Music Review | verfasst 25.05.2020
Various Artists
Artificial Dancers – Waves Of Synth
Rush Hour, 2020
Text Tim Caspar Boehme , Übersetzung Sebastian Hinz
Deine Bewertung:
7.5
Nutzer (2)
8.8
Redaktion
Cover Various Artists - Artificial Dancers – Waves Of Synth

Elektrizität ist heilig. Auch wenn sie Strom verbraucht und schlecht ist fürs Klima. Wussten schon die Minimal Wave-Pioniere der 1980er Jahre, die sich selbst damals im Zweifel gar nicht so nannten, dafür aber umso gründlicher Gebrauch von Synthesizern und Drumcomputern machten und mit denen einen Stil schufen, der genauso witterungsbeständig wie Blues, Afrobeat oder das Schaffen Johann Sebastian Bachs ist. Wer meint, davon in den letzten Jahren reichlich an Wiederveröffentlichungen vorgelegt bekommen zu haben, kann sich bei der Compilation »Artificial Dancers – Waves Of Synth« des Amsterdamer DJs Interstellar Funk ein wenig in Demut üben. Denn er bietet eine Reihe von schrulligen Raritäten – oder die Gelegenheit, sich Musikern anzunähern, die man vorher vielleicht nicht zwingend auf dem Radar hatte. In die erste Kategorie gehören etwa die Norweger von Det Gylne Triangel, deren »Maskindans« auch Raum für die humoristischen Seiten der Maschinenmusik lässt, oder das teutonisch benannte Projekt Im Namen des Volkes, das sich in seinem Beitrag „Alles ist Gewinn“ ganz erwartungsgemäß präsentiert. Zur zweiten Kategorie gehören die holländischen Darkwaver von Clan of Xymox, deren Demo von »Stranger« vorbildlich auf einigen pathetischen Pomp verzichtet, den die Albumversion später aufgeladen bekam. Erfreulich auch der New Yorker Richard Bone, der mit seiner „Alternate Music For the Hindenberg Lounge“ die Entdeckungsfreude der frühen achtziger Jahre ausgiebig zelebriert. Ansonsten gibt es alte Bekannte noch einmal neu zu hören, Human League mit dem krude-konsequenten Instrumental »4JG«, Liaisons Dangereuses in einer entregelten Live-Version von »Dias Cortas«, und Chris and Cosey waren mal wieder ihrer Zeit voraus und klangen 1996 immer noch wie in den Achtzigern. Wogegen man, wenn das Resultat so sonnenwarm strömt wie in »Hybrid C«, überhaupt gar nichts gesagt haben will.

Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 01.11.2010
Rick Wilhite presents
Vibes New & Rare Music
Wer glaubt, Detroit sei in dreißig Jahren nicht mehr state of the art: Rick tritt den Gegenbeweis an.
Music Review | verfasst 14.07.2015
Hunee
Hunch Music
Kaum zu glauben eigentlich, dass »Hunch Music« Hunees Debütalbum ist. Problemlos wendet Hunee an, was ihn als DJ berühmt gemacht hat.
Music Review | verfasst 14.09.2015
Various Artists
Musik For Autobahns 2
Aussetzer? Trotzdem schafft sich der zweite Teil von Gerd Jansons Compilation-Serie »Musik For Autobahns« viel Fallhöhe.
Music Review | verfasst 06.09.2016
Various Artists
Surinam Funk Force
»Surinam Funk Force« nimmt ein Land in den Fokus, von wir Westeuropäer musikalisch noch wenig wissen.
Music Review | verfasst 16.11.2017
Various Artists
Pantsula!
DJ Okapi und Antal haben für Rush Hour die Compilation »Pantsula! – The Rise of Electronic Dance Music in South Africa« zusammengestellt.
Music Review | verfasst 20.12.2017
Arp Frique
Nos Magia
Rush Hour setzt seine »Rush Hour Store Jams«-Reihe mit »Nos Magia« von Arp Frique endlich fort.
Music Review | verfasst 13.03.2018
Hunee
Hunchin' All Night
Hunee macht sich für uns den Buckel krumm und hat für »Hunchin’ All Night« einen vielfältigen Auszug aus seinem Repertoire zusammengestellt.
Music Review
Alhousseini Anivolla & Girum Mezmur
Afropentatonism
Verschmelzen der Welten: Auf »Afropentatonism« treffen Alhousseini Anivolla aus dem Niger und Girum Mezmur aus Äthiopien zusammen.
