das nächste Level des Diggens und der zielgerichteten Suche nach vollkommen obskuren Interpreten. Alteingesessene mussten realisieren, dass sie nicht mal 1% von dem hatten, was da draußen noch wartet. Es erscheint so unfassbar viel toller Kram, Platten die man für unmöglich hielt, die man sich einfach nicht vorstellen konnte. Dann kommt irgendjemand mit einer alten Aufnahme aus Kolumbien um die Ecke, oder mit tunesischer psychedelischer Musik oder japanischen Beatmeistern – und auf einmal hast du ein neues Lieblingsalbum. Du weißt nie was folgt, das ist großartig.«

Richtig, die anhaltende digitale Revolution ist daran natürlich maßgeblich beteiligt. Auf den großen Flaggschiffen der Streamingwelt werden tagtäglich seit vielen Jahren Millionen und Abermillionen neuer Tracks von – so scheint es – beinahe jedem Musiker, jeder Band der Geschichte hochgeladen, archiviert und in Lichtgeschwindigkeit durch den öffentlichen Äther befördert. Den Enthusiasten neuer Sounds kommt diese schnell abrufbare Vielfalt bei aller berechtigter Kritik mindestens ebenso entgegen, wie den zeitgenössischen Labels und Künstlern, die dank der neuen Technologien autarker und unkomplizierter immer mehr Menschen erreichen.

»Heutzutage ermöglicht das Internet das nächste Level des Diggens. Alteingesessene mussten realisieren, dass sie nicht mal 1% von dem hatten, was da draußen noch wartet. Es erscheint so unfassbar viel toller Kram. (Gilles Peterson)

»Ich denke je mehr Wege es für Leute gibt, die eigene Neugier nach Musik zu stillen, desto besser. Egal ob das nun den Aufstieg des digitalen Radios bedeutet oder die Fortsetzung von Piratenradiosendern, oder aber auch die Etablierung großer Plattformen wie Spotify und Mixcloud. Natürlich müssen wir auch über diese Entwicklungen diskutieren und im Blick behalten, dass nicht alles irgendwann in einem Status Quo versumpft. Aber von einem unabhängigen Standpunkt aus, und einen solchen vertritt Brownswood ja, gibt es aktuell eine finanzielle Formel für viele Labels und Künstler, die funktioniert. Wir bringen die Musik raus, die wir lieben und es läuft.«

Und wie. Die Debüts von José James, Zara McFarlane und Anushka, aber auch Ghostpoets »Peanut Butter Blues & Melancholy Jam«, Gang Colours’ »Invisible In Your City« oder »Mala In Cuba« von Mala (Digital Mystikz) kommen via Brownswood in den späten 2000ern und frühen 2010ern als erstes auf den Markt. Kommerziell zwar mit mal mehr mal weniger Erfolg, weil Streaming erst langsam zum Thema wird, doch innerhalb der Szene sehen sich die Veröffentlichungen des Labels mit Begeisterung konfrontiert. Außerhalb fängt das so richtig erst 2016 an, nach dem Release des kultigen Debütalbums von Shabaka And The Ancestors. Die Combo rundum Super-Saxofonist Shabaka Hutchings erreichte auf »Wisdom Of Elders« ein spielerisches Niveau, das Vergleiche mit großen Namen geradezu provozieren musste. Im Haschnebel zwischen Spiritual Jazz, Afro-Avantgarde und zerebralen Zeuhl-Vibes machte so mancher jedenfalls die besten südafrikanischen Jazzmomente seit langer Zeit aus. Erinnerungen an Batsumi, Philip Tabane und Malombo, Spirits Rejoice oder Herbie Hancocks »Mwandishi«-Trilogie wurden da wach.


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Seitdem geht es für Brownswood nur noch bergauf. In kurzen Abständen folgte während der letzten drei Jahre ein vielbeachteter Release dem nächsten. Zu nennen wären neben Yussef Kamals »Black Focus« oder Skinny Pelembes »Dreaming Is Dead Now« auch die aufsehenerregende Debüt-EP des Afrobeat-Ensembles Kokoroko oder Joe Armon-Jones’ »Turn To Clear View«. Kompilationen mit Künstlern, die Gilles Peterson aus internationalen Untergründen heben will, erscheinen ebenfalls in immer kürzeren Abständen. »We Out Here« stellt Anfang 2018 schon mal einige der neuen Talente vor, die sich seit Jahren passioniert durch volle Londoner Clubs spielen und bei Brownswood mehr als ein Eisen im Feuer haben: Maisha, Ezra Collective, Moses Boyd, Nubya Garcia, Theon Cross. Namen, von denen man seither viel las und künftig noch mehr lesen wird. Allerdings lässt Peterson seinen Kuratorenblick auch weit jenseits britischer und europäischer Musikszenen schweifen.

»Wir bringen die Musik raus, die wir lieben und es läuft.« (Gilles Peterson)

»Vor kurzem war ich in Melbourne, wo wir ein paar Sachen aufgenommen haben und… wow, was für eine Stadt! Unglaublich wie viel dort gespielt, veröffentlicht und kollaboriert wird. So viele Bars und Clubs, so viele Bands und Plattenläden – es war verdammt inspirierend, dort zu sein.« Kein Wunder, findet Gilles Peterson in Australien doch eine ohnehin vergleichsweise vitale DIY-Community vor, die sich in Melbourne konzentriert aber auch in Sydney, Perth und Adelaide existiert. Obwohl australische Medien derzeit von einem Venuesterben zu berichten wissen, ist Melbourne dennoch angeblich die Stadt mit der weltweit höchsten Dichte an Clubs, Konzertstätten und Plattenläden, wobei handfeste Daten dazu nach wie vor fehlen. Dass es hier musikalisch auf jeden Fall an allen Ecken und Enden brodelt, lässt sich aber schon anhand der stilistischen Bandbreite von Projekten erkennen, die dort derzeit entstehen oder sich entwickeln. Auf »Sunny Side Up« präsentiert der umtriebige Soundsuchende Peterson einen Ausschnitt der städtischen Szene und darüber hinaus. Die Skala reicht vom meditativen Exotikjazz eines Phil Stroud über die synthgeschwängerten Rhythmuskapriolen des Zeitgeist Freedom Energy Exchange bis zum Bläser-dominierten E-Swing von Horatio Luna – Down Under scheint die Lust auf Musik in Eigenregie aktuell ähnlich hoch wie in London. »Musiker aus den Hinterzimmern diverser Genres haben eine Menge Einfluss und Swagger gewonnen, nicht nur bei uns«, stellt Peterson fest. Wer so weit reist, um sie zu finden, hat wahrscheinlich für die Zukunft noch deutlich mehr auf Lager. Schließlich arbeiten in vielen Städten und Szenen weltweit Künstler, Labels, Plattenläden und Clubbetreiber immer enger zusammen, während mit neuen technischen wie sozialen Möglichkeiten das Kreieren und Rezipieren von Musik sukzessive von alten starren Verwertungszwängen abgekoppelt und dadurch tatsächlich vielfältiger wird.


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