Music Essay | verfasst 20.01.2016
Jahresrückblick 2015
Am Ende der Echtzeit
Die Welt fühlte sich 2015 zunehmend realer an. Ganz im Gegenteil die Pop-Musik: Sie war so künstlich wie nie zuvor. Wir blicken auf ein Jahr, in dem das Unechte zur Gewohnheit wurde und nur noch eines so richtig echt blieb: die Sehnsucht.
Text Kristoffer Cornils
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1 Das Leben hinter den Masken
Drake war wirklich nicht der Erste, der mit der Eleganz einer vom Gegenwind gebeutelten Mülltüte einen Tanz hinlegte. Auch wenn seine stockigen Schunkel-Moves vor wohltemperierten Ambilight-Background im Video zu »Hotline Bling« das Jahr 2015 dominierten, findet sich ein Vorläufer im vorangegangenen: Als die Future Islands im März 2014 bei Talk Show-Host David Letterman ihren Song »Seasons«, vorstellten, sorgte das nicht etwa deshalb für Gesprächsstoff und Begeisterung, weil die musikalische Leistung herausragend gewesen wäre. Was hingegen die Gemüter erregte, waren die Gummigelenk-Moves von Sänger Samuel Herring. Wie bei Drake ging es rechts runter, links runter und der Kopf schien zu machen, was er wollte. Zusätzlich holte Samuel Herring noch alle Feuerzeug-in-the-air-Pathos-Gesten der Rockgeschichte raus. Da schwollen die Halsadern an, bis sie kurz vorm Platzen waren. Dazu die Vocals: Gutturales Growlen nah am Death-Metal-Gekehle. »Buddy, come on!«, schrie Letterman überwältigt, noch bevor der letzte Ton verklungen war. Überraschung, Begeisterung, Sprachlosigkeit über so viele echte Gefühle. Eine Kapitulation vor dem authentischen Ausdruck.

Auf Drakes »Hotline Bling«-Video wurde anders reagiert. Breiter zum einen, denn die inszenierte Awkwardness ist in mehr als einem Jahr aus dem Late Night-Dunkel ins Spotlight geschliddert. 2015 hörte Pop großflächig damit auf, sich um Authentizität und Echtheit zu scheren. Womöglich, weil die Welt um uns so echt wurde, dass es weh tat. Vor allem aber wurde auf »Hotline Bling« reagiert wie auf Drake immer reagiert wird: Mit Memes, Memes und noch mal Memes. Drake weiß das, und vielleicht sogar legt er es darauf an. Das Video zu »Hotline Bling« wurde um ein Vielfaches erfolgreicher als der eigentliche Song, der es nicht einmal auf den ersten Platz der Billboard Hot 100-Charts schaffte. Spott, Häme und der Fremdschamgenuss über so viel artifiziellen Quatsch.

Gegeneinander gehalten könnten die beiden Videos bis auf den überdrehten Tanzstil ihrer Protagonisten unterschiedlicher kaum sein. Auf der einen Seite die Überdosis Authentizität des Future Island-Sängers, auf der anderen abgeklärte slickness Drizzys. Dabei allerdings fußt der emotionale-Erpressungs-Rap von Drake womöglich auf mehr genuinen Gefühlen als Samuel Herrings keuchendes Körperpathos. Beide schaffen es jeweils im selben Zug, echt und unecht in einem zu sein. Ein Paradox.

Was sich bei den Future Islands Anfang 2014 erstmals sichtbar abzeichnete, gipfelte im letzten Jahr mit Drake – und nicht allein ihm. 2015 hörte Pop großflächig damit auf, sich um Authentizität und Echtheit zu scheren. Womöglich, weil die Welt um uns so echt wurde, dass es weh tat.

Denn wann sprechen wir eigentlich von Realität? Vor allem dann, wenn wir über die schlimmen Dinge des Lebens reden. 2015 waren das ganz schön viele, auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene. Die schlechten Nachrichten hörten nicht auf, sie wurden nur noch schlimmer. Es gab vor ihnen und ihren Konsequenzen kein Entrinnen. Eskapismus schien deswegen keine Option mehr.

Pop stemmte sich weder dagegen noch verflüchtigte es sich. Stattdessen tanzte es vor glatten Neonwänden, und seufzte: »You used to call me on my cell phone«. Es reicht nicht mehr, gehört zu werden und zu hören. Es muss gesehen werden. Pop braucht seine Bilder, schrieb auch Diedrich Diederichsen in seinem Mammutwälzer »Über Pop-Musik« und es fällt schwer, dem zu widersprechen. Je mehr die Welt jedoch von Bildern geprägt wird, desto mehr wird Pop von ihnen abhängig. Je mehr diese Bilder manipuliert und verdreht werden können, desto unechter wird »Pop-Musik«. Ob sie will oder nicht.

