Music Kolumne | verfasst 08.07.2021
Aigners Inventur
Juli & August 2021
Hier wird nicht lange gefackelt und sogar auf halbgare UEFA-Gags wird verzichtet. Stattdessen wird im Sinne der Schallplatte gehandelt und an die 20 Vinyl-Scheiben werden zum Drehen gebracht.
Text Florian Aigner

mica levi blue alibi Vinyl LP Diese Kolumne beginnt nicht mit halbgaren UEFA-Gags, wir haben hier wichtigeres zu tun. Diese Kolumne beginnt mit der Bitte darum, dass irgendjemand Mica Levi endlich einen Schrein gofundmet. Mica Levi ist – und das ist nicht erst mit ihrem absolut keine Gefangenen machenden Doppelschlag »Blue Alibi« & »Ruff Dog«klar – eines der größten aktiven Musikgenies dieses Milleniums. Weiß eigentlich jeder, muss aber nochmal betont werden. Die beiden Lockdown-Alben lösen dabei alle Versprechen ein: Hip Hop Skizzen, Dean Hurley Sounddesign, Harsh Noise, Pop Not Pop wie ihn sonst vielleicht noch Dean Blunt vor acht Jahren hingekriegt hat und Jazz, der sich um Punk statt C-Professuren schert. All das mit einem misanthropischen Smirk auf der Unterlippe. Unantastbar.
 

dean blunt black metal 2Vinyl LP Dean Blunt hat seine wildeste Phase hinter sich, »Black Metal 2« ist aber ein vollkommen konsistentes Sequel zum Vorgänger und reanimiert die kuscheligste Indieinkarnation des anderen großen Pop-Genies der letzten zehn Jahre. Man könnte das zu bequem finden, aber wer schreibt denn sonst noch gute Gitarren-Songs gerade?
 

matt christensen constantVinyl LP Mein Mann Matt Christensen vielleicht. »Constant Green« ist dabei das nicht nur songtitelmäßig country-eskste Album des Zelienople Chefs. Etwas weniger trippy und ausladend instrumentiert als zuvor, kondensiert Christensen hier Folk und Country in yearnende Indiepop-Songs, wie üblich mit außergewöhnlich viel Leid und Theatralik in der Stimme. Nennt man vermutlich immer noch einen acquired taste, aber ich liebe den Typen.
 

laila sakini trafficVinyl LP Laila Sakini hat letztes Jahr ein Piano-Abum gemacht, das ich unglaublich oft gehört habe. »Into The Traffic, Under The Moonlight« ist das poppige Begleitwerk zu dieser Elegie und jetzt endlich auch auf Vinyl erschienen. Auch hier gibt es noch zurückhaltend klimpernde Passagen, aber insgesamt dominiert der Beat und Sakinis variable und dennoch behutsamen Vocals. Jetzt erst gerafft: vielleicht sogar noch besser als »Vivienne«.
 

Teresa Winter - Motto Of The WheelVinyl 2LP Und auch Teresa Winter kreiiert auf »Motto Of The Wheel« einen vollkommen singulären Soundentwurf, der von Boller-Breaks über beatlose Transzendenz bis zu lupenreinem Pop alles streift, was kein Selbstläufer ist. Dass man ihr dabei bei jeder Entscheidung aus der Hand frisst, illustriert vielleicht, dass dieses Album sehr eindeutig auf 45 Umdrehungen gespielt werden will, ich aus Versehen aber einen sensationellen 411-Youtube-Crawl zu diesem Album auf der falschen Geschwindigkeit hatte.
 

ann margaret hogan funeralVinyl LP Vielleicht das nächste Anzeichen für die kommende Midlife-Crisis, aber gib’ mir ein molllastiges Piano-Album und ich sehe direkt meine Jugend in Schwarzweiß an mir vorbeiziehen. Das passierte schon beim letzten Anne Margaret Hogan Album und auch »Funeral Cargo« macht micht instantly sentimentaler als jeder Coming Of Age Schinken.
 

