Music Kolumne | verfasst 23.07.2021
Records Revisited
Main Source – Breaking Atoms (1991)
In mancher Hinsicht scheint »Breaking Atoms«, das Debüt von Main Source, ein Klassiker aus der zweiten Reihe geblieben zu sein. Doch die Produktion von Large Professor definierte einen Signature Sound für das Goldene Zeitalter des Hip-Hop.
Text Harry Schmidt
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Mit Gang Starrs »Step in the Arena«, »De La Soul is Dead«, Ice-Ts »O.G. Original Gangster«, N.W.As »Niggaz4Life« und »We Can’t Be Stopped« von den Geto Boys war bereits das erste Halbjahr von 1991 mit Hip Hop-Alben reich gesegnet, die heute allesamt als Meilensteine des Genres gelten. Im Herbst sollten unter anderem die Debütlongplayer von P.M. Dawn und Cypress Hill, »Naughty By Nature« sowie »The Low End Theory« von A Tribe Called Quest folgen. Das goldene Zeitalter des Hip-Hop war seinem Zenit also schon ziemlich weit entgegengeschritten, als relativ genau zwischen diesen beiden Teilen einer Parade essentieller Tonträger, am 23. Juli 1991, um exakt zu sein, mit »Breaking Atoms« auch das Debütalbum von Main Source auf Wild Pitch Records erschien. Die Ereignisdichte dieser Zeit mag eine der Ursachen dafür sein, dass es in der allgemeinen Wahrnehmung im Vergleich zu den oben genannten Werken gefühlt ein Klassiker aus der zweiten Reihe geblieben ist.

Der genauere Blick auf die Aufmerksamkeitsverteilung der Hip Hop-Öffentlichkeit fördert an dieser Stelle ein weiteres Symptom dafür zutage, dass »Breaking Atoms« als latent unterschätzt gelten muss: Obwohl Main Source hier durchaus verstanden haben, Maßstäbe zu setzen – etwa in der organisch-schlüssigen Verbindung clever kombinierter Jazz- und Soul-Samples mit durchschlagkräftigen Beats und einer relevanten Message –, dürfte »Breaking Atoms« sich bei vielen vor allem als der Moment ins Gedächtnis eingeschrieben haben, in dem man zum ersten Mal dem unverwechselbaren Flow von Nas begegnet ist. »Live At The Barbeque« heißt der klassische Posse-Cut, bei dem Main-Source-Mastermind William Paul Mitchell alias Large Professor, Joe Fatal, Akinyele und ein gewisser Nasir Jones, der sich Nasty Nas nannte, versuchen, sich gegenseitig zu übertreffen. Wie der 18-jährige Rapper aus Queensbridge, N.Y., buchstäblich entwaffnende, zwingende Reime in den Raum stellte (»Poetry attacks, paragraphs punch hard / My brain is insane, I’m out to lunch, God«), in wenigen Versen vom Ku Klux Klan auf AIDS zu sprechen kam, in einer Phrasierung, die den überraschend effektiven und zielgerichteten Bewegungen einer Schlange oder Raubkatze entspricht, federnd eine Mitte umspielend, sprungbereit angespannt, elegant und gefährlich – all das hatte man seinerzeit so noch nicht gehört.

»Breaking Atoms« markiert einen Punkt der Konsolidierung des Genres am Übergang von der subkulturellen Nische zum massenkompatiblen und mehrheitsfähigen Mainstream-Rap unserer Tage.

Zur Unvergesslichkeit maßgeblich, wenn auch vielleicht unterschwelliger beigetragen haben allerdings auch die Producer-Skills des gleichaltrigen Large Professor, insbesondere im Umgang mit dem Sampler: Mit Tracks wie »Watch Roger Do His Thing«, dessen Groove aus einer Montage zweier prominenter Drumloops besteht – einmal Funkadelics »You’ll Like It Too« (1981), einmal Sly & The Family Stones »Sing a Simple Song« entnommen –, ist Large Professor einer der Hauptverantwortlichen dafür, dass der E-mu SP-1200 »mit seinen grobkörnig digitalisierten Drums, abgehackten Samples und trüb gefilterten Basslines«, wie Ben Detrick in der Village Voice schrieb, zum verbindlichen Signatursound dieser Epoche wurde. Large Professors Beats auf »Breaking Atoms« klingen ausgereift, souverän auf den Punkt gebracht, spezifisch und doch exemplarisch. Drei Jahre später wird er mit Nas’ Longplayerdebüt »Illmatic« das Album produzieren, in dem man den Höhe- und Schlusspunkt jenes Goldenen Zeitalters erblicken könnte.

Tatsächlich ein veritabler Hit auf »Breaking Atoms« war »Looking at the Front Door«, das um ein überaus ansteckend wirkendes Hookline-Loop aus Donald Byrds »Think Twice« (1974) kreist – übrigens nur wenige Monate, bevor es auch »Let the Beat Hit ‘Em« von Lisa Lisa & Cult Jam in die Charts katapultierte. Die flirrenden, unbestechlich groovenden Becken-Netze von Idris Muhammad aus Lou Donaldsons »Pot Belly« (1970) grundieren »Just a Friendly Game of Baseball«, dessen Black-Lives-Matter-Aussage – aus heutiger Sicht fast schon irritierend indirekt – lediglich grimmig sarkastisch formuliert ist. Nahezu einem Vorgriff auf G-Funk kommt »Just Hangin’ Out« gleich, in dem Large Professor neben Nas auch Pete Rock und C.L. Smooth erwähnt. Wirklich von Pete Rock co-produziert dann »Vamos a Rapiar«, das neben »Peace is Not the Word to Play« zu den weiteren Highlights hier zählt. Wie LargePros musikalisch reiche, klangfarbfreudige Produktion wurde auch die auf dem Cover zu sehende Inszenierung des Trios als Forschungsgruppe von Quantenphysikern, als in die Geheimnisse des Universums eingeweihte Wissenschaftler, zur in vielfachen Variationen und Abwandlungen aufgegriffenen Blaupause in der Folklore des Genres.

Main Source – Breaking AtomsVinyl 2LP 1989 von Large Professor, der sich zuvor bereits erste Producer-Sporen durch Kollaborationen mit Eric B. & Rakim und Kool G Rap erworben hatte, mit den Zwillingsbrüdern K-Cut (Kevin McKenzie) und Sir Scratch (Shawn McKenzie) aus Toronto gegründet, war dem Trio keine allzu lange Lebensdauer gewährt: Noch bevor ein Nachfolger aufgenommen werden konnte, verließ Large Pro Main Source – »Breaking Atoms« blieb ihr einziges Album, zumindest in dieser Konstellation (K-Cut und Sir Scratch rekrutierten Michael Deering alias The Real Mikey D, um die Lücke, die Large Professor hinterlassen hatte, zu schließen, doch nach einem weiteren Main-Source-Album (»Fuck What You Think«, 1994) war endgültig Schluss). Auch das mag dazu beigetragen haben, dass »Breaking Atoms« noch immer nicht ganz die Aufmerksamkeit zuteil geworden ist, die dem Album eigentlich gebührt. Subkutan stilbildend für den East-Coast-HipHop der Neunziger, markiert »Breaking Atoms« einen Punkt der Konsolidierung des Genres am Übergang von der subkulturellen Nische zum massenkompatiblen und mehrheitsfähigen Mainstream-Rap unserer Tage.


Die Schallplatten von Main Source findest du im Webshop von HHV Records.

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