Die Körper treten deshalb in den Vordergrund. Es sind nur keine echten mehr. Sie behaupten es auch nicht. Sie werden inszeniert und sie mutieren.

In einem anderen Aufsehen erregenden Video des Jahres 2015 ist ein weißer Schluffi zu sehen, der um einen Rolls Royce tanzt. Seine ganze Erscheinung ist mehr als bizarr: Braids, Grillz, schamhaariger Nackenbart, weites Shirt und enge Jeans, die Füße stecken in Yeezy-Merch. Post Malone legte im Februar mit »White Iverson« den Raktenstart des Jahres hin. Nicht etwa, weil er ein Klischee ist – sondern weil er alle Klischees auf einmal ist. Ein zum Leben erweckter tumblr-Account aus der Trailer Park-Zone des Internets. »White Iverson« dreht sich zu einem Drittel um die Basketball-Leidenschaft Post Malones, zu einem Drittel um den titelgebenden Spieler, reproduziert zu einem weiteren Drittel hedonistische Rap-Klischees von »Bitches« und »Weed« und hat im Gesamten keine nennenswerte Message.

»White Iverson« sagt hingegen sehr viel darüber aus, wie unwichtig es geworden ist, die Codes bestimmter Subkulturen mit Leben zu füllen, sprich die im Rap immer schon wichtige realness zu verkörpern. Post Malone ist das Gegenteil von Authentizität. Er ist alles andere als echt. Die schwammigen Gefühle, die in »White Iverson« durch eine leere Ästhetik gepresst wurden, allerdings schon. »It makes me happy«, singt Post Malone und bleibt in seinen genius.com-Annotationen zum Song eine Erklärung darüber schuldig, was genau ihn eigentlich glücklich macht. Hauptsache Gefühl. Drake hingegen drückt in »You & The 6« ein umso authentischeres Problem aus, dass ihm nämlich die gelebte Authentizität abgesprochen wird: »I used to get teased for being Black / And now I’m here and I’m not Black enough«. Post Malone hingegen muss sich, anders als Eminem zu seinen Zeiten, kaum dafür rechtfertigen, dass seine Karriere die white fruit of Black roots ist.

2 Vom Absonderliche zum Normalzustand
Künstler wie Drake und Post Malone schauspielern sich selbst. Hinter der Maske ließ es sich 2015 leichter leben, zumal kaum noch jemand nach dem fragt, was dahinter liegt. Schrecken, Begeisterung – das alles weicht schneller als zuvor der Gewöhnung. Als die Future Islands im April 2015 zu David Letterman zurückkehrten, um ihren Song »The Chase« zu performen und Samuel Herring ein ähnliches Pathos an den Tag legte, wirkte das nicht mehr außergewöhnlich. Kein »Buddy, come on!« von Letterman, sondern nur noch ein lapidares »There you go!«. Danke für die Showeinlage, jederzeit wieder – ruf uns nicht an, wir melden uns bei dir. Das Absonderliche war plötzlich zum Normalzustand geworden, die Überraschung blieb folglich aus.

Drake und Post Malone sind Jahrzehnte und eine gründliche mediale Umwälzung von der Behauptung Chuck Ds entfernt, Rap sei »CNN for Black people«. Zwar gibt es die alte Schule noch, sie muss aber immer kunstfertiger werden, um mithalten zu können. Während Kendrick Lamar oder Vince Staples die Lebensumstände der schwarzen Community auf ihre Art massentauglich verdichten und Haftbefehl selbst vom Feuilleton für seine (vermeintlich) authentische Gossenprosa gefeiert und auf post-strukturalistische Machtanalysen hin gedeutet wird, sind übersteigerte Kunstfiguren von Kollegah bis Money Boy und seinen etlichen Epigonen die Lieblinge der deutschen Mittelschicht jüngeren Alters.


Money Boys Karriere begann treffender Weise in der scripted reality des Privatfernsehens sowie als YouTube-Viral und beschäftigt eine riesige Zielgruppe, von der nicht immer ganz klar ist, wie ironisch oder aufrichtig sie den aufgedunsenen Österreicher wirklich abfeiern. Zumal der 34-jährige Sebastian Meisinger selbst wohl kaum noch wissen kann, wo seine Persona aufhört und die eigene Identität anfängt. So distanziert und ironisch sich Money Boy gibt: Er verwächst umso enger mit seiner Rolle. Wie bei Future Island macht die bloße Wiederholung das Absonderliche zum Normalzustand, wie bei Post Malone wird das Fremde irgendwann zum Eigenen. Was auch immer hinter Mbeezys Maske liegt, wird langsam von ihr aufgesogen. Denn solange irgendwo ein videofähiges Smartphone in der Nähe ist, dreht Meisinger den Swag auf. Es ist immer ein videofähiges Smartphone in der Nähe.

