Music Review | verfasst 13.07.2020
Jim O'Rourke
Shutting Down Here
Portraits GRM, 2020
Text Kristoffer Cornils
Deine Bewertung:
7.5
Nutzer (2)
7.2
Redaktion
Cover Jim O'Rourke - Shutting Down Here

Für jemanden, dessen Musik sich gemeinhin eine Menge Zeit lässt, legt Jim O’Rourke eine beeindruckende Veröffentlichungsfrequenz an den Tag. Neben zwei Kollaborationsalben – eine mit Brunhild Ferrari, die andere mit François Bonnet alias Kassel Jaeger – hat der in Japan lebende US-Amerikaner in diesem Jahr bereits drei Ausgaben seiner laufenden »Steamroom«-Serie über Bandcamp veröffentlicht. »Shutting Down Here« allerdings stellt einen Spezialfall dar: Als erste Ausgabe der neuen Serie GRM Portraits von Editions Mego und Ina GRM ist als Zusammenfassung einer drei Jahrzehnte anhaltenden Faszination zu verstehen. Anfang der neunziger Jahre besuchte das spätere Gastr-del-Sol-Mitglied erstmals das Studio der Groupe de récherche musicales, in welchem Pierre Schaeffer und andere einst die Grundlagen der musique concrète legten. Die 34-minütige Komposition, welche drei Jahrzehnte nach dieser Stippvisite entstand, steht dann auch eindeutig in der Tradition von GRM als Institution für überambitionierte Musik. Gemeinsam mit Eiko Ishibashi (Klavier), Atsuko Hatano (Violine und Bratsche) sowie Eiving Lonning (Trompete) spannt O’Rourke eine musikalische Bandbreite auf, die von schwurbeligen Elektroniksounds mit Sechziger-Anklang über kreischende Streicher- und quäkende Trompeten-Passagen hin zu ohrenbetäubender Stille reicht. »Shutting Down Here« ist mehr Psychogeografie als Komposition, es wandert haltlos durch die Möglichkeitsräume des GRM und O’Rourkes eigenem Studio. Hier öffnet sich eine Tür in Richtung Noise, dort wieder werden Anklänge an Xenakis oder andere GRM-Alumni laut, zwischendurch furzen die Synthesizer und am Ende steht ein gespenstischer Anklang an loungigen Barjazz. Im Gesamten ergibt das einen merkwürdigen Rundgang durch die Hirnwindungen eines Ausnahmemusikers, dessen Schnellschüsse meistens mehr der Kohärenz verpflichtet sind als diese kleine Werkschau.

»Shutting Down Here« von Jim O’Rourke findest du bei hhv.de auf LP.
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 03.03.2015
Oren Ambarchi & Jim O'Rourke
Behold
Oren Ambarchi & Jim O’Rourke feiern auch auf ihrer zweiten gemeinsamen Platte »Behold« die zurückgelehnten Frequenzen.
Music Review | verfasst 27.06.2016
Christian Fennesz & Jim O'Rourke
It's Hard For Me To Say I'm Sorry
Christian Fennesz und Jim O’Rourke zeigen auf »It’s Hard For Me To Say I’m Sorry« ein Herz für Chicago. Nee, nicht die Stadt. Die Band!
Music Review | verfasst 13.03.2017
Kassel Jaeger & Jim O'Rourke
Wakes On Cerulean
Das scharfe, wache Ohr von Kassel Jaeger verleiht auf »Wakes On Cerulean« den Texturgebilden von Jim O’Rourke ihre anziehende Intensität.
Music Porträt | verfasst 18.06.2015
Editions Mego
Warum machen, wenn es nicht seltsam ist?
Das ist keine Musik, zu der man den Abwasch erledigt. Es ist mal schwierige, mal akademische, mal einfach seltsame Musik. Es ist die Musik, die bei Editions Mego erscheint. Wir haben mit dem Peter Rehberg, dem Gründer des Labels gesprochen.
Music Review | verfasst 20.06.2011
Mark McGuire
A Young Person's Guide To
Der 24-jährig Mark McGuire, Gitarrist der Emeralds, legt seine erste abendfüllende Werkschau vor.
Music Review | verfasst 10.11.2011
Angel
26000
Schneider TM, Ilpo Väisänen (Pan Sonic) und Hildur Gudnadóttir variieren auf ihrem fünften Album zwischen Untergang und Neuanfang.
Music Review | verfasst 26.03.2012
Keith Fullertown Whitman
Generators
Die beiden Stücke sind das Ergebnis zweier Liveaufnahmen, die Keith Fullertown Whitman anhand eines ähnlichen Ausgangsmaterials verdichtete.
