Music Kolumne | verfasst 29.01.2020
Aigners Inventur
Januar & Februar 2020
Der Rap Game Berti Vogts hat es ins neue Jahrzehnt geschafft. Angemessen woke und tiefmüde zugleich startet unser Kolumnist Aigner in 2020 und zieht Alben von Stormzy, Ramzi und Bufiman in Mitleidenschaft.
Text Florian Aigner

Mac Miller – CirclesWebshop ► 2LP Vor drei Tagen starb Kobe Bryant, einfach so. Das war schwierig für mich, unter anderem auch aus egozentrischen Gründen, weil ich dachte Kobe irgendwie zu kennen. Kobe hat passiv also auch immer einen Teil meiner eigenen Vita miterzählt. Mac Miller starb bereits vor anderthalb Jahren, auch einfach so. Mac Miller und ich hatten keine Beziehung zueinander, Mac Miller musste herhalten als Leitartikel-Token oder Klugscheißerei-Item meinerseits, wenn es um gesamtgesellschaftliche Entwicklungen ging oder im besten Fall als Reminder, dass ich Clams Casino doch mehr vermisse als gedacht. »Circles« wird das nicht komplett ändern, wohl aber begreife ich jetzt endlich, dass Mac Miller für viele Kobe war. Und »Circles« seine posthume Hall Of Hame-Rede.
 

stormzy heavyWebshop ► CD Stormzy hat derweil den doch recht unnötigen, weil arg manufakturierten Beef mit Wiley nicht nur überlebt, sondern bizarrerweise vermutlich in den Köpfen aller U30-er eindeutig gewonnen. Das überrascht insofern, als dass Stormzy eigentlich ein allcapsiger Popstar ist, für den Ed Sheeran kein Problem, sondern eine Optimierung ist. »Heavy Is The Head« ist dementsprechend auch wieder ein Album, das man im besten Falle undogmatisch, im schlechtesten durchalgorithmisiert nennen darf.
 

The Professionals (Madlib & Oh No) – The Professionals LPWebshop ► 2LP Es ist das hinterhältigste Kompliment, das man Madlib machen kann, aber »The Professionals« verdeutlicht vor allem eines: Freddie Gibbs’ Anteil an Madlibs neuntem Frühling ist ein größerer als gemeinhin eingeräumt. Oh No rappt über die Beats seines Bruders wie Oh No immer rappt: konzentriert, engagiert, uncharismatisch, Rap Game Berti Vogts. Schlimm ist das nicht, weil die Instrumentals natürlich direkt mitgeliefert werden, aber für die Gebrüder Jackson muss man das doch in Sachen Oppurtinitätskosten als Fehlgriff werten.
 

uncut gemsWebshop ► LP Wisst ihr was rap as fuck ist? »Uncut Gems« ist rap as fuck_. Ein Film so hektisch wie eine Roll DeepCypher 2005, Adam Sandler paranoider als Nas am Fenster, eine New Yorker Kakophonie mit mehr hassliebenswerten Charakteren als eine Staffel »The Wire«. Das liegt zum einen an den Safdie-Brüdern selbst, aber zu einem nicht unwesentlichen Teil an Daniel Lopatins vollkommen unkategorisierbarem Soundtrack, den er dieses Mal nicht seinem bekanntesten Alias Oneohtrix Point Never zuschreibt. Film übermorgen auf Netflix, Platte könnt ihr aber heute schon mal ordern.
 