Die uns umgebene Technik ist mittlerweile dermaßen in unser Leben integriert, dass Holly Herndon nicht zu Unrecht behauptet, der Laptop sei vielleicht das intimste Instrument unserer Zeit. Vor gar nicht allzu langer Zeit sah das ganz anders aus. Cher machte Mitte der 1990er Jahre Autotune bekannt, weil sie ihre eigene Stimme scheiße fand. Zu einer Zeit, als artifizieller Eurodance Hochkonjunktur hatte, passte sich das ästhetisch ein, zwischen ihr und ihrem Publikum aber klaffte das Uncanny ValleyUncanny Valley
Eine Studie, die u.a. gezeigt hat, dass Menschen völlig künstliche Figuren anziehender und akzeptabler finden als Figuren, die zunehmend realistischer werden.
kilometerweit auf. Autotune bedeutete für Cher die Flucht vor der Realität des eigenen Körpers und für ihr Publikum einen kleinen Schock. Heutzutage kommt ein Future, der über sehr reale Themen rappt, gar nicht mehr ohne ihn aus – das absonderliche Markenzeichen ist zu seiner Essenz geworden. Bei Post Malone fällt sie überhaupt nicht mehr auf.

Anders Kendrick Lamar, der im Finale von »To Pimp A Butterfly« einen kongenialen Kompromiss wählt und in ein Zwiegespräch mit 2Pac eintritt, das gleichzeitig (selbst-)verklärend wie ernüchternd ist. 2Pac ist tot, er kann nicht antworten. Es ist eine bizarre, vollkommen künstliche Situation. Das gemeinsame Lachen von Kendrick Lamar und dem Idol ist ein schmerzhaft post-dramatischer Einschnitt in eine Platte, die ihre Melodramatik aus der harschen Alltagsrealität bezieht. »What’s your perspective on that?«, lautet Lamars letzte Frage an Pac, sie bleibt unbeantwortet. Die Vergangenheit schweigt sich über die Zukunft aus. Was Allen Iverson für Post Malone ist, das ist das Gespenst 2Pac für Kendrick Lamar: Das unerreichbare Ziel einer sehr echten Sehnsucht. Pop hat 2015 also aufgehört, Antworten auf simple Fragen zu liefern. Manchmal antwortet sie gar nicht mehr.

Selbst im authentizitätsangereicherten Punkrock lieferten mit The World Is A Beautiful Place & I Am No Longer Afraid To Die und Self Defense Family zwei Bands neue Alben ab, die eigentlich keine Bands mehr sind, sondern sich als lose Kollektive mit rotierender Besetzung verstehen. Das bietet keine Identitätsfläche mehr.

Die ehemals fixen Identitätsflächen schmelzen und verflüssigen sich. Es gab 2015 viel Wasser zu hören, etwa auf Holly Herndons Album »Platform« oder in den Lyrics von Kelela. Das Fluide ist auch der Modus, in dem sich every critic’s darlings Arca und Jesse Kanda bewegen. Ähnlich die Musik von zum Beispiel Lotic, der sich zwar durch Sampling eindeutig in queere, von people of colour geschaffene Traditionen einreiht, sich ästhetisch aber nicht verschubladen lässt. Instrumental Grime war eines der Buzzwords des Jahres, es handelt sich um einen ziemlich diffusen Begriff. Eine definitorische Käseglocke, unter deren Rand es durchsickert. Genres, Subkulturen und ihre Codes sind keine Bezugssysteme mehr, sondern nur noch Referenzpunkte. So wie etwa Post Malones Braids und Grillz auf eine schwarze Hip Hop-Kultur verweisen und seine Hose auf eine weiße Hipsterigkeit. Ein ganzheitliches Bild kann das eigentlich nicht ergeben und doch tanzt dieser Typ am Ende der Echtzeit melancholisch um einen geliehenen Rolls Royce.

3 Körper, Haltungen und Körperhaltungen
2015 spielten sich die dringendsten Identitätskonflikte am Körper ab. Zumeist in einem Bereich, in dem soziales Konstrukt mit vermeintlicher biologischer Realität aneinander reiben: Wenn sich Björk für das Cover von »Vulnicura« eine Vagina in die Brust einbauen lässt, ist das eine konfrontative Ansage an überholte Konventionen in Sachen Gender. Ihr könnt mich zwar an- und sogar durch mich hindurchsehen, ihr seht mich aber nicht. Viel zwiespältiger zeigt sich indes die jüngere Generation. » Kelela betont, dass ihr Körper für den Betrachter virtuell bleibt«, schrieb Philipp Kunze an dieser Stelle in seinem Essay zu ihrem Video »A Message« . Ähnlich FKA Twigs’ Video zu »M3LL155X«, in welchem sie als aufblasbare Gummipuppe dem male gaze begegnet. Indem sich die Körper verflüssigen und völlig entäußern, treffen sie essentielle Selbstaussagen, die nicht selten allgemeine Verhältnisse auf den Punkt bringen. Twigs allerdings ging noch einen Schritt weiter und inszenierte einen Werbefilm für Google Glasses als Kunstprojekt – oder umgekehrt? Der Unterschied liegt in der (Körper-)Haltung: Die Björk-Mutantin auf dem »Vulnicura«-Cover steht aufrecht und konfrontativ da, das Cover von »M3LL155X« trifft zwischen Abwehrhaltung und Selbstaufgabe keine Entscheidung. Ein paradoxes peekaboo: Ihr könnt mich zwar an- und sogar durch mich hindurchsehen, ihr seht mich aber nicht.

