Music Porträt | verfasst 01.11.2017
New Record Labels #34
Argot, Discrepant, Gqom Oh!, Philophon
Jeden Monat stellen wir euch Labels vor, die neu bei uns im Shop vertreten sind und/oder deren Entdeckung sich lohnt. Die Auserwählten diesmal: Argot, Discrepant, Gqom Oh!, Philophon
Text Kristoffer Cornils, Niklas Fucks

ArgotFind it at hhv.de: Argot Argot ist ein von Steve Mizek gegründetes, US-amerikanisches Plattenlabel aus Chicago. Als Betreiber des Blogs Litte White Earbuds zeigte sich Mizek als ein ebenso kenntnisreicher wie geschäftiger Dance Music-Nerd, im Sommer 2014 aber verabschiedete sich der DJ nach neun Jahren von der Blogosphäre. Seine Kompetenzen als exzellenter Szenekenner mit einer ausgeprägten Leidenschaft für das regionale Geschehen und einem Spürsinn für Secret Weapons aus dem House- und Techno-Bereich kamen ihm aber beim Aufbau von Argot nur zupass. Gemeinsam mit Labelmanager Gianpaolo Dieli – besser bekannt unter dem Pseudonym Savile – veröffentlichte er dort frühe Platten von The Black Madonna und Octo Octa sowie Tracks von alten wie neuen Helden, ob nun Amir Alexander oder Gunnar Haslam. Gegründet hatte er Argot allerdings ursprünglich aus Frustration über sein erstes Labelprojekt ein paar Jahre zuvor, erzählt er. Der Deal mit dem Vertrieb grenzte seine Freiheiten ein und da war noch ein anderes Problem. »Ich war auch unzufrieden mit der hiesigen Labellandschaft, weil viele europäische Labels mehr dafür taten, US-amerikanische ProduzentInnen zu fördern als ihre Landsleute.« Argot sollte für sie eine neue Plattform bieten.

Schon der ungewöhnliche Name des Labels gibt einen Hinweis auf Mizeks Szenetreue und die regionale Ausrichtung seines Labels. Ursprünglich bezeichnete der französische Begriff die Geheimsprache der Bettler und Gauner im mittelalterlichen Frankreich, Mizek gibt ihm aber eine neue Bedeutung. »Mir fiel auf, dass die Menschen im Dance-Underground ihr eigenes Argot haben«, sagt er. »Es ist ein anderes in den USA als beispielsweise in Deutschland. Was natürlich Sinn ergibt, weil die Szenen oftmals sehr unterschiedlich sind. Ich wollte etwas Spezielles in der amerikanischen Szene abbilden.« Der Argot-eigene Zungenschlag ist von warmen House-Vibes und eigenständigen Erzählbögen geprägt, sagt Mizek. »Ich liebe es, wenn Tracks mehr als nur die Summe ihrer Teile sind«, betont er. »Was mich immer anzieht sind melodische Handschriften und die Vision, diese clever zu entfalten.« Das bezieht sich allerdings nicht nur auf Dance Music im strengeren Sinne, sondern kann ebenso verspultere Töne wie die des Produzenten Hippie Priests umfassen, der für Argot zwei der selteneren Tape-Releases beigesteuert hat.

Das wichtigste Release aber bleibt wohl The Black Madonnas »Lady Of Sorrows«-EP aus dem Jahr 2013, einem Türöffner nicht nur für die Chicagoer Produzentin. »Ihr Erfolg stieß viele neugierige Ohren auf die Platte mit uns, was beim Aufbau des Labels sehr hilfreich war. Das ist alles, was du dir von einem Release nur wünschen kannst«, sagt der Argot-Chef. »Ich bin wahnsinnig stolz auf die Platte und ein hingebungsvoller Fan der Songs darauf.« Das ist es überhaupt, was Argot im Kern ausmacht: Die Leidenschaft Mizeks als herausragendem und hingebungsvollem Szenekenner.. KC

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DiscrepantFind it at hhv.de: Discrepant Discrepant ist ein 2011 von Gonçalo F. Cardoso gegründetes, britisches Plattenlabel aus London. Discrepant ist ein beinahe typisches Beispiel für ein Herzensprojekt, das schnell zum Full-Time-Job wird. Zuerst veröffentlichte Cardoso regelmäßig Mixtapes und Interviews über den gleichnamigen Blog, bis er sich schließlich zur ersten Veröffentlichung überredete. Aus dem Ziel, unbekannten Artists mit eigensinnigen Klangentwürfen mehr Sichtbarkeit zu verschaffen, wurde schnell mehr. In nur sechs Jahren schaffte es Cardoso auf rund 80 Releases, die auf verschiedenen Formaten veröffentlicht wurden und eine spannende musikalische Bandbreite versammelten. Wie das Kunstwort, das dem Label seinem Namen gibt – ein Kofferwort aus »discrepāre« (»sich unterscheiden«) und »crepāre« (»laut sein«) – geht es Cardoso um Musik, die gegen den Strich denkt.

