Music Kolumne | verfasst 18.11.2020
Aigners Inventur
November & Dezember 2020
Das Virus? Nah, unser furchtloser Kolumnist fürchtet nur eines hinter jeder Straßenecke: Clueso. Aigner schmeißt sich in fiktive Nachtbusse und bückt sich n zu den REWE-Spaghetti runter, weil die von Barilla wieder weggepreppt wurden.
Text Florian Aigner

21 savage savage mode 2Vinyl LP Kurz vor Halloween gedroppt, bekam insbesondere die Narration von Morgan Freeman die meiste Aufmerksamkeit (lies: die höchste Meme-Dichte), aber »Savage Mode II« von 21 Savage und Metro Boomin ist auch ohne diesen netten Gimmick ein schweinekaltes Nihilismus-Traktat, dem zwar das Überraschungsmoment des Erstlings etwas abgeht, das aber gleichzeitig eine echte Alternative zur manchmal etwas fantasielosen Mobb Deep Nachlese des Griselda-Camps ist.
 

manonmars in colourVinyl LP Manonmars den britischen Ka zu heißen, ist ein bißchen dumm, allein schon weil das Young Echo-Mitglied mit der metaphysischen Präsens Kas natürlich nicht mithalten kann, wer aber lakonische Spoken Word-Raps in Zeitlupe über angerostete Loops immer noch für die wichtigste Lehre aus den Neunzigern hält, bekommt hier endlich mal wieder einen herrlich unmodernen britischen Take on Rap-Minimalismus.
 

simo cell killVinyl LP Den Minimalismus, den Simo Cell in gerade einmal 26 Minuten Abdullah Miniawys eleganten, inhaltlich für Kartoffelohren kaum zu dekodierenden Vocals entgegenstellt, ist ein ganz anderer. Höchst digitale, 808-lastige Drum-Patterns, in denen meist mindestens ein Stabilität gebendes Element ausgelassen wird, treffen auf elegante, analoge Sax-Spuren und artifizielle, dekonstruierte Synths. Das ist durch und durch schwereloser Trap, im Gobstopper’schen Sinne und dennoch im Zusammenspiel mit Miniawy endlich eine vollkommen Token-befreite, authentische Annäherung an arabische Tanzmusik, die aber fast vollkommen auf die dort üblichen Elemente verzichtet. Sensationsalbum, ganz klar.
 

Actress – Karma & DesireVinyl 2LP Das neue Album von Actress reüssiert in seiner Abkehr von KI und schroffem Spielverderbertum. »Karma & Desire« ist esoterischer und poppiger als alles, was Cunningham je produziert hat, inklusive zweier dezenter Frank Ocean-Performances von Sampha. Die stetige Irritation der ersten Actress Alben ist hier nur noch sparsam eingesetztes Stilmittel, dennoch muss sich kein Fan der ersten Stunde vor einer Bonobisierung fürchten.
 

shamos adverts 2Vinyl LP Wer vielleicht doch eher auf »Hazyville 2« gewartet hat: auch kein Problem, Shamos stückelt sich für DJ Lysters Institution YOUTH auf »Music For Broken Adverts« durch bitgecrushte Neo-Klassik-Pianos und Chicago Claps, buddelt Lo Fi House aus und poliert ihn mit Blade Runner Arpeggios und rafft dabei auch noch, dass das alles mit einer durchschnittlichen Tracklänge von 3.5 Minuten nie Gefahr läuft vorhersehbar zu werden.
 

socketheadVinyl LP Die eigentliche Sensation hat sich Lyster allerdings noch aufgespart. Keine drei Wochen später erscheint mit »Harj-o-Marj« ein aberwitziger Genre-Bender, auf dem der bisher nur lokal aufgefallene Sockethead gefühlt die gesamte Musikgeschichte Manchesters in 42 Minuten gleichzeitig ad absurdum und 35 Jahre in die Zukunft führt. Wüstester Hardcore clasht mit gechoppten R&B-Samples, Post-Punk-Balladen verwandeln sich in psychotischen Ambient Gabber, Dancehall und Jungle werden stets mitgedacht, aber bekommen doch nie ihren Soloauftritt und ein fehlprogrammiertes Mark E Smith Hologramm moderiert diesen verdammten Mindmelter von einem Album.
 


Die Schallplatten aus Aigners Inventur findest du im Webshop von HHV Records.


piezo perduVinyl LP Auf Hundebiss erscheinen ja selten langweilige Alben. »Perdu« ist die zickigere Version einer Timedance-Platte und allein deswegen schon gut. Piezo behält hier die Elemente seiner trackigeren Singles bei, verabschiedet sich aber auf Albumlänge von Peak- und Warm-Up-Kategorien. Auch hier gibt es Tracks, die im nicht existenten Clubjahr 2020 von besonders irren Tänzern hätten wertgeschätzt werden können, unter den diesjährigen Umständen ist »Perdu« dann allerdings eine glänzende Sounddesign-Platte mit überraschend viel Druck.
 

ploy unlit signalsVinyl 2LP »Unlit Signals« hingegen antwortet auf die pandemischen Tanzflächen mit einer zwischen Utopie und Dystopie pendelnden, hyperdruckvollen Wall Of Sound. Ploy verbindet hier auf sechs Tracks und zwei beatlosen Stücken die euphorische Energie seiner vorherigen Club-Maxis mit der frenetischen Innovation der Szene in Shanghai und der punkigen Dissonanz von L.I.E.S., wo diese Platte konsequenterweise auch erscheint. Der meistdiskutierte Track hört übrigens auf den Namen »Molotov« und ihr bastelt euch den Rest dieses Satzes bitte selbst zusammen.
 