Noch schwieriger wurde die Frage der Haltung beim Kollektiv PC Music. Während auf der einen Seite stilisierte Figuren wie QT schon per Namen auf so wenig Speicherplatz wie nur irgend möglich zusammengestaucht werden, ist die Musik kaum mehr als der Jingle für die hauseigene Merch-Abteilung. QT ist weniger Mensch oder Musikprojekt als vielmehr Maskottchen des eigenen Energiedrinks. SOPHIE veröffentlichte sein Debütalbum »Product« statt rein als immateriellen Datei-Download gleich als Produktpalette, deren Angebot – das u.a. einen im eleganten Schwarz gehaltenen Doppeldildo enthielt – angeblich sofort ausverkauft war. Der Clou: Derweil PC Music das Artifizielle und Abstrakte zelebrieren, ist das immer an sehr echte Dinge gebunden, von denen zumindest einige erhältlich waren, wie etwa der Energy Drink. Bei anderen wiederum handelt es sich um genau das, was dem Meta-Genre Vaporwave seinen Namen verlieh: Vaporware. Objekte, die zwar existieren – allerdings nur in der Theorie. Hauptsache, ein Fetisch wird getriggert.

Dass PC Music eigentlich ein großer Marketing-Coup von Red Bull seien, bestritten SOPHIE und A. G. Cook ausgerechnet gegenüber dem Authentizitäts-vernarrten Rolling Stone unter der vielsagenden Headline »PC Music Are for Real«. For real sind sie in ihrer Begeisterung für ihr Tun genauso wie Post Malone, wie bei dem kann die Überdosis von Codes den Kapitalismus jedoch höchstens spiegeln, nicht aber ihn kritisieren. Deutlich wurde das in der Kollaboration von PC Music und dem Major-Label Columbia. Der Generalvorwurf des Ausverkaufs wurde 2015 kaum noch erhoben, im Falle von PC Music wäre das sowieso müßig gewesen: Ausverkauf ist bei ihnen zum erklärten (künstlerischen) Ziel geworden.

Wie kann eine authentische, echte Haltung noch klingen oder aussehen? Brauchen wir vielleicht doch wieder Protestsongs? Sollten wir uns nicht vereinnahmen lassen? Das sind Fragen, über die Daniel Lopatin aka Oneohtrix Pointer Never in unserem Interview nur müde schnaufte. Lopatin schert sich einen Scheiß drum, ob ihn jemand wegen seiner Verbindungen zu Red Bull kritisieren könnte. Mit seinem diesjährig erschienenen Album »Garden Of Delete« stellt er außerdem den Mythos vom rebellischen Ausbund von Authentizität in Frage: Grunge wird von Lopatin als fabrizierte Lüge enttarnt, die solange wiederholt wurde, bis sie fester Teil der Realität wurde. Er will die Lüge zurückerobern, um sie zu enttarnen. Das ist die Zuspitzung dessen, worum es bisher ging: Das Inauthentische wird dermaßen überzogen, dass es wieder zum Spektakel wird. Letterman soll wieder ein erregtes »Buddy, come on!« schreien, statt gütlich »There you go!« zu brummen.

Wo Lopatin sich zynischer Manipulation hingibt, versucht Holly Herndon es anders anzugehen. Als »Trägersignal«, also eine Art trojanisches Pferd, versteht sie ihre Musik und fungiert selbst als solches: Obwohl ihr Gesicht auf dem Cover zu sehen und von außen allein ihr Name auf ihrem zweiten Album »Platform« zu lesen ist, verweist die Platte über zahlreiche Features auf eine Vielzahl anderer Personen und Ideen. Eine positiv formulierte Antwort auf die Übervernetztheit unserer Tage und nichtsdestotrotz eine Haltung. Eine, die das Gute zu sehen oder besser noch sichtbar zu machen versucht. Unecht wirkt das höchstens, weil wir von Realität meistens dann sprechen, wenn wir von den schlimmen Dingen des Lebens reden.

