Music Kolumne | verfasst 23.09.2020
Vinyl-Sprechstunde
Tolouse Low Trax – Jumping Dead Leafs
Der Mann, der einen Sound geprägt hat, ist zurück mit einem Langspieler. Die drei Männer, die nichts geprägt haben, sind zur Stelle, um sich über ihn zu unterhalten. Das ist natürlich eine tolle Sache.
Text Florian Aigner, Pippo Kuhzart, Kristoffer Cornils
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Pippo: Ich rechne mit Aigner’schen Tränen, wird er sich doch an die gute alte Zeit erinnert fühlen, wo er noch in Bars wie dem Salon des Amateurs saufen und laut Musik hören konnte.

Cornils: Das Schöne an Tolouse Low Trax ist ja: Das geht genauso gut zu Hause. Das Schlimme an Tolouse Low Trax ist aber: Klar ist das im Club immer schöner. Und das fehlt jetzt, die Körperlichkeit, die Dinglichkeit.

Aigner: Oh man ey, wie entlarvend. Ich hatte mit dem Titeltrack halt wirklich diesen vollkommen verklärten, Nightlife-only-Moment, als ich das erste Mal wieder im Acephale war und Jules den unreleased und vor allem LAUT gespielt hat. Jetzt suche ich hier zu Hause nach der selben Intensität während der Entkalker durch die Kaffeemaschine quietscht. Muss sagen: Ich raffe nicht, wie man nicht wegdarbt ohne die Körperlichkeit von Musik. Habe jetzt hier locker die drei corniesten Sätze meiner Sprechstunden-»Karriere« zu Beginn verheizt, sorry.

Cornils: Verstehe ich, gehe ich mit, vom Bürostuhl aus. Und trotzdem ist »Jumping Dead Leafs« als Album wieder der Ultimativkompromiss zwischen rostigen Achtziger-Vibes und zeitgenössischem Midtempo-Geschubber, Fabrikcharme und Patschuligeruch. Im Grunde eine ganz normale Detlef-Weinrich-Platte, ohne riesengroße Überraschungen und mit viel gehauchten Sprachsamples, wie sie »Rushing Into Water« schon zum Konsens-Hit gemacht haben. Da willst du doch gerne (drauf) reinfallen.

Aigner: Ein freches Fazit zu Beginn. Die »Rushing Into Water«-Formel funktioniert für mich immer noch, ich gebe aber auch zu, dass ich 2020 ein bisschen heißer bin auf die Kollabo-Platten mit echten Vokalistinnen, also so nach dem Toresch-Prinzip. Da kommt ja auch recht bald eine mit Emanuelle Parenin – ungehört automatisch schon die Lieblingsplatte von Aigner und Pippo 2016. Ich finde Ultimativkompromiss eigentlich für jede Tolouse Low Trax-Solo-Platte passend, weil angesichts dessen, was Weinrich als Kurator zwanzig Jahre lang gemacht hat, ganz viele Einflüsse und Genres aus seinen DJ-Sets auch zugunsten eines klaren Trademarks-Sounds geopfert werden. Na klar, gibt es da auch mal dubbigen Halftime oder den angetrappten Titelsong, aber dann fehlen da bewusst Echo, Reverb und Snare-Rolls. Sich als Produzent nie wirklich so viel Freiheit zu geben wie beim Auflegen scheint mir eine sehr bewusste Entscheidung zu sein, insbesondere bezüglich offensichtlicher Genre-Signifier. Aber: ich bin halt Fan.

»Die Platte bockt dann am meisten, wenn sie am wenigsten Bock hat.« (Kristoffer Cornils)

Pippo: Intense, ist der dritte Track scheiße!

