Art Interview | verfasst 21.10.2013
Florence To
Musik in Schale geworfen
Die in London lebende Visual-Künstlerin Florenz To nutzt ihren Mode-Hintergrund und ihre Faszination für Architektur um Europas beste Musikveranstaltungsorte und Events in Schale zu werfen, so auch London’s Boiler Room.
Text Grashina Gabelmann , Übersetzung Julia Hinz
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Bei dem Schlagwort »Live-Visuals« denken die meisten einfach an einen Bildschirm, der im Rücken des DJs eine Ansammlung von Videoclips oder Bildern abspielt, die eine Collage bilden. Eine Collage, die sich bewegt, während der DJ auflegt, was immer er auch auflegt. Dies ist für die Londoner Künstlerin Florence To nicht bloß zu statisch, es ist auch einfach nicht die Art wie ihr Gehirn funktioniert: da sie aus der Modeszene kommt, arbeitete sie zunächst am Körper bevor sie an Räumen arbeitete. Und diese Tatsache, diese sehr strukturelle und dreidimensionale Schaffensmethode wird in ihrer Arbeit für Boiler Room, Sub Club, Red Bull Music Academy, Soundcrash oder Dollop reflektiert, wo sie architektonische Visuals für Shigeto, Alex Smoke oder Auntie Flo kreierte.

Du hast Textilien und Mode studiert, aber nun dekorierst du Räume anstatt Körper. Wie hängt das eine mit dem anderen zusammen?
Florence To: Ich arbeitete in der Schneiderei und entwarf experimentelle Muster, bei vielen Fabrikationen, an denen ich arbeitete, ging es darum skulpturale Designs mit so wenig wie möglich Nähten zu erstellen. Beim Vorbereiten der Stoffe für den Schnitt, prüft man Aspekte, die das Gesamtdesign betreffen, zum Beispiel wie das Licht von der gewählten Richtung des Gewebes reflektiert wird und wie das am Körper aussehen wird. Ich arbeite an einem ähnlichen Prozess, wenn ich etwas für einen Raum entwerfe. Ich fing zunächst an mit Formen und Maßen zu experimentieren, die die Anforderungen erfüllten, um in dem gewünschten Raum positioniert zu werden und fuhr dann fort, die Ideen aus verschiedenen Winkeln und auch die unterschiedliche Oberflächenstruktur zu betrachten.

Wie beeinflusst die Architektur deine Arbeit?
Wie ich die Materialien und die Technologie miteinaner im Raum koordiniere, hängt gewöhnlich von den Einschränkungenen ab, die ich im Raum vorfinde, wie: niedrige Decken, Säulen oder Löcher in der Wand. Ich versuche eher zu sehen, was ich vom Raum nutzen kann, als etwas hinzuzufügen. Es geht nicht nur darum, eine zufällige Idee umzusetzen, meine Arbeit soll den Raum zweckmäßig erscheinen lassen.

Wie gelingt es dir, mit deiner Arbeit sowohl den Musiker als auch das Publikum zufrieden zu stellen?
Zu Beginn versuche ich die Dinge festzuhalten, die geplant sind, damit wir beide am Ende mit der Performance glücklich sind – die meisten der Performances waren live jedoch noch um Längen besser. Ich mag es, organisiert zu sein, aber die Dinge funktionieren oft besser, wenn ich spontaner bin. In das Erlebnis einzutauchen, hilft die Kreativität zu entwickeln. Am Ende des Tages generieren wir beide einen Rhythmus in Klang und Bild. Die Energie, die vom Publikum kommt, wird durch das hervorgerufen, was sie hören und sehen. Ich versuche diese Energie zusammen mit der Musik noch zu steigern.

»Wie ich die Materialien und die Technologie miteinaner im Raum koordiniere, hängt gewöhnlich von den Einschränkungenen ab, die ich im Raum vorfinde, wie: niedrige Decken, Säulen oder Löcher in der Wand.« (Florence To) Arbeitest du immer mit elektronischer Musik? Was zieht dich daran an? Kannst du dir vorstellen mit Hip Hop, Jazz oder Klassik zu arbeiten?
Ich interessiere mich für alle Formen von Musik. Da die Klangvariationen in elektronischer Musik gut mit Visuals zu funktionieren scheinen, wurde ich vermutlich dort hineingezogen, als ich diese Arbeit in Vollzeit machte. Zu Beginn des Jahres arbeitete ich an einem interessanten Event, für das ich eine Installation an der Seite des Poeten und Sängers Jaap Blonk entwarf. Er schafft interessante Stimmlagen und benutzt phantasievolle Ausdrücke aus Büchern in verschiedenen Sprachen – so wie er die Stimme des Schriftstellers hört. Ich fragte mich, wie man Visuals für diese Art von Performance entwickeln könnte – das ist etwas, womit ich gerne Zeit verbringen möchte. Ich habe einen klassischen Hintergrund, deshalb würde ich auch gerne mal mit einem Orchester und einem Chor arbeiten. Ich habe auch an eigenen Sounds gearbeitet, um diese für Installationen zu verwenden. Es ist etwas mehr Kontrolle notwendig, wenn ich mit anderen Künstlern zusammenarbeite, dennoch werde ich nie aufhören zu lernen oder etwas neues auszuprobieren.