Bergsonist – Middle QuestWebshop ► LP Ein bemerkenswertes Album hat auch Selwa Abd für Optimo gemacht, »Middle Ouest« arbeitet sich zu Beginn an postpostpostmoderner Clubmusik ab, auf ähnliche Art und Weise wie das beispielsweise auch DJ Plead oder DJ Haram tun, bevor Bergsonist klassischere House-Varianten, Midtempo Spoken Word Chugger und klassischere Techno-Ansätze integriert. Die fokusierteste Dreiviertelstunde einer Künstlerin, die täglich mindestens eine handvoll guter Ideen hat.
 

clara! Webshop ► 2LP Der Reggaeton-Ansatz von Clara! Y Maoupa ist schon qua Assoziation ein woker, für eine eine halbwegs seriöse Analyse der verhandelten Themen fehlen mir hier aber ähnlich wie bei Pelada zuvor mindestens drei Jahre Schulspanisch. »Luna Nueva« funktioniert aber ebenso als Dancefloor-Esperanto wie eigentlich alles, was Low Jack auf Editions Gravats veröffentlichen lässt.
 

RAMZi - MultiquestWebshop ► LP Warum ausgerechnet RAMZi in diesem awkwarden kaukasischen Exotismus-Ding der letzten Jahre im Diskurs gerne als Negativbeispiel angeführt wird, liegt vielleicht daran, dass ihrer Musik etwas weniger akademisches, dafür plakatives anhaftet. »Multiquest Niveau 1: Camoufle« ist nun vor allem auch deswegen RAMZis bisher bestes Album, weil hier House und Dancehall ein Fundament gießen, auf dem nicht jedes Vogelzwitschern direkt zum Problem wird. Im Gegenteil: so unfetischisiert hat man RAMZi noch nicht gehört.
 

sassy j patchworkWebshop ► 2LP Sassy J hat diese Appropriations-Problematik schon durch und den für sie besten Weg gefunden: Kollaboration. »Patchwork« ist genau das, ein knallbunter Flickenteppich, zusammengehalten von einem dezidiert amerikanischen Groove-Verständnis, New York, Chicago, Detroit, ihr kennt das. Zwischendurch schickt die Westküste noch Gäste vorbei, man versteht sich. Das wäre 2009 auf Ninja Tune vermutlich eines der Alben des Jahres gewesen, fällt aber auch 2019 nicht negativ auf.
 

Bufiman – AlbumsiWebshop ► 2LP Man kann Alben machen wie Sassy J oder man macht Alben wie Jan Schulte. Während Sassy Js Album klingt wie eine minutiös geplante Aufarbeitung aller persönlichen Bezugspunkte, inklusive internalisiertem Essay zu jedem Track, gelingt es Schulte als Bufiman ein vollkommen spontanes und naives Album zu machen. Natürlich KANN 12-minütiger Maultrommel-Big-Beat-Prog-Acid gar nicht vollkommen spontan programmiert sein, aber Schulte schafft es auf dem angenehm albern betitelten »Albumsi« die Illusion einer 70-minütigen Jam-Session aufrechtzuerhalten. Das erscheint dann auf Dekmantel, linst frech ein paar Mal ins Sperrgebiet Nu-Disco und wird auf Festivals knallenknallenknallen, aber am schönsten ist eigentlich, dass Schulte hier eine Platte gemacht hat, die eigentlich vor allem eins ist: Breakdance Musik für 2020.
 

phase fataleWebshop ► 2LP Gut, es war vermutlich nicht die beste Idee nach Bufimann gleich »Scanning Backwards« zu hören Phase Fatales humorfreie Berghain-EBM-Blaupause, aber auch ohne den feixenden Bufiman zuvor wäre mir hier vermutlich vor allem aufgefallen, dass EBM in seiner 2020-Inkarnation einfach zu oft die klebrige Ambivalenz der eigenen Vorbilder fehlt.
 

Stenny – UpsurgeWebshop ► 2LP Stenny versucht sich auf »Upsurge« unterdessen an klassischerem IDM, ohne die Ilian Tape’sche Verbindlichkeit in zu säuseligen Flächen zu verlieren. Vielmehr streicht Stenny ähnlich wie zuvor Labelkollege Skee Mask die melodischen Kitschigkeiten der eindeuitg zu erkennenden Vorbilder und setzt stattdessen ständig rhythmische Marker, die über matte 808-Eleganz hinausgehen.
 