Blacksea Nao Maya - Maquina De VenusVinyl LP Noch eine absolute Sensation und die beste Principe-Platte, in einem Jahr, in dem gefühlt zehn essentielle Principe-Platten veröffentlicht wurden: »Máquina de Vénus« von Blacksea Não Maya, die hier wie erwartet Batida, Tarraxho und Kuduro einmal auf links drehen, vor allem aber mit einem recht amerikanischen Verständnis von Reggaeton, Dancehall und Trap kreuzen und das alles immer wieder mit sehr europäischen Sub-100BPM-Techno-Sperenzien redefinieren.
 

call super every mouthVinyl LP Es wäre derweil arg nörgelig zu behaupten, dass Call Super endlich auch sein Mark Fell-Album gemacht hat, zumal »Every Mouth Teeth Missing« (Spitzentitel btw) im Gegensatz zu Beatrice Dillon oder Rian Treanor, wesentlich melodieverliebter durch die reverbfreien Räume tänzelt. Im Grunde ist das perfekt geeichter High Speed-Tech House in bester britischer Tradition, der aber Drops und Hooks gegen flirrende Mikro-House-Details und japanische Klangfarben eintauscht.
 

Pole – FadingVinyl LP Schön, dass Pole noch Platten macht. Ich glaube ich habe noch nie eine Pole-Platte gehört und das Gegenteil gedacht. Natürlich kann man »Fading« auch wegen seines traurigen persönlichen Überbaus (die Demenzkrankheit der Mutter) bemerkenswert finden, aber auch ohne diese Caretaker’eske Rahmenhandlung ist »Fading« eine wieder mal wunderschöne Dub Platte, die natürlich Basic Channel mitdenkt, aber auch den schwelgerischen Kompakt-Pop von The Field, nur ohne die unnötige Ornamentgeilheit.
 

Autechre – SIGNVinyl 2LP Meine liebsten Autechre-Platten sind die, auf denen der BEAT mindestens die zweite Hauptrolle spielt. Auf »SIGN« reicht es für den BEAT kaum für eine Cameo und trotzdem sind Autechre zu Beginn des vierten Jahrzehnts ihrer Karriere auch ohne BEAT unverzichtbar. Schön, dass man dafür mal nicht 18 Stunden einplanen muss.
 

Oliver Coates – Skins N SlimeVinyl LP Sobald ich das Wort Cello lese, beginnt unweigerlich Clueso uuuhuuuund sie spielte TSCHELLOOOO zu jaulen und ich höre auf zu lesen. Dabei habe ich jetzt wieder festgestellt: das ist eigentlich ein wunderbares Instrument. Oliver Coates spielt richtig gut TSCHELLOOOO, ist aber glücklicherweise nicht douchy genug, um aus seinem Dasein als – öh – echter Musiker die falschen Entscheidungen abzuleiten. »Skins N Slime« ist eine geile loopbasierte Collage, die aus dem doch recht schweren Klang des Instruments eine multidimensionale, null muckerhafte Ambient-Not-Ambient-Platte macht. Bißchen Basinski auch, in a good way.
 


Die Schallplatten aus Aigners Inventur findest du im Webshop von HHV Records.


loizou untoldVinyl 2LP Da sammelst du das ganze Jahr über Platten in dieser Kolumne und dann drängeln sich wieder direkt fünf davon in letzter Minute in die Jahresbestenliste. Sophia Loizou wird mit »Untold« sicher dort landen, unter anderem weil ich im Oktober mit dieser Platte fast jeden Tag in der Abendämmerung an einem Ehrenfelder Großbaustellengebiet vorbeigelaufen bin und bei jedem angedeuteten Jungle-Break kurz geglaubt habe Ehrenfeld 2020 wäre Shoreditch 2007. Beste (fiktive) Nightbus-Platte seit »Untrue«, no joke.
 

va evident wareVinyl 2×2LP Was bei Loizou nur angeteasert wird, kann man sich dann auf »Evident Ware« in exzessivestem Umfang in Reinform und mit mehr Nostalgie reinstellen: das gute alte UK Hardcore Continuum, hier quite literally mit dem Fokus auf Hardcore. Über 2h Breakgeballer und Hoover-Bässe, von Horsepower Productions bis Anz, von Shed bis Zuli. Riesenspaß, obviously.
 

sw. truelipsVinyl 2LP Ein Nostalgiker ist Sw. nicht, eher ein brillanter Handwerker. »TRUElips« bildet den Abschluss eines äußerst fleißigen Jahres und ist wieder etwas detroitiger in der Melodieführung, die losen Breakbeats rumpeln sehr analog in diversen Geschwindigkeiten durch den Sampler und trotzdem klingt das alles bei Sw. immer eine Spur cooler und gewitzter – oder wer könnte noch mit Future Jazz kokettieren ohne wie ein Keck zu wirken?
 