Mode- und anderes Produktdesign haben einen nicht zu unterschätzenden Funktionalitätsaspekt. Was bedeutet Funktionalität, wenn man ein Event gestaltet?
Es gibt eine Menge Einschränkungen, die in der letzten Minute auftreten und außerhalb meiner Kontrolle liegen, wie z.B. neue Informationen zum Bühnenplan. So etwas passiert durch mangelnde Kommunikation oder Missverständnisse. Das war ein ständiger Kampf bei der Arbeit an einigen Clubnächten, so dass ich eine Lösung wollte, um vorbereitet zu sein, sollte es wieder dazu kommen, damit dadurch nicht das Design beeinträchtigt wird. Auf diese Art zu arbeiten, hat mir neue Wege aufgezeigt, meine Arbeit zu entwickeln. Einschränkungen sind unberechenbar und geben eine Richtung vor, die wir vielleicht nicht wählen würden, wenn alles so liefe wie wir es gerne hätten.

Synthesia übersetzt Klänge in Formen oder Farben. Wie übersetzt du Musik in Formen und Farben? Eher mathematisch oder emotional?
Als ich anfing, an Visuals zu arbeiten, entwickelte ich eine Bilbliothek aus verschiedenen Frames, die sich aus der Arbeit auf Events mit verschiedenen Arten von Musik angesammelt hatten. Ich wurde mit der Bibliothek vertraut und konnte die Bewegung jedes einzelnen Visuals nachvollziehen. Im Hinblick auf den Rhythmus kann ich sehen, wie sich die Visuals zu den Frequenzeinstellungen bewegen, eingestellt in x, y, z Dimensionen. Es geht darum, Einfluss auf die Sinne zu haben, die miteinander komplimentieren. Die Mathematik wäre nicht relevant, wenn ich nicht etwas mit einem Gefühl kreieren könnte.

Deine Arbeit hat eine sehr digitale Sprache. Wie sieht dein Arbeitsprozess aus? Sind auch anologe Elemente darin enthalten?
Es hängt vom Projekt ab, ob es ein Exponat wird oder eine Installation, für ein Musikevent oder eine spezielle Performance. Ich benutze eine Mischung aus Cinema 4d, Illustrator und manchmal anderen Effekten. Das Installationsdesign kommt zuerst, so dass es die Richtung der Visuals vorgibt. Ich überlege, wie der erste Frame aus einer Perspektive aussehen wird und wie Schatten die Tiefe herstellen. Die meisten Visuals sind erst am Abend der Produktion völlig ausgereift. Ich versuche sie so lebendig wie möglich zu halten, indem ich Standbilder benutze. Ich habe hauptsächlich digitale Anwendungen um die Visuals zu machen, die ich für gewöhnliche Musikveranstaltungen benutze. Für spezielle Performances und Kollaborationen mit Sounddesignern ist es meist eine Mischung, weil man für persönliche Projekte mehr Zeit hat. Wie auch immer, im letzten Monat habe ich viel Zeit mit den Filmaufnahmen für meine neue Installation verbracht.

Du hast einen Fashion-Hintergrund. Planst du in diesem Bereich zu arbeiten?
Ich würde den Gedanken nicht ausschließen, aber im Moment bin ich noch damit beschäftigt Installationen zu entwickeln und lerne Wege mit dem Raum zu arbeiten. Ich genieße die Umgebung in der ich arbeite sehr und die Möglichkeit mit Musik und Performance zu arbeiten. Ich denke nicht, dass zählt, was du studierst, wenn du mit deinen Fähigkeiten in verschiedenen Medien progressiv sein kannst, dann hält es dich kreativ – und ist es nicht genau das, worum es beim Kreativsein geht?

Mehr zu Florence To findet ihr auf ihrer Website: www.florence-to.com/.
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