Music Interview | verfasst 12.06.2015
Sylabil Spill & Ghanaian Stallion
»Rap ist immer Ventil«
Alles ist ein Duell. Sylabil Spill fechtet sie im 1vs1 mit Whack-MCs und auf einer Metaebene mit der Gesellschaft aus. Jetzt hat er gleich zwei neue EPs veröffentlicht. Eine davon mit Ghanaian Stallion. Wir trafen das Duo zum Gespräch.
Text Fionn Birr
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»Das Fressen kommt vor der Moral«. Wäre der gebürtige Bonner Sylabil Spill nicht einer der verlässlichsten Punchline- und Battlerapper im Deutschrap-Geschehen, er schriebe vermutlich Bücher wie dieses. Ein Jahr nach dem Uppercut-Opus »Steine und Zwiebeln« erscheinen gleich zwei EPs: »Fress.Orgie« und »Okular EP« mit Ghanaian Stallion, seinerseits Haus-und Hof-Producer für Megaloh. Wir trafen das frisch-gefundene Duo im Stephankiez in Berlin-Moabit.

Eure Kollaboration hätte man so nicht erwartet. Wie habt ihr euch getroffen?
Ghanaian Stallion: Ich glaube der erste Kontakt entstand, als ich auf die »Respekt vor Gewalt«-Kampagne aufmerksam wurde. Unser Kollege Yassin hatte auf dem splash! Festival so einen Pulli an und ich wollte auch einen haben. Daraufhin habe ich Sylabil Spill eine E-Mail geschrieben und einen bestellt. Im gleichem Atemzug, fragte ich ihn dann auch, ob ich mal Beats schicken kann. So hat die Zusammenarbeit angefangen. Das erste Mal persönlich haben wir uns bei einem Tribes Of Jizu-Konzert getroffen, wo auch Megaloh dabei war.
Sylabil Spill: Sherin Kürten [Gründerin von Heart Working Class] hatte mir vorher auch schon eine CD von ihm gegeben, die ich dope fand.
Ghanaian: Das ist schon ein paar Jahre her. Vermutlich würde ich diese Beats heute nicht mehr rausschicken (grinst). Ich finde es auch nicht geil, Beat-CDs zu versenden. Heutzutage, wo es so viele Beatmaker gibt, muss man das zwar mitnehmen, aber ein ganzes Projekt ist schon etwas anderes.

Was ist denn das besondere an dem klassischen »MC/Producer-Konzept«?
Ghanaian Stallion: Ich kann die Beats direkt auf Sylabil Spill zuschneiden. Er bekam immer jene, wo ich gleich dachte, dass das in seinen Kosmos passt. »Okular« ist durch diese Abstimmung auch sehr stringent geworden, obwohl wir nur übers Internet kommuniziert haben. Es war aber auch nicht so, dass ich ihm Doubletime-Beats geschickt habe oder Sachen, die nicht zu ihm passen. Ich respektiere ihn als Künstler dafür zu sehr. Ich fände das zwar spannend, aber es ging gar nicht darum ihn zu fordern – bei den kommenden Projekten wird das vielleicht experimenteller.
Sylabil Spill: Ich bin ein Freund von abgeschlossenen Sachen – mein Gesamtwerk ist eine Galaxie mit verschiedenen Planeten. Wenn ich mit Hubert Davis etwas mache, hat das eine ganz andere Atmosphäre als bei Twit One. Es ist auch spannend zu sehen, was der einzelnen Produzent mitbringt und wie facettenreich er wirklich ist. Das ist eine gewisse Form der Respektbekundung gegenüber dem Künstler.

Liegt es auch an diesem »Respekt«, dass du die zwei EPs nicht zu einem Album gemacht hast?
Sylabil Spill: Jein, »Okular« hat ein konkretes Konzept. »Fress.Orgie« funktionierte nach dem Prinzip: Feierabend, Blatt raus, Punchlines loswerden. Ich hätte zu viele Kompromisse eingehen müssen, wenn das jetzt als Album zusammengefasst worden wäre.

