Music Review | verfasst 10.09.2019
R°A
Space Melody EP
Mothball, 2019
Text Christoph Benkeser
Deine Bewertung:
5.0
Nutzer (1)
8.0
Redaktion
Cover R°A - Space Melody EP

Gerade das letzte Matchaeis geschlabbert, schon geht es im Ausfallschritt vom Strand in die Disse, um dabei über eine Platte zu stolpern, die sogar hartgesottenen Toxic-Masculinity-Kerlen wie Magnum den Pornobalken aus dem Gesicht rasiert. R°A, ein zusammengewürfelter Haufen aus der Glitzer-Glamour-Gaga-Welt der italienischen 1980er Jahre, hauchte La Dolce Vita damals einen Hauch von existentieller Trauer ein und beamt uns mit der Neuveröffentlichung auf Mothball Record schlanke drei Jahrzehnte zurück. Krass, werden die nostalgischen YouTube-Vaporistas jetzt sagen, 1988 war die Welt echt noch in Ordnung. Und das, obwohl man Handys groß wie Ziegelsteine in der Gegend herrumkarrte und der Empfang an der Adriaküste nicht von Kehlkopfkrebs im Endstadium zu unterscheiden war. Sei’s drum. Mit R°A müssen wir rauschfrei über Italo-Disco sprechen. Dem Sound, der wie kein anderer »für den naiven Optimismus eines ganzen Jahrzehnts« (Kristoffer Cornils) steht und den All-Inclusive-Albtraum in Lignano so richtig authentisch in Erinnerung behalten lässt. Die Band R°A bestand aus Giovanni Piazza, Robert Leoncino, Ferdico De Caroli und Davide Zerega – Typen, die sich in den Achtzigern auf dem Mailänder VideoRadio-Label in Gruppen wie Jester und New California mit nihilistischem Italo-Spacesynth die Dorfdiscos vor den Kopf stießen und sich 1988 auf ein, zwei oder fünfzehn Limoncelli zusammensetzen, um mit Zuckerschock ins Studio zu wackeln, ihr Italienisch gegen pappiges Morrissey-Englisch auszutauschen und die eigenen Songs neu aufzunehmen. Alles also schon mal dagewesen, alles halb so schlimm, weil auf der ersten und einzigen Platte von R°A jeder einzelne Track so schmatzend daherkommt wie Touristengrüppchen bei Vapiano am Hauptbahnhof. Klingt auch nach 30 Jahren immer noch wie eine Zukunft, in der wir niemals waren – aufgemöbelt mit zwei feinen Remix-Versionen von jenen, die sich die Rotzbremse nicht nehmen lassen und in Opas Pullunder an ihren Synthis rumturnen: Flemming Dalum aus Dänemark und die spanischen Italo-Heads um Futuro. Heute Morgen gestern hören!

»Space Melody EP« von R°A findest du bei HHV Records: Vinyl 12inch
Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 19.03.2019
Betonkust & Eilandnet
Robogoth EP
Bevor die Niederlande dank der Klimaerwärmung verschwindet, machen die Niederländer einfach Musik. Wie hier Betonkust und Eilandnet.
Music Review | verfasst 22.10.2010
Munk
Mondo Vagabondo EP
Die EP mixt eine bunte, exquisite Disco-Schorle zusammen, das alles mögliche in den Champagnerkübel schüttet.
Music Review | verfasst 07.12.2011
Aeroplane
In Flight Entertainment
Die Mixe seiner Radiosendung erfreuen sich in seiner Heimat Belgien großer Beliebtheit. Und beweist Aeroplane sein Können als DJ auf CD.
Music Review | verfasst 01.11.2007
Rodion
Romantic Jet Dance
Mit »Romantic Jet Dance« veröffentlicht Gomma zusammen mit Rodion das totale Italo Disco -Inferno mit verzerrten Bässen und Synthie Wänden.
Music Review | verfasst 19.11.2012
Daniel Maloso
In And Out
Von Hi-NRG über Italodisco zu EBM ist »In And Out« wie eine kleine eklektische Geschichtsstunde in Sachen unangepasster Tanzmusik.
Music Review | verfasst 08.01.2014
Various Artists
Permanent Vacation - Selected Label Works 4
Das Münchener Label Permanent Vacation legt einen weiteren Beweis für die Einzigartigkeit ihres Rosters vor.
Music Review | verfasst 10.04.2015
Various Artists
Slow Motion pres. Italian Dance Wave
Das italienische Label Slow Motion veröffentlicht mit »Italian Dance Wave« seine erste Compilation.