Haltung nahm Holly Herndon auch im Video zu »Home« ein, das ähnlich nah am Exzess operiert wie die Future Islands bei Letterman oder »Hotline Bling«: Über sechs Minuten starrt Herndon direkt in die Kamera, setzt sich und vor allem ihrem Publikum einer Überdosis Intimität, soll heißen Authentizität aus. Obwohl es keine (physische) Nähe zwischen uns gibt, meinen wir sie doch zu spüren. Wie bei einem Skype-Gespräch allerdings, in welchem sich die Redenden zwar ansehen, nie aber einander in die Augen schauen können. »It feels like you see me«, singt sie, »When you look at me/You’re somewhere else« Kelela. Das ist die (schlimme) Realität der Kommunikation mit Pop-Stars, auf einen Nenner zusammengestrichen: Obwohl es keine (physische) Nähe zwischen uns gibt, meinen wir sie doch zu spüren. »It makes me happy«, sang schließlich auch Post Malone und was ihn da eigentlich glücklich macht, das ist ziemlich egal.

Dem gegenüber aber steht das Verlangen nach Einfachheit und Echtheit, ob es der Analog-Hardware-Fetisch im Techno ist oder der anhaltende Vinyl-Boom, in dessen Rahmen gerne vom »warmen« Sounds des Mediums gesprochen. Warm wie ein lebendiger, echter (Klang-)Körper. Auch die »Lügenpresse«-Schreie des (selbsterklärten) deutschen Packs entspringen der Verzweiflung, keine simplen Antworten mehr zu bekommen, die es in einer komplizierten Welt wie unserer zwar nie gegeben hat, die aber in einer weniger komplexen medialen Situation auf vermeintliche Wahrheiten zugespitzt werden mussten. Propaganda-Blogs, Verschwörungstheorien, obskure YouTube-Kanäle haben deshalb Hochkonjunktur, weil sie genau das versprechen: Simple Antworten mit Wahrheitsanspruch. Zu Kendrick Lamars »What’s your perspective on that?« lassen sich dort reihenweise Repliken finden.

Authentizität mag in unserer kapitalistisch durchdrungenen Gesellschaft eine Währung sein. Pop zeigte uns im letzten Jahr jedoch, dass auf der Rückseite der Medaille kein Wert notiert ist. Es gibt nichts mehr hinter der Maske. Wer bleibt denn nun er selbst – Sebastian Meisinger oder Money Boy? Hatte Diedrich Diederichsen noch 2014 geschrieben, dass es beim Popstar »unentscheidbar [sei], ob der Protagonist eine wirkliche oder eine erfundene Figur ist«, muss das nach 2015 revidiert werden: Wirkliche und erfundene Figur sind miteinander verschmolzen, flüssig geworden. Am Ende der Echtzeit wird das Selbst aufgegeben. Damit erst wieder Aussagen über das Selbst getroffen werden können. Es sind lediglich keine einfachen, simplen Antworten. Weil wir in keiner einfachen, simplen Welt leben.

