Music Interview | verfasst 16.12.2008
Jazzanova
Kleines Budget, krasse Illusion
Bei der gefühlten ewigen Präsenz von Jazzanova – ob als DJs, Produzenten oder Labelmacher – wundert es, dass gerade erst ihr zweites Studioalbum erschienen sein soll. Doch so ist es und es lohnt darüber zu sprechen…
Text Jan Simon , Fotos Ben Wolf © Sonar Kollektiv
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Tatsächlich dauerte es rund sechs Jahren, bis Jazzanova mit »Of All The Things« nun den Nachfolger des 2002 erschienen »In Between« veröffentlichten. Während sich die »Studio-Seite« – bestehend aus Roskow Kretschmann, Stefan Leisering und Axel Reinemer – in der Zwischenzeit vor allem um Aufnahmen für Acts wie Clara Hill und Thief verdient machte, betrieb die »DJ-Seite« – um Alex Barck, Claas Brieler und Jürgen von Knoblauch – das Label Sonar Kollektiv und trug den Namen Jazzanova in die Clubs. Außerdem produzierte man 2006 den Soundtrack für das Musical »Belle et Fou«, eine Platte, die die Jazzanovas intern auch als Album 1.5 bezeichnen. Musikalisch kreist der Filigrantechnikersound Jazzanovas auf »Of All The Things« vor allem um Einflüsse aus Jazz, Funk und Soul wie auch aus Singer/Songwriter, Pop und einer Prise Hip-Hop – man könnte auch sagen: »Not to be filed under Metal and Hardcore«. Für unser Interview standen die Berliner »Natives« Alex Barck, Stefan Leisering und Axel Reinemer zur Verfügung. Auf grün-betuchter Charles & Ray Eames-Bestuhlung haben wir einen sehr angenehmen, interessanten und vor allem äußerst heiteren Vormittag mit Blick auf die Spree verbracht. Charles & Ray Eames haben übrigens auch den Lounge Chair erfunden.


Die Schallplatten von Jazzanova findest du im Webshop von HHV Records


Wie würdet ihr reagieren, wenn ein Teenager sagen würde: »Jazzanova? Das ist doch so Musik für ältere Herren mit teuren Stereoanlagen, die einen Saab vor der Tür haben«?
Axel Reinemer: Wenn jemand nur den Namen liest, könnte ich das verstehen. Wenn er die Musik dann hört, eigentlich nicht mehr. In dem Album steckt z.B. ein deutlicher Hip-Hop-Ansatz. Stefan und ich kommen ja aus der Ecke – wir haben früher Hip-Hop produziert. Bei der neuen Platte haben wir uns auf »Let Me Show Ya« unter anderem von Ultimate Breakbeats inspirieren lassen.

Ihr habt für das neue Album sehr viele Musiker aufgenommen und euch vom klassischen Sampling weiter entfernt. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich auch bei anderen Produzenten – wie etwa The Herbaliser – nachverfolgen. Leute wie Premo dagegen kommen von ihren Samplern nicht weg. Seht Ihr da inzwischen auch so ein Auseinanderfallen zweier Schulen?
Stefan Leisering: Es ist schwer, etwas über die Motivation der anderen zu sagen. Vielleicht macht es denen einfach Spaß, immer auf dieselbe Art und Weise zu produzieren. Wir beschäftigen uns inzwischen v.a. mit der Frage, was ein guter Song ist. Auf dem ersten Album hatten wir bei »No Use« schon angefangen, in Richtung »Songwriting« vorzudringen. Dieser Aspekt hat sich inzwischen in den Vordergrund geschoben. Natürlich haben wir viel mit Instrumentalisten gearbeitet. Der wichtigere Punkt ist aber, dass wir angefangen haben, Songs zu schreiben.

Wie muss man sich das bei Euch vorstellen – schließt das das Notieren von Noten ein?
Stefan Leisering: Das ist auf jeden Fall ein interessanter Prozess. Ich selbst kann Noten bestenfalls durch Abzählen entziffern. Irgendwie komme ich dann dazu, zu sagen: »Das ist wohl ein F«. Für uns ist es auf jeden Fall immer noch eine Herausforderung, einem Pianisten oder einem Streicher zu sagen »Du hast da etwas falsch gespielt. Ich weiß nicht genau was, aber es klingt nach einem Halbton zu hoch«. Das musiktheoretische Wissen wächst mit den Jahren aber auf jeden Fall.