Du hast die zweite EP »Fress.Orgie« alleine produziert. Was unterscheidet die Arbeitsweise mit eigenen von fremden Beats…?
Sylabil Spill: …dass der fremde Beat nicht von mir ist? (Gelächter) Aber im Ernst: Ein Beatkonducta hat mehr Kniffe als ich, weil er sich viel mehr mit der Materie auseinandersetzt. Der macht ja nicht immer einen Beat, wo er sich direkt einen Rap vorstellen kann. Ghanaian Stallion hat ein viel größeres Spektrum als ich beim Produzieren. Meine Beats sind sehr rap-lastig – sie wurden gemacht, um von mir berappt zu werden. Es ist auch viel schwieriger auf seinen eigenen Beats zu rappen, da braucht man Abstand zu. Bei Ghanaians Beats kommt das alles von Extern, sodass ich gleich ein Bild im Kopf habe und anfange zu schreiben. Ich muss nicht die richtige Sternenkonstellationen abwarten. (lacht)

»Ich lege dir keinen Brei hin, den du auslöffeln kannst, sondern einen Brocken, den du erstmal aufbekommen musst – wie der Affe eine Kokosnuss.« (Sylabil Spill) Welche Form von Rap funktioniert besser für dich: Als Luftpumpe, wie man es über »Fress.Orgie« sagen könnte oder als Ventil, wie es eher das gesellschaftskritische »Okular« suggeriert?
Sylabil Spill: Ich finde nicht, dass Rap eine Luftpumpe ist – das ist immer Ventil. Wenn ich dir gegenüberstehe, so als Gegner, benutze ich dich ja auch als Ventil. Sowohl »Okular« als auch »Fress Orgie« ist einfach Battlerap. Diesen Gegner, den du in einem Battle hast, den findest du ja auch in der Gesellschaft – manche nennen das »Leviathan« oder so. Auf einer Meta-Ebene ist das alles ein Duell. Das eine ist halt gesellschaftskritisch, das andere auf Competition.

Dir haftet ein Ruf als humorloser Battlerapper an. Wie empfindest du solche Kommentare?
Sylabil Spill: Das finde ich gut. (Gelächter) Aber ich lese keine Kommentare oder sowas. Ich glaube auch, dass die meisten Leute, die Kommentare schreiben, das eine Minute später schon bereuen. Ich finde es aber cool, dass die Leute schreiben, dass ich humorlos bin. Ich will gar nicht witzig sein – sehe ich aus wie ein Clown?! Bin ich ironisch?! Guck mal, das Schicksal des Zuhörers ist die Interpretation. Je breitgefächerter ich rede, desto mehr Möglichkeiten biete ich dir, zu interpretieren. Je größer dein Kosmos ist, desto mehr Möglichkeiten hast du für dich selbst, die Dinge einzuordnen. Als Künstler habe die komfortable Position, das unbewusst oder bewusst machen zu können. Es ist auch oft eine Frage der Aufmerksamkeit, Sachen herauszufiltern. Wir leben in einer Zeit, wo im Rap alles sehr simplifiziert wird, alles ist breiig. Ich lege dir aber keinen Brei hin, den du auslöffeln kannst, sondern einen Brocken, den du erstmal aufbekommen musst – wie der Affe eine Kokosnuss.

Warum trennst du, Sylabill Spill so stark von deiner Privatperson – man weiß fast nichts über dein bürgerliches Leben?

Sylabil Spill: Das ist eine Frage des Respekts gegenüber der Ausdrucksform Rap. Dieses Voyeuristische, will ich nicht unterstützen. Mucke ist heutzutage oft nur ein Geschäft mit musikalischem Hintergrund ist. Es gibt superviele wacke Rapper, die interessante Geschichten haben, aber wacke Musik machen. Die bedienen dann ausschließlich diese voyeuristische Wahrnehmung. Da habe ich keine Lust zu. 

Ghanaian Stallion: Ich würde aber dennoch sagen, dass man trotz der wenigen persönlichen Hinweise, darauf schließen kann, womit er sich beschäftigt. Man merkt, dass er nicht bloß zu Hause sitzt und das Leben nicht kennt. Gerade auf der »Okular«-EP finde ich ihn gar nicht mal so »unpersönlich«. 
Sylabil Spill: Viele wünschen sich ja auch einen offensichtlichen Erzählstil: »Wer bist du? Was machst du? Erzähl’ doch mal was Persönliches«. (Gelächter) Das reduziert aber die Kreativität der Sache. Das ist keine Herausforderung für mich.

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