Frühe Releases kamen von hyperaktiven Underground-Artists wie King Gong, My Cat Is An Alien und Ergo Phizmiz, mit German Army, der Ägypterin Bosaina oder dem Field Recordings-Künstler und Soundtrack-Komponisten Carlos Casas stießen laufend neue Namen hinzu. Neben dem Hauptlabel bietet die Sucata Tapes-Reihe eigenwilligen Experimenten ein Zuhause, wie Cardoso sie selbst unter seinem Pseudonym Gonzo produziert. Mit der 2018 anlaufenden Serie Cycad Sounds will sich Cardoso mehr, aber nicht ausschließlich auf den Dancefloor konzentrieren. Hauptsache, die Musik ist »unvereinbar, gegensätzlich, uneins«, wie Cardoso seine Philosophie zusammenfasst. Die Musik dahinter klingt ganz genau so. Grelle Cut-Up-Experimente, atmosphärisch dichte Drone-Platten, knallige Synthie-Sounds mit Electro Sha’abi-Einschlag – jedes Discrepant-Release bietet eine neue Überraschung.

Auffällig mit Blick auf den Discrepant-Backkatalog ist das hohe Aufkommen von Releases, die sich wie etwa King Gongs ethnografische Arbeiten oder Casas’ düstere Feldstudien weit über den eurozentrischen Rahmen vieler anderer Experimental-Labels hinausbewegen, derweil mit Bosaina oder dem Duo Praed KünstlerInnen mit arabischen Wurzeln im Roster anzutreffen sind. »Es ist interessant zu sehen, wie viel nicht-westliche Musik ihrem eigenen Pfad folgt und sich überall, auch bei westlicher Musik, bedient«, erklärt Cardoso diesen Schwerpunkt. Was nicht heißen soll, dass er sich bewusst gegen europäische oder aus den USA kommende Musik versperren würde. Dabei kommt es schon mal so weit, dass Cardoso die Menschen hinter der Musik, die er im Netz, auf Reisen, Mund-zu-Mund-Propaganda oder unter Demo-Einsendungen aufstöbert, persönlich kennen lernt. Aber das ist wohl der Preis dafür, ein dermaßen ungewöhnliches Label zu führen. KC

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Gqom Oh!Find it at hhv.de: Gqom Oh! Gqom Oh! ist ein 2015 vom Produzenten Nan Kolè und Lerato Phiri gegründetes Plattenlabel aus London. Ein Italiener, der über England Musik aus den Townships von Südafrika verlegt? Die Geschichte von Gqom Oh! ist eine ungewöhnliche, wie sie wohl nur im 21. Jahrhundert geschrieben werden kann. Francesco Cucchi begann über Umwege, in afrikanische Rhythmen abzutauchen. Seinen Zugang zu den komplexen Polyrhythmiken aus allen Ecken des Kontinents fand der römische DJ und Produzent durch UK Funky- und Dubstep-Grooves. Im Januar 2015 stolperte er über einen Facebook-Post eines südafrikanischen Freundes mit dem Hashtag #Gqom. Neugierig recherchierte Cucchi, was es damit auf sich habe. »Ich fiel ins Kasimp3-Wurmloch«, erinnert er sich. Auf der Filesharing-Seite tauschten südafrikanische Produzenten die neuesten Tunes des Genres aus, das sich ungefähr im Jahr 2013 als regionales Phänomen etabliert hatte. Eifrig sammelte Cucchi dort Tracks und konnte die zuerst skeptischen bald Südafrikaner überzeugen, eine Compilation aus dem besten Material zusammenzustellen. Gqom Oh! war geboren.

Zwischen der dystopischen Atmosphäre von Techno und dem luftigen Understatement von Dubstep ließe sich Gqom einordnen, entwickelt sich aber so rasend schnell weiter, dass Cucchi kaum hinterher kommt. Über WhatsApp-Gruppen schicken ihm befreundete Produzenten heutzutage ihre frischsten Produktionen. Mit dem Gqom-Urgestein Citizen Boy hat Cucchi, der erst nach Veröffentlichung der Auftakt-Compilation auf Gqom Oh! überhaupt die Heimat dieses Sounds zum ersten Mal besuchte, einen Vertreter vor Ort gefunden, der ihn bei der Labelarbeit unterstützt. Leicht ist es aber dennoch nicht, erzählt der Italiener, der seit den Neunzigern als DJ aktiv ist und als ehemaliger Mitarbeiter eines Plattenladens besonders viel Augenmerk auf die Aufmachung der Releases legt und eine römische Graffiti-Crew das Artwork anvertraut. »Es war nicht einfach, eine bisher fast völlig unbekannte Kultur Gehör zu verschaffen«, sagt er rückblickend und erinnert sich an eine Tour mit Genre-Übervater DJ Lag, während derer zugleich das erste eigenständige Release organisiert werden musste. Schwierig, das alles allein zu schaukeln.

