Art Kolumne | verfasst 23.08.2012
Yaneqdoten
Fahrradhelme stinken
Yaneq erzählt von seiner Abneigung gegenüber Fahrradhelmen und wie sich diese Abneigung im Laufe der Zeit veränderte, darüber, wie das Auto seine Abscheu gegenüber Fahrradhelmen zwar nicht beseitigte aber doch lindern konnte.
Text Jan Kage , Fotos Klub7
Fahrradhelme-stinken

»Fahrradhelme stinken
und sehn scheiße aus
sie verschandeln jedes Stadtbild
Fahr-Rad-Helme Raus!!!«, schrie ich Mitte der Neunziger voller Innbrunst ins Mikrofon unserer Hardcore-Band und unser kleines, aber lautstarkes Publikum antwortete mir voller Überzeugung: »Rauuuss!«
Dem jüngeren Leser sei erwähnt, dass Helme für Fahrradfahrer erst seit dieser Zeit ihren Eingang ins Stadtbild fanden und Radfahrer zuvor niemals Helme, sondern höchsten elegante, kleine Schirmmützen trugen – wenn überhaupt. Die Fahrer der Tour de France widersetzten sich noch lange dem Druck von oben, der ihnen letztendlich doch den Helm auf die Rübe zwang. Und natürlich trägt auch heute noch kein vernünftiger Mensch diese aus billigem Plastik gegossene Unzierde zu Schau; nur Trekkingsandalenträger und Kinder tun so etwas.
Trotzdem fordern Auto fahrende Populisten allenthalben immer wieder eine Helmpflicht, mutmaßlich um ihre eigene Verantwortung im Unfallsfall abzumildern. Es ist anzunehmen, dass dies die gleichen Leute sind, die vor Jahren aus vermeintlichen Gesundheitsschutzgründen zwar das Rauchverbot in Klubs und Kneipen forderten, aber immer noch der grenzwertigen deutschen Autoindustrie das Recht zusprechen, Auspuffrohre auf die Höhe von Kinderwagen zu hängen, damit die SUVs beim Anfahren an der Ampel unseren Nachwuchs mit karzinomen Abgasen vollblasen – 20 Liter, brrrröhm! Ich habe etliche Jahre meines Lebens in den verrauchtesten Spelunken nicht nur dieser Republik verbracht und habe nie jemanden tot umfallen sehen. Die ersten Gaskammern der Nazis hingegen wurden effektiv mit Dieselmotoren deutscher Automobilhersteller betrieben. Soviel zur ethischen Integrität der Auto fahrenden Helmpflichtforderer.

Mein Vater fuhr selber Auto. Aber irgendwie hatte er etwas gegen rote BMWs. Alles Verbrecher! Das fand ich natürlich ungerecht und diskriminierend und so hatten wir jedes Mal, wenn ein roter BMW an uns vorbeirauschte eine pubertäre Gerechtigkeitsdebatte.
Die Helmpflicht für Radfahrer ist wie eine mittelalterliche Strafe. Sie ist der Pranger und die Halsgeige der Autogesellschaft. Neulich hatte meine Freundin einen Unfall. Sie fuhr kurz hinter mir, ich überholte gerade einen an der Haltestelle stehenden Bus, als ein von hinten kommender, hupender und trotzdem beschleunigender, roter BMW sie absichtlich anfuhr und dann mit quietschenden Reifen mich überholend das Weite suchte.
»Du Hurensohn«, rief ich ihm hinterher, obwohl ich gar nichts gegen seine Mutter hatte. Den fahrerflüchtenden BMW-Fahrer meinte ich ja. Ich merkte mir seine Nummer, auch der Busfahrer tat das. Ich lief zu meiner Freundin, sowie ein knappes Dutzend ebenso geschockter Zeugen. Meine Freundin musste vier Tage lang ins Krankenhaus. Gehirnerschütterung. Wenn sie sich jetzt einen Helm holt, verstehe ich das. Ich rudere also ein bisschen zurück und werde toleranter gegenüber Helmträgern. Und toleranter gegenüber meinem Vater. Er hatte ja so was von Recht! Die Fahrer von roten BMWs sind samt und sonders Verbrecher! Primitive, übermotorisierte Rowdys.

In den letzten Monaten war wieder öfters vom Konflikt Radfahrer und Autofahrer zu lesen. Die Städte bleiben gleich groß, werden aber voller: Mehr Räder und mehr Autos. Der Bundesminister für Verkehr, ein Bayer mit dem in diesem Kontext vielsagenden Namen Rammsauer schlug sich erwartungsgemäß auf die Seite der Autoindustrie, die immerhin seine Partei, die CSU jedes Jahr mit Millionenbeträgen fördert. Da ist Loyalität zum Brotgeber gefragt. So pöbelte Rammsauer – wunderbarer Name, ich schreibe ihn noch mal aus: Ramm-Sau-Er – von »Kampfradlern«, womit er, das sei allen des bayrischen nicht mächtigen hier erklärt, aggressive Velofahrer meinte. Der Minister, in dessen Verantwortungsbereich auch die knapp 400 im letzten Jahr tödlich verunglückten Fahrradfahrer auf bundesdeutschen Straßen fallen, beschimpft und verhöhnt diese also auch noch postum in mundartlichem Idiom! Kein Wort über die Autofahrer, die die Fahrradfahrer umgenietet haben. Nein, »Kampfradler san’s des!« Da kann einem doch schon die Hutschnur platzen, beziehungsweise der Helm springen. Ramm-Sau-Er, der BMW-Typ für Abwrackprämie und Pendlerpauschale, dieser ehr- und ethiklose Sack!

Die Helmpflicht für Radfahrer ist wie eine mittelalterliche Strafe. Sie ist der Pranger und die Halsgeige der Autogesellschaft. Sie dient der Lächerlichmachung und Stigmatisierung des anderen, des Schwächeren Teilnehmers im Straßenverkehr.
Nein, Helmpflicht kann nicht die Lösung sein! Ich will Radwege ohne Schlaglöcher und zwar asphaltiert, ungepflastert! Welcher Autolobbyist ist eigentlich auf die zynische Idee gekommen Fahrradwege zu pflastern, aber Straßen schön glatt zu asphaltieren, obwohl die Autos doch die viel dickeren Reifen haben? Was für ein mieser Witz ist das denn? Ich will, dass die Städte in eine große Tempo-30-Zone verwandelt werden. Und dass Autos keine 20 Liter beim Anfahren verbrauchen! Und dass die dreckigen Mercedes-Taxis, die beim Anfahren schwarze Rußwolken ausstoßen, die Kinder am Straßenrand und die Fahrradfahrer gezwungen sind einzuatmen, abgewrackt werden. Und dass Ramm-Sau-Er und die anderen moralisch-kaputten Autolobbyisten abgewrackt werden. Verdammt, das will ich!

Ja, mein Lied brüllte ich mit jugendlichem Überschwang. Deshalb möchte ich jetzt, erwachsen und gereift mit dem versöhnlichen Refrain schließen:
»Fahrradhelme stinken
aber Autos auch
sie verschandeln jedes Stadtbild
Helm und Autos raus!«

▸▸ Den benannten Song »Fahrradhelme raus« von Yaneq’s Hardcore-Band Logan’s Run kannst du hier dir hier anhören.

Jan Kage aka Yaneq veranstaltet regelmäßig die Reihe »Party Arty«. Er hat auch eine schicke Galerie, eine Radiosendung auf Flux.FM und eine ungepflegte Webseite.
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