Music Essay | verfasst 05.03.2018
Kendrick Lamar & »Black Panther«
Black Future Month
Kendrick Lamar hat sich für den Soundtrack zu »Black Panther« verantwortlich gezeigt und ist vielleicht jetzt, wo Diversity verkauft werden soll, damit sie niemand tatsächlich leben muss, wichtiger denn je zuvor.
Text Anna Gyapjas
Kendrick-lamar-2017

Einen Tag nach Valentinstag kam mit »Black Panther« ein Film in die Kinos, der mit seinem fiktiven Königreich Wakanda die gängige Darstellung Afrikas als staubiges Setting für die Abenteuer weißer Männer endgültig entsorgt. Stattdessen präsentiert »Black Panther« eine mächtige, weil zukunftsweisende Vision und Identifikationsgrundlage schwarzer Erfahrung. Kreativ und geschickt, intelligent und bedacht – Zuschreibungen, die in Vergangenheit kaum auf afroamerikanische Charaktere angewendet wurden, nimmt dieser Marvel-Epos keine Rücksicht auf stereotypische Erzähltraditionen.

Passenderweise hat man für den Soundtrack jenen Rapper beauftragt, der seit seinem Album »To Pimp a Butterfly« als menschgewordener Sozialkommentar verstanden wird: Kendrick Lamar. Kendrick Lamar weicht das Eindeutigkeitsmantra des Pop-Geschäfts auf. Der Rapper aus Compton hat noch mehr gemein mit König T’Challa alias Black Panther, als bloß die Herkunft aus einem quasi-mythischen Ort, den die Welt nur aus Erzählungen kennt. Die beiden Leuchtfiguren – der eine fiktiv, der andere sehr real – teilen auch den Kampf gegen das Böse/Ungerechte und einen sicheren Platz an der Spitze ihrer Gleichgesinnten. War der Black Panther, als Comicfigur 1966 von Stan Lee und Jack Kirby erschaffen, der erste schwarze Superheld, so ist Kendrick Lamar der erste Rapper, dessen Selbstdarstellung sich den Regeln des Showgeschäfts entzieht.

Dafür steht er mit seinem Namen ein, seit er sein Alias K.Dot begrub. Mit den Zeilen »No more K.Dot/ my mother had named me Kendrick / fuck a stage name / that’s the name that I was given« besiegelte er die Entscheidung, seine eigene Stimme zu finden statt die Geschichten seiner Helden zu übernehmen. Ein Jahr darauf, als er sich auf dem Track »The Heart Pt. 2« für die Maxime der Ehrlichkeit verbürgte (»I promise to keep it honest«), wurde klar, was diese Entscheidung letztendlich bedeutet: Die Erkundung und Offenlegung jeglicher emotionaler Verstrickungen. »I told myself that if I can’t connect that way, then it ain’t no point in me just putting a bunch of good words together«, erklärte Lamar in einem Interview diesen Schritt in seiner Karriere. Er bietet Gefühle, damit wir ihn fühlen können.

Lamars Künstlerpersona entzieht sich allen bekannten Klassifikationen im Hip-Hop. Er ist kein sich nihilistisch gebärdender, hedonistisch lebender Kleinkrimineller, der mit seinen Geschichten aus dem Ghetto selbiges ästhetisiert. Er präsentiert sich auch nicht nach dem Schema Public Enemys, sprich: gemeinschaftorientiert, entschieden, militant, noch in Einklang mit dem intellektuell beschwerten Image der Rapper des Native-Tongues-Zusammenschlusses. Und doch ist Lamar all diese Dinge zugleich. Weil er es versteht, Aspekte solch klischeehafter Darstellungen als Stimmungen und Stimmen in seinem Werk zu collagieren. Dass dabei Widersprüchliches doch Teil eines Ganzen werden kann, ist vielleicht sein größtes Verdienstwohl.

»Levitate, levitate, levitate, levitate«: Schwebt der Rapper im Track »untitled07« eben noch Zweifingerbreit über der Erdoberfläche im Taumel des Hochgefühls, mit »To Pimp A Butterfly« alles richtig gemacht zu haben, wartet um die Ecke schon der dunkelste Abgrund. Tiefste Trauer, das Gefühl absoluter Abgetrenntheit. Mit den Zeilen »ain’t nobody praying for me« ist es auch auf dem Black-Panther-Soundtrack omnipräsent. Dem Mantra der Selbstliebe, das Lamar auf «i» noch beseelte, funken immer wieder Schuldkomplexe und Selbstzweifel dazwischen, was für zusätzliche figürliche Komplexität sorgt. Dass Lamar dieses Spektrum von Selbsterleben auch stimmlich zu intonieren weiß, weicht das Eindeutigkeitsmantra des Pop-Geschäfts zur Gänze auf. .

Nicht nur im Hinblick auf die Darstellungsweisen schwarzer Männlichkeit ist dieses Zulassen von Gefühlen, inneren Kämpfen und Widersprüchen wegweisend. Das freie Mäandern von Identität ist auch schlicht näher am Erleben eines Publikums, das in den sozialen Medien gerne der gegenteiligen Behauptung aufsitzt.

Kendrick Lamar - Damn hhvWebshop ► Reverse Clear Vinyl-Edtion(US) + Reverse Clear Vinyl-Edition (UK) + Reverse CD + US 2LP + EU 2LP + CD Man stelle sich vor, im Instagramprofil von Kendrick Lamar würden alle Bestandteile seines Hits »D.N.A.« in Szene gesetzt, also Loyalität und Königliches, Kokain und Krieg, Frieden, Macht, Gift, Schmerz, Freude, Ambition, Millionen, Teuflisches, Fäulnis und Herz. Kein soziales Medium ist groß genug, um die Aspekte einer Identität, eines Lebensgefühls zu beherbergen, mag es noch so schön inszeniert sein. Der »D.N.A..« -Versuch würde den Rahmen der Gefälligkeit sprengen.

Und genau, weil er diesen Rahmen sprengt (ohne Rücksicht auf die eigene Komfortzone) bleibt Kendrick Lamar so wichtig. Man braucht nur einen Blick auf die diesjährigen Oscars geworfen zu haben oder die Zuschauerzahlen von »Black Panther«: Diversity sells könnte man sagen, Vielfalt ist en vogue. Solange man sie konsumieren und weit Genug von der eigenen, sicheren Lebenswelt fern halten kann. Kendrick Lamars Werk ist der Aufruf, auch dann für diversity zu sein, wenn das bedeute, dass es für einen selbst ans Eingemachte geht. Die beste Zukunft ist eben nicht auch die komfortabelste.

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