Music Review | verfasst 29.09.2020
Carlos Nino & Miguel Atwood-Ferguson
Chicago Waves
International Anthem, 2020
Text Harry Schmidt
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Redaktion
Cover Carlos Nino & Miguel Atwood-Ferguson - Chicago Waves

Eine Momentaufnahme von äußerst nachhaltiger Wirkung legen die beiden in Los Angeles ansässigen Musiker Carlos Niño und Miguel Atwood-Ferguson mit »Chicago Waves« auf dem Label International Anthem vor. Für Aufnahmen zu Makaya McCravens Label Konzeptalbumprojekt »Universal Beings« waren Niño und Atwood-Ferguson Ende November 2018 nach Chicago geflogen, wo sie am Abend nach dieser Session im South Shore Cultural Center, einem ehemaligen, 1916 im Mediterranean-Revival-Stil erbauten Country Club am Ufer des Michigansees, eingeladen waren, ein Duo-Set auf der Release-Party des Schlagzeugers Jeremy Cunningham zu spielen. Die 44 Minuten von »Chicago Waves« sind ein ungekürzter und ungefilterter, nicht nachbearbeiteter Mitschnitt dieser als achtteilige Suite angelegten Performance – komplett improvisiert und von den Eindrücken ihres Aufenthalts gespeist, insbesondere der »tiefblauen Weite des frühwinterlichen Michigansees, die sich ihrem kollektives Bewusstsein eingeprägt hat«, wie es in den Liner Notes heißt. Ganz am Ende von »Part VIII«, des letzten und längsten Teils der Aufnahme, ist zu hören, wie Niño nach dem Applaus der geladenen Gäste der zuvor gehörten Musik in einer spontanen Geste den Namen »Chicago Waves« schenkt – nur allzu nachvollziehbar angesichts der hier dokumentierten Klangmagie, mit der Carlos Niño und Miguel Atwood-Ferguson die besondere Stimmung eingefangen haben. Wogender Dünung gleich fließen ihre Interaktionen ineinander, wobei keine Hierarchie zwischen Niño, der ein ganzes Arsenal an Kleinpercussion – von Glocken, Rasseln, Tympana und Gongs über Vogelstimmen bis zu Becken und Pauken – befehligt, und Atwood-Ferguson festzustellen ist, der zumeist ätherische Akkordbrechungen über alle Tonlagen seiner fünfsaitigen Violine in sämtlichen Spektralfarben aufscheinen lässt. Auf beide Seiten gleich verteilt und auf Augenhöhe auch der organische, dezente Einsatz elektronischer Effekte. »Chicago Waves« hinterlässt im Hörer eine tiefe Dankbarkeit, an diesem spezifischen Moment teilhaben zu dürfen.

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