Music Review
Haiyti
Sui Sui
Das Prädikat Pop reicht hierfür nicht aus: »Sui Sui«, das vierte Album von Haiyti, ist eine Machtdemonstration.
Music Review
Skudge
Time Tracks
Mit »Time Tracks« will Elias Landberg alias Skudge mal wieder die Zeit anhalten. Doof nur, dass er sie manchmal zurückdreht.
Music Review
The Exaltics & Heinrich Mueller
Dimensional Shifting
The Exaltics macht erstmal mit Heinrich Mueller alias Gerald Donald gemeinsame Sache. »Dimensional Shifting« ist eins nicht: vorgestrig.
Music Review
Mulatu Astatke & Black Jesus Experience
To Know Without Knowing
Auch auf »To Know Without Knowing«, seinem neuen Album mit Black Jesus Experience, ist Mulatu Astatke unverkennbar.
Music Review
Croatian Amor
All In The Same Breath
Loke Rahbek hat mit »All In The Same Breath« ein neues Album unter seinem Moniker Croatian Amor bei Posh Isolation veröffentlicht.
Music Review
Dee Dee Bridgewater
Afro Blue
1974 nur in Japan veröffentlicht, bekommt »Afro Blue«, das Debüt von Dee Dee Bridgewater jetzt eine zweiten Anlauf auf Mr Bongo spendiert.
Music Review
Oiro Pena
2
Der finnische Multiinstrumentalist Antti Vauhkonen veröffentlicht Versponnes mit seiner bei Jazzaggression erschienenen Vinyl 10-inch »2«.
Music Review
Groupe RTD
The Dancing Devils Of Djibouti
Hand hoch, wer Dschibuti auf dem Globus auscheckt. Musikalisch war das afrikanische Land noch gar nicht auf der Landkarte verzeichnet.
Music Review
Patricia
Maxyboy
IDM mit Hardware-Patina: Auf »Maxyboy« von Patricia werden Aphex Twin, Autechre und Planet Mu zu musikalischen Abziehbildern.
Music Review
John Scofield / Bill Stewart / Steve Swallow
Swallow Tales
Ein Hochgenuss für Jazz-Connaisseure: John Scofield und Bill Stewart erkunden auf »Swallow Tales« Kompositionen von Steve Swallow.
Music Review
Biosphere
Dropsonde
Mit ganzen sieben Bonustracks kommt die Neuauflage von »Dropsonde« daher. Darauf unterzog Biosphere Jazz einer radikalen Neuinterpretation.
Music Review
Roly Porter
Kistvaen
Kolossal dröhnende Klangkulissen sind das Fundament für »Kistvaen«, das vierte Release von Roly Porter für Subtext Recordings.
Music Review
Fairuz
Maarifti Feek
Feierlich, melancholisch und mystisch: Das Album »Maarifti Feek« der libanesischen Sängerin Fairuz wurden bei WeWatnSounds veröffentlicht.
Music Review
Darkstar
Civic Jams
Vor zehn Jahren schrieben Darkstar die Musik zum Krisennachklapp, mit »Civic Jams« strudeln sie in die nächste hinein. Auweia!
Music Review
Muslimgauze
Salaam Alekum, Bastard
»Salaam Alekum, Bastard« zählt zu den intensivsten Arbeiten von Muslimgauze und wurde jetzt auf Kvitnu wiederveröffentlicht.
Music Review
Various Artists
Kern Vol. 5: Mixed By Helena Hauff
Gut Ding will Weile haben: Mit seiner Mix-Reihe »Kern« lässt sich der Club Tresor Zeit. Helena Hauffs Mix ist der beste des Jahres.
Music Review
Nihiloxica
Kaloli
Nihiloxica waren der feuchte Traum der Musikjournaille. Nach zwei EPs ist »Kaloli« ihr Debütalbum. Muss sich die Gruppe nun beweisen?
Music Review
Kate NV
Room For The Moon
Mit ihrem dritten Album »Room For The Moon« zündet die russische Musikerin Kate NV die nächste Stufe ihrer verspielten Popmusik.
Music Review
Dijit
Hyperattention
Trip-Hop. Aus Cairo. Da kann man schon mal hellhörig werden: Zum Release von »Hyperattention – Selected Dijital Works Vol.1« von Dijit.
Music Review
Cindy
I'm Cindy
Vor zwei Jahren stellte uns Palmbomen II Cindy Savals und ihre Stadt Carmel Vista vor. Nun ist ihr Debütalbum »I’m Cindy« »aufgetaucht«.
