Music Bericht | verfasst 23.08.2011
Hip Hop Kemp 2011
Tradition statt Stagnation
Das größte Hip Hop Festival Europas feierte letzte Woche vier Tage lang sein zehnjähriges Bestehen. Das Line Up versprach nicht viel Neues, barg aber doch einige Überraschungen. In Tschechien ist halt einiges anders.
Text Gloria Trispel
2358-tylerthecreatorhiphopkemp-www.hhv-mag.com

»Golf Wang! Golf Wang! Golf Wang!« Die Sprechchöre aus der grölenden Masse lassen verlauten, dass der Hype um Odd Future auch an Tschechien nicht vorbei gegangen ist. Jungspund Tyler, the Creator dreht auf einem pinken Mädchenfahrrad seine Runden und belustigt sich immer wieder mit einem »this is awkward« über die Bühne, deren Form von oben an das männliche Geschlechtsteil erinnert. Odd Future geben bei ihrem Auftritt, der den zweiten Tag auf dem Hip Hop Kemp beendet, mal wieder einen Mittelfinger auf die Reputation oder besser gesagt, machen genau dieser alle Ehre. Bei Yonkers gerät die gesamte Menge außer Kontrolle, sodass sich die Bierreste aus den halbleeren Plastikbechern über den Rasen und die Füße ergießen.
Bier aus Plastikbecher wird an diesen Tagen eine Menge geleert. Schließlich befinden wir uns in Tschechien, genauer gesagt auf dem Hip Hop Kemp, dem größten Hip Hop Festival Europas. Tschechische und polnische Besucher machen ihrem trinkfesten Ruf alle Ehre und benetzen die ausgetrockneten Kehlen nicht mit Wasser, sondern mit gutem Pivo. Zu späterer Stunde laufen viele Niketreter auf dem Festivalgelände keinen geraden Weg mehr. Tagsüber erwacht das Kemp erst am Nachmittag zum Leben und knapp bekleidete Jungendliche schlendern in der Sonne zwischen Main Stage und den Hangars hin und her. Auf diesen lassen sich vor Sonnenuntergang hauptsächlich heimische Künstler feiern. Hier erlebt Hip Hop schließlich noch seine Blütezeit. Keine Spur von Endzeitstimmung oder entnervenden, medial ausgefochtenen Diskussionen über die Zukunft des Rap. Hip Hop ist hier Gegenwart und wird in Reinform gelebt. Crossover Experimente wie sie der deutsche Rap mit Acts wie Casper oder K.I.Z. heute erlebt, sind daher noch ein Novum. Die Kannibalen in Zivil bringen eine kleine Abwechslung in das klassische Rap-Line Up und fördern den interkulturellen Austausch auf eigene Art. In einwandfreiem Englisch erläutert Nico den Inhalt der Texte mit wundervollen Formulierungen wie »Do you like beer? We like beer also. Sis Song is about beer« und heimst charmant die Symphatie des Publikums ein.

Wozu über die Krise des Hip Hop debattieren? Da Rockwilder klingt auch nach über zehn Jahren besser als viele gepriesene Neuerfindungen. Im Osten nichts neues
Abends wehen auf dem Platz vor der Hauptbühne die Fahnen in rot-weiß und der tschechischen Trikolore. Erschöpfte Besucher lassen sich auf dem Hügel gegenüber der Stage nieder. Trotz des zehnjährigen Jubiläums strotzt das Line Up des diesjährigen Hip Hop Kemps nicht gerade vor Originalität. Mit wenigen Neuheiten versehen, wurde aus Übersee eine Revue aus altgestandenen Kempgästen der letzten Jahre geladen. Im Osten nichts Neues sozusagen. Selbst die Reunion der Arsonists entlockt auch älteren Besuchern nur ein müdes Kopfnicken. Ist mit dem Auftritt von Odd Future bereits am Donnerstag das diesjährige Highlight über die Bühne gegangen? Zum Glück gibt es noch einige Überraschungen. Hocus Pocus aus Frankreich zum Beispiel, die mit ein wenig Funk die strapazierte Nackenmuskulatur lösen oder Pharoahe Monch, der mit dem neuen Album fast genauso gefeiert wird wie für Simon Says. Am Samstag werden alle Reserven noch einmal ausgeschöpft und der Pegel hoch gehalten. Für den letzten Auftritt füllt sich der Rasen vor der Main Stage bis ganz hinten. Die Hände formen einheitlich ein »W«, als Method Man und Redman die Bühne betreten. Im Himmel explodiert das Feuerwerk in bunten Funken und Flammen erhellen an der Main Stage die Dunkelheit. Nach nur zwei Songs von The Blackout 2 ertönen laut empörte und lallende Rufe. »Fuck the New Shit! We wanna hear the old stuff!« Der Funk Doctor und Johnny Blaze folgen prompt. Wozu über die Krise des Hip Hop debattieren? Da Rockwilder klingt auch nach über zehn Jahren besser als viele gepriesene Neuerfindungen, an die sich schon in naher Zukunft keiner mehr erinnern wird. In bester Laune zerlegen Red und Meth ihr Bühnenbild und werfen die lebensgroßen Buchstaben in die Menge. Hastig zerteilen ein paar Minderjährige neben mir das »M« und tragen ihr Stück stolz durch die Menge. Abgeklärte Kritiker mögen dafür nur ein spöttisches Lächeln übrig haben. Auf dem Kemp werden die zwei wie Helden gehuldigt. Hier nennt man das nicht Stagnation, nein, man nennt es: Tradition.

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