Music Porträt | verfasst 12.11.2020
Tidal Waves
Die Welle reiten
Eine kräftige Welle hat schon so manchen Schatz an Land gespült. So gesehen passt der Name, denn das belgische Reissue-Label Tidal Waves sucht, findet und veröffentlicht verlorengeglaubte Perlen der Musikgeschichte.
Text Stefan Mertlik , Übersetzung Sebastian Hinz
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Die Schallplatten von Tidal Waves du im Webshop von HHV Records.


»Uns ging es immer darum, das zu tun, was uns begeistert«, sagt Phil Merckx. Vor vier Jahren hat der Belgier zusammen mit einem Jugendfreund das Label Tidal Waves gegründet. Darauf erscheinen Neuauflagen von raren Jazz-, Soul- und Funkplatten. Schon mit der ersten Veröffentlichung setzte das Label ein dickes Ausrufezeichen: Nina Simones »A Very Rare Evening« – eine intinme Live-Platte, die zwischen 1979 und der Neuauflage im Oktober 2016 nicht mehr offiziell erhältlich war.

»Wenn uns etwas ins Auge fällt, fangen wir an zu recherchieren«, sagt Merckx. Es sei ein organischer Prozess. Auf der Suche nach Musik lässt sich der Zweimannbetrieb einfach treiben. »Die Welle reiten«, nennt er es. Wäre damit auch der Name des Labels geklärt? »Vielleicht«, sagt Merckx. Denn wenig später behauptet er, dass der Name auf seine Lieblingsband Katrina & The Waves zurückgehe. Was denn nun?

Merckx bevorzugt es, direkt mit den Künstlern oder kleinen Labels zu reden. »Manchmal muss man aber auch in die gruselige Welt der Major-Labels eintauchen, um die Veröffentlichung zu bekommen, die man haben möchte«, gesteht der Musikliebhaber. Wenn er die Masterbänder oder Originalkopien nicht über diese Quellen erhält, nutzt er ein riesiges Netzwerk aus Plattensammlern, DJs und Händlern. Irgendwann spült die Welle jeden noch so verborgenen Schatz an Land.

Doch nicht alles klappt in der verrückten Welt der Reissues. Auch Tidal Waves mussten schon geplante Projekte abblasen. Davon erzählt Merckx nur ungern: »Ich möchte lieber über die Zeiten sprechen, in denen die Dinge unerwartet funktionierten.« Einmal habe er eine seltene Funk-Platte von Perfect Circle gesucht. Merckx nahm Kontakt mit dem Label auf, das Westcoast-Legende George Semper gehört. Statt Perfect Circle erschien über Tidal Waves letztendlich das Album »Funkproof« mit unveröffentlichten Semper-Stücken aus den Siebzigern.

»Es gibt so viel unerzählte Musikgeschichte, von der die Menschheit wissen muss« (Phil Merckx (Tidal Waves))

Geschichten wie diese kann der Vinyl-Liebhaber zuhauf erzählen. Als er mit Wendell Harrison sprach, stupste ihn die Detroiter Jazz-Legende auf die seltene LP »The Real ShooBeeDoo«. Diese und Harrisons erste Soloplatte kamen dann auf Tidal Waves als Neuauflagen heraus. Zwei Schätze, die Merckx bis zu diesem Gespräch nicht kannte.
»Es gibt so viel unerzählte Musikgeschichte, von der die Menschheit wissen muss«, sagt Merckx. Doch auch die sozialen, kulturellen, politischen und persönlichen Hintergründe der Künstler seien interessant. Die meisten Musiker, die Tidal Waves veröffentlicht, haben ihr 70. Lebensjahr längst überschritten. Diese Persönlichkeiten können noch viel mehr anbieten als ihre Kunst. Erfahrung und Weisheit zum Beispiel.

Jazzmusiker Byron Pope hat mittlerweile sogar sein 86. Lebensjahr erreicht. Müde, von der Art und Weise wie Afroamerikaner behandelt werden, zog er 1970 nach Europa. Was sich für ihn verändert hat, verrät er in den Linernotes von »Music For Earthdwellers & Starseekers«. Es sei eine Label-Richtlinie, den Platten zusätzliche Informationen wie diese beizulegen. Dafür recherchiert Merckx selbst, führt Interviews und fragt nach Bildern aus Familienarchiven.

»Palais Des Beaux-Arts 1963« von Thelonious Monk zählt zu Merckx’ Lieblingsplatten auf Tidal Waves. »Wir haben anderthalb Jahre versucht, die Rechte für die Platte zu klären«, erinnert er sich. »Ich hätte nicht gedacht, dass wir es letztendlich schaffen.« Monks Familie sei es wichtig gewesen, das musikalische Erbe zu bewahren. Auch wenn es lange gedauert hat, waren trotzdem alle Beteiligten von dem Projekt begeistert, so Merckx.

»Was mir an Musik gefällt, sind die Emotionen, die sie erzeugen kann«, verrät der Labelmacher. Merckx stammt aus einer Zeit, in der Vinyl noch allgegenwärtig war. Irgendwann haben andere Formate die schwarzen Scheiben verdrängt. »Heute schließt Vinyl eine Lücke, die digitale Medien nicht schließen können«, sagt Merckx. Das sei nur möglich, weil Vinyl ein Liebhaber-Ding ist. Nischengenres wie Punk, Elektro und Hip-Hop blieben dem Format auch in schweren Zeiten treu. Das zahle sich heute aus. »Gute Musik mit Herz und Seele, die von Menschen mit Leidenschaft gemacht wird, wird immer ihren verdienten Platz auf Vinyl haben«, verspricht der Tidal-Waves-Besitzer.


Die Schallplatten von Tidal Waves du im Webshop von HHV Records.

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