Music Review | verfasst 02.08.2012
Keith Fullerton Whitman
Occlusions
Keith Fullerton Whitman dreht frei und macht in seinen zwei Improvisationen den Raum zum unmittelbaren Bestandteil der Aufnahmen.
Music Review
Ka Baird & Pekka Airaksinen
FRKWYS Volume 17: Hungry Shells
Auf »FRKWYS Volume 17: Hungry Shells« trifft die Stimmperformerin Ka Baird auf einen Toten: den finnischen Komponisten Pekka Airaksinen.
Music Review
Viejas Raices
De Las Colonias Del Rio De La Plata
Wie für diese Gegenwart gemacht: »De Las Colonias Del Rio De La Plata« der argentinischen Band Viejas Raices von 1976 wurde neu aufgelegt.
Music Review
MLO
Oumuamua
Virtual Dreams, die nächste: Music From Memory zollen dem Ambient-Duo MLO mit einer großen Zusammenstellung Tribut.
Music Review
Le Ren
Leftovers
»Leftovers«, das Debütalbum der kanadischen Sängerin und Songwriterin Le Ren, ist im besten Sinne provinziell.
Music Review
Mac Miller
Faces
»Faces« sollte man hören, wenn man noch nie von Mac Miller gehört hat. Das Mixtape von 2014 ist nun auf Vinyl erschienen.
Music Review
Dos Santos
City Of Mirrors
Latin und Jazz kombiniert zu überzeugend unerwarteten Soings: Die amerikanische Band Dos Santos legt mit »City Of Mirrors« ihr Debüt vor.
Music Review
Efterklang
Windflowers
Ein Buschwindröschen im Eisblock: Selten hat ein Artwork die Musik einer Band besser symbolisiert als die von Efterklang auf »Windflowers«.
Music Review
Fennesz & Ryuichi Sakamoto
Cendre
»Cendre« von Fennesz & Ryuichi Sakamoto ist ein Album der fehlenden halben Sekunde. Jetzt wurde es erstmals auf Vinyl veröffentlicht.
Music Review
Sepehr
Survivalism
Für »Survivalism« bedient sich Sepehr in der Trickkiste des Hardcore Continuums, erweitert den UK-Sound aber noch um andere Facetten.
Music Review
Stef Mendesidis
Klockworks 33
Erwartet toolig: Auf »Klockworks 33« zeigt uns der griechische Producer Stef Mendesidis, wo der Hammer hängt.
Music Review
Ash Ra Tempel
Schwingungen
Genau vor 50 Jahren veröffentlichten Ash Ra Tempel ihr Album »Schwingungen«. Zum Jubiläum wird es jetzt wiederveröffentlicht.
Music Review
Akiko Yano
Ai Ga Nakucha Ne
»Ai Ga Nakucha Ne« von Akiko Yano erschien im Jahr 1982, wurde von Ryūichi Sakamoto produziert und bildet einen wilden Stilmix.
Music Review
The Pilotwings
Les Charismatiques
House, Rap, E-Gitarren, Cosmic, aberwitzige Samples: The Pilotwings holen mit »Les Charismatiques« zum Husarenstreich auf der Ulk-Skala aus.
Music Review
BadBadNotGood
Talk Memory
Nach fünf Jahren veröffentlichen die kanadischen Jazzer BadBadNotGood auf XL Recordings ihr neues Album »Talk Memory«.
Music Review
Tara Clerkin Trio
In Spring EP
Plötzlich voll da: Tara Clerkin Trio veröffentlicht die »In Spring EP« und bleiben eine der spannendsten, neuen Bands des Planeten.
Music Review
Xochimoki
Temple Of The New Sun
»Temple Of The New Sun« versammelt Stücke des Projekts Xochimoki, das in den 1980er-Jahren mesoamerikanische Musikformen neu interpretierte.
Music Review
Atmosphere
Word?
»Word?« korrigiert das Level, auf das sich Atmosphere in den letzten Jahren eingependelt haben, mal eben lässig nach oben.
Music Review
Soshi Takeda
Floating Mountains
Soshi Takeda vertont auf »Floating Mountains« für 100% Silk chinesische Gebirgslandschaften im Lo-Fi-House-Modus.
Music Review
Tony Allen
N.E.P.A. (Never Expect Power Always)
Auf dem 1984 veröffentlichten »N.E.P.A. (Never Expect Power Always)« addiert Tony Allen elektronische Elemente zu seinem Afrobeat.
Music Review
The Specials
Protest Songs 1924-2012
Die Wut ist nach innen gewandert: The Specials haben zwölf Protestlieder der letzten 100 Jahre für »Protest Songs 1924-2012« ausgesucht.