Music Review
Zaliva-D
Immorality
Double-Whopper-Beats mit Hang zum Dada-Fetischismus: Auf Knekelhuis ist »Immorality«, das neue Album von Zaliva-D erschienen.
Music Review
Sonic Boom
All Things Being Equal
Auf »All Things Being Equal« nutzt Sonic Boom seine Trademarks und bringt Ideen und Experimentierfreude in den Pop.
Music Review
Chester Raj Anand
Strawberry
Pop statt Hip-Hop: Lord Raja hat sich zu Chester Raj Anand zurückverwandelt und mit »Strawberry« ein neues Album veröffentlicht.
Music Review
The Soft Pink Truth
Shall We Go On Sinning So That Grace May Increase
Mit »Shall We Go On Sinning So That Grace May Increase« bietet The Soft Pink Truth wohlige Wabersounds für wonnige Weltfluchten. Gut so!
Music Review
Run The Jewels
RTJ4
Diese Woche haben Killer Mike und El-P ihr viertest Run The Jewels-Album »RTJ4« digital veröffentlicht. Vinyl folgt im September.
Music Review
Ak'Chamel, The Giver Of Illness
The Totemist
Musik für die Zeit nach der Endzeit: Mit »The Totemist« ist das zehnte Studioalbum von Ak’chamel, The Giver Of Illness erschienen.
Music Review
Freddie Gibbs & The Alchemist
Alfredo
c»Alfredo« heißt das letzte Woche veröffentlichte Album von Freddie Gibbs und The Alchemist. Vinyl steht aus, reingehört haben wir aber.
Music Review
Giuseppe Ielasi
Aix
Giuseppe Ielasis »Aix« klingt über ein Jahrzehnt nach seiner Erstveröffentlichung so frisch wie eh und je. Nicht nur klanglich.
Music Review
Michele Mercure
Pictures of Echoes
Mehr synthetisches Zauberwerk der Kassettenmeisterin: mit »Pictures Of Echoes« ist die nächste Werkschau von Michele Mercure erschienen.
Music Review
JackBoys
JackBoys
»JackBoys«, die erste Labelschau von Travis Scott’s Label Cactus Jack, ist nun auch auf Schallplatte erschienen.
Music Review
Greg Fox
Contact
Größe durch Zurücknahme: Auf »Contact« setzt der Schlagzeuger Greg Fox sein Instrument noch gezielter ein.
Music Review
Nídia
Não Fales Nela Que A Mentes
Auf »Não Fales Nela Que A Mentes« braucht Nídia nicht als einen Rhythmus und einen Loop, um ein riesiges Koordinatensystem zu eröffnen.
Music Review
Your Old Droog
Jewelry
Hier wird auf die Punchlines Wert gelegt, nicht auf die Replay Value: »Jewelry« von Your Old Droog wurde jetzt auf Vinyl veröffentlicht.
Music Review
Hessel Veldman
Eigen Boezem
In den Achtzigern entstandene DIY-Aufnahmen aus der holländischen Hafenstadt IJmuiden: »Eigen Boezem« stellt Musik von Hessel Veldman aus.
Music Review
Kanye West
Jesus Is King
»Jesus Is King« von Kanye West ist jetzt auf Vinyl erschienen. Und wir haben die pädagogisch wertvollste 7.0er Review aller Zeiten für dich.
Music Review
Irreversible Entanglements
Who Sent You?
Historisch relevanter wird Jazz dieses Jahr nicht mehr: zur zweiten Album »Who Sent You?« von Irreversible Entanglements.
Music Review
Various Artists
Artificial Dancers – Waves Of Synth
»Artificial Dancers – Waves Of Synth« offenbart weitere schrullige Raritäten in Sachen Synthesizermusik aus den Achtzigern.
Music Review
Auscultation
III
Auf »III« lauscht Auscultation, wie der Name glauben macht, nach innen. Das Hineinhorchen beruht hier auch auf einen tragischen Vorfall.
Music Review
Y-Bayani And Baby Naa & The Band Of Enlightenment, Reason & Love
Nsie Nsie
Brutal sauber ausproduzierter und abgemischter Reggae aus Ghana: Philophon hat »Nsie Nsie« von Y-Bayani veröffentlicht
Music Review
Various Artists
Pacific Breeze 2: Japanese City Pop, AOR & Boogie 1972-1986
An City-Pop-Compilations mangelte es zuletzt nicht. Jetzt erscheint ein zweiter Teil von »Pacific Breeze« auf Light In The Attic.