Music Review | verfasst 01.01.2021
Pye Corner Audio
Black Mill Tapes
Lapsus, 2021
Text Nils Schlechtriemen
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Redaktion
Cover Pye Corner Audio - Black Mill Tapes

Martin Jenkins ist ein verdammter Glückspilz – in diesem Fall kein Oxymoron, denn dass er vor zehn Jahren bei einer Auktion im britischen Coldred zufällig über ein paar Metallboxen mit der Aufschrift »Black Mill Sessions« stolperte, war zugleich Fluch und Segen. Als einziger Bieter für die darin enthaltenen schimmelnden Kassetten und ¼inch-Magnettonbänder, machte sich Jenkins sofort an die nervenzehrende Arbeit und extrahierte in seinem Heimstudio eine Fülle von Geräuschen, Synthspuren, Hiss und Foley-Samples, die teilweise eher wie zerkratzter Minimalismus oder DIY-Noise anmuteten. Dazwischen tauchten immer wieder stilistische Essenzen vom BBC Radiophonic Workshop auf, von den imaginären Filmsoundtracks eines Bernard Szajner (»Visions Of Dune«), aber auch vage Echos von Patrick Cowley, Jean-Michel Jarre oder Steve Reich. Jenkins, der zuvor lediglich als Mitglied unbekannter Projekte wie Stratus oder Optimus in Erscheinung trat, verzwirbelte das nach wochenlangem Basteln kompilierte Soundarchiv zur kohärenten, melodiösen Melange aus Library Music, progressiver Elektronik, Ambient (Techno) nebst stimmlosem Space Age Pop und läutete mit den »Black Mill Tapes« eine bislang vierteilige Reihe ein, die den Beginn von Pye Corner Audio markierte. Zum zehnten Geburtstag werden nun alle vier Tapes inklusive eines bislang unveröffentlichten fünften in einer limitierten und stringent designten Vinyl-Box erscheinen, welche die retrofuturistische Hauntology-Ästhetik dieser Musik perfekt widerspiegelt. Ohne Background-Story ließe sich nämlich beim Hören kaum sagen, ob etwa die diversen »Electronic Rhythm«-Nummern, der ominöse »Transmission«-Zyklus oder das sich traumartig aufbäumende »Toward Light« dem Jahr 1995, 2015 oder 2035 zuzuordnen sind. So vieles passiert hier, so vieles wird zerschnitten und verschmolzen, sequenziert und moduliert, verwurstet und hochgejazzt, dass der replay value selbst nach Wochen in Dauerschleife kein Iota abnimmt. Ein Fest für passionierte Kopfhörerhörer, die nächtelang durch dieses zeitlos schöne Soundlabyrinth wandeln wollen.

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