Cornils: Das ist die Wrongspeeder-Cumbia-Nummer, ja? Ich glaube, das ist so ein bisschen das »Rushing Into Water« dieses Albums und vielleicht tut’s also nicht Not. Geil finde ich ja »Berrytone Souvenier«, das erinnert mich an Atom TMs »Ich bin meine Maschine« im bratzigen Boys-Noize-Remix, nur eben im Sounddesign das ungefähr komplette Gegenteil: Die wirklich hässlichste Snare aller Zeiten, total schön. Wie zum Beispiel auch »Milk In Water« mit diesem Ping-Pong-Dub wunderbar übellaunig ist. Und mit »Sales Pitch« stellen sich endgültig die Erkältungssymptome ein. Da ist mehr schlechte Laune drin als sonst, es fehlt die störrische Unbeirrtheit von früheren Alben. Geil. An einem grauen Freitagabend will ich das fast gerne ausleben, aber das könnte gefährlich enden. Der Herbst wird schon hart genug. Mein Fazit bisher: Die Platte bockt dann am meisten, wenn sie am wenigsten Bock hat. Dir aber nicht, Kollege Kuhzart?

Pippo: Ich bin noch nicht so weit. Ich muss mich da gerade noch reindenken/reinfühlen. Was per se schon mal ein schlechtes Zeichen für die Platte ist – oder auch nicht. Bin aktuell wieder unzuverlässigster Erzähler der Welt, schlechte Laune, zu viel getextet, zu viel gehört, zu vollgemüllt. Das als Disclaimer. Mir kommt nach der ersten Langweile dann erstmal eine Frage, und die meine ich mit Faszination: Wohin will diese Musik eigentlich? Das fand ich bei den Rhythmen und den Tempi bei Tolouse Low Trax und Umfeld immer schon… faszinierend. Weil eigentlich… weiß man ja schon nicht, was man damit anstellen schon? Diesen Non-Funktionalität finde ich natürlich dann sofort geil.

Cornils: Eben: War das Geile an Weinrichs Musik nicht immer schon, dass sie nirgendwohin geht? Immer am Bekannten vorbei schliddernd, ziellos und repetitiv wie eine Lokomotive ohne Endhaltestelle. Ich würde allerdings sagen, dass »Jumping Dead Leafs« schon mehr weiß, in welche Richtung es gehen soll, oder besser gesagt Richtungen. Und das ist vielleicht weg vom reinen Maschinen-Jam-Geratter hin zu mehr Schattierungen in Rhythmus und Struktur. Gefällt mir im Vergleich auf der LP auch besser als die eher klassischen Tolouse-Low-Trax-Tracks.

Aigner: Dieses Nirgendwo-Hinwollen ist auch krass Techno eigentlich, so im klassischen Basic-Channel-Sinn. Das ist hier natürlich auch ein hanebüchener Vergleich, aber zumindest Rhythm & Sound finde ich dann manchmal auch in der Live-Takigkeit gar nicht so verkehrt als Referenz. Oder halt Muslimgauze, aber dass Weinrich der größte Bryn-Jones-Fan ist, ist ja auch nicht neu.

Pippo: Den Titeltrack finde ich PS auch killer. Mit diesen Acid-Kröten, toll. Trotzdem – und bitte ruft mich einen Idioten: Irgendwie finde ich die Ästhetik inzwischen oder jetzt langweilig?! Dass alles aus der Ecke noch nach »Back To The Burner« klingt, langweilt mich.

Cornils: Ich kann’s nachvollziehen, mich kicken die Experimente auch mehr. Was aber wohl eben daran liegt, dass das Tolouse-Low-Trax-Prinzip mittlerweile schon oft kopiert wurde. Und wenn das Original schon nach Xerox klingt, dann die Epigon*innen umso mehr. Das ist alles sehr blass und trotzdem viel. Auch wenn er’s selbst noch am besten kann.

Aigner: In den Nuancen ist das für mich ein recht überraschendes Album. Vielleicht ist die Sequenzierung nicht die beste, weil direkt nach dem brillanten Opener mit »Berrytone Souvenier« und »The Incomprehensible Image« die – sorry Kristoffer – schwächsten und gleichzeitig längsten Tracks folgen. Aber mit Opener, Titeltrack und dem dann doch tatsächlich fast klassisch angedubbten »Milk In Water« sind immerhin mindestens 50% des Albums eher untypisch für ihn. Oh und wie dann final auch »Sales Pitch« zu Beginn noch diese UK-Verspieltheit heuchelt und doch in recht teutonischen Patterns mündet: das ist schon absoluter Profi-Shit.