Ihr habt jetzt auch mit Leon Ware gearbeitet und eine neue Version von »Rocking You Eternally« aufgenommen. Wie kam das zustande?
Alex Barck: Leon hat uns mal wegen Produktionen für sein Album kontaktiert. Wir haben dann drei Songs mit ihm aufgenommen, die bisher allerdings nicht veröffentlicht wurden. Wenn wir Gäste haben, dann kümmern sich die DJs oft um die Rahmenbedingungen – also Hotel, Frühstück und den ganzen Vibe. Als ich ihn dann zum Flughafen gefahren habe, sagte ich »Mein Lieblingssong von dir ist eigentlich ›Rocking You Eternally‹« und er meinte: »Ja – damit sollte man mal wieder etwas machen.«

Wir war das, als er sich bei euch gemeldet hat? Der Typ ist in seinem Genre eine Ikone. Wie reagiert man auf eine solche Anfrage?
Stefan Leisering: Wir haben inzwischen ja schon ein paar Leute erlebt, die auf ihrem Gebiet Ikonen sind – Jazzmusiker vor allem. Ich finde immer entscheidend, wie jemand auf dich zukommt. Leon Ware kam als Kollege auf uns zu, so dass das von vornherein entspannt war. Man kann ihm einfach Fragen stellen und er erzählt dann aus der Vergangenheit – so als ob da ein Verwandter von Dir säße.
Alex Barck: Erfahrungsgemäß schauen Leute, die für irgendetwas stehen und wirklich bekannt sind, über ihren Tellerrand hinaus. Anfangs denkst du vielleicht, an den kommst du niemals ran. Doch die Erfahrung ist dann meistens: Du gehst hin, stellst Dich vor, zeigst ernsthaftes Interesse und Respekt und bekommst das direkt zurück. Leon Ware ist auf eine gewisse Art aber auch wieder so ein typisches Nerd-Ding. Wir waren natürlich alle total aus dem Häuschen – krass, da kommt der Typ, der alles für Marvin Gaye geschrieben hat. Dann kommst du nach Hause und erzählst, wie es im Studio war, und die ganze Reaktion ist: »Leon Ware? Nie gehört.«

Wo habt Ihr die Musiker – beispielsweise die Streichersätze – eigentlich aufgenommen?
»Ich glaube, dass es ein Stärke unserer Produktionsseite ist, mit einem vergleichsweise kleinen Budget eine krasse Illusion zu erzeugen. « (Alex Barck) Axel Reinemer: Im Sonar Kollektiv-Büro. Als wir damals für »Belle et Fou« Streicher aufgenommen haben, sind wir in ein Studio mit 400m²-Aufnahmesaal. Da hatten wir dann zwölf Leute sitzen, merkten aber schnell, dass wir für unsere Stücke eigentlich einen anderen Sound brauchen – weniger Hall vor allem. Dann haben wir es bei uns im Büro probiert und uns nach und nach darauf spezialisiert. Natürlich haben wir in kleineren Gruppen aufgenommen – manchmal sogar nur einen Geiger, der dann aber nacheinander verschiedene Instrumente einspielte.
Alex Barck: Ich glaube, dass es ein Stärke unserer Produktionsseite ist, mit einem vergleichsweise kleinen Budget eine krasse Illusion zu erzeugen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich diese ganzen Streicher immer, selbst wenn es nur einer war, der die Töne erzeugt hat.

Es stimmt schon, dass man bei einigen eurer Songs an Fotos von Frank Sinatra Studio-Sessions denkt…
Stefan Leisering: Wir hatten mal David Friedmann im Studio, der auch auf vielen CTI-Platten dabei war. Unter anderem auch bei »Nautilus« von Bob James, wovon ja wirklich alle gesamplet haben. Natürlich waren wir gespannt und haben gefragt »Und – wie war‘s damals?« – mit der Vorstellung im Kopf, dass die da alle zusammen saßen. Er meinte: »Nun ja – ich kam hin und habe niemanden getroffen. Ich bin in die Kabine, habe mein Vibraphon eingespielt und bin wieder gegangen.« Ein Album im Studio zu machen, ist eben etwas Künstliches. Genauso wie Du in Filmen Blickwinkel hast, die es im normalen Leben nicht gibt. Das gehört für uns aber dazu und macht Spaß.