repeter bad twangVinyl LP Ok, zusammenreißen jetzt, mit Surf-Gitarre und Dub-Pedal. Repeter hat für Bokeh Versions schon einmal ein prima dubwises Album gemacht, »Bad Twang« spielt die Idee eines Lee Perry Tarantino-Soundtracks dann aber noch wesentlich verbindlicher zu Ende als der Vorgänger. Ein Album, das man sich strategisch auf A- und B-Seite aufteilt, weil die Formel am besten in 15-Minuten-Etappen funktioniert, aber richtig portioniert ein veritables Ausrufezeichen.
 

dj plead relentless trillsVinyl LP DJ Plead brilliert derweil auf »Relentless Trills« mit einer ebenfalls sehr rigiden Formel, die sich von seinen sonst so wahnwitzig dicht programmierten Percussion-Tools komplett abhebt. Die BPM-Zahlen sind tiefer, die Drums oft auf eine ordnende Kickdrum reduziert, die Melodien weniger exaltiert und gänzlich aus Yahamas Oriental Keyboard gespeist. Eine hermetische Platte, die es einem dennoch einfach macht.
 

rainforest spiritual enslavementVinyl 3LP Ebenfalls perfekt durchdekliniert ist das, was Dominick Fernow und Low Jack als Rainforest Spiritual Enslavement machen. »Flying Fish Ambience« ist nach »Ambient Black Magic« die beste Platte des Duos, weil auch hier wieder die verspultesten Chain Reaction B-Seiten mit Tape-Saturierung, Delay und Echo nochmal 50% lahmgliederiger gemacht werden und selbst das Grollen von Dub Techno unter fünf Schlammschichten begraben liegt.
 

ulla limitlessVinyl LP Ulla hat vermutlich die selben B-Seiten gehört, entscheidet sich aber meist für weniger Subbass und Techno-Nachlassverwaltung. »Limitless Frame« ist ihr gefühlt zehntes Album in zehn Monaten und trotzdem bleibt diese Art von fragilem Ambient immer interessant, vermutlich auch weil Ullas Tracks so eine shoegazige Schüchternheit kommunizieren, die weit weg ist vom allzu oft sehr pflichtbewussten Bandcamp-Ambient, der einem freitags den Feed zuklatscht.
 

perila how muchVinyl LP Auch Perila ragt aus dieser modernen Ambient-Szene heraus, weil sie Ambient nicht in Flächen, sondern Songstrukturen denkt. »How Much Time Between You And Me?« ist dabei vielleicht das bisher lauteste ihrer Alben, Spoken Word Interludes und yearnende beatlose Stücke stehen hier gleichberechtigt neben – äh – echten Songs, die aber stets spleeniger bleiben als man das von Smalltown Supersound sonst kennt. Gut so.
 

TibslcVinyl 2LP Die gemeinsam mit Experiences LTD vielleicht gefeiertste Semi-Ambient-Posse kommt aus Manchester. Sferic schieben mit Tibslcs »Delusive Tongue Shifts – Situation Based Compositions« nach Sensationsplatten von u.a. Space Afrika, Jake Muir und Romeo Poirier vielleicht ihre bisher egalste Platte hinterher, aber alleine diese neue 10" von Space Afrika garantiert weitere zwei Jahre Unantastbarkeit.
 

va comme de loinVinyl LP Sam Purcell kuratiert für sein Blank Mind Label zum Zehnjährigen mit »Comme De Loin« die absolute Ausnahme: eine Compilation, die komplett all over the place ist und trotzdem als LP funktioniert. Hipper Trip Hop, rasselnde Industrialcollagen, UK Breaks und eine dieser Melodien, für die Ssiege in diesem Jahr so viel Aufmerksamkeit bekommen hat: sollte nicht zusammenpassen, schmeckt aber wie Nutellabrot nach Sahnesauce.
 