»Da, wo mir das Album am besten gefällt, muss ich an… Hip-Hop denken. Ist das weird? Ich krieg da so Cypher-Vibes.« (Pippo Kuhzart)

Pippo: Hey, was anderes: Da, wo mir das Album am besten gefällt, muss ich an… Hip-Hop denken. Ist das weird? Ich krieg da so Cypher-Vibes. Dieses Kopfnickertum ist ja auch irgendwie eine Form von Trance (um die es OFFENSICHTLICH immer bei Tolouse Low Trax geht). Aber eben Trance ohne Erleuchtung. Sondern Ewigkeit im Hoodie mit den Augen nur halb geöffnet. Über diesen Zugang FINDE ich dann auch ins Album. Nachdem ich es jetzt wirklich erst vier Hördurchgänge meistens ablehnen wollte. Vielleicht ist Trance auch das falsche Stichwort. Wahrscheinlich ist Ritual das richtigere. Und dann passt auch der Corner als TOPOS (lol).

Cornils: Die Hip-Hop-Ähnlichkeiten beziehungsweise Trap als Referenz hat Aigner ja auch schon erwähnt. Meint ihr, das ist beabsichtigt? Ich denke nämlich nicht.

Aigner: Das bringt auch das Tempo ein bisschen mit sich, zweimal 85, viermal zwischen 100 und 110. Dazu noch dieser MPC-Sound, da ist man schnell bei Hip-Hop, wobei ich, mit Ausnahme des Titeltracks, bei Tolouse Low Trax eigentlich eher an Just Ice denken muss als an Metro Boomin. Die Kälte im Klang ist hingegen schon auch sehr modern. Das ist wenn dann Hip-Hop ohne Bboy-Attitütde, also auch innerhalb der Salon Crew ein interessanter Gegensatz zu Jan Schultes Produktionen. Am geilsten finde ich aber halt eigentlich, dass Weinrich es als erster gerafft hat, dass solche Zufälle wie Psychic Function einfach häufiger im Techno-Kontext passieren müssten, an den Track denke ich irgendwie bei jedem seiner Releases.

Tolouse Low Trax – Jumping Dead LeavesWebshop ► Yellow Vinyl LP | Black Vinyl LP Cornils: Auch schon wieder extrem passend, dass der YouTube-Kanal, auf dem die Biogen-Nummer hochgeladen wurde, uns mit Schnitzler-Avatar begrüßt: Tolouse Low Trax ist ja immer auch eine Conzentrationsübung. Sound als Ereignis, aneinander gereiht, mal schwebend, mal tonnenschwer. Ich finde diese Hip-Hop-Hinweise da doch ganz spannend. Breakdance zwischen brutalistischen Bauten? Mach’ da bitte mal jemand ein Video vorm Mäusebunker zu, solange das noch möglich ist. Meinetwegen auch zum Titeltrack, der mir dann doch immer besser gefällt, je mehr ich ihn höre. Suba-Froschchöre, Pseudo-Trance, Trommelrhythmen und trotzdem klingt das Ding so, als müsste Helena Hauff es für die Peak Time nur ein bisschen hochpitchen. Obwohl das vielleicht doch ein klassischer Lena Willikens ist. Vielleicht ist das meine abschließende Meinung: »Jumping Dead Leafs« ist ein grauschattierte Wundertüte, vielleicht nicht unbedingt Album-Album, aber allemal gespickt mit neuen Ansätzen und am Ende dann doch einer neuen Marschrichtung. Und vielleicht, ja, vielleicht heißt’s auch, dass Weinrich aus dem Sound ausbrechen wird, dem ihm in den letzten Jahren alle nachgemacht haben.

Pippo: Ich glaube, eigentlich finde ich das schon einfach fett. Nur kann ich das Moodboard halt nicht mehr hören und bin deswegen so halb-mosrig. Diese Russen-Vocals, natürlich dann diese kurze Abhandlung zur Divina Comedia, da winke ich ab. Kopf nickt aber schon real hard und ich werde den Aigner definitiv bald in seinem Wohnzimmer fragen, »Alde, was ist das für ein KILLOR« und er wird sagen, »Dude, das ist die Tolouse Low Trax, die du so läppp’sch abgetan hast« und ich werde sagen: »Ouh man he, auf mich ist einfach kein’ Verlass«.


Die Schallplatten von Tolouse Low Trax findest du im Webshop von HHV Records

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