Music Review | verfasst 16.07.2019
EABS & Tenderlonious
Slavic Spirits
Astigmatic, 2019
Text Nils Schlechtriemen
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Redaktion
Cover EABS & Tenderlonious - Slavic Spirits

Astigmatic Records mit dem nächsten großen Wurf, der wieder erfreulich weit abseits des Jazzkanons landet. Denn EABS entwerfen im denkbar unesoterischsten Sinne spirituelle Musik, die auch als Vertonungen slawischer Fruchtbarkeitsrituale oder dämonologischer Episoden bestünde, wäre sie nicht so überdeutlich geschmackvoll vom Geiste Krzysztof Komedas durchhaucht. Geheimnisschwanger werden da melodische Motive angerührt, die über das Album hinweg immer wieder auftauchen, vom »Woodland Spirit« oder der »Noon Witch« erzählen, die sich auf knisternden Jazzbesen aus den Nebeln von Bass, Minimoog und analogen Synthesizern erheben. Ob als Hommage an polnische Legenden – von Kurylewicz über Namysłowski und Seifert bis zur Yass-Szene – oder als radikaler Ausbruch aus dem kulturellen und geistigen Status Quo des Landes: »Slavic Spirits« funktioniert auf so gut wie allen denkbaren Ebenen, die eine Jazz-Combo dieses Kalibers am Ende des Jahrzehnts respektive am Anfang ihrer Laufbahn durchspielen kann. Und das obwohl EABS mit dem vor zwei Jahren veröffentlichten Debüt »Repetitions (Letters To Krzysztof Komeda)« eigentlich schon alles an Experimentierwut ausgekostet hatten, was bis dahin zwischen Fusion, Free- und Nu-Jazz so vermutet wurde. Aus den grell singenden Saxofonen und organischen Delays, der stilistischen Innovation vor dem Hintergrund einer reichen Tradition schöpfen EABS mit ihrem Zweitwerk aber tatsächlich noch mal so etwas wie einen völlig singulären Style. Damals wie heute verfällt das mit Tenderlonious für dieses Album zum Oktett angewachsene Projekt hierfür nie in platte Impro-Kapriolen. Stattdessen ist die Reise gut organisiert und sowohl musikalischer als auch historischer, journalistischer, ja selbst kulturanthropologischer Natur, möchte man dem 300-seitigen Buch Glauben schenken, das der limitierten Version der LP beiliegt. »Polish melancholy« also in 44 Minuten ausgebreitet wie ein instrumentelles Gemälde, das auch vor den Hypetrain gespannt nichts an Farbe verliert.

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