Music Kolumne | verfasst 22.10.2020
Records Revisited
Pet Shop Boys – Behaviour (1990)
»Behaviour« ist das Pet Shop Boys-Album schlechthin. Reflektierte Texte, die schon damals bewährten Hymnen-Melodien und Harold Faltermeyers analoge Produktion verschmolzen zu einem Klassiker, der keinen Staub ansetzen will.
Text Tim Caspar Boehme
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Bei Büchern soll man ja nicht vom Umschlag auf den Inhalt schließen. Bei Pop-Alben ist das ein bisschen anders. Das Cover dient meistens nicht allein als hübsche Verpackung, sondern gehört zum Image dazu, soll sich im besten Fall mit der Musik verbinden, als eine Art kombinierte Botschaft. Bei »Behaviour«, dem vierten Album der Pet Shop Boys, haben diese obendrein das Cover mitgestaltet, in der für sie typischen aufgeräumten kühlen Klarheit.

Leichte Melancholie spricht aus den Fotos, die wahlweise die beiden Musiker Neil Tennant und Chris Lowe mit einem Strauß roter Rosen oder einen leeren Stuhl mit den davor ausgebreiteten Blumen zeigen. Dazwischen Schwarzweißporträts des Duos, Neil Tennant frontal, Chris Lowe von hinten. Der Eindruck: Abstand, Innehalten, Vergänglichkeit.
»Behaviour« erschien in einem Jahr des Umbruchs. Aus zwei Deutschlands wurde eines, was dem Ostblock den letzten Stoß zu seiner Auflösung versetzte, und Techno schickte sich an, die Welt unter einem Groove zu vereinen. Die Pet Shop Boys schienen in ihrem Auftreten äußerlich ungerührt davon, mit ihrem distinguierten Pop, der diesmal einen Hauch weniger künstlich geraten war als die Sampling-Ästhetik etwa auf »Actually«. Doch die Musik war an einigen Stellen völlig auf der Höhe der Zeit, und in ihren nachdenklichen Texten fanden auch die Veränderungen um sie herum Eingang.

Zunächst bestimmen aber die Veränderungen im Verlauf eines Lebens die Eröffnungsnummer. »Being Boring« ist zugleich einer der größten Songs der Pet Shop Boys. Gerade der langsame Aufbau der Albumversion, die sich knapp sieben Minuten gönnt, um von den leisen Tönen eines singenden Rohrs zu Beginn bis zum allmählich ausgeblendeten Breakbeat einmal das 20. Jahrhundert zu durchqueren, lässt eine sanfte Wehmutsdynamik entstehen, die ohne Selbstmitleid auskommt.

Was an Neil Tennants scheinbar unbeteiligtem Gesang liegt, mit dem er von eleganten Teenagerparties in den Zwanzigern erzählt, von Unsicherheit und Aufbruch in den Siebzigern, um schließlich in den Neunzigern zu landen. Wobei der Erzähler, der in all diesen Strophen »I« sagt, vermutlich nicht ein und dieselbe Person ist. Und ohne es direkt zu benennen, bringt er am Ende das Thema Aids ins Spiel, wenn Tennant singt: »All the people I was kissing / Some are here and some are missing / In the nineteen-nineties«.

So grandios wie auf »Behaviour« sollte ihr Sound aber nie mehr klingen.

Für den Klang hatten die Pet Shop Boys sich vertrauensvoll an den Münchner Produzenten Harold Faltermeyer gewandt. Statt Samplern wollten sie etwas Analogeres, und Faltermeyers Synthesizer boten genau das. Schon die weichen Bassklänge in »Being Boring« bestätigen, dass die Entscheidung richtig war. Und die Gitarren, die in verschiedenen Nummern zum Einsatz kommen, zweimal gespielt von Johnny Marr, vormals bei The Smith’s, stören in dieser elektronischen Umgebung kein bisschen.

Dass die Pet Shop Boys sehr stilvoll austeilen können, demonstrieren sie in »How Can You Expect to Be Taken Seriously?« Die titelgebende Frage richtet sich an einen Popstar mit weitreichenden Ambitionen, etwa das eigene Publikum über Ökologie aufzuklären und sich für jedwede gute Sache zu engagieren. Man denke an Namen wie Bono, Sting oder Bob Geldof, selbst wenn diese nicht direkt gemeint gewesen sein sollten – angeblich hatte Tennant Wendy James von Transvision Vamp im Sinn.

Pet Shop Boys — BehaviourWebshop ► Vinyl LP Das historische Jahr 1990 würdigen die Pet Shop Boys dann mit »My October Symphony«. Unterstützt werden sie von Johnny Marr und dem Balanescu Quartet, wenn Tennant wunderbar zögerlich-verschachtelt singt: »Shall I rewrite or revise my October symphony? / Or as an indication change the dedication from revolution to revelation?« Die Offenbarung als das Ende der Revolution hat auch nach 30 Jahren nichts an Prägnanz verloren.

Wie überhaupt »Behaviour« samt seinen Breakbeats hervorragend gealtert ist. Und durch den Einsatz des Roland TR-909 Drumcomputers in »So Hard« mit altem Gerät plötzlich auf der Höhe von Techno war. Auf diese Maschine sollten die Pet Shop Boys auf späteren Platten immer wieder zurückkommen. So grandios wie auf »Behaviour« sollte ihr Sound aber nie mehr klingen.


Die Musik der Pet Shop Boys findest du im Webshop von HHV Records.

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