Der Erfolg aber gab Cucchi letzten Endes recht. »Gqom Oh! The Sound Of Durban«, mühsam aus Dutzenden von Tracks kompiliert, schlug international Wellen und legte den Grundstein für Solo-Releases von Dominowé, TLC Fam und Emo Kid. Was den Sound einer kleinen regionalen Szene von der anderen Seite der Erde aber für Cucchi so anziehend macht? »Ich mag die Authentizität, die Originalität«, erklärt er. »Die kleinen Makel, die echte Schönheit in Musik und Kunst ausmachen. In der elektronischen Musik fehlt es oft an dem, was ich ‘Seele’ nenne.« Gefunden hat er diese an einem Jarnuartag im Jahr 2015 auf Facebook – eine Geschichte, wie sie eben nur das 21. Jahrhundert schreiben kann. KC

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philophon logoFind it at hhv.de: Philophon Philophon ist ein 2013 vom Komponisten und Multiinstrumentalisten Max Weissenfeldt gegründetes Plattenlabel aus Berlin – »wobei der Name Philophon und die Lust auf das Label sicher schon 10 Jahre davor existierten«, erinnert sich Weissenfeldt. Schon damals, als das Label nicht mehr als eine Idee war, war der Schlagzeuger und Vibraphonist eine bekannte Figur in der Organic Groove Szene, sowohl in Deutschland als auch international. Weissenfeldt wurde in den Neunzigern gemeinsam mit seinem Bruder Jan als Teil des legendären Retro-Funk Projekts Poets Of Rhythm, den Whitefield Brothers bekannt. Seitdem trommelte er bei verschiedenen Projekten, unter Anderem den Heliocentrics oder Embryo. Das von Dan Auerbach (The Black Keys) produzierte Album »Locked Down« von Bluesfunk-Größe Dr. John, zu dem Weissenfeldt Schlagzeug und Percussion beisteuerte, erhielt 2013 einen Grammy. Mit dieser Auszeichnung in der Tasche suchte Weissenfeldt den Kontakt zum Budde Musikverlag, die ihn dort »mit Handkuss« eine Edition für Philophon einrichten ließen.

2010 versprach sich der Schlagzeuger Weissenfeldt von einer Reise nach Ghana, etwas über Polyrhythmik zu lernen. Dort begleitete er ein erfolgreiches Trommelprojekt, welches den Berufsmusiker für bürokratisches Projektmanagement begeistern konnte. »Das hat mir riesig Spaß gemacht. Da ich mir mein Hobby Schlagzeuspielen schon zum Beruf gemacht hatte, dachte ich mir: Hey, mach dir doch einen Beruf (Unternehmer) zum Hobby und Zack stand Philophon auf dem Plan«. Bis heute ist der Sound seines Labels verlässlich von West- und Zentralafrika beeinflusst. Auf Philophon haben Legenden wie Idris Ackamoor & The Pyramids oder Hailu Mergia veröffentlicht, aber auch aufstrebende Künstler wie Roy X, Sohn von Highlife-Guru Ebo Taylor oder Weissenfeldts eigene Polyversal Souls. Und auch der finnische Afrobeat-Konvertit Jimi Tenor passt perfekt zum Berlliner Label nicht fehlen. Das Format der Wahl hat einen Durchmesser von 7inches. Bis auf ein Album waren bis dato alle Philophon Releases Singles, auch wen weitere LPs geplant sind. Der Vorteil: »Jede Single hat in der Regel einen anderen Interpreten und kann dadurch einen anderen Stil abdecken, obwohl es im Grunde immer die selben Leute sind.«

Dass »die selben Leute« immer wieder aufeinandertreffen, um miteinander spektakuläre 7inches mit Afrobeat-Anleihen einzuspielen, liegt auch an den Philophon Studios in Kreuzberg, die Weissenfeldt gemeinsam mit Freund und Geschäftspartner Benjamin »Stibbo« Spitzmüller gründete. Autonomie scheint Weissenfeldt unverhandelbar. Gerne erinnert er sich zurück an die alten Zeiten, als er mit seinem Bruder im Keller seiner Mutter Songs aufnahm und ein eigenes, DIY-Label betrieben. Heute gehen die beiden Weissenfeldt Brüder getrennte Wege. Ihrem Stempel wird die Musikwelt allzu bald nicht entkommen.

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