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Björk – Debut (1993)
Björks »Debut« zog vor allem einen Schlussstrich. Dazu ist der Titel des Album eine dreiste Lüge. Eine größere Wahrheit hätte Björk damit allerdings ebensowenig aussprechen können.
Music Review | verfasst 31.10.2014
Arca
Xen
Grell, grimmig und bissig ist dieses Album ein ekliger Finger, der dich lockt. Aber du musst folgen und du wirst.
Music Review | verfasst 17.12.2015
Arca
Mutant
Arca hat den Sound von FKA Twigs als auch den von Björks jüngster Platte geprägt. Seine eigenen Arbeiten sind nun auf »Mutant« nachzuhören.
Music Review | verfasst 13.04.2017
Arca
Arca
Arca war lange ein faszinierendes Konzept. Das ist es jetzt nicht mehr. Es ist jetzt eine tatsächlich fühlbare Realität.
Music Review | verfasst 24.09.2020
Arca
&&&&&
Start des Postgenres: Arcas »&&&&&« war Prototyp für die Generation Deconstructed Clubmusic.
Music Porträt | verfasst 06.11.2014
Arca
Raus aus der Komfortzone
Es gibt viele Gründe, warum Kanye West nicht die Pappnase ist, für die ihn alle halten. Denn auf »Yeezus« hat er den Produzenten Arca für einige Tracks geholt. Nun erscheint »Xen«, die erste komplette eigene Platte des 24-Jährigen.
Music Kolumne | verfasst 08.07.2020
Aigners Inventur
Juli & August 2020
Hier werden persönliche Anekdoten zu programmatischen Allegorien: Aigners Inventur verabschiedet sich schlussendlich mit einem Wimmern in die Sommerferien. Es ist schließlich 2020.
Art Porträt
Vincent de Boer
Wie Jazz mit Pinseln
Der niederländische Künstler Vincent de Boer ist zu einem festen Bandmitglied der britischen Jazzer von Ill Considered avanciert. Er zeichnet Plattencover auf Basis der gehörten Grooves. Für »The Stroke« wurde der Prozess nun umgedreht.
Music Kolumne
Dinosaur Jr
Green Mind
Viele Rockbands nehmen zu Beginn der 1990er Jahre ihre bis dahin besten Alben auf. Auch Dinosaur Jr. Während die Band selbst bei den Aufnahmen bereits auseinanderbricht, strotzt ihr viertes Album »Green Mind« vor Kreativität.
Music Porträt
Phew
Ein Leben gegen den Strich
Punk mit Aunt Sally, Synth Pop mit Sakamoto und experimentelle Musik solo und mit anderen: Die japanische Musikerin Phew sucht seit über vier Jahrzehnten die Fehler in der Musik, weil sich darin nur deren Möglichkeiten offenbaren.
Music Porträt
Far Out Recordings
Im Epizentrum der Brazil-Welle
Joe Davis ist der Lokführer, auf dessen Zug Mitte der Neunziger eine ganze Generation Brazil-affiner Producer aufsprang. Mit seinem Label Far Out Recordings wurde er zum weltweiten Statthalter brasilianischer Musikkultur.
Music Kolumne
Records Revisited
Carole King – Tapestry (1971)
Carole King wollte nie Popstar werden, sondern nur Songs schreiben. Weil sie das aber konnte wie niemand sonst, wurde sie es dennoch – mit »Tapestry«, ihrem Debütalbum aus dem Februar 1971.
Music Interview
Audio88 & Yassin
Der bessere Diss
Auf das verflixte fünfte Album von Audio88 und Yassin mussten Fans verflixte fünf Jahre warten. Im Zuge des Weltgeschehens ist es kein Wunder, dass sie radikaler auftreten als je zuvor. Ein Interview anlässlich des neuen Albums »Todesliste«
Music Kolumne
Vinyl-Sprechstunde
Madlib – Sound Ancestors
»Das erste Madlib-Album, das wirklich als Album gehört werden kann«, sagte Four Tet. – Das ist doch Schwachsinn, sagen unsere Kolumnisten. Sie fragen sich: Hat Madlib hier nicht einfach gemacht, was er immer gemacht hat – und…will man das?
Music Kolumne
Records Revisited
Jan Jelinek – Loop-Finding-Jazz-Records (2001)
2001 hing Jan Jelinek das Ego an den Nagel und lud seinen Sampler mit Klängen von Jazz-Platten auf, um daraus Loops zu basteln. Die liefen aneinander vorbei und bildeten Moiré-Effekte. Davon lebt die Magie von »Loop-finding-jazz-records«.
Music Interview
The Notwist
»Es ist immer ein Zurückkommen«
The Notwist sind wieder da. Sieben Jahre haben sich die Brüder Markus und Michael Acher Zeit gelassen, mit Cico Beck einen Ersatz für Martin Gretschmann gefunden, und einen Klang gefunden, der universeller ist als je zuvor. Ein Interview.
Music Kolumne
Records Revisited
Brian Eno & David Byrne – My Life In The Bush Of Ghosts (1981)
Ethno-Sampling als Pop: Mit ihrem Album »My Life in the Bush of Ghosts« landeten Brian Eno und David Byrne 1981 einen Innovationshit. 40 Jahre später klingt das selbstverständlich. Dafür ergeben sich andere Schwierigkeiten mit dem Ansatz.
Music Interview
Common
