xxyyxx – »Es ist ziemlich dämlich«

09.10.2012
Foto:Meike Mickisch
Wir haben den erst 16jährigen Marcel Everett aka XXYYXX während seiner ersten Europa-Tour in Heidelberg getroffen. Dort sprachen wir über oberflächliche Fans, Hype und darüber, wie schlecht seine Rap-Beats klingen. Ein Porträt:

Mit 16 Jahren kannst du das Internet entweder nutzen, um anderen bei der Paarung zuzuschauen, oder um unendliche Mengen an Musik zu finden. Marcel Everett aka XXYYXX ist 16 Jahre alt und hat letztere Variante gewählt: »Mit 14 war ich das Radio leid; den ganzen Scheiß, den sie die ganze verdammte Zeit spielen. Also habe ich angefangen über YouTube, Soundcloud, Bandcamp usw. alles mögliche zu hören«. Aus den daraus entstandenen Vorlieben entwickelte Everett schließlich seinen Sound: Ein basslastiges Gemisch aus R&B-Samples, ausgedehnten Synth-Texturen, den Ausläufern von Chillwave und natürlich all jenen Entwicklungen der elektronischer Musik, die das Vereinigte Königreich seit Jahren prägen. Emsige Journalisten versuchen seitdem seine Musik zu etikettieren – das gipfelte in Begriffen wie »Contemporary Blogwave«. Der junge Mann aus Orlando, Florida schüttelt bei solchen Versuchen nur den Kopf: »Experimental Bass« könne man seinen Sound nennen, wenn man ihn denn unbedingt benennen müsse.
Gerade wummert er mit seinem »Experimental Bass« durch die Clubs Europas. Nicht schlecht für einen 16-jährigen, der die Zeit auch nutzen könnte, um zu sehen, wo die Grenzen eines Vollrausches liegen. Doch der Bursche, der hier nach seinem Gig in Heidelberg ein Interview gibt, scheint die Pubertät abgeschlossen zu haben, nachdem der letzte Schnuller niedergekaut war. Es ist erstaunlich, wie abgeklärt und reflektiert er mit seinem wachsenden Erfolg umgeht. Keine einzige Floskel benutzt er im Gespräch – seine Meinungen wirken unverfälscht und vor allem eigen. Auch die Rolle des Internets sieht Everett differenziert: »Du siehst dort so viel von ein und derselben Sache, wirst Zeuge wie jeder jeden Trend mitmacht. Tumblr zum Beispiel. Die gleichen hippen Leute überall: sie sehen gleich aus, verhalten sich gleich, handeln gleich, weil jeder es so macht. Es ist ziemlich dämlich.«

»Die gleichen hippen Leute überall: sie sehen gleich aus, verhalten sich gleich, handeln gleich, weil jeder es so macht. Es ist ziemlich dämlich.«

XXYYXX
Mit 16 Jahren tingelt Everett durch Europa und die Blogosphäre gleichzeitig. Nebenbei hat er die Highschool abgeschlossen. Den Anschein, bald mit Justin Bieber »Swag« über den roten Teppich schreien zu wollen, macht er nicht. Stattdessen sitzt da ein nachdenklicher Typ, der an seinem Drink schlürft und alles genau einzuordnen weiß. »Ich war wirklich sehr begeistert, diese Tour machen zu können«, sagt er und wird für einen Moment aufgeregt als er von ausverkauften Shows erzählt. Zu Hause sei es anders, erzählt er lachend: »Es kann vorkommen, dass 30 Leute zu einer Show kommen. 15 stehen dann mit verschränkten Armen vor der Bühne und die anderen in der Ecke und rauchen eine Zigarette.«
Ja, hier in Europa fühle er schon so etwas wie einen Hype, bestätigt Everett. Ein Hype, zu dem nicht zuletzt das Fan-Video zu »About You« beigetragen hat – doch auch diese Entwicklung hat seine Kehrseite: »Die Verbreitung des Videos hat auch Probleme mit sich gebracht«, sagt Everett. »Ich hasse es, diesen Song live zu spielen, weil er langsam und langweilig ist, aber bei jedem Konzert kommt einer und fragt, ob ich den Song mit der Fuchsmaske spielen könne«. Er verdreht die Augen. »Ich meine, Dude, du kennst nicht mal den Namen des Songs. Das Video hat mehr ›Follower‹ als echte Fans gebracht. Sie kommen nur, um den einen Song zu hören, dann hören sie mein anderes Zeug und beschweren sich, dass es nicht so toll wäre. Das ist dein Fehler! Du beurteilst mich nach einem Song. Dir ist Musik scheißegal!«
Und hier ist es dann Zeit, uns doch mal einer Floskel anzunähern: XXYYXX ist die Musik alles andere als egal. Er lebt dafür, wie er sagt. Schon mit 13 spielte er in seiner ersten Band (eine Hardcore-Punk-Band), als 15-jähriger begann er schließlich elektronische Musik zu machen. Und damit soll es auch weitergehen. Sein nächstes Projekt wird eine EP über fünf Tracks auf True Panther sein. Ein Release-Date steht noch nicht, aber mit King Krule und Cameron Mesirow, der Sängerin von Glasser, kümmert sich XXYYX gerade um interessante Gäste. Im Januar will er erst einmal Pause machen: Ein wenig Abstand von allem gewinnen und vielleicht mit seiner derzeitigen Math-Rock-Band etwas auf der Gitarre rumschrabbeln. Na also! Das hört sich schon eher nach einem 16jährigen an.