Music Interview | verfasst 24.08.2014
Cold Specks
Neu verdrahtet
Al Spx hat als Cold Specks vor zwei Jahren ein geradezu entwaffnend persönliches Debüt vorgelegt. Mit dem gerade erschienenen »Neuroplasticity« jedoch soll alles anders werden.
Text John Luas
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Vor unserem Gespräch zieht sich Al Spx noch eine Goldkette über. Ein wenig umständlich wirkt das, ein bisschen so, wie man sich fühlt, wenn man auf einer Party ist und doch eigentlich zu Hause im Bett sein möchte. Ein wenig so als müsste man tanzen, obwohl einem zu weinen zu Mute ist. Al Spx hat als Cold Specks vor zwei Jahren ein geradezu entwaffnend persönliches Debüt vorgelegt. Dafür gab es das Lob der Presse, die Treue der Fans und ein Platz auf der Shortlist des Polaris Music Prize in ihrer kanadischen Heimat. Doch die entwaffnende Nacktheit der Worte von einst sitzt plötzlich nicht mehr ganz, ein bisschen wie diese Goldkette, ein Kleidungsstück früherer Tage, das Cold Specks unangenehm geworden ist. Mit dem gerade erschienenen »Neuroplasticity« jedenfalls soll alles anders werden.

Du hast das neue Album in einem englischen Cottage geschrieben, dann später in Montréal in Kanada aufgenommen. Ließen sich die Tracks so ohne weiteres transportieren und adaptieren?
Cold Specks: Ich habe sie alleine im Cottage geschrieben, wobei das eigentlich nur drei Tracks betrifft. Der Rest ist eigentlich mehr oder weniger in Montréal während der Aufnahmen im Hotel2Tango entstanden.

Das Cottage war also mehr Zufall als geplanter Rückzug?
Cold Specks: Ich habe sehr lange in London gelebt und es irgendwann nur noch gehasst. Ein Freund hatte ein Cottage auf dem Land, also bin ich dorthin geflüchtet, bevor ich zurück nach Kanada gezogen bin. Es war nicht mal besonders schön dort. Es hat die ganze Zeit geregnet und war dunkel und kalt.

Unter »Neuroplasticity«, der Titel deines neuen Albums, versteht man die Eigenschaft von Synapsen sich in Abhängigkeit von der Verwendung in ihren Eigenschaften zu verändern und anzupassen.
*Cold Specks:
Es geht um eine Neuverdrahtung, um so einen Rekalibrierungsprozess. Mir ging es um die ästhetische Veränderung von Cold Specks.

Kam die Idee in der Dunkelheit des englischen Cottage?
Cold Specks: Nein, eigentlich erst im Hotel2Tango. Ich hatte die ganze Zeit Kopfschmerzen, tagelang, und da habe ich den Witz gemacht, das mein Gehirn sich neu verdrahtet. Es war eine musikalische Migräne, die vor allem vom Stress, den Anstrengungen, dem Versuch meinen Sound zu erweitern kam. Und der Begriff impliziert für mich diese ästhetische Veränderung, die dort stattgefunden hat.

Eine inspirierende Migräne quasi…
Cold Specks: Ich werde nie von Migränen inspiriert.

»Ich habe mich auf dieser Platte bewusst dafür entschieden, jegliche persönliche Elemente des Songwritings zu verbannen und eine Figur zu schaffen, die mit mir selbst nicht unbedingt etwas zu tun hat.« (Cold Specks) Die Idee zum Album gab es aber schon im Flugzeug zurück nach Kanada, richtig?
Cold Specks: Ich kann nur schreiben, wenn ich alleine bin. Das hat mir das Cottage gelehrt. In London leben 12 Millionen Menschen in einer dreckigen, deprimierten, fürchterlich überteuerten Stadt. Da kann man nicht schreiben. Also bin ich gegangen. Ich habe nicht an ein Album gedacht, als ich ins Cottage kam und ich war nicht auf der Suche nach Inspiration, ich wollte einfach meine Ruhe. Ich war im Prinzip nur zufällig da und die ersten Tracks des neuen Albums passierten rein zufällig dort.

Mittlerweile lebst du in Montreal. Kannst du es dort aushalten?
Cold Specks: Montréal ist eine gute Stadt. Ich wohne im Mile End, mein Studio ist gleich um die Ecke. Es ist eine schöne Gegend, voller Immigranten, viele religiöse Menschen, eine große jüdische Gemeinde. Ich glaube nicht an die Religion, aber ich finde es sehr schön von ihr umgeben zu sein.

Gibt es Spiritualität in deiner Musik?
Cold Specks: Nein. Das war einmal. Die erste Platte hat eine Quarter-Life-Krise dokumentiert und auch eine Krise des Glaubens. Aber da bin ich drüber hinweg. Ich habe versucht eine verspielte, lustvolle Platte zu machen, obwohl sie auch dunkle Momente hat. Nach der ersten Platte bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es mich das mit dem Glauben zu wenig angeht, um mir eine Meinung über Gott machen zu können. Es interessiert mich eigentlich nicht genug, um eine Meinung haben zu können. Auf der neuen Platte sind die Texte vollkommen unpersönlich. So habe ich auf Tour wenigstens nicht mehr das Gefühl wie eine schlechte Schauspielerin herumzulaufen.

Denkst du, dass du zu viel von dir preisgegeben hast?
Cold Specks: Ja und das war sehr naiv. Deshalb habe ich auf dieser Platte mich bewusst dafür entschieden, jegliche persönliche Elemente des Songwritings zu verbannen und eine Figur zu schaffen, die mit mir selbst nicht unbedingt etwas zu tun hat. Und damit fühle ich mich sehr viel besser.


Weiterlesen: Unser Autor John Luas hat zuletzt mit Lee Fields über seine Mutter, Konzerte als spirituelle Erfahrung und die gute alte Zeit gesprochen.

Das Album »Neuroplasticity« von Cold Specks findest du bei hhv.de
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