Music Review | verfasst 14.04.2020
Ghédalia Tazartès
Diasporas
Dais, 2020
Text Tim Caspar Boehme
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Redaktion
Cover Ghédalia Tazartès - Diasporas

Eine Liebe, die so groß ist, dass sie ihr Objekt verneint: klingt schwer nach Psychoanalyse. Im Verneinen zumindest kann man die Beziehung zum Objekt der Liebe als unerreichtes aufrechterhalten, wie einst praktiziert im Minnesang (Männer vor Burgtürmen besingen Frauen irgendwo oben im Fenster, statt sich mit ihnen zu vereinigen). »Un amour si grand qu’il nie son objet« ist der Titel des ersten Stücks auf Ghédalia Tazartès’ Debütalbum »Diasporas« von 1979. Eine Collage aus spärlichen, meist perkussiven Instrumenten, Geräuschen – und Stimmen, Stimmen, Stimmen. Tazartès’ eigene Stimme ist vornehmlich zu hören, in Schichten übereinander gelegt, die entfernteste Regionen zusammenführen, lokal, emotional, psychisch. Seltsame Rituale scheinen abgehalten zu werden, in fernen oder erfundenen Sprachen, Menschen schreien in Qualen, die man sich lieber nicht allzu genau vorstellen möchte, Unverständliches wird gemurmelt, Kehlkopfgesang angestimmt. Der Loop ist die vorherrschende Form, in der diese Stimmen sich Gehör verschaffen, klagend, insistierend, nicht von der Stelle kommend. Manchmal irritiert der in Paris geborene Tazartès zusätzlich, wenn er, wie in »Casimodo Tango«, ein eher konventionelles Chanson anstimmt, begleitet am Klavier vom französischen Avantgarde-Komponisten Michel Chion. Ansonsten dominiert der von Tazartès simulierte vielgestaltige Chor der Unglücklichen. Eine mitunter schmerzhafte Erinnerung, dass man mit seinem Leid nicht allein ist.

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