Music Review
Luca Yupanqui
Sounds Of The Unborn
Pränatale Kinderarbeit? »Sounds Of The Unborn« von Luca Yupanqui ist das erste Album einer ungeborenen Künstlerin.
Music Review
Jimi Tenor
Deep Sound Learning (1993-2000)
Bureau B hat unveröffentlichtes Material von Jimi Tenor geborgen und unter dem Titel »Deep Sound Learning (1993-2000)« veröffentlicht.
Music Review
Robbie Basho
The Art Of The Acoustic String Guitar 6 & 12
Robbie Basho gilt als Pionier der Steel Guitar. Jetzt wurde das tolle »The Art Of The Acoustic String Guitar 6 & 12« wiederveröffentlicht.
Music Review
Rogér Fakhr
Fine Anyway
Mit »Fine Away« hat das Label Habibi Funk Songs des libanesischen Songwriters Rogér Fakhr zusammengestellt und wiederveröffentlicht.
Music Review
S. Fidelity
Fidelity Radio Club
»Fidelity Radio Club« von S.Fidelity ist eine Melange aus Now-School-Rap, House und Funk, die den Produzenten als Schlüsselfigur entdeckt.
Music Review
Various Artists
Belong To The Wind
Ein Mix aus Peyote-Saft am Canapé und Kerzenschein beim Schlager-Open-Air: »Belong To The Wind« versammelt obskuren Psychrock der Siebziger.
Music Review
Tomaga
Intimate Immensity
Tomaga haben jetzt ihr letztes Album veröffentlicht. »Intimate Immensity« ist der Abschluss und der Höhepunkt dieses tollen Londoner Duos.
Music Review
Niko Tzoukmanis
Hope Is The Sister Of Despair
Erstmals 2013 erschienen, ist »Hope Is The Sister Of Despair« von Niko Tzoukmanis jetzt auf Libreville Records wiederveröffentlicht worden.
Music Review
Robert Cotter
Missing You
»Missing You«, 1976 veröffentlicht und von Robert Cotter mit Musikern von Chic aufgenommen, wurde auf WeWantSounds wiederveröffentlicht.
Music Review
Gary Bartz, Adrian Younge & Ali Shaheed Muhammad
Jazz Is Dead 006
Diesmal haben sich Adrian Younge und Ali Shaheed Muhammad den Saxophonisten Gary Bartz für »Jazz Is Dead« auf die Bühne geholt.
Music Review
Gotham (Talib Kweli & Diamond D)
Gotham
»Gotham« heißt das gemeinsame Werk von Talib Kweli und Diamond D, welches ganz der Stadt New York City gewidmet ist, ohne zu verklären.
Music Review
Roc Marciano
Mt. Marci
»Mt. Marci«, Roc Marcianos Album aus dem letzten Jahr, ist nun endlich auf Vinyl erschienen.
Music Review
Steve O'Sullivan
Green Trax
Eine höchst aufschlussreiche Irrfahrt in die Techno-Historie: »Green Trax« versammelt Perlen des britischen Produzenten Steve O’Sullivan.
Music Review
Selda Bağcan
Selda
Das 1973 entstande Album »Selda« von Selda Bağcan ist eines der schönsten Zeugnisse türkischer Musik. Jetzt wurde es wiederveröffentlicht.
Music Review
Nils Frahm
Graz
Mit fast 12 Jahren Verspätung erscheint nun erstmals das in »Graz« aufgenommene Debütalbum von Nils Frahm.
Music Review
Michel Banabila
Wah-Wah Whispers
Mit »Wah-Wah Whispers« veröffentlicht das Hamburger Label Burea B zwischen 2013 und 2020 entstandene Stücke des Musikers Michel Banabila.
Music Review
Irena & Vojtěch Havlovi
Melodies In The Sand
»Melodies In The Sand« versammelt Stücke aus drei Jahrzehnten des tschechischen Musikerpärchens Irena und Vojtěch Havlovi.
Music Review
Various Artists
Edo Funk Explosion Vol.1
Analog Africa gräbt mit »Edo Funk Explosion Vol.1« den explosiven Sound des nigerianischen Bundesstaats Edo in den 1970er Jahren aus.
Music Review
Moor Mother & billy woods
BRASS
Moor Mother & billy woods… und noch ein gutes Dutzend mehr: Camae Ayewa dominiert »BRASS«, aber alle anderen dürfen auch mitreden.
Music Review
Various Artists
Silk Road Journey Of The Armenian Diaspora (1971-1982)
Darone Sassounian hat sieben Stücke für die Compilation »Silk Road Journey Of The Armenian Diaspora (1971-1982)« zusammengestellt.