Music Review
Sault
NINE
»NINE« von Sault taucht alle Weißen in Salzsäure, schickt schöne Grüße aus den Stax Studios und hält eine Messe wie Yeezus.
Music Review
Cindytalk
Wappinschaw
Einmal begriffen, lebensverändernd: »Wappinschaw«, 1994 veröffentlichter Höhepunkt von Cindytalk, wurde jetzt wiederveröffentlicht..
Music Review
Various Artists
Eins Und Zwei Und Drei Und Vier
Kann eine Compilation über die Neue Deutsche Welle noch neue Einblicke ermöglichen? »Eins Und Zwei Und Drei Und Vier« zeigt, ja, das geht.
Music Review
Tirzah
Colourgate
Tirzah meldet sich mit »Colourgate« zurück. Die Themen haben sich verändert, die Qualität der Songs aber nicht. Und das ist gut so.
Music Review
Palmbomen II
Make A Film
Film ohne Musik ist möglich, aber sinnlos. Dachte sich Palmbomen II und entwarf mit »Make A Film« 24 Musikskizzen, die zum Filmen einladen.
Music Review
Richard Youngs
CXXI
Denk an Arthur Russell, denk an den Tod: Richard Youngs hat sein neues Album »CXXI« auf Black Truffle vceröffentlicht.
Music Review
Various Artists
Back Up: Mexican Tecno Pop 1980-1989
Auch in Mexiko fand man in den Achtzigern durchaus Gefallen an Synthesizers und Drumcomputern. Nachzuhören auf der Compilation »Back Up«.
Music Review
Brannten Schnüre
Muschelsammlung
»Muschelsammlung«, das vielgesuchte und ziemliche freche Debüt von Brannten Schnüre aus dem Jahr 2017 wurde jetzt wiederveröffentlicht..
Music Review
Nala Sinephro
Space 1.8
Das gelungenste Beispiel für Jazz, der sich im offenen Dialog mit elektronischen Ansätzen behauptet, kommt dieses Jahr von Nala Sinephro.
Music Review
Angel Olsen
Aisles
Auf »Aisles« covert Angel Olsen Songs aus den Achtzigern, die sie als Kind im Supermarkt hörte. Ein kleines Meisterwerk aus fünf Songs.
Music Review
Tata Vasquez & His Orchestra
Ecstasy
Tata Vasquez ist so ein Musiker, bei dem rätselhaft ist, wieso er nicht allzu viele Platten gemacht hat. Immerhin gibt’s »Ecstasy«.
Music Review
Hiro Kone
Silvercoat The Throng
Mit dem Album »Silvercoat The Throng« differenziert Hiro Kone die eigene Handschrift maßgeblich aus, ohne sie zu verlieren.
Music Review
Flying Lotus
Yasuke O.S.T.
Ein bisschen wie Haiku ohne Worte: Mit dem Soundtrack zur Netflix-Serie »Yasuke« zeigt Flying Lotus einmal mehr sein ganzen Können.
Music Review
Larry June
Orange Print
Larry June, Rapper aus San Francisco, hat mit »Orange Print« ein neues Album veröffentlicht. Innovation und Freigeist sucht man vergeblich.
Music Review
Uman
Chaleur Humaine
Freedom To Spend legt »Chaleur Humaine«, das 1992 veröffentlichte Debüt des französischen Geschwisterpaares Uman, neu auf.
Music Review
Little Simz
Sometimes I Might Be Introvert
Vergiß Drake! Kanye West sowieso! Das Rapalbum dieser Tage heißt »Sometimes I Might Be Introvert« und kommt von Little Simz.
Music Review
Sofa
Source Crossfire
»Source Crossfire« stellt restaurierte Songs der kanadischen Post-Punk-Band Sofa, dem ersten Signing auf Constellation, zusammen.
Music Review
Jan Jelinek
The Raw And The Cooked
Da hat uns Jan Jelinek mit »The Raw And The Cooked« ein schönes Süppchen gekocht. Lecker!
Music Review
José González
Local Valley
Auf »Local Valley« zeigt José González, dass man auch leise und zärtlich, statt wütend und unbeherrscht, Missstände anprangern kann.
Music Review
Nancy Sinatra
Boots
Light In the Attic hat jetzt Nancy Sinatras Debütalbum »Boots«, neu gemastert und mit Bonusmaterial versehen, wiederveröffentlicht.
Music Review
Hozan Yamamoto & Yu Imai
Akuma Ga Kitarite Fue Wo Fuku
Der von Hozan Yamamoto und Yu Imai komponierte Soundtrack zum 1979er Film »Akuma Ga Kitarite Fue Wo Fuku« wurde jetzt wiederveröffentlicht.