Yoshinori HayashiVinyl 2LP Bei den Japanern kriege ich es immer mit der Angst zu tun, wenn sich da zuviel Muckertum in meinen Wave oder House schleicht. Yoshinori Hayashi kriegt nach einem etwas zu ausfransendem Warm-Up souverän die Kurve und knüppelt auf »Pulse Of Defiance« sogar immer wieder rüde peaktime los, inklusive Jungle-Sperenzien und Hands-In-The-Air-Möglichkeiten. Eingebettet sind diese Ausraster in eine sehr geschmacksichere, aber auch etwas kalkulierte Rahmenhandlung, die nicht selten klingt wie ein DJ Food Set 2004.
 

sw. blewlipsVinyl LP Sw. bleibt auf »BlewLIPs« in bestechender Form. Konzeptionell gibt es wie immer House, wie immer mit Drumpatterns, für die selbst das UK töten würde und einer generellen handwerklichen Sicherheit, die man sonst genreintern vielleicht nur noch direkt in Detroit findet. Irre gute Platte, schon wieder.
 

superabundanceVinyl LP Ebenfalls Drrrrrrrums to die for gibt es in – lol – Superabundance auf dem gleichnamigen Longplayer von Max D und Jackson Ryland. Überschall-Microhouse, als hätten Gabor Lazar und Rian Treanor endlich den Funk entdeckt, quirky af und wie immer bei Max D Produktionen mit einem wahnwitzig-nerdigen Referenzrahmen. Eine Top 5 Future Times Platte, locker.
 

eomac cracksVinyl LP Toll auch wie stumpf Eomac auf »Cracks« die Bassdrum gerade durchrattern lässt und sich nicht scheut richtig populistischen Hook-Techno zu machen und das auch noch im zeitgeisty arg geschmähten 120-125 BPM-Rahmen. Zwar gibt es mit dem brachialen Luke Slater-mäßigen Opener und einigen ansteppten Burial-Tekkern auch deeperes hier, aber insbesondere die ungeniert peaky Nummern sind irgendwie so unverholen hymnisch, dass das insbesondere via Planet Mu besonders viel Spaß macht.
 

Loraine James - ReflectionVinyl LP Natürlich auch super ist Loraine James’ Zweitling »Reflection«, wobei man sich schon fast daran gewöhnt hat, dass hier jemand sein ganz eigenes Koordinatensystem für alle Dinge UK und gebrochenen Takte benutzt. Bißchen das Jlin-Syndrom vielleicht, also dringend mal Wertschätzungsupgrades von allen Seiten, bitte.
 

ziurVinyl LP Eigentlich hatte ich meine Zweitimpfung anders gescripted, aber aus irgendeinem Grund creepte sich Ziurs »Antifate« noch weit vor Erreichen des Impfzentrums in meinen Plan. Natürlich hat das Album an sich bereits eine semipathetische Rahmenhandlung, erscheint ja auch auf PAN, aber als Fußnote meines merkwürdig traumwandlerischen Gangs durch die unendlichen Flure des Messegeländes passt dieser slushy Klumpen eines dekonstruierten Post-Post-Club-Erlebnisses eigentlich besser. Schön zu gedämpften Trip Hop Drums in die Biontech-Kabine steppen und zu blechern-grellen Synthflächen im Wartebereich danach den einzigen legitimen Chemiekater 2021 antizipieren: man hätte hier utopiemäßig noch mehr rauskitzeln können im Begleit-PDF, aber fairerweise verließ ich das Gebäude dann aber doch zu Young Thugs »With Them« und einer gummibärchigen Hibbeligkeit.
 

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Records Revisited
Carole King – Tapestry (1971)
Carole King wollte nie Popstar werden, sondern nur Songs schreiben. Weil sie das aber konnte wie niemand sonst, wurde sie es dennoch – mit »Tapestry«, ihrem Debütalbum aus dem Februar 1971.