Für das neue Album sollt ihr eine Menge analoges Equipment angeschafft haben. Gibt es irgendeine besondere Geschichte, wie ihr an ein bestimmtes Gerät gekommen seid?
Axel Reinemer: Wir haben eine Geschichte, wie wir alles losgeworden sind. Die ist ganz kurz: Auf einmal war alles weg.

Aha!?
Axel Reinemer: Nein – im Ernst! Vor zwei Jahren haben sie unser Studio ausgeräumt, als wir gerade an »Belle et Fou« saßen. Ich kam ins Studio, die Tür war schon offen und ich dachte ›Hey, Stefan ist schon da. Komisch, er wollte doch eigentlich erst später kommen‹. Er kam auch erst später – allerdings war das Equipment da schon weg. Die hatten über‘s Wochenende alles rausgeholt.

Kann man so was denn überhaupt verkaufen?
Alex Barck: Ich glaube, für so Vintage-Sachen gibt es einen Schwarzmarkt, der natürlich nicht über Ebay läuft. Das wird in Auftrag gegeben.
Axel Reinemer: Die haben auch ein paar Sachen dagelassen. Die wussten schon, was gut ist. Wir haben von dem Zeug auch nie wieder was gehört. Es war auch ein Gerät dabei, für das wir selber ein Gehäuse gebaut hatten, auf dem eine Gravur von uns drauf war – keine Ahnung, wo das gelandet ist.
Stefan Leisering: Ich glaube, das ist vom deutschen Markt verschwunden.

Wie lange hat es gedauert, bis ihr den Schock überwunden hattet?
Axel Reinemer: Wir mussten schnell sein, weil wir arbeiten und einen Termin halten mussten. Wir hatten dann auch innerhalb einer Woche schon wieder die ersten Geräte – teilweise aber auch von Freunden geliehen. Aber die Versicherung hat uns wirklich geholfen.
Alex Barck: Ja – den können wir noch mal Props geben. Speziell Herrn Novak. Jazza Novak sozusagen.

Der Song mit José James beeindruckt mich ja am meisten. Wie lief die Produktion dieses Stücks ab?
Stefan Leisering: Wir haben etwa ein halbes Jahr vorher angefangen und wollten eine intensive Ballade. Zunächst war das eine reine Klavierskizze. Als José James das geschickt bekam, stand dann bereits das gesamte Arrangement. Zuerst hatten wir eigentlich an eine Alternative- oder Singer/Songwriter-Frauenstimme gedacht. Plötzlich lag aber auf der Hand, dass eine reife, älter klingende Stimme sehr gut passen könnte.
Alex Barck: Ich habe den zuerst live gesehen – auf einem Gilles Peterson-Festival in Südfrankreich, zu dem ich auch eingeladen war.
Stefan Leidering: Da hast Du mich angerufen, als er gerade im Hintergrund spielte.
Alex Barck: Wir haben uns dann sozusagen zurückbesonnen und noch ein paar seiner Songs auf MySpace gecheckt. Dann haben wir ihn kontaktiert.

Jazzanova – Of All The thingsVinyl 2LP (2008) | ● Vinyl 3LP (2019) Alex – du bist ja bei Sonar Kollektiv. Ich hätte gerne ein neues Forss-Album. Wann kommt das?
Alex Barck: Das wird es nie geben und ich bin selber traurig darüber. Forss ist ein super talentierter Mensch, für den dieses Album damals eine Ausdrucksform war – für ihn gibt es aber noch andere Möglichkeiten. Musikmachen war für ihn eine Etappe. Eric ist ja ein hochstudierter Internet-Nerd, der wahrscheinlich auf der schwarzen Liste des FBI steht. Nun hat er eine Firma gegründet, die Sound Cloud heißt. Da schicken sich Leute Community-mäßig Songs zu und kommentieren das. Das geht für ihn gerade richtig ab. Vielleicht ändert er seine Meinung ja noch mal und fängt in fünf Jahren wieder an.
Axel Reinemer: Oder er entwickelt einen Algorithmus, der das automatisch macht.


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