J A enter jaWebshop ► LP Andrea Noce macht mit Jonida Prifti als J A einfach das dritte Toresch Album und weil man sich kennt, dürfte das für alle Beteiligen auch in Ordnung sein. »Enter Ja« ist nicht nur ein faszinierend kaltes, entkoppeltes Album, es ist vor allem auch ein Beleg dafür wie selten Tolouse Low Trax’ Signature Sound wirklich gut kopiert wird. »Enter Ja« demonstriert diese seltene Fähigkeit direkt zweimal zu Beginn, bevor sich Noce und Prifti auf der B-Seite dann endgültig freischwimmen und eine fantastische EP krönen.
 

andrew pekler islandsWebshop ► LP Ihr hattet sie schon zwölfmal im IG-Feed, dreimal in der Hand, jetzt kauft diese neue Platte von Andrew Pekler halt auch endlich. Ja, »Sounds From Phantom Islands« ist genau jene Art von loopigem Gebimmel, für das man 2016 schon nach 30 Sekunden den Warenkorb geleert hätte, aber die Platte ist auch … anders. Seltsamer, voluminöser, halluzinogener.
 

georgia seeking thrillsWebshop ► LP Wie wir von Peklers außerweltlichen Collagen zu dem getrimmten Pop von Georgia kommen, weiß ich auch nicht, aber »Seeking Thrills« ist endlich mal wieder so ein COS-Umkleiden-Album, das man nicht direkt hassen will. In den besten Momenten klingt das dann wie eine Rihanna und Sophie. Kollabo, in den schlechten halt wie Pop 2020…
 

fever ray remix albumWebshop ► 2LP … oder wie auf »The Thrill« wie eine recht dreiste Kopie von Fever Ray. Das Original veröffentlichte dafür endlich die schon länger digital kursierenden Remixe zu »Plunge«. Am Stück erschöpfen sich die Neubearbeitungen natürlich ein wenig, aber bis zu Tzusings energischem »Mustn’t Hurry« sollte man dranbleiben.
 

röstenWebshop ► LP Toll auch wie Rösten immer schrulliger wird. Für »Aaa« haben sich SHXCXCHCXSH das neue Moniker Hsxchcxcxhs zugelegt und allein, dass ich diesen Satz ironiefrei schreiben muss, zeigt wer hier gewonnen hat. Nun also acht Tracks auf 80 BPM, die Bot-artige Vocalschnippsel solange häckseln bis man komplett die Orientierung verloren hat, weil der Takt hier genau so gegen einen ist wie dieses feindselige Stimmengewirr. Irgendeiner klang auf 45 jedenfalls wie Cyborg-Dancehall.
 

monokulturWebshop ► LP Dann noch zwei wichtige zum Schluss. Monokulturs Album ist das Album, das ich zwischen den Jahren jedem, der es (nicht) hören wollte als das eine Ding aus 2019 verkauft habe, das man nicht hätte verpassen sollen, aber wahrscheinlich verpasst hat. Schnoddriger Post-Punk auf Schwedisch, JJ Ulius und Elin Engström, ein Album, das irgendjemand 2052 bei Vaddern im Keller findet und dann ist alles anders.
 

beb short illnessWebshop ► LP Es ist Januar, wir begannen mit Tod, wir schließen mit Tod. Kiran Sande hat Blackest Ever Black beerdigt, mit einer seltsamen Kurzgeschichte und einer Compilation-Vignette (»A Short Illness From Which He Never Recovered«), auf der außer Carla Dal Forno eigentlich keiner der bekanntesten BEB-Künstler vertreten ist, weil das würde ja jeder so machen. Ein stilvoller Abgang für eines der wenigen Labels, dem man noch weitere zehn Jahre auf diesem Niveau zugetraut hätte.
 

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Das 1986 veröffentlichte »The Queen Is Dead« ist der Höhepunkt der nur fünf Jahre und vier Studioalben währenden Karriere der britischen Band The Smiths. Es klingt auch nach so langer Zeit noch erfrischend eigenwillig.
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