Music Kolumne | verfasst 15.03.2011
What In The World - Neue Musik
Der Soundtrack der arabischen Revolutionen
Die erste Ausgabe der monatlichen Kolumne »What In The World« fragt nach dem Soundtrack der arabischen Revolutionen und staunt dabei über die fast vergessene politische Schlagkraft des Hip Hop.
Text John Luas , Fotos Theda Schoppe
778-whatintheworld1-www.hhv-mag.com

Neben all den erschreckenden und verstörenden Bildern, die in den letzten Wochen von den großen Plätzen Kairos und Tunis beinahe ausschließlich als Amateuraufnahmen um die Welt gingen, gab es auch immer wieder jene hoffnungsvollen, bei denen Tausende in Gesänge, Tänze, Chöre einstimmten und so die Kraft der Straße auch akustisch zu verkörpern suchten. Zuletzt war es dann die ägyptische Nationalhymne, der Tag der Vertreibung des Diktators als Wiedergeburt einer geeinten Nation. Wenn von den Massen die Rede ist, dann ist das in der arabischen Welt mit einem Bevölkerungsanteil von 60 Prozent unter 30 Jahren vor allem die Jugend. Und so ist der Soundtrack der Revolutionen in Tunesien und Ägypten neben den Gesängen der Rückbesinnung (wie auf die des alten Nationalhelden Abdel Halim HafezAbdel Halim Hafez
(1929-1977) war von den 1950er Jahren bis in die 1970er Jahre hinein einer der beliebtesten ägyptischen Sänger und Schauspieler Ägyptens und der gesamten arabischen Welt

in den 1960er Jahren) vor allem der Hip Hop einer jungen, oft gut ausgebildeten Generation, denen jedoch die Perspektiven fehlen. Und so gereicht in einem Land, in dem der Mainstream ein mit Rap sozialisierter ist, ein zunächst schnöder, aber inhaltlich aggressiv-pointierter Track wie »Rais Lebled« von »El Général« zur nationalen Hymne, zum Soundtrack der Revolution. Hip Hop als Musik der Unterdrückten, Ungehörten, das ist dem Genre immer eigen gewesen, bezog sich aber meist auf die Divergenzen innerhalb einer Gesellschaft – Hip Hop als eine die Nation einende Hymne, das ist neu. Da glaubt man im Westen der Hip Hop hätte zwischen Gangsterattitüde und harmlosen R’n’B-Gehabe seine politische Schlagkraft verloren und wird in der arabischen Welt eines besseren belehrt. Der 22-jährige Pharmaziestudent Hamda Ben-Amor findet unter dem Namen »El Général« in Rais LebledRais Lebled
heißt auf deutsch »Der Chef meines Landes«
die Worte, die später Tausende auf den Plätzen Tunesiens und Ägyptens skandieren: »Herr Präsident, Ihr Volk stirbt«. Und so entfaltet der Rap über die digitalen Vertriebskanäle in seinen Inhalten und seiner Dynamik ein Ventil, das die revolutionäre Generation antreibt und eint. Auch religiöse Ansichten werden ohne weiteres integriert, wenn »El Général« sagt: »Allah gab uns den Rap.« Und so träumt eine ganze Generation von Revolutionären dieser Tage eine Stimme als Rapper zu finden, vielleicht auch als Fahrkarte ins Ausland, vor allem aber als Sinn stiftende Perspektive.

Unter dem Titel »What In The World – Neue Musik« findet sich an dieser Stelle jeden Monat eine Betrachtung, ein Gedanke, eine Frage, die jenseits von kultur- und genrespezifischen Grenzen ein Phänomen beim Schopfe packt und es benennt. Soziokulturell, topologisch, ästhetisch – Die Kolumne versucht Linien offenzulegen, die die hier portraitierten Künstler und Werke eint und im besten Sinne einer Randnotiz versucht eine Kette von Gedanken und Fragen zu befruchten.

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