Music Porträt | verfasst 07.07.2020
International Anthem Recordings
Die Suche nach dem Echten
Seit sechs Jahren liefert das Label International Anthem aus Chicago zuverlässig Jazz mit ganz eigener Attitüde. Wobei sich die Gründer fast jeder Zuschreibung verweigern. Für sie gilt: Der schönste Klang ist stets das Echte.
Text Björn Bischoff , Übersetzung Sebastian Hinz
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Die Schallplatten von International Anthem du im Webshop von HHV Records


International Anthem – 2020 (01) Label Watch Nachhaltigkeit, Leidenschaft und Ausdauer. Mehr wollen sie nicht. »Alles andere sind nur Details«, sagt Scottie McNiece. Gemeinsam mit David Allen und Dave Vettraino leitet der 34-Jährige International Anthem. Vor einigen Wochen gab es einen Achtungserfolg mit »Suite for Max Brown« des Gitarristen Jeff Parker mit zahlreichen positiven Reviews und Artikeln.
Doch bereits davor lohnte sich der Blick auf das Label, das sich dem Jazz und allen Grenzgebieten davon verschrieben hat. Ohne akademische Debatten – vielmehr will International Anthem die passende Einladung für diesen Sound sein. »Das heißt nicht, dass wir unsere Musik jetzt poppiger klingen lassen oder sowas.«

Es geht darum, die Künstler und ihre Kunst dem Publikum zugänglich zu machen. Auf eine offene, liebende und ermutigende Art und Weise. »Jazz, und ehrlicherweise Musik generell, wird oft so präsentiert, dass Leute denken, sie seien nicht intelligent genug oder ihnen fehle das Wissen für die Wertschätzung dieser Musik. Wir denken, dass das sehr unglücklich und kontraproduktiv für Musiker, Hörer und die Musikkultur im Allgemeinen ist«, sagt McNiece.
Der größte Erfolg bis hierhin ist dann auch kein Album für das Label: »Es ist die Gemeinschaft von Künstlern und Moderatoren, die wir zusammengebracht haben über gemeinsame Erfahrungen und die wahre Liebe zur Musik.« Neben Jeff Parker gehören dazu etwa die Jazzmusikerin Angel Bat Dawid, der Trompeter Will Miller mit seiner Band Resavoir und das Quintett Dos Santos, das Afrobeat mit lateinamerikanischen Klängen und – logisch – Jazz verknüpft. Mal ist das alles im Sound gefälliger (Resavoir), mal herausfordernder (Angel Bat Dawid), aber stets packend, weil eben wirklich: echt und leidenschaftlich. Obwohl es nie um Jazz als Kern geht. International Anthem will Grenzen überschreiten. Nicht mutwillig. Aber für einen einmaligen Sound.

Aus einem Moment heraus entstand das Label vor sechs Jahren in Chicago. McNiece arbeitete in der Bar Curio, wo er als Barmann arbeitete sowie eine Reihe mit Free Jazz veranstaltete. Doch diese Erlebnisse wollte er festhalten. Auf Platte. Er lud dazu dann seine Freunde und Toningenieure David Allen und Dave Vettraino ein, um ein Konzert von Rob Mazurek im Dezember 2012 aufzunehmen. Danach fiel die Entscheidung für das gemeinsame Label.
»Uns beschäftigt weniger, ob ein Künstler musikalisch zu uns passt, als vielmehr, ob seine Mitmenschlichkeit und seine Persönlichkeit zu uns passen.« (Scottie McNiece (International Anthem)) Der Antrieb: »Künstlern die Möglichkeit zu geben, das Echte zu beschwören, ihre musikalischen Geschenke für eine Verbesserung der Welt eben mit jener teilen zu können und ihre Botschaften der Liebe zu verstärken, welche die Menschen jetzt mehr denn je brauchen.«
So entsteht dann auch die Bandbreite an verschiedenen Stilen und Sounds auf dem Label, die doch eine Essenz teilen. »Uns beschäftigt weniger, ob ein Künstler musikalisch zu uns passt, als vielmehr, ob seine Mitmenschlichkeit und seine Persönlichkeit zu uns passen«, so McNiece. Weswegen International Anthem auch deutlich politisch sind – etwa mit der Veröffentlichung von »Freddie Douggie: Live on Juneteenth« am 19. Juni im letzten Jahr, dem jährlichen Gedenktag zur Erinnerung an die Befreiung der afroamerikanischen Bevölkerung aus der Sklaverei.

Dieser Tage erscheint mit »Chicago Waves« ein Album, das den grenzüberschreitenden Ansatz erneut unterstreicht. Perkussionist Carlos Niño und Multiinstrumentalist Miguel Atwood-Ferguson spielten diese Session Ende November 2018 improvisiert ein. Sie arbeiteten zusammen zuvor bereits an »Universal Beings« von Makaya McCraven mit. Alle beteiligten Musiker jenes Albums trafen sich damals wieder in Chicago zur Aufführung des Albums im South Shore Cultural Center – einem Club aus der »goldenen Zeit« im Süden der Stadt. Unter diesem Eindruck der lokalen Szene und der Stadt kam es dann einen Tag nach dem Gig zur Aufnahme eben dieser Session.
Chicago ist immer wieder Drehpunkt für solche Momente und Verbindungen. Und International Anthem Teil dieses großen Ganzen in der grenzenlosen Welt des Jazz. Entsprechend beschreibt McNiece die dortige Musikszene: »Gemeinschaftsorientiert. Experimentierfreudig. Generationsübergreifend. Divers.« Bis Ende des Jahres 2020 sollen sechs weitere Alben auf dem Label folgen.

Den Musikern stehen Allen, Vettraino und McNiece dabei ganz nach ihren Bedürfnissen zur Verfügung: »Manchmal heißt das, wir sind im kreativen Prozess involviert, manchmal heißt es, wir sind eher mit unserer Erfahrung und den logistischen Dingen dabei.« Oft finden sich ihre Namen in den Credits der Platten wieder. Als Produzenten und Tontechniker. Wenn die Künstler jedoch eine klare Vision mitbringen, bekommen sie freie Hand. »In solchen Fällen warten wir einfach nur auf den Anruf, der dann erst kommt, wenn die Künstler uns das fertige Produkt abliefern.«

McNieces Rat an Gründer neuer Labels? »Priorisiere, dass Du mit Deinen Freunden, deinen Nachbarn und Leuten Deiner Community arbeitest. Das ist Dein wichtigster Job: Gemeinschaft bilden. Das ist weit wichtiger als jede Idee von Genre.« Es geht bei International Anthem eben nicht um Diskurse, sondern einfach um den schönst möglichen Sound in jeder Note: »Das Echte.«


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