Theo Parrish – WuddajVinyl 3LP Ah, richtig, Theo. »Wuddaji« heißt die neue 3LP auf Sound Signature, sie kommt als wichtiger Reminder warum Theo Parrish auch 2020 unverzichtbar bleibt und enthält mit »All Your Boys Are Biters« vielleicht den kranksten Percussiontrack dieses Jahrtausends. Der Rest: Bliss.
 

Eartheater - Phoenix: Flames are Dew upon my SkinVinyl LP Ich frage mich auch nach 15 Jahren Musikjournalismus, ob Menschen wie Eartheater eigentlich einkaufen müssen. Auch »Phoenix: Flames Are Upon My Skin« ist ein dermaßen durchkuratiertes Pop-Album, dass ich mir einfach nicht vorstellen kann wie sich Alexandra Drewchin in schweren Zeiten zu den REWE-Spaghetti runterbeugt, wenn die von Barilla mal wieder weggepreppt wurden. Vielleicht kann ich deswegen partout nicht relaten, gebe aber mir die Schuld dafür und nicht dem Album.
 

tvii sonVinyl LP Man könnte auch TVII Son übermäßiges Kuratierertum unterstellen: der Name in erster Linie gewählt, weil die Buchstabenkombination wild aussieht, das Album von Dub bis Minimal Wave einmal alles zitierend was genremäßig seit mindestens 30 Jahren kugelsicher ist. Das ist aber natürlich zynischer Quatsch, weil nicht jeder daherfreitagelnde Berliner Bandcamp-Account solche Songs schreiben kann. Ja richtig, hier gibts zwischen uuuuubercool reduzierten Tracks tatsächlich Hits mit Strophe und Refrain und das Eingeständnis von dieser Seite, dass ich mir 2018 gewünscht hätte, diese Platte selbst gemacht zu haben.
 

magaletti ribeiro due matteVinyl LP Die Zusammenarbeit von Valentina Magaletti und Marlene Ribeiro hatte ich nach kaum 30 Sekunden bereits hektisch in einem Chat mit den Kollegen Cornils und Kunze als unfuckingmissable angepriesen, nur um 20 Minuten später einzuknicken und festzustellen, dass »Due Matte« in seinen schlechteren Momenten schon das Leguesswho-Konzert ist, aus dem man sich nicht rausschleicht, weil es a) auffallen würde und b) die Band danach noch vom neben einem sitzenden Homie Julian Brimmers interviewt werden will. Weil meine musikalischen Grenzerfahrungen gerade aber aus Abendspaziergängen bestehen (s.o.), lande ich zwei Wochen später doch wieder bei einer 8.2 von 10 hierfür und wünsche mir arg mal wieder neben Brimmers zu sitzen.
 

bill callahan gold recordVinyl LP Zum Schluss noch die perfekte Platte um aufzugeben. Bill Callahan zieht auf »Gold Record« die einzig logischen Schlüsse aus diesem Jahr und stößt das Tor zur bürgerlichen Uninspiriertheit und tumben Landflucht ganz weit auf, aber wo es kein FOMO mehr gibt, bleibt halt nur noch die Sehnsucht nach Hochbeet und Kachelofen. Die Platte, dank der ich endlich verstanden habe was Country eigentlich bedeutet.
 


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Phew
Ein Leben gegen den Strich
Punk mit Aunt Sally, Synth Pop mit Sakamoto und experimentelle Musik solo und mit anderen: Die japanische Musikerin Phew sucht seit über vier Jahrzehnten die Fehler in der Musik, weil sich darin nur deren Möglichkeiten offenbaren.
Music Porträt
Far Out Recordings
Im Epizentrum der Brazil-Welle
Joe Davis ist der Lokführer, auf dessen Zug Mitte der Neunziger eine ganze Generation Brazil-affiner Producer aufsprang. Mit seinem Label Far Out Recordings wurde er zum weltweiten Statthalter brasilianischer Musikkultur.
Music Kolumne
Records Revisited
Carole King – Tapestry (1971)
Carole King wollte nie Popstar werden, sondern nur Songs schreiben. Weil sie das aber konnte wie niemand sonst, wurde sie es dennoch – mit »Tapestry«, ihrem Debütalbum aus dem Februar 1971.
Music Interview
Audio88 & Yassin
Der bessere Diss
Auf das verflixte fünfte Album von Audio88 und Yassin mussten Fans verflixte fünf Jahre warten. Im Zuge des Weltgeschehens ist es kein Wunder, dass sie radikaler auftreten als je zuvor. Ein Interview anlässlich des neuen Albums »Todesliste«