Music Review
Ali Farka Touré
Red Album
Das als »Red Album« titulierte Debüt des malischen Gitarristen Ali Farka Touré wurde jetzt bei World Circuit wiederveröffentlicht.
Music Review
Prequel
Love (I Heard You Like Heartbreak)
»Love (I Heard You Like Heartbreak)« ist sieben Jahren nach seiner ersten EP Prequels Debüt-LP auf Rhythm Section International ab.
Music Review
Retrogott & Nepumuk
Metamusik
Der Funk schwebt über den Dingen. Mit »Metamusik« haben Retrogott und Nepumuk ein gemeinsames Album auf Sichtexot veröffentlicht.
Books Review
Christian Elster
Pop-Musik Sammeln
Der Ethnologe und Kulturwissenschaftler Christian Elster hat sich in einer Monographie mit dem »Pop-Musik Sammeln« beschäftigt.
Music Review
El Michels Affair
Yeti Season
El Michels Affair viben sich auf »Yeti Season« mit Stil und Expertise durch die Jahreszeit des Schneemenschen.
Music Review
Irakli
Major Signals
Nach einer Reihe von EPs veröffentlicht der Berliner Produzent und Staub-Mitveranstalter Irakli sein Debütalbum auf »Major Signals«.
Music Review
Electric Jalaba
El Hal (The Feeling)
Die in London lebenden Marokkaner Electric Jalaba sind jetzt bei Strut untergekommen und veröffentlichen dort ihr neues Album »El Hal«.
Music Review
Lazy Jones & Hazenberg
Unter Einem Berg
»Unter einem Berg« von Lazy Jones & Hazenberg klingt so vertraut, dass sie geeignet für das ständige Tippen der Wiederholungstaste ist.
Music Review
Lana Del Rey
Chemtrails Over The Country Club
Mit »Chemtrails Over The Country Club« spinnt Lana Del Rey ihr große Kapitalismus-Cinema-Popkunst weiter.
Music Review
Gianni Brezzo
The Awakening
Unter dem Alias Gianni Brezzo veröffentlicht der Kölner Marvin Horsch mit »The Awakening« ein Album auf Jakarta Records.
Music Review
Nico Mecca
Floppy Computer
Irgendwo zwischen Kraftwerks Autobahn und Mort Garsons Gewächshaus: Periodica Records veröffentlicht »Floppy Computer« von Nico Mecca.
Books Review
Marie Staggat & Timo Stein
HUSH - Berlin Club Culture In A Time Of Silence
Fotografin Marie Staggat und Autor Timo Stein halten in »HUSH« den andauernden Ausnahmezustand in Bild und Wort fest.
Music Review
Panoptique
How Did You Find Me?
Diese Musik schreit nach Kontakt: Panoptique haben ihr neues Album »How Did You Find Me?« bei Macadam Mambo veröffentlicht.
Music Review
Reymour
Leviosa
Abwechslungsreiches Debüt: Das Schweizer Synthpop-Duo Reymour veröffentlichen mit »Leviosa« auf Knekelhuis ihr erstes Album.
Music Review
Grandbrothers
All the Unknown
Mit »All The Unknown« erweitern die Grandbrothers ihre Klangpalette. Es gelingt ihnen dennoch ein in sich kohärentes Album.
Music Review
Gabrielle Roth & The Mirrors
Selected Works (1985-2005)
»Selected Works (1985-2005)« versammelte elf Stücke der amerikanischen Tänzerin und Schamanistin Gabrielle Roth auf einer Schallplatte.
Music Review
Sarah Davachi
All My Circles Run
Mit »All My Circles Run« kehrte Sarah Davachi erstmals dem Synthesizer den Rücken zu. Jetzt hat die Komponistin die LP neu veröffentlicht.
Music Review
Maulawi
Maulawi
1973 aufgenommen, niemals veröffentlicht: Nun ist erstmals »Maulawi« von Maulawi Nururdin veröffentlicht worden.
Music Review
Nadia Struiwigh
Oooso
Die Niederländerin Nadia Struiwigh hat mit »Oooso« vier neue Tracks auf Nous’klaer Audio veröffentlicht. Und das mit einigem Gewinn.
Music Review
Julien Baker
Little Oblivions
Auf »Little Oblivions« ist Julien Baker laut geworden. Gleichzeitig schreibt sie immer noch Songs, die im Kern fragil sind.
Music Review
Various Artists
La Ola Interior
Mit »La Ola Interior« ist jetzt ein Zeitdokument erschienen, dass die Stimmung des postfranquistischen Spaniens einfängt