»Befreiung fängt im Kopf an«
Sein neues Album trägt den Namen »A Beautiful Revolution Pt.1«, erschien bereits im Oktober digital und in diesen Tagen wird es nun auch auf Vinyl veröffentlicht. Wir nutzten die Gelegenheit mit dem Rapper aus Chicago zu sprechen.
Music Porträt
Zoviet France
Fiebertraum vom Ende
Keine Namen, keine Gesichter, keine Tradition: Zoviet France wollten als anonymes Kollektiv Anfang der Achtziger die Antithese zum orthodoxen Kunstverständnis formulieren – und wurden dabei zu Kultfiguren wider Willen. Bis heute.
Music Liste
Aigners Inventur
Januar & Februar 2021
Ist es Gott? Ist es Hesse? Ist es Domian? Nein, es ist zum Glück einfach nur der Aigner. Der hat die Gardinen seit Wochen maximalst zugezogen und schickt uns die erste Inventur des noch fast unbefleckten neuen Jahres aus dem Kabuff.
Music Liste
Aaron Frazer
10 All Time Favs
»Introducing« heißt das erste Soloalbum von Aaron Frazer. Als Schlagzeuger von Durand Jones & The Indications ist er aber längst kein unbekannter. Musikalisch geht’s in die Sechziger. Uns sagt er, was ihn wirklich musikalisch geprägt hat.
Music Porträt
On The Corner
Banger für das Hinterzimmer
Mit seinem Label On the Corner Records serviert Pete Buckenham einen berauschenden Eintopf aus afro-futuristischen Jazz-Konzepten und zeitgenössischen Street Grooves und stößt er heute bereits die Pforten zum Sounduniversum von morgen auf.
Music Liste
Jahresrückblick 2020
Top 50 Albums
Sprechen wir es aus: Musik ist in Gefahr, weil sie nicht gemeinsam erlebt werden kann und weil ihre Macher*innen sich seit Monaten in einer existenziellen Krise befinden. Auf Schallplatte gab es dennoch einiges zu hören, wie diese 50 Alben.
Music Liste
Jahresrückblick 2020
Top 20 12inches
Tanzen war 2020 nicht wirklich. Aber die Vinyl 12" war trotzdem ein begehrtes Format. Und zwar für Musik, die von einer Zeit nach der Katastrophe träumt. Hier sind unsere Top 20. Einen Bonus in Form einer Vinyl 7" gibt’s obendrauf.
Music Liste
Jahresrückblick 2020
Top 50 Reissues
Früher war alles besser, das reden wir uns schon seit geraumer Zeit ein und seit zehn, fünfzehn Jahren versucht uns die Reissue-Industrie in dieser zur Weltanschauung geronnenen Vermutung zu bestätigen. Hier sind die Top 50 Reissues 2020.
Music Liste
Jahresrückblick 2020
Top 20 Compilations
Werkeinstiege zu Beverly Glenn-Copeland und Sade, DJ-Mixe von etwa Helena Hauff und Avalon Emerson, Würdigungen, Geschichtslektionen: Die Compilations in 2020 brachten Schwung in das pandemisch und politisch kriselnde Jahr.
Music Liste
Jahresrückblick 2020
Top 20 Tapes
Das angebliche Tape-Revival ist schon alt genug, als dass seine Heraufbeschwörung durch wiederverwertungsgeile Feuilletons selbst bald ein Revival feiern könnte. Sei’s drum: Diese zwanzig Kassetten haben uns 2020 das Leben gerettet.
Music Porträt
The Silhouettes Project
Protest aus dem Underground
Kosher und Eerf Evil gründeten das Silhouettes Project, um dem Londoner Untergrund Struktur zu verleihen. Ihr selbstbetiteltes Album entstand in gemeinsamen Sessions der britischen Alternative-Rap-Szene.
Music Kolumne
Records Revisited
Coil – Musick to Play in the Dark (1999)
Magie als Klang, der lunare Energien ansammelt: Mit dem im Jahr 1999 veröffentlichten Album »Musick to Play in the Dark« schufen die Elektronik-Esoteriker Coil ihre größten Hymnen an die Nacht. Jetzt wurde es endlich neu veröffentlicht.
Music Porträt
Sault
Black is …
Sault sind die inoffizielle musikalische Stimme der Black Lives Matter Bewegung. Voll radiotauglichem Soul und Jazz, hinter dem die längst überfällige Revolution steht.
Music Kolumne
Aigners Inventur
November & Dezember 2020
Das Virus? Nah, unser furchtloser Kolumnist fürchtet nur eines hinter jeder Straßenecke: Clueso. Aigner schmeißt sich in fiktive Nachtbusse und bückt sich n zu den REWE-Spaghetti runter, weil die von Barilla wieder weggepreppt wurden.
Music Kolumne
Records Revisited
The Pharcyde – Labcabincalifornia (1995)
Pioniere im Andersdenken. Vor 25 Jahren wurden die überdrehten Klassenclowns von The Pharcyde auf ihrem zweiten Album »Labcabincalifornia« zu zynischen Antihelden. Daran trug auch ein damals unbekannter producer namens J Dilla Schuld.
Music Porträt
Tidal Waves
Die Welle reiten
Eine kräftige Welle hat schon so manchen Schatz an Land gespült. So gesehen passt der Name, denn das belgische Reissue-Label Tidal Waves sucht, findet und veröffentlicht verlorengeglaubte Perlen der Musikgeschichte.
Music Kolumne
Records Revisited
Four Tet – There Is Love in You (2010)
Als Four Tet Anfang 2010 das Album »There Is Love in You« veröffentlicht, muss er der Welt nichts mehr beweisen und setzt sich einem retromanischen und verbissenen Zeitgeist mit einem gerüttelt Maß Glückseligkeit entgegen.
Music Kolumne
Records Revisited
GZA – Liquid Swords (1995)
Vor 25 Jahren säbelte GZA sein erstes Solo-Album innerhalb des Wu-Tang-Universums raus, boxte im Schatten von Shaolin-Kriegern und machte seine Gegner mit Lines einen Kopf kürzer. Das Ergebnis nannte sich »Liquid Swords«.
Music Porträt
Mort Garson
Musik für Pflanzen und Menschen
Er war an über 900 Liedern beteiligt, erreichte Platz 1 der Billboard Charts, doch Mort Garsons heutiger Ruhm beruht auf einer Begegnung mit Bob Moog, den er überredete, ihm einen seiner Synthesizer zu überlassen. Eine Wiederentdeckung.
Music Kolumne
Records Revisited
Pet Shop Boys – Behaviour (1990)
»Behaviour« ist das Pet Shop Boys-Album schlechthin. Reflektierte Texte, die schon damals bewährten Hymnen-Melodien und Harold Faltermeyers analoge Produktion verschmolzen zu einem Klassiker, der keinen Staub ansetzen will.
Music Porträt
Dark Entries
Zwischen Disco, Goth und Porno-Soundtracks
Seit 2009 betreibt Josh Cheon sein Label für Undergroundiges aus den 1980er Jahren und solches, das es werden will. Nächstes Jahr wird er über 300 Schallplatten dort veröffentlicht haben. Wir stellen euch das Label aus San Francisco vor.
Music Interview
Makaya McCraven
»Ich grabe Sound aus«
Makaya McCraven ist einer der Jazzmusiker dieser Tage. Nicht nur seine Heimatstadt Chicago, sondern die ganze Welt scheint sich an dem freien Umgang mit dem Jazzerbe in seiner Musik zu inspirieren. Wir hatten die Chance zum Interview.
Music Liste
Record Store Day 2020 – 3rd Drop
12 Releases nach denen du Ausschau halten solltest
Am 24.10.2020 findet nun der dritte von drei Record Store Days in diesem Jahr statt. Dafür sind wiederum mehr als 120 exklusive Releases angekündigt. Wir haben daraus zwölf Schallplatten gepickt, die wir euch ans Herz legen wollen.
Music Porträt
Sade
Magie ohne Mysterium
Mit dem Box-Set »This Far« wird das Gesamtwerk von Sade neu veröffentlicht. Viel ist das nicht. Aber Sängerin Helen Folasade Adu ist nicht nicht nur der größte Superstar, der nie einer werden wollte – sondern singt nur, wenn sie es will.
Music Kolumne
Records Revisited
Godspeed You! Black Emperor – Lift Your Skinny Fists Like Antennas To Heaven (2000)
Das zweite Album des Projekts Godspeed You! Black Emperor ist ein Werk voller Widersprüche und Zweifel. Vor allem liefert es den Soundtrack zur Komplexität menschlicher Existenz im aufkeimenden Dogmatismus.
Music Porträt
Derya Yıldırım
Im Namen der Menschlichkeit
Für Derya Yıldırım ist Musik in erster Linie Ausdruck menschlicher Beziehungen. Mit der Grup Şimşek verbindet sie die Musik ihrer anatolischer Heimat mit unzähligen anderen Klängen und Melodien, die die Menschen erden.
Music Essay
A Journey Into Turkish Music
Gastarbeiter*innen Musik
Parallel zur Genese des Anadolu Pop entwickelt sich in der BRD eine virile Infrastruktur. Diese »Gastarbeitermusik« hat das öffentliche Bewusstsein stets nur gestreift. Der wirtschaftliche Austausch hätte ein kultureller sein können.
Music Essay
A Journey Into Turkish Music
Anadolu Pop
Altın Gün, Derya Yıldırım & Grup Şimşek oder Gaye Su Akyol: mehr und mehr Bands beziehen sich wieder auf den Sound des Anadolu Pop, der sich in den 1960er Jahren in der Türkei formierte. Aber ist es ein Revival? Wir klären auf.
Music Kolumne
Records Revisited
Mouse On Mars – Iaora Tahiti (1995)
Mit ihrem zweiten Album »Iaora Tahiti« haben Mouse On Mars schließlich den letzten überzeugt, dass schlaue Electronica in den Neunzigern durchaus auch aus good ol’ Germany kommen kann. In diesen Tagen wird das Album 25 Jahre alt.
Music Kolumne
Records Revisited
Radiohead – Kid A (2000)
Zwischen Bigotterie und Blasphemie liegt oft nur »Kid A«. Das vierte Album von Radiohead erschien am 2. Oktober 2000, tauschte Gitarren gegen Synthesizer – und begann mit einem Fehler.
Music Kolumne
Vinyl-Sprechstunde
Tolouse Low Trax – Jumping Dead Leafs
Der Mann, der einen Sound geprägt hat, ist zurück mit einem Langspieler. Die drei Männer, die nichts geprägt haben, sind zur Stelle, um sich über ihn zu unterhalten. Das ist natürlich eine tolle Sache.